60 Köpfe, die uns in Zukunft bewegen
60 Jahre Reader’s Digest auf Deutsch, das feiern wir nicht nur im Geburtstagsmonat September, sondern im ganzen Jubiläumsjahr 2008. In den vergangenen Ausgaben haben wir zurückgeblickt auf Ereignisse, Erfindungen, Trends aus sechs Jahrzehnten. Nun aber richten wir den Blick nach vorn: Wer wird Deutschland im nächsten Jahrzehnt oder sogar darüber hinaus bewegen? Wir haben in der Redaktion viel diskutiert, spekuliert – und letztlich 60 Köpfe aus aller Welt ausgewählt, von denen wir glauben, dass ihr Handeln uns beeinflussen wird: als (Welt-)bürger, Kunde, Mitarbeiter, Patient … als Mensch! Natürlich ist unsere Auswahl subjektiv. Deshalb möchten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, anregen: Schreiben Sie uns, wer Ihrer Einschätzung nach unser Leben in den nächsten Jahren und Jahrzehnten prägen wird.
POLITIK • ENGAGEMENT
01 Mahmud Ahmadinedschad, iranischer Präsident. Der 51-Jährige lehnt es ab, das Nuklearprogramm des Iran einzustellen. Zudem fordert er die Abschaffung des Staates Israel. Obgleich innenpolitisch oft unter Druck, errangen die Ahmadinedschad umgebenden konservativen Kräfte 2008 bei der Parlamentswahl 200 von 290 Sitzen. Der Fundamentalist wird noch für viel Unruhe im Nahen Osten sorgen. Und sich immer wieder mit den USA und ihren Verbündeten anlegen, zu denen Deutschland zählt.
02 Benedikt XVI., Papst. „Wir sind Papst!“, titelte eine große Boulevardzeitung, als der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger im April 2005 als Oberhaupt der katholischen Kirche auf den verstorbenen Johannes Paul II. folgte. So überraschend wie seine Wahl ist, in welchem Maße der 81-Jährige die Massen zu begeistern weiß. In aller Welt jubeln ihm bei seinen Auftritten stets Hunderttausende zu, während er seine Kirche beispielsweise durch die Stärkung der Exorzisten eher auf einem erzkonservativen Kurs hält.
03 Frank Bsirske, Gewerkschaftsführer. Der 56-jährige Boss der Mammutgewerkschaft ver.di macht sich für Mindestlöhne sowie für eine solidarische Bürgerversicherung stark und mobilisiert gegebenenfalls eine Legion von öffentlichen Dienstleistern, vom Müllmann bis zum Schauspieler. Bsirske drückt sich schon mal etwas kompliziert aus, kann dafür aber gut zuhören und brillant taktieren – was die Arbeitgeberseite noch bei so mancher Tarifrunde im öffentlichen Dienst zu spüren bekommen wird.
04 Chelsea Clinton, Investmentbankerin. Die Tochter von Hillary und Bill Clinton hat, was ihrer Mutter fehlt: das Zeug zur ersten Präsidentin der USA. Bei ihren Wahlkampfauftritten an US-Hochschulen zeigte die 28-Jährige eben jene Nähe zu den Menschen, die Kritiker ihrer Frau Mama so oft abgesprochen haben.
05 Dalai Lama, Religionsführer. Aus seinem Exil in Indien versucht der 14. Dalai Lama seit Jahrzehnten, den Konflikt um seine von China annektierte Heimat Tibet beizulegen. Bislang ohne nennenswerten Erfolg, weshalb Beobachter dem Träger des Friedens-nobelpreises eine schwindende politische Bedeutung attestieren. Trotzdem wird der 73-Jährige auch in den nächsten Jahren mit seinem Beharren auf Gewaltlosigkeit weltweit ein Vorbild für ein friedliches Miteinander bleiben.
06 Bill Gates, Wohltäter. Der Microsoft-Gründer rief gemeinsam mit seiner Frau Melinda eine Stiftung ins Leben, die vor allem Gesundheitsprojekte in Entwicklungsländern unterstützt – und stellt Summen zur Verfügung, von der die meisten Empfänger bislang nur zu träumen wagten. So fließen bis 2010 allein 258 Millionen US-Dollar in die Malariaforschung. Gates hat bislang rund 7,5 Milliarden US-Dollar seines auf 58 Milliarden US-Dollar geschätzten Privatvermögens für wohltätige Zwecke gespendet – und damit auch die Kassen vieler internationaler Organisationen vor allem in Europa und den USA entlastet.
07 Ayyub Axel Köhler, ZMD-Vorsitzender. Der 70-Jährige stellt als Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) eine der wichtigsten Schnittstellen zur islamischen Kultur in unserem Land dar. Der 1963 zum Islam konvertierte Köhler setzt sich für die Verstän-digung zwischen Christen, Juden und Muslimen ein.
08 Osama bin Laden, Terrorist. Ob nun tot oder lebendig: Der 51-jährige Kopf hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 wird weiterhin wie kein anderer für den islamistischen Terrorismus in der Welt stehen – verehrt und verklärt von seinen fanatischen Anhängern, gehasst und gejagt von der westlichen Welt.
09 Dmitri Medwedew, russischer Staatspräsident. Ob er nur eine Marionette seines Förderers und Amtsvorgängers Wladimir Putin (siehe unten) ist oder ein Staatslenker mit eigenem Profil, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel (siehe unten) betonte der 42-Jährige jedenfalls Russlands Interesse an intensiveren Wirtschaftsbeziehungen.
10 Angela Merkel, Bundeskanzlerin. Die 54-Jährige ist Deutschlands Gesicht in der Welt und hat sich dort bereits viele Sympathiepunkte erarbeitet. Dabei pflegt sie nicht nur die traditionell gute Zusammenarbeit mit Nachbarn wie Frankreich, auch die zuvor stark belasteten Beziehungen zu Polen hat sie zusammen mit dem neuen Ministerpräsidenten Donald Tusk auf eine freundschaftlichere Ebene gebracht.
11 Andrea Nahles, Politikerin. Als „frisch und frech“ lobte die Presse 1995 die damals 25-jährige frischgebackene Juso-Vorsitzende. Nahles ist inzwischen Stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD und vielleicht gewinnt sie die Parteilinke wieder für die gemeinsame Sache.
12 Barack Obama, US-Politiker. Der 47-Jährige hat Umfragen zufolge beste Chancen, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten und als solcher einflussreichster Politiker der Welt zu werden. Vom Einsatz im Irak bis zum Umweltschutz, der US-Präsident wird Entscheidungen treffen, welche die Welt verändern können.
13 Wladimir Putin, russischer Ministerpräsident. Auch wenn der 55-Jährige nurmehr Ministerpräsident hinter seinem ehemaligen Protegé und jetzigen Staatspräsidenten Dmitri Medwedew ist, besteht kein Zweifel, dass er weiterhin die Fäden in der Hand hält. Wirtschafts- politisch beschäftigt sich Putin unter anderem mit Kooperationen im Energiebereich. Russland ist der wichtigste Energielieferant Deutschlands und deckt rund ein Drittel unseres Erdgasbedarfs.
14 Philipp Rösler, Politiker. Der FDP-Fraktionsvorsitzende im niedersächsischen Landtag steht für eine neue Generation von Politikern: jung (35), erfolgreich (bei der Landtagswahl 2008 konnte Rösler 10,9% der Erststimmen seines Wahlkreises auf sich vereinigen) – und mit Migrationshintergrund (Rösler stammt aus Vietnam).
15 Nicolas Sarkozy, französischer Staatspräsident. Spätestens mit der von ihm im Juli 2008 initiierten Mittelmeer-Union hat der 53-Jährige sein politisches Format bewiesen, brachte er doch Vertreter Israels, arabischer und europäischer Staaten an einen Tisch. Im selben Monat hat Frankreich zudem die EU-Ratspräsidentschaft übernommen; schwierigste Aufgabe des Gremiums: eine Lösung für die Krise um den EU-Reformvertrag.
16 Robert Zollitsch, Erz- bischof. Der seit Februar oberste Katholik im Lande gilt als liberal und könnte trotz seiner 70 Jahre für Bewegung in seiner Kirche sorgen: Ihm ist nicht nur die Ökumene mit den Protestanten ein Anliegen, er spricht sich auch gegen „Denkverbote“ beim Zölibat sowie für eine größere Akzeptanz homosexueller Lebensgemeinschaften aus – und kritisiert den Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche.
SPORT
17 Werner Franke, Doping-Experte. Keiner engagiert sich so vehement gegen das Doping im Leistungssport wie der Heidelberger Professor für Molekularbiologie – davon kann das Radsportteam T-Mobile ein Lied singen, gegen das der 68-Jährige Strafanzeige erstattete. Der nachfolgende Skandal um die Dopingfälle in der Mannschaft sorgte für Schlagzeilen. Franke macht Sportlern das Leben nicht leichter, aber den Sport ein Stück sauberer.
18 Fabian Hambüchen, Turner. Schon als Jugendlicher galt der 20-Jährige als der hoffnungsvollste deutsche Nachwuchsturner, was er mit vier Titeln und drei Medaillen bei den Junioren-Europameisterschaften 2002 und 2004 eindrucksvoll bestätigte. Ursprünglich vor allem am Reck glänzend, wandelte sich Hambüchen rasch zum Mehrkämpfer, der wie kein anderer das deutsche Geräteturnen prägt.
19 Jürgen Klinsmann, Fußballtrainer. Als Bundestrainer machte der 44-Jährige das „Deutsche Sommermärchen“ von 2006 möglich. Nun schickt sich der gebürtige Schwabe an, die deutsche Fußballwelt erneut zu prägen: als Trainer des Rekordmeisters Bayern München. Schnell wird sich zeigen, ob dem Trainer Klinsmann gelingt, woran der Spieler Klinsmann dort einst gescheitert ist: am Miteinander von Coach, Spielern und Präsidium.
20 Joachim Löw, Fußball-Bundestrainer. Mit der Vizeeuropameisterschaft 2008 trat der 48-jährige Trainer der deutschen Nationalelf endgültig aus dem Schatten seines Vorgängers Jürgen Klinsmann. Nun hofft Deutschland, dass „Jogis“ Jungs als Weltmeister aus Südafrika heimkehren.
21 Marko Marin, Fußballspieler. Der Mittelfeldspieler von Borussia Mönchengladbach gilt als das deutsche Nachwuchstalent. Die Teilnahme an der Europameisterschaft 2008 hat der 19-Jährige nur knapp verpasst, für die WM 2010 dürfte er aber gesetzt sein.
22 Magdalena Neuner, Biathletin. Die jüngste Sechsfachweltmeisterin schießt scharf und läuft noch besser. Die 21-Jährige Zoll- beamtin schickt sich an, als erfolgreichste Biathletin aller Zeiten in die Sport- geschichte einzugehen.
23 Maria Riesch, Skiläuferin. Die 23-jährige Allrounderin aus Garmisch-Partenkirchen begeistert die Nation mit starker Leistung und offenem Wesen für den Skisport. In der vergangenen Saison hat sie bereits den 3. Platz im Gesamtweltcup belegt. In diesem Winter könnte sie noch zwei weitere Stufen auf dem Siegerpodest erklimmen.
24 Nico Rosberg, Rennfahrer. Der Sprössling des finnischen Formel-1-Weltmeisters Keke Rosberg hat ebenfalls das Zeug zum Primus in der Königsklasse des Motorsports. Experten sind sicher, dass der 23-jährige Sohn einer Deutschen mit dem richtigen Auto den Titel und die Gunst des Publikums erringen wird.
KULTUR
25 Fatih Akin, Regisseur. Kein anderer deutscher Regisseur vermag Wut und Sensibilität so virtuos zu vereinen wie der türkischstämmige Fatih Akin. Höhepunkt seines bisherigen Schaffens ist sein Film Gegen die Wand (2004), für den der 35-Jährige auch das Drehbuch schrieb. Das Drama um eine junge Türkin, die einen heruntergekommenen Landsmann heiratet, um ihrer strenggläubigen Familie zu entkommen, ist ein Meilenstein des deutschen Kinos und erhielt den Europäischen Filmpreis.
26 Bernd Eichinger, Regisseur und Filmproduzent. Vom Namen der Rose bis zum Untergang: Kinokassenschlager verbindet man hierzulande mit dem Namen Bernd Eichinger. Ende September soll die nächste Produktion des 59-Jährigen Premiere feiern: Der Baader Meinhof Komplex.
27 Cornelia Funke, Autorin. Als „deutsche J. K. Rowling“ bezeichnet man sie gern, die Erfolgsautorin, die mit fantasievollen Kinder- und Jugendbüchern wie ihrer Tintenherz-Trilogie (ab 2003) internationale Erfolge feierte. 2005 vom Time Magazine als einzige Deutsche in einer Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt geführt, lebt die 49-Jährige nahe Hollywood, wo ihre Bücher verfilmt werden.
28 Herbert Grönemeyer, Musiker. Anfangs eher als Schauspieler (Das Boot, 1981) bekannt, ist der 52-Jährige der wohl erfolgreichste deutsche Rock-musiker. Grönemeyer engagiert sich für humanitäre Projekte, wofür ihn das Time Magazine 2005 zum „European Hero“ kürte.
29 Nina Hoss, Schauspielerin. Von der „Goldenen Kamera“ über den Silbernen Bären bis zum Gertrud- Eysoldt-Ring: Die gebürtige Stuttgarterin hat bereits einige der wichtigsten Film- und Theaterpreise der Republik erhalten. Mit ihrer minimalistischen Art zu spielen wird das 33-jährige Multitalent noch für viel Furore sorgen.
30 Bill Kaulitz, Musiker. Ihr Debüt-Album Schrei war der musikalische Überraschungserfolg des Jahres 2005, seither sind Tokio Hotel – allen voran Sänger Bill Kaulitz – die Teenie-Idole der Republik. Inzwischen geraten auch zahlreiche Fans im Ausland in Ekstase, wenn der 19-jährige Mädchenschwarm auftritt. Ein Ende der Tokio-Hotel-Welle ist nicht abzusehen.
31 Anselm Kiefer, Maler und Plastiker. Ende der 60er erregte der heute 63-Jährige noch mit Selbstinszenierungen Aufsehen, die ihn in Führerpose zeigten. Die „Bürde der Vergangenheit“ war dann in den 70ern sein Thema, in den 90ern stellten Kritiker an seinen Werken mehr Farbigkeit und Virtuosität fest. Dass Kiefer einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit ist, dokumentierten 2007 gleich drei Ausstellungen: in London, Paris und Bilbao.
32 Heidi Klum, Model und Unternehmerin. Die Rheinländerin weiß sich selbst, aber auch ihre Geschäftsideen wie die TV-Show Germany’s Next Topmodel zu vermarkten. Von der 35-Jährigen werden wir noch hören, lange nachdem sie aus den Werbespots verschwunden ist.
33 Oliver Pocher, Comedian. Man liebt oder hasst ihn, aber man kommt kaum an ihm vorbei: Spätestens seit Fußballfan Oliver Pocher in einer Show mit Altmeister Harald Schmidt auftritt, hat sich der 30-Jährige einen Stammplatz im deutschen Fernsehen erspielt.
34 Thomas Quasthoff, Bassbariton. Der 48-Jährige hat sich als herausragender Sänger auf den Bühnen in aller Welt etabliert. Seine wunderbare Stimme wird uns noch lange durch Kantaten und Opern begleiten.
35 Stefan Raab, TV-Moderator, Musiker und Produzent. Auch wenn die Quoten seiner Fernsehshow TV Total seit Jahren sinken, schafft es der Kölner immer wieder, Millionen vor die Mattscheibe zu ziehen, beispielsweise mit Aktionen wie seiner „Wok-WM“. Von dem 41-Jährigen können wir noch viel erwarten, zumal er als Produzent auch hinter der Kamera kräftig in der TV-Landschaft mitmischt.
36 Gerhard Richter, Maler. Seit Jahren führt der 76-Jährige die Liste der erfolgreichsten Künstler weltweit an, die das Wirtschaftsmagazin Capital veröffentlicht: Gerhard Richter, der Maler, der die Programmlosigkeit zum Prinzip erhoben hat. Graue Monochromien, Landschaftsmotive, Bilder toter RAF-Häftlinge: Richters Werke sind so unterschiedlich, als stammten sie von ganz verschiedenen Künstlern. Und sein Einfluss wird noch über Jahrzehnte hinaus spürbar sein.
37 Charlotte Roche, Autorin und TV-Moderatorin. Seit ihr Debütroman Feuchtgebiete die Spitze der nationalen und internationalen Verkaufscharts erobert hat, ist die gebürtige Britin auch einem älteren Publikum bekannt. Dieses dürfte sich allerdings von vielerseits als pornografisch betrachteten Schilderungen eher brüskiert fühlen. Kein Problem für Roche, die bereits beim Musiksender Viva 2 durch unkonventionelle Interviews auffiel, die sie schon mal in Fangopackungen gehüllt führte. Mit ihrer frechen Art ist die 30-Jährige noch für manche Überraschung gut.
38 Matthias Schweighöfer, Schauspieler. Von der experimentellen Literaturverfilmung Baal (2003) über die leichte Komödie Keinohrhasen (2007) bis zum Monumentaldrama Der Rote Baron (2008): Kein anderer deutscher Schauspieler spielt sich mit einer so erfrischenden Lebendigkeit durch die Drehbücher. Der bereits vielfach ausgezeichnete 27-Jährige ist einer der Hoffnungsträger für den Film der nächsten Jahrzehnte.
39 Katharina Wagner, Regisseurin. Die Urenkelin des Komponisten Richard Wagner wird wohl gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier die Leitung der Bayreuther Festspiele von ihrem Vater Wolfgang übernehmen. Die 30-Jährige trüge dann für eine der wichtigsten kulturellen Institutionen Deutschlands die Verantwortung.
WIRTSCHAFT
40 Lou Jiwei, Chef der China Investment Corporation. Der Boss des chinesischen Staatsfonds hat den Auftrag, einen Teil von Chinas Devisenreserven in Höhe von mehr als 1,5 Billionen US-Dollar gewinnbringend anzulegen. Vorerst ist der Fonds mit 200 Milliarden US-Dollar ausgestattet, etwa ein Drittel davon soll der 57-Jährige im Ausland investieren. Nach aktuellen Schätzungen verwalten die 37 größten Staatsfonds zusammen ein Vermögen von 3,1 Billionen US-Dollar. Die deutsche Regierung sieht dies nicht ohne Besorgnis. Sie ist skeptisch gegenüber aufstrebenden Staaten wie China, die im Prozess nachholender Entwicklung ein starkes Interesse am Know-how deutscher Hightech-Firmen haben.
41 Steffen Kammler, Vor- stand City Solar AG. Das erste Solarkraftwerk errichteten die Unternehmensgründer Steffen Kammler, 53, und Stefan Kasterka 2003 am Flug- hafen von Saarbrücken. Inzwischen ist ihre City Solar AG mit mehr als einem Dutzend Anlagen im In- und Ausland vertreten. Die Jury des Deutschen Gründerpreises nominierte das Unternehmen 2008 in der Kategorie Aufsteiger und begründete dies so: „ ... ein rasantes Umsatz- und Gewinnwachstum bei der Planung, dem Bau und Betrieb von Solarkraftwerken. City Solar schöpft seinen Erfolg aus der Konzentration auf die Sonnenenergie und engagiert sich auch als junges Unternehmen bereits für soziale Belange.“
42 Alexej Miller, Gazprom-Boss. Der 46-Jährige leitet die russische Gazprom, den weltgrößten Gasproduzenten, der auch 40 Prozent des deutschen Gasbedarfs deckt. Mit viel Engagement betreibt Gazprom die Planung mehrerer Gaspipelines, die Russlands Einfluss auf den europäischen Energiemarkt sichern sollen. Gazprom ist zu 51 Prozent in staatlicher Hand, und Russland nutzt seine Vorräte gerne als politisches Instrument. Zuletzt drehte der Gaskonzern der Ukraine den Hahn ab und machte damit auch Westeuropa nervös. Zudem gelten die beiden größten deutschen Energiekonzerne E.ON und RWE als Kandidaten für feindliche Übernahmen – zum Beispiel durch Gazprom.
43 Peter O’Neill, Aktionär. Der Ururenkel des Unternehmensgründers John D. Rockefeller ist ein „kritischer“ Aktionär des Energiekonzerns Exxon Mobil, ehemals Standard Oil („Esso“). Das Unternehmen mit Sitz im Ölstaat Texas gilt als erzkonservativ und wollte von Klimawandel und erneuerbaren Energien bisher nichts wissen. Eine Erben-Aktionärs-Gruppe um O’Neill, Jahrgang 1962, will jetzt den Strategiewandel erzwingen und Exxon auf Öko-Kurs einschwören. Das Weltklima kann nur besser werden, wenn auch die USA mitziehen. Wenn Exxon einräumte, dass Öl und Gas nicht ewig reichen, wäre das ein klares Zeichen für weltweites Umdenken, von dem neben der Umwelt auch deutsche Unternehmen profitieren würden: Bei alternativer Energietechnik sind sie Weltmarktführer.
44 Wolfgang Pföhler, Vorstandsboss Rhön-Klinikum AG. Der mit mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz zweitgrößte private Klinikbetreiber ist die erste börsennotierte Krankenhauskette in Deutschland. Die vom 55-Jährigen geführte Rhön AG verfügt in ihren Häusern über knapp 15000 Betten. In unserer alternden Gesellschaft wächst der Gesundheitsmarkt nicht nur stetig, er ist auch im Umbruch: Private Kliniken dürfen neuerdings ambulante Praxen übernehmen, in Zukunft könnten somit große Filialketten für Arztpraxen entstehen.
45 Ratan Tata, Konzernchef Tata. Der Mischkonzern des Inders hat gerade die britischen Luxusmarken Jaguar und Land Rover gekauft – zugleich revolutioniert der 70-Jährige mit dem Billigauto Nano die Branche. Der billigste Pkw der Welt kommt in Indien noch 2008 zum Preis von umgerechnet 1700 Euro auf den Markt. Für Europa ist der Zweisitzer zwar vorerst nicht gedacht, aber die exportorientierten deutschen Autobauer müssen früher oder später um-denken, wenn sie auf Mega-Märkten wie Indien, Brasilien und China mitverdienen wollen. Im Nano steckt übrigens viel Technik des deutschen Auto-mobilzulieferers Bosch.
46 Akio Toyoda, Verwaltungsvorsitzender Toyota Motor Europe. Der Enkel des Firmengründers ist seit Kurzem verantwortlich fürs Auslandsgeschäft. Brancheninsider gehen davon aus, dass der 52-Jährige in einigen Jahren wohl der neue Mann an der Spitze des japanischen Autokonzerns sein wird. Toyota ist eines der zehn größten Unternehmen der Welt und seit 2007 weltgrößter Autobauer vor General Motors. Absatzziel 2008: 9,5 Millionen Fahrzeuge weltweit. Toyota gilt aufgrund sehr hoher Qualitätsstandards als Vorbild für die Branche, natürlich auch für die deutschen Hersteller, die auf dem Automarkt schwer mit dem Wettbewerber aus Fernost zu kämpfen haben.
47 Jean-Claude Trichet, EZB-Präsident. Der 65-jährige Franzose wird noch bis 2011 die Europäische Zentralbank (EZB) leiten. Die EZB ist die Zentralbank für die Euro-Zone und beeinflusst dort über die Leit-zinsen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (Inflation, Liquidität, Wechselkurse). Angesichts von Banken- und Immobilienkrise und EU-Erweiterung zunehmend eine Herausforderung, die Trichet bislang mit Bravour gemeistert hat. 2007 erhielt er vom Fachmagazin International Economy die Auszeichnung „Policy-maker of the Year“, als bester politischer Entscheider des Jahres.
48 Wendelin Wiedeking, Porsche-Chef. Am Steuer der Porsche AG brachte der damals 40-jährige Wiedeking den maroden Stuttgarter Sportwagenhersteller ab 1993 wieder auf Erfolgskurs und machte ihn zum profitabelsten Autobauer der Welt; trotz harter Sanierungsmaßnahmen hat sich Wiedeking, 56, dabei stets zum Produktionsstandort Deutschland bekannt und sich gegen Verlagerungen ins Ausland geäußert. Wiedekings größter Coup folgte, als Porsche 2005 beim Volkswagenkonzern einstieg und dort 2008 zum größten Anteilseigner wurde. Das Land Niedersachsen besitzt knapp über 20 Prozent der VW-Aktien, Porsche hält 31 Prozent und will seinen Anteil im Lauf des Jahres auf 50 Prozent ausbauen. Der mit geschätzt mehr als 60 Millionen Euro jährlich wohl bestbezahlte Unternehmenslenker Deutschlands krempelt nun den größten Autobauer Europas um.
FORSCHUNG UND INNOVATION
49 Janine Benyus, Bionik- Expertin. „Vor welchem Problem wir auch stehen“, sagt Janine Benyus, „wir können sicher sein, dass eine oder gar mehrere der bis zu 30 Millionen Arten auf der Erde es ebenfalls schon hatten und effektiv lösten.“ Diese Erkenntnis machte Benyus, Jahrgang 1958, zu einer der meistgefragten Unternehmensberaterinnen Amerikas. In ihrem nicht gewinnorientierten „Biomimicry Institute“ unterrichtet sie Menschen aus aller Welt darin, Lösungen aus der Natur zu erkennen und – zum Wohle unserer Erde – umzusetzen.
50 Holger Boche, Informa- tionstechniker. Der Professor an der Technischen Universität Berlin und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Nachrichtentechnik erhielt 2008 den renommierten und mit 2,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis. Spezialgebiet des 41-Jährigen ist die Übertragung großer Datenmengen für mobile Kommunikation. Nach Aussage Boches hat jede Verbesserung der Übertragungskanäle einen merk- lichen Einfluss auf die Ressourcen im Mobilfunk und damit auf die Volkswirtschaft. Deshalb entwickelt er unter anderem mathematische Methoden, die helfen, die Übertragung zu optimieren.
51 Jürgen Borlak, Pharmakologe und Toxikologe. Am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin und der Medizinischen Hochschule Hannover forscht der Wissenschaftler im Bereich Pharmakogenomik. In dieser Teildisziplin der Pharmakologie arbeiten Forscher an genetisch maßgeschneiderten Medikamenten. Durch seine Arbeit will der 50-Jährige die Wirkung von Arzneimitteln vorhersehbarer machen und Nebenwirkungen ausschließen – ein großer Schritt in Richtung individualisierter Therapien.
52 Dirk Haft, Vorstand Attocube Systems. Das Unternehmen von Dirk Haft, 39, produziert Stellmotoren für die Nanotechnologie- Forschung. Diese werden in Mikroskopen eingesetzt, mit denen man einzelne Atome am Bildschirm betrachten und mithilfe der Positionierer nach Wunsch zu neuen Strukturen zusammensetzen kann. Hightech-Forschungs- labore in der ganzen Welt nutzen Attocube-Geräte. Das Unternehmen selbst geht davon aus, dass die Nanotechnologie bereits in den nächsten fünf Jahren Einzug in die industrielle Massenproduktion halten wird. Für „den Sprung an die technologische Weltspitze aus eigener Kraft mit stetigem Wachstum“ erhielten die Münchner 2008 den Deutschen Gründerpreis.
53 Rolf-Dieter Heuer, Teilchenphysiker. Der nächste Generaldirektor der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) kommt aus Deutschland: Rolf-Dieter Heuer, Jahrgang 1948, wird 2009 die Leitung des Forschungszentrums in der Nähe von Genf übernehmen und mehr als 2500 Mitarbeiter unter sich haben. Das CERN ist die größte Forschungseinrichtung der Welt, die sich mit der Teilchenphysik beschäftigt. Dort wird die Zusammensetzung von Materie untersucht, indem Elementarteilchen extrem beschleunigt und dann zur Kollision gebracht werden. So klein die untersuchten Teilchen, so groß die Testanlage: Der „Large Hadron Collider“ lässt Protonen und Ionen in einem 27 Kilometer langen unterirdischen Tunnel aufeinanderprallen.
54 Birgit Liss, Biochemikerin. Die Professorin an der Universität Ulm forscht an dopaminproduzierenden Nervenzellen, um den Prozess der Parkinsonkrankheit zu verlangsamen. An der auch als Schüttellähmung bekannten Krankheit leiden bundesweit mehr als 200 000 Menschen. Für ihre Arbeit erhielt die 38-Jährige den mit einer Million Euro dotierten Alfried- Krupp-Förderpreis für junge Hochschullehrer.
55 Marissa Mayer, Google-Managerin. Die 33-Jährige leitet beim Anbieter der meistgenutzten Internetsuchmaschine das Produktmanagement für den Kernbereich Suchprodukte. Seit 1999 hat die Technikerin nicht nur die Google-Suchoberfläche entworfen und die Internationalisierung der Websites in mehr als 100 Sprachen vorangetrieben, sondern zudem die Einführung von zahlreichen Produkten und Funktionen auf google.com betreut. Die Ex-Cheerleaderin gilt als mächtigste Frau der Internetbranche und kümmert sich bei Google um die Anwendungen von morgen.
56 Shahin Rafii, Krebsforscher. Der US-amerikanische Professor für Genetische Medizin erforscht neue Wege zur Krebstherapie. Der 48-Jährige hat festgestellt, dass sich mithilfe von Stammzellen aus dem Knochenmark das Wachstum von Tumoren eindämmen lässt. Für seine Forschungsergebnisse, die Krebskranken in aller Welt Mut machen, erhielt Rafii den „American Cancer Society Award“.
57 Jimmy Wales, Wikipedia-Gründer. 2001 gründete der heute 42-jährige Amerikaner die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Anfang 2008 startete Wales das nächste Angebot, das die Internetwelt revolutionieren soll: Wikia Search – eine Suchmaschine, deren Ergebnisauswahl auf den Empfehlungen von Nutzern basiert. Gut möglich, dass sie für Millionen Deutsche zu einer ebenso zentralen Informationsquelle wird wie Wikipedia.
58 Shinya Yamanaka, Stammzellenforscher. Dem 46-jährigen japanischen Forscher ist es gelungen, durch den Transfer von nur vier Genen normale Hautzellen mit fast allen Eigenschaften einer embryonalen Stammzelle auszustatten. Dies markiert einen großen Schritt in Richtung einer neuen Transplantations- und Krebsmedizin, bei der diese Stammzellen verschlissene oder kranke Zellen beim Patienten ersetzen sollen. Wissenschaftler hoffen, auf dieser Basis letztlich auch bei Diabetikern die fehlende Insulinproduktion zu substituieren, bei Parkinsonpatienten den Mangel am Botenstoff Dopamin zu beheben oder nach einem Infarkt Ersatz für Herzmuskelzellen bereitstellen zu können.
HOFFNUNGSTRÄGER
59 Maximilian Deeg, Säugling. Wir wissen nicht, ob Maximilian, geboren im April 2008, einmal als Busfahrer oder Bundeskanzler arbeiten wird. Aber wir wissen, dass unsere Kinder dieses Land bewegen werden. Deshalb setzen wir unsere Hoffnung in Maximilians Generation. Und drücken ihm die Daumen für ein glückliches Leben.
60 Mechtild Bierschbach, Ehrenamtliche. Mit ihrem Verein „wünschdirwas“ erfüllt die 63-Jährige schwerstkranken Kindern Herzenswünsche – wofür sie 2007 von Reader’s Digest mit der Auszeichnung „Ehrenamt des Jahres“ gewürdigt wurde. Frau Bierschbach steht stellvertretend für alle, die unsere Gesellschaft mit ihrem uneigennützigen Engagement ein Stück besser machen: als Nachbarschaftshelferin, Feuerwehrmann, Lernpate und in Dutzenden weiteren ehrenamtlichen Funktionen.
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