Abgezockt!
Mit üblen Maschen versuchen schwarze Schafe unter den Handwerkern, Sie um Ihre hart verdienten Euro zu bringen...
By SUSANNE RYTINA
Es läutet an der Haustür. Hartmut Müller* öffnet und steht zwei Männern im Blaumann gegenüber. Die beiden erklären ihm, sie hätten in der Nähe ein Dach neu gedeckt und würden nun gerne auch bei ihm nach dem Rechten sehen. Bevor Baumann antworten kann, klettert einer der Männer aufs Haus. Wenige Minuten später zeigt er dem Rentner einen zerbrochenen Ziegel, angeblich von dessen Dach. Überrumpelt stimmt Baumann zu, neu eindecken zu lassen. Nach knapp zwei Wochen sind die Arbeiten abgeschlossen. Später stellt sich heraus, dass sie unsachgemäß durchgeführt wurden. 10000 Euro hat der Mann aus dem Kreis Ravensburg bezahlt – für mangelhafte Arbeit, die vermutlich nicht einmal nötig war! Verbraucherzentralen warnen: Die schwarzen Schafe im Handwerk werden immer raffinierter, zocken Hunderte, ja Tausende Euro von Hausbesitzern und Mietern ab. Reader’s Digest stellt Ihnen fünf der dreistesten Maschen vor – und zeigt Ihnen, wie Sie sich schützen.
HAIE AUF DEM DACH
DIE MASCHE: „Dachhaie“ – so nennen die Innungen ihre schwarzen Schafe – gaukeln Ihnen vor, dass Ihr Dachstuhl demnächst zusammenbricht. Manche beschädigen bei einer angeblichen Überprüfung gar Ziegel, quasi zum Beweis. Wenn Sie dann Ihr Dach für 8000 Euro und mehr von den fliegenden Handwerkern decken lassen, liegen die Kosten 30 bis 50 Prozent über dem Preis für die Qualitätsarbeit des örtlichen Dachdeckers.
DIE FAKTEN:Wenn Nässe eindringt, sind häufig Dachdurchführungen verantwortlich. Beispielsweise das Rohr des Küchendunstabzugs, das durchs Dach ragt. Überprüfen Sie also zuerst, ob die Anschlüsse in Ordnung sind. Eventuell ist auch das Kehlblech am Schornstein nicht mehr dicht. Säubern oder – falls es defekt ist – erneuern Sie es. Das kostet nicht viel. Dachrinnen und Kehlen – die Stelle, an der zwei Dachschrägen aufeinander treffen – sollten ebenfalls regelmäßig gereinigt werden.
Lassen Sie sich auf keinen Fall einreden, dass ein älteres Dach nichts taugt, nur weil es in die Jahre gekommen ist. „Es gibt Ziegeldächer, die sind über 200 Jahre alt und noch völlig intakt“, erklärt Norbert Hain, Geschäftsführer des Landesinnungsverbandes des Dachdeckerhandwerks Hessen.
Die Alarmglocken sollten gleichfalls schrillen, wenn ein angeblicher Fachmann behauptet, Ihr Dachstuhl sei verrottet. Lassen Sie einen örtlichen Dachdecker nachsehen, der, wenn nötig, einzelne Latten ersetzt. Auch eine unsachgemäß ausgeführte Wärmedämmung kann Feuchtigkeit unterm Dach verursachen. Oft fehlt die so genannte Dampfbremse, eine feinporige Folie, die verhindert, dass Kondensat in die Dämmschicht eindringt. Dieses Problem ist ein Fall für den Dachdecker. Holen Sie aber, bevor Sie einen Auftrag erteilen, wie bei allen größeren Reparatur- oder Umbauarbeiten grundsätzlich mehrere Angebote ein.
Bedenken sollten Sie auch Folgendes: Wenn Sie Handwerker aus der Region beauftragen, haben Sie bei Beanstandungen bessere Karten. Ein Unternehmen, dessen Firmensitz Hunderte von Kilometern entfernt liegt, hat zudem in der Regel an Ihrem Wohnort keinen Ruf zu verlieren.
FAULER ZAUBER IM KELLER
DIE MASCHE: „Feuchte Wände? Wir helfen Ihnen. Ohne Bauarbeiten.“ Dieses Versprechen in einer Werbesendung kommt Gerda Hasselmann* aus dem Raum Augsburg gerade recht, denn ihr Keller ist feucht. Ein Vertreter bringt ihr einen Kasten, der die Nässe angeblich mit einem elektrophysikalischen Verfahren aus den Wänden zieht. Alles, was es brauche, sei eine Steckdose und eine Wand, um das Gerät zu befestigen. Kosten: ungefähr 3000 Euro. Hasselmann greift zu.
Einige Zeit später entdeckt ihr Schwiegersohn, ein Fernmeldetechniker, das Kästchen im Keller. Dessen Funktionsweise leuchtet ihm nicht ein, also öffnet er es. Die Stromaufnahme des Geräts, mit dessen Hilfe angeblich solch intensive Funkwellen ausgestrahlt werden, dass sie das Wasser im Mauerwerk nach unten drücken, beträgt nach seinen Messungen etwa 20 Milliampere, gerade so viel, wie zur Funktion der Leuchtanzeige nötig ist. „Ein Bügeleisen ist ein Kraftwerk dagegen“, erklärt er Schwiegermama.
„Elektrophysikalische Verfahren wirken nur, wenn ein extrem feuchtes Mauerwerk mit Elektroden unter starke elektrische Spannung gesetzt wird“, erklärt Professor Helmuth Venzmer vom Fachbereich Bauingenieurswesen der Hochschule Wismar. Diese Aussage bestätigen auch andere Wissenschaftler. Die „Zauberkästen“ hingegen entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage, so Venzmer. Für Gerda Hasselmann folgt ein halbes Jahr nervtötender Korrespondenz, denn sie will ihr Geld zurück. Zwei Wochen vor dem Gerichtstermin schließlich lenkt der Hersteller des ominösen Kastens ein.
DIE FAKTEN: „Finden Sie zuallererst heraus, warum Ihr Keller feucht ist“, rät Christian Michaelis von der Verbraucherzentrale Stuttgart. Oft liegt es an verstopften Regenrinnen oder an defekten Fall- oder Standrohren, die ins Erdreich münden. Häufig sind auch Dränagen verdreckt oder nicht richtig angeschlossen. Bevor Sie professionelle Hilfe holen, säubern Sie also erstmal alle Rinnen und Rohre.
Schuld am feuchten Mauerwerk kann auch Kondensat bei zu hoher Luftfeuchtigkeit sein. Gefahr droht vor allem im Frühjahr und Frühsommer, wenn der Keller noch kalt, die Außenluft jedoch schon erwärmt ist. Wenn Sie diese in den Keller strömen lassen, bildet sich Kondenswasser. Achten Sie deshalb darauf, nur bei mäßiger Außentemperatur und geringer Luftfeuchtigkeit zu lüften, und sorgen Sie dafür, dass sich Ihr Keller allmählich erwärmt.
Sitzt die Feuchtigkeit tief in den Wänden, ist häufig eine schlechte Außenabdichtung verantwortlich. Für dauerhaft trockene Wände lohnt es sich in diesem Fall, die Außenmauern abzugraben und Abdichtungen einzubringen. Bevor Sie eine Baufirma beauftragen, fragen Sie am besten einen Bausachverständigen um Rat. Adressen finden Sie im Branchenfernsprechbuch. Je nach Größe und Lage Ihres Heims müssen Sie für eine solche Sanierung mit mehreren tausend Euro rechnen. Holen Sie auf jeden Fall mehrere Angebote ein.
DER SCHIMMEL IST LOS
DIE MASCHE: Der Trick funktioniert ähnlich wie die Masche der „Dachhaie“: An der Haustür tauchen wie Handwerker gekleidete Männer auf, die angeblich gerade beim Nachbarn mit Schimmel befallene Wände sanieren. Dann bieten sie eine kostenlose „Überprüfung“ an.
Mit ebendieser Tour versuchte eine Firma in Rheinland-Pfalz einen 80-Jährigen hereinzulegen. Die Mitarbeiter behaupteten, es drohe akute Gesundheitsgefahr wegen eines angeblich verheerenden Schimmelpilzbefalls in der Waschküche. Beinahe hätte der Senior die Räume für Tausende von Euro sanieren lassen. Zum Glück schaltete sein Neffe gerade noch rechtzeitig die Verbraucherzentrale ein. Dabei stellte sich heraus: In der Waschküche gab es keinen Schimmelpilz!
DIE FAKTEN: Schimmel ist nicht lebensgefährlich. „Gesunden Menschen macht er in der Regel keine Probleme“, erklärt Dr. Regine Szewzyk, Mikrobiologin beim Umweltbundesamt. „In feuchten, mit Schimmel befallenen Wohnungen können jedoch vermehrt Atemwegserkrankungen und bei Allergikern Asthmasymptome auftreten. Zur Vorsorge sollten Sie Schimmelpilz in der Wohnung deshalb auf jeden Fall entfernen.“
Kleinere vom Pilz befallene Flächen können Sie selbst reinigen. Wischen Sie die betroffene Stelle mit einem in hochprozentigem Alkohol oder auf 70 Prozent verdünnten Spiritus getränkten Tuch ab – tragen Sie dabei Schutzhandschuhe und Mundschutz, denn beim Abwischen wirbeln Sie besonders viele Sporen auf. Größere Flächen – ab etwa einem halben Quadratmeter – sollten Sie einem Fachmann überlassen, beispielsweise einem Maler oder Verputzer mit entsprechender Zusatzqualifikation.
Schimmelpilz gedeiht nur in feuchter Umgebung. „Ganz häufig ist auch falsches Heizen und Lüften Ursache des Problems“, erklärt Uta Maria Schmidt von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. „Das beobachten wir besonders oft nach dem Einbau von neuen, dichteren Fenstern.“ Lüften Sie Ihre Räume mehrmals am Tag für jeweils fünf bis zehn Minuten bei weit geöffneten Fenstern. In Küche und Bad entsteht besonders viel Feuchtigkeit. Hier gilt: Nach dem Kochen und Duschen kurz, aber kräftig lüften. Erwärmen Sie wenig beheizte Räume wie beispielsweise Ihr Schlafzimmer nicht, indem Sie warme Luft aus anderen Räumen einströmen lassen. Denn dabei schlägt sich leicht Tauwasser an Außenwänden nieder. Schimmel hinter dem Kleiderschrank kann die Folge sein.
TEURE TÜRÖFFNUNG
DIE MASCHE: Ein langer Tag im Büro geht zu Ende. Karin Jung* macht sich auf den Heimweg. Schon unterwegs merkt sie, dass sie ihren Wohnungsschlüssel morgens zu Hause vergessen hat. Dort angekommen versucht Jung den Hausmeister zu erreichen – vergebens. Schließlich ruft sie die Nummer eines Schlüsseldienstes an, die ein Nachbar ihr nennt. „Kein Problem“, heißt es am anderen Ende der Leitung. Die Preise, die Jung auf Nachfrage genannt werden, erscheinen ihr moderat. Rund 20 Euro für 30 Minuten Arbeitszeit.
Aber dann dauert es bereits 45 Minuten, bis der Notdienst-Mechaniker erscheint. Werkzeug hat er nicht mitgebracht und muss deshalb noch einmal zu seinem Wagen. Nach einer Stunde Arbeit ist die Türe immer noch zu. Erst als ein Nachbar sich einmischt, geht es auf einmal ganz schnell. Der Mechaniker bohrt das Schloss auf und präsentiert Jung dann die Rechnung: 300 Euro in bar! Die glatte Verdopplung des angekündigten Preises erklärt er mit dem Nachtzuschlag von 100 Prozent. Jung zahlt und ärgert sich.
DIE FAKTEN: Solange nicht abgeschlossen ist oder der Schlüssel nicht von innen steckt, lässt sich die Tür in vielen Fällen mit einer Scheckkarte oder einem Draht öffnen. Ein seriöser Handwerker wird es erst einmal damit versuchen. Abzocker hingegen sind so geschult, dass sie einen größeren Schaden anrichten, um Ihnen dann auch noch ein überteuertes neues Schloss zu verkaufen.
Haben Sie sich während der normalen Arbeitszeiten an einem Werktag ausgesperrt, versuchen Sie es erst beim örtlichen Schlosser, bevor Sie einen Schlüsseldienst anrufen. Muss ein solcher her, wählen Sie ein ortsansässiges Unternehmen, fragen Sie nach Anfahrtkosten und Endpreis. Vereinbaren Sie einen Festpreis, wenn die Türe nur zugezogen ist! Bei abgeschlossener Türe kommen Sie um das Aufbohren des Schlosses nicht herum, ein seriöser Schlüsseldienst berechnet an Werktagen nicht mehr als 75 Euro pro Stunde und eine Anfahrtspauschale von maximal 18 Euro.
Umfrage: Handwerk ist spitze
Wie zufrieden sind die Deutschen mit ihren Handwerkern? Um das herauszufinden, befragte das Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag von Reader´s Digest repräsentative 1003 Personen.
32 Prozent der Deutschen haben in den letzten zwölf Monaten einen Handwerker beschäftigt. Die Mehrheit zeigt sich rundum zufrieden: Qualität (95 %), Pünktlichkeit (92%) und Preis (82%) der abgelieferten Leistung stimmen für den Großteil der Befragten. Sind sie erst einmal im Haus, liefern die meisten Handwerker also gute Arbeit zum fairen Preis. In manchen Regionen ist es allerdings nicht ganz einfach, einen geeigneten Handwerker zu finden, der die Arbeiten zum gewünschten Zeitpunkt durchführt. 41 Prozent der Sachsen und Thüringer taten sich dabei schwer. In Berlin, Mecklenburg- Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt sollten die Handwerker sich noch einmal über ihre Preisgestaltung Gedanken machen. Denn dort äußern sich nur weit unterdurchschnittliche 66 beziehungsweise 68 Prozent der Befragten zufrieden über den verlangten Preis. Im Bundesdurchschnitt sind 82 Prozent zufrieden. Strengste Ansprüche an die Qualität von Handwerkerleistungen scheinen die Bayern zu stellen. 8 Prozent der Bewohner des Freistaats zeigen sich bei dieser Frage eher oder sogar sehr unzufrieden. Sie sind mit diesem Wert die kritischsten Bundesbürger.
Pure Qualität liefern Handwerker in Schleswig- Holstein, Hamburg und Niedersachsen. Sie stellen damit 100 Prozent ihrer Kunden zufrieden!
Am besten erkundigen Sie sich schon heute bei Ihrer Verbraucherzentrale nach einem seriösen Unternehmen und heften sich die Telefonnummer unter die Türmatte. Die billigste Vorsorge ist übrigens immer noch ein bei Nachbarn oder Bekannten hinterlegter Schlüssel.
DER FALSCHE KANAL
DIE MASCHE: Der Mann im blauen Anton stellt sich als Mitarbeiter einer Kanalreinigungsfirma vor. „Wir informieren Hausbesitzer im Namen der Kommune“, sagt er förmlich und weist Walter Schmieder* aus Wismar darauf hin, dass er aufgrund einer neuen Verordnung verpflichtet sei, sein privates Kanalnetz überprüfen zu lassen. „Vorsorglich, damit Sie garantieren können, dass Ihre Rohre dicht sind und keine Verschmutzungsgefahr für das Grundwasser besteht.“
Schmieder willigt in eine Rohr-Kontrolle per Kamera für 50 Euro ein. Nach kurzer Zeit präsentieren die Handwerker Schmieder ein Video, das ein zerstörtes Rohr zeigt. Dazu bekommt er ein angebliches „Schnäppchen“- Angebot: Für 6000 Euro will die Firma die Sanierung des Rohres übernehmen. Schmieder reicht Kostenvoranschlag und Film bei seiner Gebäudeversicherung ein.
Zum Glück, denn der dortige Sachverständige wird stutzig: Das gefilmte Rohr ist aus asbesthaltigem Faserzement. Der aber wird schon lange nicht mehr verwendet. Eine zweite Untersuchung ergibt: „Das erste Video muss ein ganz anderes Rohr zeigen. Das waren Ganoven“, sagt Dipl.-Ing. Jochen Löhmann, Sachverständiger und Tiefbauexperte bei der R+V-Versicherung. Inzwischen warnen Kommunen im ganzen Land vor „Kanalhaien“.
DIE FAKTEN: Der Gesetzgeber verlangt tatsächlich von Hauseigentümern den Nachweis, dass ihr privates Kanalnetz in Ordnung ist. Aber: Dazu gibt er Ihnen Zeit bis zum Jahr 2015! „Städte und Kommunen beauftragen niemanden damit, Ihre privaten Leitungen zu überprüfen“, sagt Hermann- Josef Vogt, zuständig für die Stadtentwässerung von Bocholt, einem der vielen Orte, in denen bereits „Kanalhaie“ gesichtet wurden. „Im Zweifelsfall fragen Sie lieber im Rathaus nach.“ In der Regel werden die zuständigen Verwaltungen die Hauseigentümer anschreiben und dabei Firmen nennen, deren Prüfzertifikate anerkannt werden. Für die Dichtigkeitsprüfung eines privaten Kanalnetzes mit 30 bis 50 Metern Länge berechnen seriöse Unternehmen etwa 500 Euro.
Leckt tatsächlich ein Rohr, muss nicht unbedingt der Bagger anrollen. Undichte Stellen an Abwasserrohren lassen sich oft relativ einfach ausbessern. Etwa indem durch ein Spezial- Verfahren eine Schutzschicht in das alte Rohr eingezogen wird. Kosten: etwa 800 bis 1000 Euro für fünf Meter.
Bevor Sie eine teure Sanierung in Auftrag geben, fragen Sie beim Tiefbauamt wegen einer Kooperation nach. Vielleicht plant die Kommune Sanierungsmaßnahmen in Ihrer Straße. Oder Sie tun sich mit Ihrem Nachbarn zusammen. Auch so lassen sich Kosten sparen.
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