Sextherapeutin Heide McConkey, die klinische Psychologin Renee Mill und die „Königin der Etikette“ Marion von Adlerstein erklären, wie Sie tückische Hindernisse im menschlichen Miteinander umgehen.
GANZ PRIVAT
Ihr Partner möchte mit Ihnen gemeinsam (schon wieder) seine Lieblingssendung im Fernsehen anschauen, aber Sie haben keine Lust. Was tun Sie?
„Schlagen Sie Ihrem Partner vor, die Sendung allein anzusehen, während Sie etwas anderes machen. Um einander nah zu sein, brauchen Paare nicht alles gemeinsam zu unternehmen“, sagt die Psychologin Renee Mill. „Es reicht aus, ab und zu gemeinsam fernzusehen.“
Ihr Partner hat für Sie beide ein Abendessen mit Schulfreunden verabredet, die Sie nicht mögen. Was jetzt?
Ab und zu sollten Sie dem Partner zuliebe mitgehen. Wenn es aber das dritte Mal in drei Wochen ist, sagen Sie einfach: „Geh bitte allein, ich bleibe zu Hause. Ich habe genügend zu tun. Die Psychologin Renee Mill rät, einen gemeinsamen Freundeskreis aufzubauen. „Ist das nicht möglich, verabreden Sie sich zur gleichen Zeit mit Freunden, die Ihr Partner nicht mag. Danach haben Sie beide aufgetankt.“
Ihr Partner möchte Sex, doch Sie sind dazu einfach nicht in der Stimmung.
Versuchen Sie möglichst, Ihr Nein in ein Ja zu verwandeln; sexuelle Intimität festigt Ihre Beziehung. Sextherapeutin Heide McConkey betont jedoch, dass Sex immer die Zustimmung beider Partner erfordert. Scheuen Sie also nicht die klare, konstruktive Kommunikation. Wenn Sie sehr erschöpft sind, könnten Sie sagen Sie: „Ich bin völlig fertig, aber ich merke, du hast große Lust auf Sex. Wie wäre’s, wenn du mich diesmal verwöhnst? Das nächste Mal bin dann ich dran.“ Eine wunderbare Möglichkeit, dem Geben und Nehmen der körperlichen Liebe Ausdruck zu verleihen. Doch sollte Ihre Stimmung auf Ärger beruhen, müssen Sie ehrlich den Grund für Ihre Missstimmung nennen, sagt McConkey.
Ihr Partner möchte, dass Sie sich für Ihr Liebesspiel verkleiden, doch Sie wollen das nicht. Ist Ihr Sexleben am Ende?
McConkey glaubt, dass es für beide Partner wichtig ist, in diesem Zusammenhang über Grenzen zu sprechen. „Einfach Nein zu sagen ist wenig hilfreich. Finden Sie gemeinsam heraus, ob die Ablehnung des jeweiligen Partners auf Schüchternheit oder Angst beruht oder ob andererseits womöglich eine sexuelle Sucht mit im Spiel ist. Auf diese Weise erfährt man wesentlich mehr über die Bedürfnisse des anderen.“
FREUNDE & VERWANDTE
Ein Freund/eine Freundin fordert Sie auf, sich im Internet bei „Facebook“ zu registrieren, aber Sie haben keine Lust dazu.
Ignorieren Sie die Aufforderung. Und falls Sie später darauf angesprochen werden, seien Sie vorbereitet: „Danke, aber Facebook ist nicht meine Welt.“
Ein Bekannter bittet Sie um ein privates Darlehen.
Marion von Adlerstein, Buchautorin eines Ratgebers über gesellschaftliche Etikette, hält es für überheblich, Freunde daran zu erinnern, dass „bei Geld die Freundschaft aufhört“. Sie rät zu der Variante: „So ein Zufall! Eben wollte ich dich bitten, mir etwas zu leihen!“
Sie wollen sich nicht am teuren Sammelgeschenk für Freunde beteiligen.
Erwähnen Sie nicht, dass es Ihnen zu teuer ist, sondern erklären Sie, dass Sie lieber selbst ein Geschenk aussuchen, rät Marion von Adlerstein. Oder sagen Sie: „Ach, wie schade! Ich habe schon ein Geschenk gekauft.“
Sie bereiten ein Fest zu einem besonderen Anlass vor, und Ihre Freunde wollen uneingeladene Gäste mitbringen.
Vermeiden Sie Stress, und halten Sie diese Antwort parat: „Wir würden eure Freunde gern einladen, aber unser Budget reicht leider nur für eine bestimmte Gästezahl.“
Ein möglicher Ausweg ist auch, die Entscheidung auf
jemand anderen abzuwälzen: „Mein Vater übernimmt sämtliche Kosten, deswegen kann ich höchstens 25 Gäste einladen.“
Freunde, die außerhalb wohnen, gehen davon aus, dass sie nach der Party bei Ihnen übernachten können.
Laut Renee Mill ist es in solchen Situationen wichtig, „Ich-Botschaften“ zu verwenden. Wenn Sie ablehnen, müssen Sie sich nicht schuldig fühlen. Sagen Sie zum Beispiel: „Ich habe gerade so viel um die Ohren, dass ich mich nicht gebührend um euch kümmern könnte.“
Ein Verwandter hat Ihnen etwas geschenkt, was Ihnen überhaupt nicht gefällt, und fragt, ob Sie es mögen.
Marion von Adlerstein empfiehlt, das Geschenk – egal, ob es Ihnen gefällt – mit einem Lächeln anzunehmen. Es sei denn, der Schenkende stellt Ihnen frei, es umzutauschen, oder Sie sind allergisch gegen einen bestimmten Duft oder unedles Metall. Stammt das Geschenk von einem flüchtigen Bekannten, veräußern Sie es, oder verschenken Sie es weiter. Noch besser: Spenden Sie es für einen guten Zweck.
FAMILIE
Ihre Schwiegereltern haben Sie (wieder einmal) eingeladen, aber Sie würden lieber zu Hause bleiben.
Was sich aufdringlich anfühlt, ist oft auch aufdringlich, meint Heide McConkey, und das sollten Sie unmissverständlich ansprechen. Selbstbewusst, aber nicht aggressiv. Denken Sie daran, dass Selbstbewusstsein Übung braucht. Je früher Sie also damit beginnen, desto besser.
Ihr Kind möchte ein Tattoo oder ein Bauchnabelpiercing.
Diese Situation erfordert kein einstudiertes Rollenspiel oder ausgetüftelte Psychologie. Sie sind erziehungsberechtigt, also sagen Sie einfach Nein!
Wie jedes Jahr meldet sich die Schule Ihres Kindes, um Sie zum Schulfest zu rekrutieren.
Das ist das fünfte Mal in Folge, und Sie würden dieses Jahr lieber aussetzen. Also erklären Sie, dass Sie bereits andere Verpflichtungen eingegangen sind. Ist Ihnen die ehrliche Variante lieber, erklären Sie freundlich: „Dieses Jahr werde ich nicht mithelfen, aber fragen Sie mich gern nächstes Jahr wieder.“
BEKANNTENKREIS
Eine Freundin fragt Sie, ob Sie ihren neuen Partner mögen – und Sie können ihn nicht leiden.
Sagen Sie: „Ich kenne ihn doch kaum.“ Das gibt Ihnen genügend Zeit, etwas Positives zu finden, was Sie beim nächsten Mal sagen können. Einige Zeit später sind Sie in der Lage, eine neutrale Aussage zu machen wie „ein interessanter Typ“. Die Therapeutin Heide McConkey ist der Ansicht, einer guten Freundin könne man sagen, was man wirklich denkt und fühlt. Da sich Gefühle mit der Zeit zum Guten ändern können, empfiehlt sie aber, keine voreiligen Urteile zu fällen.
Sie haben im Restaurant wenig konsumiert, während andere ordentlich zugelangt haben. Die Rechnung soll aber durch alle geteilt werden. Was nun?
Marion von Adlerstein meint, wenn Sie sich den Restaurantbesuch nicht leisten können oder wollen, gehen Sie nicht mit. Zahlen Sie Ihren Anteil – und bestellen Sie beim nächsten Mal das teuerste Gericht. Streit um die Rechnung kann den schönsten Abend verderben.
Ihre Nachbarn wollen Urlaub machen und fragen Sie, ob Sie während ihrer Abwesenheit das Haustier füttern.
Erklären Sie ihnen, dass Sie sich das nicht zutrauen, weil Sie wissen, wie viel das Tier den Nachbarn bedeutet. Oder sagen Sie die Wahrheit: „Ich fürchte, dass ich Ihrem Tier nicht die Pflege angedeihen lassen könnte, die Sie von mir erwarten.“
Die Eltern der Freunde Ihrer Kinder laden Sie immer wieder zum Grillen ein, aber Sie möchten nicht annehmen.
Die Psychologin Renee Mill rät von kreativen Ausreden ab. Bedanken Sie sich besser für die Einladung und erklären: „Wir wollen das Wochenende nur mit den Kindern verbringen, weil wir uns so wenig sehen. Das ist uns im Moment besonders wichtig.“
Ein Bekannter bittet Sie um einen Rat oder eine Dienstleistung, für die Sie normalerweise bezahlt werden.
Wenn Sie von Anfang an klar Stellung beziehen, ersparen Sie sich später eventuell verletzte Gefühle. „Ich würde gern helfen, aber ich habe derzeit zu viel zu tun, um dieser Sache die gebührende Aufmerksamkeit widmen zu können.“ Empfehlen Sie als Alternative jemand anderen. So signalisieren Sie Ihre Hilfsbereitschaft und schließen zugleich aus, dass man Sie in ähnlichen Fällen wieder fragt. Also: „Ich würde dir gern helfen, aber es wäre wohl besser, du würdest jemand mit mehr Erfahrung beauftragen.“
PERSÖNLICH
Schokolade und Süßigkeiten locken hinter einer Ladentheke. Sie versuchen aber gerade abzunehmen.
Niemand wird sich auf den Schlips getreten fühlen, wenn Sie sich den Süßigkeiten verweigern (Schokoriegel haben keine Gefühle). Geben Sie der Versuchung nach, geht das auf Kosten Ihrer Figur. Sagen Sie zu sich selbst: „Der Genuss hält nur Augenblicke, aber ich fühle mich viel besser, wenn ich einen Tag lang standhaft geblieben bin!“ Dann verlassen Sie so schnell wie möglich den Laden.
Ihr Zahnarzt empfiehlt Ihnen eine kostspielige Behandlung, die Sie großenteils privat bezahlen müssten.
Bevor Sie sich finanziell übernehmen, um die vorgeschlagene Behandlung zu finanzieren, erkundigen Sie sich, warum die Maßnahme so wichtig und teuer ist. Kommt Ihnen das Ganze dennoch suspekt vor, holen Sie eine zweite Meinung ein.
NEIN SAGEN LERNEN
1. Erkennen Sie Ihre Gefühle
Die Entscheidung liegt einzig und allein bei Ihnen. Sie müssen nicht Ja sagen, wenn Sie nicht wollen. Greifen Sie zu einer Verzögerungstaktik, wenn Sie Zeit gewinnen wollen, um sich über Ihre Gefühle klar zu werden. Wenn Sie mehr Zeit benötigen, versuchen Sie es mit einem der folgenden Sätze (oder etwas Ähnlichem):
• „Ich muss erst darüber nachdenken.“
• „Ich gebe dir später Bescheid.“
• „Ich muss mich erst mit meinem Partner abstimmen.“
Nutzen Sie die gewonnene Zeit dafür herauszufinden, was Sie wirklich wollen.
2. Sagen Sie das Wort
Es ist einfacher, bei einem Nein zu bleiben, wenn es das erste Wort ist, das über Ihre Lippen kommt. Formulieren Sie freundlich, knapp und direkt. Sagen Sie etwa:
• „Nein, es tut mir leid, ich kann nicht.“
• „Nein, das passt mir gar nicht.“
• „Nein, dieses Mal nicht.“
Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, um Ihre Position zu untermauern. Nennen Sie Gründe nur, wenn Sie glauben, über Informationen zu verfügen, von denen Ihr Gegenüber profitieren könnte.
3. Benutzen Sie Körpersprache
Sprechen Sie mit fester und klarer Stimme.
Schauen Sie Ihrem Gegenüber in die Augen, wenn Sie Nein sagen.
Schütteln Sie den Kopf, wenn Sie Nein sagen.
Denken Sie daran: Es ist völlig in Ordnung, Nein zu sagen. Wenn Nein die Antwort ist, die Sie geben wollen, dann ist diese Antwort ehrlich und authentisch.
AUS „THE BIG BOOK OF ME“ VON NINA GRUNFELD