Der Mann, dem ich im Park begegnete, brachte es auf den Punkt: „Das ist heilsam für uns beide, für mich – und für sie dort drüben.“ Es war an einem späten Winternachmittag und so eisig, dass man sich hätte überreden lassen können, zu Hause in der warmen Stube zu bleiben. Doch er wanderte zufrieden durch die Kälte. Ein paar Pfotenspurenweiter kreiste temporeich eine sabbernde, schokobraune Hundedame namens Tilly und versuchte zu verhindern, dass ihre Verfolgerin ihre flatternden Ohren erwischte.

Und das war zufällig Tango – meine Tango: ein gelenkiger, rotgolden schimmernder Ausbund an Agilität mit der Dynamik eines aufgeblasenen und unverknotet in die Höhezischenden Luftballons. Tilly gegen Tango: nur einer der vielen Wettkämpfe im hundefreundlichen Tunks Park im australischen Sydney, wo alle Arten und Rassen unangeleint herumrennen dürfen. Hunde tun uns gut. Wer daran zweifelt, sollte einen Spaziergang durch einen Park mit Hunden machen und einfach nur zuschauen. Da hat sich ein Welpenpärchen zu einem Terrier mit einem Piratenfleck über dem Auge gesellt. Eine Mutter, die ihr schlafendes Baby im Kinderwagen schiebt, winkt den Passanten zu, während ihr Mops im Bewusstsein seiner Bedeutung als Begleitschutz steifbeinig neben ihr her stolziert. Ich lächle beim Anblick zweier Retriever, der eine wie aus dem Ei gepellt, der andere mit völlig verdrecktem Fell, und des Mannes an seiner Seite, der grinsend den Kopf schüttelt.

Dann der Collie, der, die Schnauze in der Luft, uneinholbar über den Rasen fliegt. Er hofft in seinem unerschütterlichen Hundeoptimismus, dass das Modellflugzeug, das er jagt, irgendwann einmal landet und dem Schlag seiner Tatze nicht entkommt. An jedem x-beliebigen Tag sieht man in meinem Park Hunde, die jagen, purzeln, springen – das, wozu sie Lust haben. Wissend nicken sich ihre Besitzer zu: „Was habe ich nur vor der Zeit mit Asta (oder Minni oder Stella oder Hasso oder Tango …) gemacht?“ Ach ja: Tango. Meine Frau Clare und ich sahen sie zum ersten Mal im November vorletzten Jahres: sechs Wochen alt, Pfoten wie Gummistiefel, Haut, die sich wie eine Ziehharmonika um ihren Körper faltete, das blauäugige Gesichtchen ein Labyrinth aus Runzeln, die am tiefsten waren, wenn sie sich in die Sonne fallen ließ und mit der Nase im Dreck bohrte.

„Ooh!“, brachte Clare damals nur heraus. Einen Monat später holten wir Tango beim Züchter ungarischer Vorstehhunde ab, und in wenigen Wochen hatte sich unser erstes gemeinsames Haustier zu einer BHs kauenden, Löcher buddelnden, Schuhe schnüffelnden, Bücher fressenden, Schlaf raubenden, Essen stibitzenden Vernichterin teurer Computerkabel ausgewachsen. Aber wir vergötterten sie! Wir hatten mehrere Gründe, einen Hund anzuschaffen. Clare glaubte, er könnte meine Depressionen mildern, die mich immer wieder wochenlang in ein tiefes Loch trudeln lassen. Und obwohl sie mir versicherte, sie wolle ihn einfach nur zum Vergnügen und natürlich auch zur Gesellschaft, vermutete ich stark, er sollte nur als Versuchsballon für etwas viel Einschneidenderes in unserem Leben dienen.

Wie ein Bekannter es ausdrückte: „Erst der Hund, dann die Windeln.“ Doch bis dahin sind wir drei eine zufriedene Familie, die aus den Ausflügen im Morgengrauen die Energie für den Tag schöpft und aus den Spaziergängen in der Abenddämmerung die Ruhe für die Nacht. Natürlich machen wir das nur, um unsere hyperaktive Tango davon abzuhalten, umherzuhüpfen und mit ihrem Hundeblick zu betteln: „Los, ich will raus zum Spielen!“ Runzeln, die am tiefsten waren, wenn sie sich in die Sonne fallen ließ und mit der Nase im Dreck bohrte. „Ooh!“, brachte Clare damals nur heraus. Einen Monat später holten wir Tango beim Züchter ungarischer Vorstehhunde ab, und in wenigen Wochen hatte sich unser erstes gemeinsames Haustier zu einer BHs kauenden, Löcher buddelnden, Schuhe schnüffelnden, Bücher fressenden, Schlaf raubenden, Essen stibitzenden Vernichterin teurer Computerkabel ausgewachsen. Aber wir vergötterten sie!

Wir hatten mehrere Gründe, einen Hund anzuschaffen. Clare glaubte, er könnte meine Depressionen mildern, die mich immer wieder wochenlang in ein tiefes Loch trudeln lassen. Und Bei einem Parkspaziergang sagte mir eine Frau, die ihren zwei Collies Tennisbälle zuwarf: „Auslauf ist die Liebe, die wir unseren Hunden schenken.“ Diese Liebe bereichert auch ihre Halter. Als Clare und ich anfangs in den Park gingen, achteten wir nur darauf, dass uns Tango nicht weglief oder an Kindern hochsprang, und nahmen die anderen Hundefreunde kaum wahr.

Doch seitdem wir ihr soweit vertrauen können, dass wir sie von der Leine und auf Entdeckungsreise gehen lassen, merken wir, dass Hunde nicht die einzigen Rudel im Park sind. „Man findet so schön Anschluss“, sagt Suzi, eine alleinerziehende Mutter, die sich einen Retriever-Pudel-Mischling zugelegt hat, „um die Familie zu komplettieren.“ Suzi und Biscuit, Tangos Lieblingsspielkamerad, begleiten Clare und mich oft zu einer Gruppe von Diskutanten, die das Hundeausführen dazu nutzen, um alles, vom Sport bis zur Wirtschaftslage, zu bereden. Man lädt sich zum Essen ein, Freundschaften entwickeln sich – und manchmal sogar zarte Bande ...

Chauffeure von Hochzeitsautos, Piloten, Landschaftsgärtner, Menschen, die sich von einer Strahlenbehandlung erholen, oder Arthritisgeplagte; auch Kinder, Babys, Teenager, Schichtarbeiter und Rentner sind dabei. Manchmal gibt es nur flüchtige Treffen. Dann wiederum laufen wir gemeinsam eine Stunde oder länger: zwei, drei, vier, acht Menschen, gelegentlich mehr. Und alle können sie Geschichten erzählen, wie sie der behaarte, sabbernde Anlass für ihren Spaziergang im Park verändert hat.

Clares und mein Leben ist durch Tango eindeutig heiterer geworden. Wir sind öfter zusammen; wir reden und lachen mehr. Natürlich nervt unser schlappohriger Wirbelwind manchmal, aber wie könnten wir einer hübschen Hundedame, die sich so sehr bemüht, uns zu gefallen, lange böse sein? Es ist noch nicht lange her, da kam ich nach einems chlimmen Arbeitstag nach Hause. An der Tür hörte ich das eilige Tack-Tack von Krallen auf dem Fußboden, und dann sah ich die heftig schwanzwedelnde Tango. Im Maul trug sie einen Zettel, den ich am Morgen für meine Frau dagelassen hatte. Darauf stand: „Ich liebe dich.“


Der Mann im Park hatte recht: Heilsam. Fürwahr.

 

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2 Kommentare

ULrike Guleikoff on 06 Januar 2011 ,01:14

Ich weiß ganz genau wie das ist, ich habe es sebst kennengelernt. Ich mag die Leute, die mich ungerecht behandelt haben nicht mehr sehen und gehe ihnen aus dem Weg. Aber ich kann von mir sagen, daß ich mit zunehmendem Alter toleranter geworden bin und irgendwann auch verzeihen kann. Man muß nur versuchen sich in den anderen hineinzuversetzen, dann kann man ihn leichter verstehen. Ich muß nicht die andere Wange auch hinhalten, aber ich denke an die Worte: ,,vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun". Vielleicht hängt meine große Toleranz auch damit zusammen, daß ich schwerbehindert bin. Ich weiß es nicht ganz genau, aber ich lasse vieles nicht mehr an mich rankommen und ignoriere die, die mir wehtun wollen und lasse sie einfach stehen und gehe somit dem Streit aus dem Weg. Ulrike.

Roswitha Rogner on 14 Juli 2010 ,10:59

Sehr amüsant, kurzweilig, herzerfrischend. Mehr davon.

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