An einem Novembertag im Jahr 2006 flog ich mit Air China von Schanghai nach Peking. Nachdem die Maschine gelandet war und zum Abfertigungs­gebäude rollte, verkündete die Flugbegleiterin: „Wir sind in Peking gelandet. Die Temperatur beträgt acht Grad, und der Himmel ist klar.“ Beinahe hätte ich laut aufgelacht. Vom Fenster aus konnte ich durch den Smog nicht einmal die Umrisse des Terminals erkennen.

Chinas Umweltprobleme sind weit über seine Grenzen hinaus spürbar. Asien ist nach Aussage der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA für ein Drittel der sogenannten Hintergrundkonzentration schwefelhaltigen Feinstaubs im Westen der Vereinigten Staaten verantwortlich.

Nach dem Zusammenbruch des Kom­munismus in Europa, dem Siegeszug des Computers und der Verbreitung des Internets haben viele Chinesen einen neuen persönlichen Traum: Kühlschrank, Mikro­wellen­gerät, Auto, Haus. Lester Brown, Gründer der US-amerikanischen Umweltschutzorganisation Earth Policy Institute (EPI), schätzt, dass im Jahr 2031 das Pro-Kopf-Einkommen der 1,45 Milliarden Chinesen bei unvermindertem Wachstum von jährlich mehr als 8 Prozent so hoch sein wird wie das der Amerikaner 2004.

Zurzeit kommen in China nur zwei Au­tos auf je 100 Einwohner. Brown schätzt jedoch, dass sich die Zahl mit zunehmendem Wohlstand auf 75 Autos je 100 Einwohner erhöht. Das entspräche 1,1 Milliarden Autos – sofern China das amerikanische Konsumverhalten kopiert. Weltweit gibt es heute 800 Millionen Fahrzeuge.

Das renommierte Forschungsinstitut McKinsey Global Institute (MGI) geht davon aus, dass der Anstieg des weltweiten Energiebedarfs bis 2020 zu fast 85 Prozent von den Entwicklungsländern ausgeht. Davon entfallen 32 Prozent auf China.

Einerseits ist es schön, dass so viele der Armut entrinnen; andererseits entwickeln drei Milliarden Menschen, die ursprünglich relativ umweltverträglich lebten, einen umweltbelastenden Lebensstil, schreibt Jared Diamond in seinem Buch Kollaps. Höchste Zeit, nach umweltschonenden Lösungen für die Erfüllung des chinesischen Traums zu suchen.

Die gute Nachricht ist: China weiß um sein Umweltproblem. Am 8. September 2006 berichtete eine chinesische Zeitung, dass nach Schätzung der staatlichen Umweltschutzbehörde und des Statistikamts die Gesundheitsprobleme und Umweltschäden das Land 2004 rund 40 Milliarden Euro (mehr als 3 Prozent seines Bruttosozialprodukts) gekostet ha­ben. Einige Fachleute gehen sogar von bis zu 10 Prozent aus.

China muss also dringend handeln. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn die Legitimität der kommunistischen Partei und die Stabilität des ganzen Landes hän­gen in sehr hohem Maß von der Fähigkeit der Regierung ab, den Menschen einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen.

Hat ein chinesischer Bürgermeisterdie Wahl zwischen der Schaffung neuer Arbeitsplätze und der Senkung der Schadstoffbelastung,entscheidet er sich ganz klar für mehr Jobs: Hus­tendeArbeiter sind für ihn politisch weit weniger gefährlich als Arbeitslose.

Auch deshalb scheiterte wohl der im Jahr 2001 gestartete Fünfjahresplan, der die Reduzierung der Schwefel­dioxidkonzentration in der Luft um 10 Prozent vorsah. Bis 2005 hatte sie sich stattdessen um 27 Prozent erhöht.

China macht den USA mittlerweile den Rang als weltweit größter Kohlen­dioxidproduzent streitig. Es baut pro Woche ein bis zwei neue Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 500 Megawatt. Das Land hat bereits heute Schwierigkeiten, den Stickstoff- und Schwefeldioxidausstoß zu verringern – was sich durch Nachrüsten der Kohle­kraftwerke mit Rauchgasentschwefelungsanlagen noch relativ kostengünstig bewerkstelligen ließe. Wie aber kann man China dazu bringen, auch seinen CO?-Ausstoß zu senken?

Eine neue Anlage, die einen Großteil des Kohlendioxids ab- scheidet und im Boden speichert (Sequestrierung), erfordert eine teureNachrüstung. Einbau und Betrieb bedeuten Mehrkosten von 40 Prozent sowie eine um 20 Prozent reduzierte Strompro duktion, so eine Stu­die des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA.

Diesen Preis zahlt China noch nicht. Es stimmt zwar, dass CO2 eine der Hauptursachen für die globale Erwärmung ist – doch bisher fügt es niemandem nachweislichen Schaden zu, und seine Vermeidung ist kostspielig und bringt zudem keinen un­mittelbaren wirtschaftlichen Nutzen. Jiang Yu, Sprecherin des chinesischen Außen­ministeriums, erklärte im Februar 2008: „Der Klimawandel wurde durch die langjährige hohe Pro-Kopf-Emission in den Industrieländern verursacht. Deshalb können sie sich der Verantwortung nicht ent– ziehen.“

Das zentrale Prob­lem: Die Preise für saubere, umweltschonende Ener- giealternativen wie Solar-oder Wind- energieoderauch Technologien wie die Kohlendioxidsequestrierung müssen auf das Niveau des sogenannten Chinapreises fallen.Dasistder Preis, den China heute für Strom aus her- kömmlichenKohle- kraftwerken bezahlt.

„Am Chinapreis orientiert sich alles. Zig Millionen Chinesen verdienen weniger als 700 Euro pro Jahr und können daher nicht 10 Prozent mehr für Energie zahlen“, sagt Curtis Carlson, Direktor des Forschungs­ins­­­tituts SRI International, das alternative Energietechnologien entwickelt. „Unsere Aufgabe ist es, die vielen Innovationen umzusetzen, damit die Kosten dafür sinken und so für Länder wie China und Indien bezahlbar werden.“

Voraussetzung für Innovationen wie zum Beispiel CO2-neutrale Kraftwerke ist die Mobilisierung der freien Marktwirtschaft. In gewissem Umfang ist der Markt bereits in Bewegung, weil einige Unter­nehmen und Risiko­kapitalgeber erkannt haben, dass die sogenannte Clean­tech-Industrie, ein auf Ressourcen-, Energie- und Umweltschonung ausgerichteter Wirtschaftszweig, weltweit kräftig wächst.

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