Liebling der Götter
Es ist höchste Zeit Schulden prägen das Bild des Maestros ebenso wie dessen mächtiger Kopf, die Adlernase und das hervorspringende Kinn. Auf der Flucht vor seinen Gläubigern hatte der Komponist
Von REINHARD KÖCHL
Es ist höchste Zeit
Schulden prägen das Bild des Maestros ebenso wie dessen mächtiger Kopf, die Adlernase und das hervorspringende Kinn. Auf der Flucht vor seinen Gläubigern hatte der Komponist Richard Wagner Ende März 1864 sein vorübergehendes Quartier in Wien verlassen. Just in dem Augenblick, als der königlich-bayerische Kabinettssekretär Franz Seraph von Pfistermeister in die Kaiserstadt kam, um ihm eine persönliche Depesche von Bayernkönig Ludwig II. zu überreichen.
Es folgte eine Verfolgungsjagd durch halb Europa. Pfistermeister musste schneller sein als die Gläubiger, die Wagner auf den Fersen waren. Als der königliche Gesandte den Flüchtigen nach Wochen dank seiner detektivischen Fähigkeiten im Stuttgarter Hotel Marquardt aufspürte, überreichte er ihm ein Medaillon des jungen Königs samt einer Botschaft: Er solle sofort nach München an den Hof kommen.
Ludwig, der Wagner vergötterte, versprach diesem, dass er ihn „fürderhin aller Belästigungen des gewöhnlichen Gelderwerbs entheben werde“. Eine Botschaft wie ein Sechser im Lotto. Damit begann eine von Neid und Feindseligkeit bedrohte „Freundschaft zweier Könige“, in der sich der Komponist zur stärksten musikdramatischen Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts entwickeln konnte. Doch dazu später.
Schon um Richard Wagners Herkunft ranken sich Mythen – ähnlich wie bei seinen Helden Siegfried, Tannhäuser, Lohengrin, Tristan und Parsifal. Offiziell galt er als das neunte Kind von Friedrich Wagner, Schriftführer im Polizeipräsidium. Doch die Gerüchte, er sei in Wirklichkeit der Sprössling des Schauspielers Ludwig Geyer gewesen, halten sich bis heute. Als Wagner senior noch in Richards Geburtsjahr an Typhus starb, zog dessen Witwe mit der gesamten Kinderschar von Leipzig zu Geyer nach Dresden und heiratete diesen, was dazu führte, dass Richard vorübergehend den Familiennamen seines Stiefvaters annahm. Erst mit 15 – Geyer war inzwischen verstorben – nannte er sich wieder Wagner. Und dann gibt es da noch die Geschichte über seine Mutter Johanna Rosine, die in Leipzig ein Internat für junge Aristokratinnen besuchte. Eigentlich unbezahlbar für eine Bäckerstochter, doch es gibt Spekulationen, dass Geld dafür von Prinz Constantin von Sachsen-Weimar- Eisenach kam.
Laut dem Wagner-Biografen Walter Hansen war der Prinz bekannt für seine erotischen Abenteuer, besaß einen mächtigen Kopf, eine Zinkennase, war von zierlicher Statur, leicht erregbar und galt als überaus kunstsinnig. Bestand womöglich eine direkte Linie zum Haus Sachsen-Weimar- Eisenach? Wagner selbst lässt in seinen Werken immer wieder die geheimnisvolle hohe Geburt auftauchen.
Ein Knirps von ungestümem Temperament, freiheitsliebend, widerspenstig, geplagt von Albträumen und Geistervisionen: So verschliss Richard Wagner die Nerven seiner Verwandten und Lehrer. Mit 16 las er Shakespeare, gleichzeitig ließ die Primadonna Wilhelmine Schröder-Devrient in Beethovens Oper Fidelio sein Herz lichterloh für die Musik entflammen. Sein musikalisches Erstlingswerk, die Paukenschlag-Ouvertüre, konnte er dank freundschaftlicher Kontakte zum Musikdirektor im Leipziger Hoftheater uraufführen – und erntete dafür schallendes Gelächter.
Der aufbrausende Gernegroß spielte ganz abscheulich Klavier und hatte von der Lehre des Kontrapunkts, die man zum Komponieren dringend benötigt, keinen blassen Schimmer. Bei aller Unreife war für das geübte Ohr dennoch nicht zu überhören: Der Knabe hatte Talent, auch wenn ihm das Komponieren zeitlebens nie so leicht von der Hand gehen sollte wie einem Wolfgang Amadeus Mozart. Unterricht erhielt er vom Leipziger Thomaskantor Theodor Weinlig, der dafür kein Honorar verlangte: Die Hoffnung auf diesen außergewöhnlich begabten Schüler sei ihm ausreichend Belohnung gewesen, berichtet der Wagner- Forscher Martin Gregor- Dellin.
Weinlig sollte recht behalten, doch der talentierte Draufgänger hatte noch einen langen Weg vor sich. Als frischgebackener Chordirektor des Würzburger Theaters begann er mit der Arbeit an seiner ersten Oper Die Feen, die erst fünf Jahre nach seinem Tod uraufgeführt wurde. Sein nächstes Werk hieß Das Liebesverbot, um das er sich im wirklichen Leben jedoch keinen müden Heller scherte. Richard verlor sein Herz an die Schauspielerin Minna Planer, heiratete die Angebetete – und verfiel der Spielsucht. Zunächst ließ sich das Ehepaar in Königsberg nieder, wo Wagner die Stelle eines Musikdirektors antrat. Als das Theater pleiteging, war er selbst es schon längst, weil der feudale Lebenswandel des diabolischen Musik- und Pumpgenies alles Vermögen auffraß, später selbst die Eheringe.
Die Gläubiger bliesen zum Halali, doch Wagner hatte seine Flucht von langer Hand geplant. Diesmal ging es ins lettische Riga, wo er sich ebenfalls als Dirigent verdingte. Nach kurzer Zeit folgte der Rausschmiss. Über die russisch-ostpreußische Grenze setzten er und Minna auf dem kleinen Segelschiff Thetis nach London über, von wo aus sie nach Paris gelangen wollten. Die schauerlich-stürmische Passage inspirierte den Fliehenden übrigens zu seiner – mäßig erfolgreichen – Oper Der Fliegende Holländer, in der ein verfluchter Kapitän auf ewig mit seinem Geisterschiff auf den sieben Weltmeeren herumirren muss.
In Paris lebte das junge Ehepaar zwischen 1840 und 1841 unter ärmlichsten Bedingungen. Richard fand keine Arbeit, schrieb reihum flehende Bettelbriefe und verschacherte sogar den Prosaentwurf des „Holländers“. Die Rechte daran freilich verlor er nicht. Weil der am Ufer der Seine gestrandete Musikus auf der Pariser Bühne partout nicht Fuß fassen konnte, kehrte er schließlich nach Dresden zurück; einen Teil seiner Gläubiger in der Heimat und in Riga befriedigte er mit Geld, das ihm sein Jugendidol Wilhelmine Schröder-Devrient lieh.
Mit seiner Oper Rienzifeierte Wagner seinen ersten großen Erfolg. Ein Durchbruch! Der König von Sachsen ernannte ihn zum Hofkapellmeister auf Lebenszeit. Doch selbst mit dem üppigen Gehalt kam Wagner nicht aus: Geldprobleme blieben ihm ebenso treu wie seine Gläubiger. Infiziert vom revolutionären Geist dieser Epoche und seines Freundes August Röckel, lehnte er sich zunächst gegen die Allmacht des Generalmusikdirektors und dann gegen die gesamte Obrigkeit auf. Beim Dresdner Maiaufstand, der die Monarchie beenden wollte, geriet er als Kundschafter auf dem rund 100 Meter hohen Turm der Kreuzkirche heftig unter Beschuss, worauf ein Kampfgefährte zur Vorsicht riet. Daraufhin soll Wagner angeblich nur lächelnd geantwortet haben: „Ich bin unsterblich!“
Nicht nur die Gläubiger waren nach der Niederschlagung des Aufstandes hinter Wagner her, sondern auch der Staat. Der gefeierte Musiker wurde nun als Revolutionär steckbrieflich gesucht. Der Komponist Franz Liszt, dem er in Paris begegnet war, half ihm 1849, sich nach Zürich abzusetzen. Dort reiften die Dichtung zum mehrteiligen Ring des Nibelungen ebenso wie seine heftig umstrittene Schrift Das Judentum in der Musik (Experte Gregor-Dellin: „Schauerlichste Prosa, wie Gift nach einer Krankheit ausgeschwitzt“), die Adolf Hitler später veranlassen sollte, Wagners von germanischen Göttersagen inspirierte Werke als klingendes Symbol des Dritten Reiches, als „urdeutsche“ Musik zu vereinnahmen.
„urdeutsche“ Musik zu vereinnahmen. In der Schweiz begann auch ein gefährliches amouröses Dreiecksspiel. Zum einen war da die anmutige Nachbarin Mathilde Wesendonck, mit der Richard eine Affäre begann, obwohl deren kunstsinniger Mann ihm nach Kräften finanziell unter die Arme griff. Minna gefiel dies natürlich überhaupt nicht. Sie verließ Wagner. Zum anderen gab es noch Cosima von Bülow samt Gatten, dem Dirigenten Hans von Bülow, die Zürich auf ihrer Hochzeitsreise besuchten. Die uneheliche Tochter Liszts war Wagners große Liebe auf den dritten Blick, die er erst 1870, nach langen Jahren wilder Ehe, heiraten sollte. Zürich steht für eine äußerst kreative Schaffensperiode des Musikers: Ein Schweizer Gebirge inspirierte ihn zum Walkürenritt, eine Vision im Halbschlaf mit rauschendem Wasser führte zur Oper Rheingold, dem Auftakt des vierteiligen Gesamtwerks Der Ring des Nibelungen, der aus eben jenem Gold geschmiedet wird und seinem Träger Macht über die ganze Welt verleiht – eine Geschichte, die Freunden von Tolkiens Herr der Ringe bekannt vorkommen dürfte.
Es folgten weitere rastlose und von Verschwendung geprägte Jahre: Venedig, noch einmal Paris, Wien und schließlich Stuttgart, wo ihn der Gesandte von Ludwig II. aufstöberte. Der König von Sachsen hatte 1860 eine Teilbegnadigung ausgesprochen, der Komponist durfte nach Deutschland zurückkehren, wo ihn in München der Mäzen erwartete: der Bayernkönig, Bauherr des „Märchenschlosses“ Neuschwanstein, das der Gralsburg aus Wagners Oper Parsifal nachempfunden ist.
Ludwig, angeblich schon als Jugendlicher von Wagners Lohengrin überwältigt, ja zu Tränen gerührt, nährte das krankhafte Luxusbed ürfnis seines Künstlerfreundes, indem er diesem eine palastartige Villa in der Brienner Straße anmietete und ihm in München sogar ein monumentales Festspielhaus versprach, das der Architekt Gottfried Semper für einen Kostenaufwand von umgerechnet etwa 70 Millionen Euro bauen sollte. Damit überspannte Ludwig den Bogen.
Aus der Bevölkerung hagelte es Proteste. Das Kabinett brachte den Monarchen dazu, von dem Projekt abzusehen und Wagner nahezulegen, Bayern zu verlassen. Zutiefst erschüttert verließ der Komponist München und schuf sich am Vierwaldstättersee bei Luzern ein kreatives Refugium.
Doch der König war weiterhin besessen von Wagners Musik, ließ Rheingold und Walküre gegen den erklärten Willen des Komponisten in München aufführen, zumindest letztere 1870 mit beachtlichem Erfolg. Wagner, der den Ring des Nibelungen vollständig oder gar nicht auf der Bühne sehen wollte, ärgerte sich maßlos darüber. Er habe „das schmerzliche Gefühl des Vaters, dem man sein Kind entrissen, um es der Prostitution preiszugeben“. Rheingold und Walküre seien fortan „besudelte Fratzen“, schrieb er Ihrer Majestät.
Des Königs „Sauereien“ (Wagner) hatten eine immense Tragweite. Seit dem Pariser Tannhäuser-Skandal von 1861, bei dem ein Jockeyclub die Premiere mit Lärmen und Pfeifen gestört hatte, wünschte sich Wagner ein eigenes Theater, um unabhängig von solcherlei Auswüchsen zu sein. Nun schien der Moment gekommen. Eine größere Kleinstadt sollte es sein, möglichst noch in Bayern. „Ein Wink des guten Dämons“, so der Meister, brachte ihn auf Bayreuth, wo er ab 1872 ein noch nie da gewesenes Festspielhaus errichtete – mithilfe von Ludwig II., der seinem Lieblingskomponisten dafür einen Kredit in Höhe von umgerechnet rund 1,6 Millionen Euro bewilligte.
Das Orchester blieb darin unsichtbar, weil sich der Orchestergraben mit einer Abdeckung zum Publikum hin abschirmen ließ und so einen mystischen Abgrund suggerierte. Zudem schuf Wagner im verdunkelten Aufführungsraum Amphitheater-ähnliche Reihen, aber keine Logen an den Seiten. So entstand ein Festspielhaus mit bezaubernder Klangqualität.
P rominenz aus aller Welt flaniert alljährlich über den roten Teppich auf dem Grünen Hügel: Regierungschefs, gekrönte Häupter, blaues Blut, Stars und Sportler. Karten? Für sie alle kein Problem. Normalsterbliche dagegen müssen eine Wartezeit von acht bis zehn Jahren in Kauf nehmen. Deshalb boomt der Schwarzmarkt. Im Internet werden die Tickets oft für 1000 und mehr Euro angeboten.
Noch leitet Wolfgang Wagner die Festspiele. Um die Nachfolge des 88- Jährigen ist allerdings längst ein Machtkampf zwischen drei Frauen entbrannt, die alle den Namen Wagner tragen: den Urenkelinnen Richards, Nike, Eva und Katharina. Abseits des familiären Machtpokers hat Christof Schlingensief, Aktionskünstler und Regisseur der Parsifal-Inszenierung zwischen 2004 und 2007, vorgeschlagen, gemeinsam mit bildenden Künstlern wie Paul McCarthy, Matthew Barney und Doug Aitken ein Leitungsteam zu bilden.
Es geht um mehr als nur Bayreuth. Zur Disposition steht das Erbe eines ebenso genialen wie exzentrischen Komponisten, dessen Werk niemanden gleichgültig lässt.
Als der israelische Dirigent Daniel Barenboim bei einem Konzert in Jerusalem im Juli 2001 Auszüge aus Tristan und Isolde dirigierte, verließen zahlreiche Besucher empört den Saal. Schließlich herrscht in Israel ein inoffizielles Wagner-Verbot, weil viele Holocaust-Überlebende dessen Musik mit dem Nazi-Regime verbinden.
Die meisten der Zuhörer aber blieben sitzen und spendeten Barenboim anschließend Applaus. Richard Wagner hatte das Publikum wieder einmal in zwei Lager gespalten, mehr als hundert Jahre nach seinem Tod, der ihn am 13. Februar 1883 an einem Schreibtisch in Venedig ereilte. In den Armen von Cosima hauchte er sein Leben aus. Die letzten Worte, die er zu Papier gebracht hatte, muten an wie ein Resümee seines Lebens: „Liebe, Tragik“.
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