6 Wege aus der Angst
Diese Lektion hat das Leben geschrieben...
By Anthony Gunn
Als man mich im Eiltempo in den Operationssaal fuhr, sah ich, dass die Deckenleuchten über mir mit Blutspritzern übersät waren. Während mir durch den Kopf ging, dass wohl irgendein Patient arterielles Blut in Fontänen verspritzt haben musste, schoben mich zwei Schwestern auf den OP-Tisch. Im nächsten Moment riss ich vor Schreck die Augen auf, weil ein Arzt sein Skalpell zückte, um mich ohne Narkose zu operieren.
Willkommen in Honduras, wo das Leben kaum einen Pfifferling wert ist und ein naiver 19-jähriger australischer Austauschstudent keinen Schimmer davon hatte, dass medizinische Versorgung in manchen Ländern eine furchterregende Angelegenheit sein kann. Armut ist in Mittelamerika noch immer normal, und auf offener Straße angeschossen zu werden ist ein erschreckend alltägliches Ereignis. Fast jeder trägt eine Waffe – so auch ich nach einer gewissen Zeit. Das Haus meiner wohlhabenden Gastfamilie wurde von zwei Schäferhunden bewacht und war zudem mit Stacheldraht, Fenstergittern und zwei bewaffneten Wachleuten gesichert.
Nach der Operation erklärte man mir, dass meine Lunge kollabiert war und der Eingriff deshalb unter solch barbarischen Bedingungen stattgefunden habe. Wäre meine Brust nicht unverzüglich geöffnet worden, hätte ich nur noch Minuten zu leben gehabt.
Ich musste noch sechs Wochen im Krankenhaus bleiben und durchlitt bei vollem Bewusstsein zwei weitere schmerzhafte Operationen. Der Arzt, der gelegentlich betrunken zum Dienst erschien, verstand nicht, warum ich nicht schrie oder weinte, und versuchte, mir eine Reaktion zu entlocken, indem er mich an dem Schlauch hochhob, der in meine Brust eingenäht war. Später erfuhr ich, dass er mit jedem Tag, den ich in der Klinik blieb, über meine Krankenversicherung ein kleines Vermögen verdient hatte.
Mein Arzt hatte mich auch gewarnt, dass jede Bewegung im Bett tödlich sein könne. Folglich blieb ich aus Angst um mein Leben regungslos liegen, und mein Rücken war bald bedeckt von Druckgeschwüren. Meine Schmerzen und meine Angst waren so groß, dass ich am liebsten sterben wollte. Doch der Gedanke an meine Familie daheim in Australien gab mir die Willenskraft, am Leben zu bleiben.
Glücklicherweise setzten sich meine Eltern, meine Gastfamilie und mein Reiseversicherer dafür ein, dass ein amerikanisches Ärzteteam auf einem honduranischen Flughafen eintraf, um mich zu holen. In dem perfekt ausgestatteten Rettungsflieger wurde ich von einem Arzt, zwei Krankenschwestern und vier Piloten begleitet.
Nur halb bei Bewusstsein, wusste ich meine prominentenähnliche Sonderbehandlung gar nicht zu würdigen. Doch als das Flugzeug abhob, konnte ich zum ersten Mal weinen. Wochenlang hatte ich meine Emotionen unter Verschluss gehalten, doch jetzt, nach meiner Befreiung aus dieser ganz persönlichen Hölle, ließ ich meinen Tränen freien Lauf. Ich erzählte einer Begleitperson in allen Einzelheiten, was ich erlebt hatte.
LEKTION NR. 1: Sprich über deine Ängste
In dem Sprichwort „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ steckt viel Wahrheit. Müsste ich mich auf eine einzige Empfehlung beschränken, wie man das seelische Gleichgewicht halten kann, ich würde sagen: Sprich mit einem Menschen deines Vertrauens. Fang mit einer kleinen Angst an. Greife zum Telefon, schreibe einen Brief, tippe eine E-Mail oder rede persönlich mit jemandem darüber. Nach meiner qualvollen Erfahrung glaubte ich, dass ich vor nichts mehr Angst hätte. Ein großer Irrtum. Seit damals weiß ich, dass es einfach ist, in einer lebensbedrohlichen Situation tapfer zu sein, denn es gibt nur zwei Möglichkeiten: leben oder sterben. Tapferkeit im Alltag ist schwieriger, denn es gibt viel mehr Optionen.
Ob bei Vorstellungsgesprächen, bei Auftritten in der Öffentlichkeit oder im Umgang mit Mädchen – noch immer befiel mich Angst. Darüber hinaus hatte ich, wie nicht anders zu erwarten war, eine krankhafte Furcht in Bezug auf ärztliche Behandlung entwickelt. Also begann ich ein Psychologiestudium, hauptsächlich deswegen, weil ich endlich meine Ängste loswerden wollte. Und dann ging ich zum Bungee-Springen. Ich war mir sicher, dass ich es nicht schaffen würde; doch irgendwie gelang mir der Sprung, und in meiner Euphorie danach wurde mir klar, wie wenig zutreffend meine vorherige Einschätzung gewesen war. Das brachte mich dazu, über all die anderen irrigen Meinungen nachzudenken, die sich in meinem Kopf festgesetzt hatten.
LEKTION NR. 2: Trau dich, Unrecht zu haben
Wir lassen uns ungern eines Besseren belehren. Nur um recht zu behalten, blockieren wir uns daher unbewusst selbst, wenn wir glauben, etwas nicht bewältigen zu können. Wer einkalkuliert, dass er bei dem, was seine Fähigkeiten übersteigt, falsch liegen kann, wird an Selbstachtung gewinnen. Heute bin ich ein Psychologe ohne Phobien, denn ich habe meine krankhafte Furcht erfolgreich bekämpft. Neue Aufgaben lösen zwar noch immer Ängste in mir aus, doch ich gestehe der Angst ihre Existenzberechtigung zu und versuche nicht mehr verzweifelt, dieses quälende Gefühl in der Magengrube loszuwerden. Jeder, der einen gesicherten, vertrauten Bereich verlässt, um sich einer neuen Aufgabe zu stellen, wird Ängste spüren. Wer das verneint, hat entweder einen Hirnschaden, oder er lügt.
LEKTION NR. 3: Negative Gedanken zulassen
Es ist normal, negative Gefühle zu haben, wenn man dabei ist, seinen persönlichen Wohlfühlbereich zu verlassen. Lassen Sie diese Gedanken zu, ohne sie zu verurteilen oder sie als alleinige Wahrheit zu betrachten. Gehen Sie aber unbeirrbar auf Ihr Ziel zu. Es ist nicht nur normal, Ängste zu haben, wenn man zu neuen Ufern aufbricht, auch die negativen Gedanken gehören dazu. Will man sie unterdrücken, werden sie wie die Ängste nur umso bedrohlicher wieder aufflammen. Akzeptieren Sie sie als Begleiter, aber reagieren Sie nicht darauf.
LEKTION NR. 4: Sei Meister deiner selbst
Das Einzige, was man ganz in der Hand hat, ist das eigene Verhalten. Wer in einer bestimmten Situation ständig versucht, die Kontrolle über andere Leute oder bestimmte Gegebenheiten zu behalten, kann sich selbst nicht mehr steuern. Um eine Situation wirklich beeinflussen zu können, gilt es, das eigene Verhalten im Griff zu haben. Seien Sie Meister Ihrer selbst – im Fühlen, im Denken, im Handeln. Bei dem Versuch, die eigene Angst zu bewältigen, wollen wir allzu oft Dinge beherrschen, die unbeherrschbar sind. Etwa Börsenkurse, andere Autofahrer, Freunde, Verwandte oder Arbeitsumstände. Machen Sie sich bewusst, dass Sie andere Menschen nicht beherrschen können, sich selbst und Ihr Verhalten aber schon. Haben Sie das im Griff, werden Sie die Dinge viel eher zu Ihren Gunsten beeinflussen können.
LEKTION NR. 5: Beherrsche das Unbehagen
Wer sich auf etwas Neues einlässt, versucht oft alles, um die damit verbundenen unbehaglichen Gefühle zu vermeiden. Bedrohliche Situationen lassen sich besser meistern, wenn man die Angst als eine Reihe von Wellen wahrnimmt. Lernen Sie also „Wellenreiten“! Den meisten Menschen fällt das jedoch schwer, denn sie sehen in Angstgefühlen etwas Schädliches statt einer ganz natürlichen und gesunden Schutzreaktion. Was ist die übliche Konsequenz? Zumeist wird der Traum, einen besseren Job zu finden, eine neue Aufgabe anzupacken oder eine Beziehung zu beginnen oder zu beenden, fallen gelassen. In diesem Fall ist nicht die Angst selbst das Problem, eher die Art und Weise, wie auf die Angst reagiert wurde. Wer dagegen akzeptiert, dass Angst natürlich ist, hat eine echte Chance, Situationen zum eigenen Vorteil beeinflussen zu können.
LEKTION NR. 6: Mache Fehler
Fehler sind keine Katastrophe. Wer aber Angst vor Fehlern hat, wird sich in seinem Wohlfühlbereich einkapseln. Statt sich davor zu fürchten, eventuell Fehler zu machen, sollte man sich eher davor fürchten, keine zu machen. Denn ohne Fehler gibt es keine Entwicklung. Alle großen Entdeckungen und Errungenschaften beruhen darauf, dass am Anfang irgendjemand einen Fehler gemacht hat.
Also los! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Suchen Sie Ihren persönlichen Wohlfühlbereich – und lassen Sie ihn hinter sich.
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2 Kommentare |
| franz jantos on 27 Januar 2010 ,13:25 danke unbekannterweise, beiträge gefallen mir gut, bitte um weitere zusendungen@@ |
| Heinz Esser on 01 Januar 2010 ,17:06 Meine Dewise ist : --nur Fledermäuse lassen sich hängen.-- Das ganze Leben ist ein Kampf. |
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