Tiefgründig
Ulrike Kriener spielt oft Frauen in Konfliktsituationen. Darin spiegelt sich auch ihre eigene Vergangenheit
By FRANK ERDLEPullach, vor den Toren von München. Die herrlich über dem Isartal gelegene Terrasse der „Villa Antica“ lädt zu einem kleinen Italienurlaub ein. Auch der Kellner ist guter Dinge. So nickt er freundlich, als die ernst dreinblickende blonde Dame um Cantuccini zu ihrem Espresso bittet. Keine drei Minuten später steht ein ganzer Teller mit dem Mandelgebäck auf dem Tisch. „Ich stehe leider unheimlich auf Süßigkeiten“, verrät Ulrike Kriener. Und gönnt sich zum ersten Mal an diesem Mittag ein befreites Lachen. Kaum zu glauben, dass die 51-Jährige mit einer Filmkomödie berühmt wurde: 1985 spielt sie unter Doris Dörries Regie an der Seite der „Männer“ Uwe Ochsenknecht und Heiner Lauterbach. Sosehr Ulrike Kriener den Kinoschlager auch mag: „Ich glaube, meine wirkliche Begabung lag schon damals woanders.“
Wo, erfahren die Fernsehzuschauer fünf Jahre später. In Bernd Schadewalds Psychodrama Der Hammermörder gibt die Kriener mit beklemmender Intensität die Frau des Täters, die in quälendem Tempo die Untaten ihres Gatten, eines hoch verschuldeten Polizisten, erkennen muss. Diese beeindruckende Leistung der gebürtigen Bottroperin, die heute mit Ehemann Georg Weber und Sohn Paul in München lebt, wird 1991 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.
Weitere Preise folgen: Den Telestar als beste Schauspielerin erhält Ulrike Kriener 1998 für den TV-Thriller Reise in die Nacht. Darin verkörpert sie eine Berliner Sozialarbeiterin, die im Urlaub auf Zypern den nachts ins Zelt eindringenden Vergewaltiger ihrer Tochter tötet.
2003 darf die manchmal so bezeichnete „Frau der leisen Töne“ den Deutschen Fernsehpreis für die beste weibliche Nebenrolle entgegennehmen – dank ihres famosen Spiels in der schwarzen Komödie Männer häppchenweise. Auch im Kino ist die beliebte Schauspielerin hin und wieder zu erleben – zuletzt in der Houellebecq- Verfilmung Elementarteilchen (2005) mit Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck und Franka Potente.
Ihre größten Erfolge feiert Ulrike Kriener jedoch auf dem Bildschirm. Neben zahlreichen Gastauftritten in Krimiserien wie dem Tatort oder Ein Fall für Zwei steht sie seit 2002 immer wieder als „Kommissarin Lucas“ vor der Kamera. „Ich habe die Rolle von Anfang an gemocht. Und die Ellen Lucas mit ihrer emotionalen Beherrschtheit ist mir durchaus nah“, verrät die Fernseh-Fahnderin. „Allerdings ist Ellen deutlich geradliniger als ich.“ Die nächste Folge trägt den Titel Skizze einer Toten (22. Oktober um 20.15 im ZDF). Es geht um die Ermordung einer jungen deutschen Anwaltsgehilfin, die unmittelbar vor der Vermählung mit einem Türken stand. Die gefährlichen Ermittlungen führen Ellen Lucas ins religiös-fundamentalistische Milieu.
Die Reihe, die in Regensburg und München gedreht wird, ermöglicht es Ulrike Kriener, fast jeden Abend nach Hause zu kommen. „Meine Familie braucht mich“, weiß die Charakterdarstellerin. Ihr Mann, ein Schauspieler und Drehbuchautor, muss zu Hause allerdings „mehr tun als den Müll runtertragen“. Sogar mit einer „Maschine zum Knöpfeannähen“ habe sie es bei ihrem Gatten versucht, spöttelt Ulrike Kriener, doch das dumme Gerät sei letztlich im Müll gelandet: „Was soll’s – ich kann besser Knöpfe annähen, Georg besser kochen.“
Sohnemann Paul spielt eine weitere Hauptrolle im Leben der Schauspielerin. Ihr erstes Kind Max war 1992 an einem Herzfehler gestorben, nur eine Woche nach der Geburt. „Wir wussten, dass etwas mit seinem Blutkreislauf nicht stimmt“, erinnert sich Ulrike Kriener. „Aber es dauerte lange, bis ich begriffen habe, dass das Kind keine Überlebenschance haben wird.“ Wie kommt man mit einem derartigen Schicksalsschlag zurecht? „Am Anfang habe ich mechanisch versucht, die Tage herumzubringen, und war körperlich total am Ende. Mit der Zeit wurde es besser. Aber eine Wunde fürs Leben ist mir geblieben.“
Früher sei sie eine Frau mit „Hummeln im Hintern“ gewesen, bekennt Ulrike Kriener. „Mit dem Verlust meines Kindes habe ich einen Teil dieser Unbekümmertheit verloren.“ So sagte sie gerne zu, als die Münchner Malteser eine Schirmherrin für ihr ambulantes Kinderhospiz suchten, das sterbenskranke Kinder in ihrer vertrauten Umgebung betreut – bis zu ihrem Tod.
„Die Verantwortlichen wollten keine glamouröse Prominente, die ständig in Hochglanzmagazinen posiert“, erzählt die Schauspielerin, „sondern jemanden, der mit dem Thema etwas zu tun hat. Und das gefiel mir. Wenn ich mit meinem Engagement für die Malteser betroffenen Familien helfen kann, bekommt der Tod meines Sohnes im Nachhinein einen Sinn.“ Mit ihrem sozialen Einsatz möchte sie aber auch etwas zurückgeben: „Ich bin dankbar, dass ich einen so schönen und erfüllenden Beruf wie die Schauspielerei ausüben darf.“
Was clever kalkulierte Anbiederung sein könnte, klingt aus Krieners Mund ernst und aufrichtig – genau wie ihre Kritik an den Regierenden in Berlin. „Ich freue mich, dass wir eine Bundeskanzlerin haben. Aber ihre Politik muss mutiger werden. Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass ich weiß, wo es langgeht. Aber ich glaube nicht, dass das Leben in unserem Land einfacher werden wird. Und was wir sicher brauchen, sind Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren“, findet die TV-Polizistin mit Prinzipien.
Ein beherzter Griff in die Cantuccini- Schale, und die Gelassenheit kehrt auf Ulrike Krieners Gesicht zurück. Sie macht den Weg frei für ein erquicklicheres Thema: ihre Vorliebe für Italien, die sich nicht nur bei kalorienreichem Naschwerk zeigt. Im Sommer reist die Mimin gerne mit der Familie in die Toskana, zum Beispiel im Wohnmobil. Im Winter zieht es sie in die Berge. Dabei gibt die Aktrice gern zu: ‚Sportlich bin ich ´ne absolute Niete.“ Trotzdem übt sie sich zur Winterszeit im Langlauf und versucht sich im restlichen Jahr mit Walking fit zu halten – „aber nur aus der bitteren Einsicht, dass es nötig ist“
Fühlt sie manchmal Angst vor dem Älterwerden? „Es kommt, wie’s kommt“, lautet die lapidare Antwort. Ein Typ für den schönen Schein ist sie nicht: Wenn sich in München Stars und Sternchen treffen, bleibt Ulrike Kriener zu Hause. „Wir treffen uns lieber privat mit Freunden.“ Das so genannte normale Leben ist ihr wichtig. Beim Einkaufen selten erkannt zu werden kommt ihr gelegen.
Neulich im Feinkostgeschäft hat sie sich aber doch gefreut, als ihr die Verkäuferin zuflüsterte, „dass sie alle meine Filme anschaut, weil sie mich so toll findet“.
„Zum Glück“, strahlt Ulrike Kriener und greift sich noch schnell ein Cantuccini-Teilchen, „war da außer uns beiden niemand im Laden“.
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