Bis aufs Blut
Drei Hunde fallen einen kleinen Jungen an. Sein Vater und zwei weitere mutige Männer werfen sich den Bestien entgegen. Ein erbitterter Kampf beginnt.
By JULIA MORGANAn einem kalten Nachmittag im Februar 2005 saß Randall McConnell, 41, in der Küche seines Hauses im kanadischen Ottawa und tauschte mit seinem alten Freund Mario Gauthier, 38, bei einer Tasse Kaffee den neuesten Klatsch aus. Er freute sich über den Besuch, denn er hatte den ganzen Vormittag im Krankenhaus verbracht und eine weitere einer endlos scheinenden Reihe von Behandlungen über sich ergehen lassen müssen. Eine Unterhaltung mit Gauthier, der alle paar Wochen bei ihm vorbeischaute, verbesserte jedes Mal seine Stimmung.
McConnell war ein schwer kranker Mann. Er litt an Morbus Castleman, einer seltenen tumorartigen Lymphknotenvergrößerung, die ihn mit 30 drei lange Jahre ins Krankenhaus verbannt und mit 33 gezwungen hatte, seine Arbeit am Bau für immer aufzugeben. 16 Operationen, 49 Strahlenbehandlungen und ein halbes Dutzend Chemotherapien hatte er bereits hinter sich. Dann erkrankte er noch an spinaler Meningitis und konnte 2004 fast das ganze Jahr nicht gehen. Obwohl er im Winter wieder auf die Beine gekommen war, benutzte er außerhalb des Hauses eine Gehhilfe.
Gegen vier Uhr nachmittags wurde es dunkel, und McConnell hatte vor, ein Nickerchen zu machen, nachdem sein Freund das Haus verlassen hätte. Doch Pläne können sich ändern, wie er aus Erfahrung wusste.
„Die zerreißen ihn in Stücke!“, schrie seine Freundin Dawn Vanderburg plötzlich aus einem anderen Zimmer. McConnell fuhr hoch und lief zu ihr. Sie starrte in den Garten. Ein Mann lag auf dem Boden, halb gegen den Zaun gedrückt, der ihr Grundstück vom Stadtteilpark trennte. Er wehrte sich mit Händen und Füßen gegen drei wie Pitbulls aussehende Hunde, die sich auf ihn stürzten und nach ihm schnappten. Kleine Blutrinnsale bildeten sich im Schnee.
McConnell erkannte die Hunde. Sie gehörten einem Mann, der vor Kurzem ein paar Häuser weiter eingezogen war. Er hielt sie in seinem eingezäunten Garten und hatte ihm erzählt, er habe sie „zum Schutz“ scharf gemacht. Bisher hatte McConnell sie noch nie außerhalb des Grundstücks gesehen.
Irgendwie – bis heute kann er das nicht erklären – hatte er auf einmal die Kraft, nach draußen zu laufen. Mit bloßen Füßen, in Unterhemd und Hose rannte er durch seinen Garten zur Hintertür. Als er ankam, wusste er, wer der Mann auf dem Boden war: sein Nachbar Guy Clairoux. Er kannte ihn nicht gut, aber er hatte ihn schon mit seinen Kindern im Park gesehen.
McConnell merkte, dass Gauthier ihm gefolgt war. „Mario“, schrie er. „Das hier wird nicht ohne Schrammen abgehen.“
Noch ein paar Minuten zuvor war Clairoux, 39, mit seinen drei kleinen Söhnen, die er von der Kindertagesstätte abgeholt hatte, durch den Park geschlendert. Der Familie gehörte eines der Häuser um den Park, in dem sich auch eine Wiese und ein kleiner Spielplatz befanden. Ein Dutzend Kinder machten eine Schneeballschlacht, und die Jungen – der fast dreijährige Jayden und die vierjährigen Zwillinge Brayden und Brendon – wollten auch spielen.
In seinem Garten angekommen, ging Clairoux voraus, um die Rucksäcke der Kinder am Haus abzustellen. Da riss JoAnn Hartley, seine damalige Freundin und die Mutter der Jungen, plötzlich die Tür auf und schrie: „Guy, die Hunde da springen gleich über den Zaun!“ Clairoux wirbelte herum und sah Jayden etwa sechs Meter von dem meterhohen Zaun entfernt ganz allein da stehen. Drei große Hunde – ein dunkelbrauner und zwei etwas hellere – liefen auf der anderen Seite den Zaun entlang und beobachteten den kleinen Jungen.
In dem Moment, als Clairoux zu seinem Sohn laufen wollte, setzte der größte Hund über den Zaun. Er schnappte nach Jaydens Kopf, biss ihm in die Wange und schüttelte ihn. Clairoux ging auf den Hund los und boxte ihm so lange gegen die Schnauze, bis er schließlich zurückwich. Doch dann sah er, dass auch die beiden anderen Tiere über den Zaun gesprungen waren. Schnell hob er Jayden hoch und hielt ihn über seinen Kopf. Mit wildem Knurren fielen die Hunde jetzt zu dritt über ihn her und trommelten mit den Vorderläufen gegen Jaydens Schneeanzug.
JoAnn kam angerannt, und Clairoux warf ihr den Jungen zu. Sie legte ihn auf den Boden und schirmte ihn mit ihrem Körper ab. „JoAnn, Achtung, dein Hals!“, schrie Clairoux und stellte sich breitbeinig über die beiden. Zwei lange Minuten fing er die Hunde im Sprung ab und warf sie zu Boden oder drückte sie mit der Schnauze in den Schnee. Der Anblick der schnappenden Zähne, die immer wieder näher kamen, und das drohende Knurren versetzten ihn in Panik. „JoAnn“, rief er, „ich habe Angst! Diese Viecher wollen mich umbringen.“
Schließlich gelang es JoAnn wegzukrabbeln und mit Jayden in den Armen zum Haus zu laufen. Das Gesicht des kleinen Jungen war blutverschmiert, und sein Schneeanzug hing in Fetzen. Auch Clairoux versuchte zu fliehen, aber er kam nicht weit, denn einer der Hunde stieß ihn um, und er fiel gegen den Zaun. Mit einem Satz landete der größte auf ihm und biss ihn in die Hand, während die beiden anderen an seinen Beinen zerrten.
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