Kisten und Kartons voller Bücher, Nippes, Wäsche und Zeitungen stehen an der Wand, sauber gewaschene Kleidung liegt in Waschkörben vor dem Schrank. Das Bett, der Tisch, die Stühle sind bedeckt mit Pullis, T-Shirts, Strümpfen und Jeans. In der Wohnung überall Einkaufstüten, alte Fernsehprogramm-Zeitschriften, ungeöffnete Briefe; in der Küche Lebensmittel und Geschirr, das auf den Abwasch wartet. Am Boden befinden sich Sportschuhe, Taschen und weitere Zeitschriften – die meisten tragen ein Datum vom letzten Jahr. Wer Janice Pinnow in ihrer Einzimmerwohnung besucht, muss erst warten, bis sie einen Stuhl frei geräumt hat. Im Sommer 1990 ist die Zwanzigjährige aus der norddeutschen Provinz in die Metropole Berlin gezogen. Dort hat sie eine Stelle als Industriekauffrau gefunden. In Berlin kennt sie niemanden. Sie ist einsam und zu schüchtern, den Kollegen vorzuschlagen, gemeinsam etwas zu unternehmen. Allein auszugehen traut sie sich nicht. Ihre einzige Vertraute ist ihre Großmutter, bei der Pinnow den größten Teil ihrer Kindheit verbracht hat. Als die Großmutter überraschend stirbt, fühlt sich die junge Frau mutterseelenallein.
Nun verschanzt sie sich erst recht nach der Arbeit in den eigenen vier Wänden. Sie fängt an, einfach alles zu horten: alte Zeitschriften, ausgediente Kleidung, Geschirr, Vasen. Zu den eigenen Möbeln stellt Janice Pinnow auf ihren 30 Quadratmetern auch noch Gegenstände ihrer Vormieterin auf, die sie im Keller findet. In wenigen Monaten ist aus jemandem, der nie ein Problem damit hatte, Ordnung zu halten, ein sogenannter Messie geworden. Das Wort „Messie“ leitet sich vom englischen „mess“ für „Durcheinander“ ab. Dabei geht es nicht um einen unaufgeräumten Schreibtisch oder Kleiderschrank. „Typisch bei Frau Pinnow ist, dass sie im Zuge einer persönlichen Krise zum Messie wurde“, erklärt der Wiener Psychotherapeut Richard Fellner. „Verschwinden die zugrunde liegenden Probleme, tritt oft auch die Messie-Problematik in den Hintergrund. Allerdings besteht die Gefahr, dass sie bei einer erneuten Krise wieder aufflammt.“
So war es auch bei Janice Pinnow. Nach sechs einsamen Jahren in Berlin trifft die Industriekauffrau eine Jugendliebe wieder. Das Paar heiratet, zieht zurück nach Niedersachsen, bekommt einen Sohn. Janice Pinnow pausiert im Beruf, kümmert sich um Kind und Haushalt, es scheint alles in Ordnung. Doch bald tauchen erneut Probleme auf. Pinnows Mann ist beruflich viel unterwegs, sie ist die meiste Zeit mit dem Baby allein.
Wieder findet sie keinen Kontakt zu anderen, fühlt sich einsam, überfordert, minderwertig. Wieder kompensiert sie ihre Einsamkeit mit Kaufen und Horten, gleichzeitig schafft sie es nicht mehr, den Haushalt zu bewältigen. Benutztes Geschirr türmt sich in der Küche, im Wohnzimmer lagern Berge von Spielzeug, Zeitschriften, Kataloge. Handy und Schlüssel gehen verloren, Termine vergisst sie. Ein zweiter Sohn wird geboren, aber immer öfter hat Janice Pinnow Streit mit ihrem Mann, der das Chaos in der Wohnung nicht hinnehmen mag und ihr Faulheit vorwirft. Als Pinnow das erste Mal vergisst, ihren Ältesten vom Kindergarten abzuholen, wird ihr endgültig klar, dass es so nicht weitergeht. Sie wendet sich zunächst an ihren Hausarzt, dann an eine Selbsthilfegruppe für „Messies“.
WAS MACHT AUS MENSCHEN MESSIES?
Was Pinnow dort erfährt, nimmt ihr erst einmal das schlechte Gewissen, mit dem sie sich nun schon seit Jahrenherumschlägt: Auslöser für das Problem ist eben nicht Faulheit oder Charakterschwäche, sondern meist ein tief sitzendes psychisches Problem. „Messie kann eigentlich jeder werden“, sagt Werner Gross, Psychologe am Psychologischen Forum Offenbach. Bei den Betroffenen handele es sich nicht um besonders „unordentliche“ Personen. „Eine zerbrochene Beziehung, der Verlust eines nahestehenden Menschen eine Überforderung im Beruf oder im Familienleben – all dies können Auslöser sein, wenn die Betroffenen keine Möglichkeit finden, die eigentlichen Schwierigkeiten zu lösen.“
Gerade Menschen mit wenig Selbstwertgefühl, die seit der Kindheit Verlust- und Existenzängste mit sich herumtragen, versuchten dann eine Art Sicherheit zu erlangen, indem sie scheinbar wahllos immer mehr Gegenstände um sich herum versammeln. „In seltenen Fällen stecken auch Suchtkrankheiten oder eine Zwangsneurose dahinter“, so Gross.
Nach Schätzungen der Selbsthilfegruppe „Anonyme Messies“ leben in Deutschland 1,8 Millionen Menschen in derart chaotischen Zuständen. In Österreich gehen Experten von rund 3 Prozent Messies in der Bevölkerung aus. „Früher waren vor allem ältere Menschen betroffen“, erklärt der Wiener Experte Fellner. „Inzwischen sind die meisten zwischen 40 und 50 Jahre alt. Ungefähr 80 Prozent sind Frauen.“ Ein wichtiger Grund dafür: Viele männliche Messies haben im Hintergrund eine Frau, welche die gröbste Unordnung beseitigt, sodass die Problematik nach außen gar nicht so auffällt. Frauen neigen auch stärker als Männer dazu, möglichst alle Anforderungen zu erfüllen, die von außen an sie herangetragen werden – und sind dann entsprechend schneller überfordert. Janice Pinnow trennte sich von ihrem Mann und zog aus dem gemeinsamen Haus aus. Ihr Ehemann versucht seitdem, ihr das Sorgerecht für die Söhne zu entziehen.
WARNZEICHEN WOLLEN BEACHTET WERDEN
Je früher Betroffene oder Angehörige Messie-Tendenzen feststellen und darauf reagieren, desto eher ist es möglich, das Ruder noch herumzureißen. Das hat die in Aschaffenburg niedergelassene Psychotherapeutin Simone Schmitt beobachtet, die schon viele Messie-Patienten behandelt hat: „Wenn jemand Rechnungen oder andere unangenehme Post ungeöffnet herumliegen lässt, kann das ein Hinweis sein. Ebenso, wenn die Person das Aufräumen immer wieder mit dem Argument aufschiebt, dass man für so einen Berg mehr Zeit brauche und sie das folglich an einem anderen Tag erledigen müsse.“
„Die Unfähigkeit, Termine oder Abmachungen mit anderen Menschen einzuhalten, oder eine Hemmung, andere Menschen in die Wohnung einzuladen, kann ebenfalls ein Warnzeichen sein“, ergänzt der Wiener Experte Fellner. „Bei mir fing es damit an, dass es mir plötzlich schwerfiel, meinen Haushalt in Ordnung zu halten“ erzählt Monika Kleiber*. „Ich war beruflich sehr eingespannt. Am Wochenende verbrachte ich dann manchmal Stunden in der Küche und schaffte es trotzdem nicht, sie aufzuräumen . “ Dann wusste sie mit einem Mal nicht mehr, wo sie Dinge hinstellen sollte, die sie früher einfach weggeräumt hatte. „Ich war wie innerlich blockiert. Jeder, dem beispielsweise das Besteck aus der Hand fällt, hebt es wieder auf und legt es zurück an seinen Platz. Ich wusste in diesem Moment nicht, was ich damit tun sollte, und ließ es einfach irgendwo liegen.“
DIE MEISTEN MESSIES BRAUCHEN FREMDE HILFE
Die meisten Betroffenen leiden heftig unter dem von ihnen verursachten Chaos und fürchten die Kommentare ihrer Umwelt. Mit Vorwürfen erreichen Angehörige und Freunde deshalb nichts, außer dass der Messie in Abwehrhaltung geht. Erfolgversprechender ist es, das Problem anzusprechen, etwa mit der Frage: „Warum öffnest du den Umschlag nicht?“ Experte Werner Gross aus Offenbach ermutigt die Angehörigen, in der gemeinsamen Wohnung „messiefreie“ Zonen zu schaffen: „Signalisieren Sie liebevoll, aber klar: Hier hört dein Bereich auf, und meiner fängt an.“
Wen das Chaos äußerlich wie innerlich im Griff hat, der benötigt Hilfe von außen – durch Profis. Wer also Messie- Tendenzen an sich beobachtet, die er allein nicht in den Griff bekommt, sollte sich psychologisch beraten lassen, eine Therapie machen oder sich an eine der zahlreichen Selbsthilfegruppen wenden. „Wer einem Messie hingegen allein per Entrümpelungskommando oder durch Vermittlung von Organisationstechniken helfen will, der ignoriert die emotionale Seite des Problems“, sagt Gisela Steins, die sich als Psychologieprofessorin an der Universität Duisburg- Essen ausgiebig mit dem Phänomen auseinandergesetzt hat. „Ohne geeignete Therapie fangen die meisten nach einem großen Aufräumen bald wieder mit dem Sammeln und Horten an.“
Auch wenn sich die Experten einig sind, wie wichtig es ist, Verständnis zu zeigen und dem Messie zu vermitteln, dass er mit all seinen Schwächen trotzdem akzeptiert wird, bedeutet dies nicht, dass sich Ehepartner und Familie klaglos an das Chaos gewöhnen müssen. Im Gegenteil: „Viele Angehörige ziehen irgendwann aus, weil sie es nicht mehr aushalten – und das ist auch ihr gutes Recht. Das kann für den Messie sogar hilfreich sein, denn wenn immer wieder jemand für ihn aufräumt, Rechnungen öffnet und so weiter, wird er letztlich nichts ändern“, erklärt Psychotherapeutin Simone Schmitt.
AM ENDE DROHT DAS VERMÜLLUNGSSYNDROM
Wird das Problem nicht angegangen, droht am Ende das „Vermüllungssyndrom“. „Die Betroffenen vernachlässigen die häusliche und persönliche Hygiene und ziehen sich immer mehr zurück – bis in die vollständige soziale Isolation“, berichtet Werner Gross. „Das kann im schlimmsten Fall sogar tödlich enden.“
So fährt die Feuerwehr in Frankfurt am Main alle drei, vier Monate zu einem „Messie-Einsatz“ aus, wie es Sprecher Hans-Jürgen Kohnert nennt. Er erinnert sich an eine Silvesternacht, als eine Rakete einen mit Kisten und Kartons vollgepackten Balkon traf: „Der Balkon brannte sofort lichterloh, und das Feuer griff auf die ganze Wohnung über.“ Die Brandschützer konnten alle Bewohner retten. Nicht immer geht es so glimpflich aus. „Vor einigen Monaten wurde ein 50-Jähriger im Schlaf von einem Feuer überrascht, das in seiner zugemüllten Wohnung ausgebrochen war. Er kam in den Flammen um“, berichtet Kohnert.
DAS LEBEN WIEDER IN DEN GRIFF BEKOMMEN
So weit wollte es die alleinerziehende Sabine Weinrich* aus München nicht kommen lassen. Ihre zehnjährige Tochter lebte wegen der chaotischen Zustände in der Wohnung der Mutter bereits im Kinderheim. Wenn das Mädchen am Wochenende zu Besuch kam, organisierte Weinrich immer einen Ausflug und fing die Tochter vor der Tür ab – so sehr schämte sie sich.
Dann entschließt sie sich, das „HTeam“ um Hilfe zu bitten. Dieser gemeinnützige Verein kümmert sich in Zusammenarbeit mit der Stadt München um sogenannte „verwahrloste Wohnungen“. Sabine Weinrich und Wedigo von Wedel, Mitgeschäftsführer des „H-Teams“, fangen mit den Werbesendungen an, die überall in Weinrichs Wohnung herumliegen. Das große Aufräumen ist keine Hauruck- Aktion, bei der wahllos weggeworfen wird, sondern die beiden sichten jedes einzelne Teil.
So kann Weinrich sicher sein, tatsächlich nichts wirklich Wichtiges, wie beispielsweise Bankunterlagen oder andere Dokumente, wegzuwerfen. Diese Furcht ist typisch für Messies. Als Weinrich und von Wedel fertig sind, ist es für die Münchnerin wieder möglich, mit ihrer Tochter in den eigenen vier Wänden zu essen und zu spielen. Damit das so bleibt, trifft sie jetzt regelmäßig eine Beraterin vom Sozialpsychiatrischen Dienst und hat Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufgenommen.
Dank einer Verhaltenstherapie und Gesprächen mit Betroffenen und Experten sind auch bei Janice Pinnow heute nicht nur Küche und Haushalt geordnet, sondern auch ihre Gedanken. Die 42-Jährige hat gelernt, besser mit ihren aus der Kindheit stammenden Minderwertigkeitsgefühlen und Verlustängsten umzugehen, und sie engagiert sich ehrenamtlich als Vorsitzende im Landesverband der Messies im norddeutschen Raum.