Der Kandidat stockt, schaut Hilfe suchend den Moderator an. Welche Antwort ist richtig: A,B,C oder D? Der elektronische Klangteppich spiegelt seinen erhöhten Herzschlag wider. Die grellen Scheinwerfer beleuchten, wie ein Unfallopfer auf dem Operationstisch, die Ignoranz des Unwissenden. Der smart gekleidete Showmaster wiederholt die Frage, langsam und wohl artikuliert, dabei zeigt die Kamera in ungnädiger Großaufnahme den verzweifelten Kandidaten. Immerhin geht es um sehr viel Geld, die korrekte Antwort ist so viel wert wie ein Kleinwagen … Dann der erlösende Vorschlag: „Wählen Sie doch einfach den Publikumsjoker!“
Minuten später wird er sich dann für Antwort D entscheiden, so wie die Mehrzahl der anwesenden Studiogäste. „… Antwort D ... verrate ich Ihnen nach der Werbung!“ Statistisch zeigt sich, dass der aus gut 200 Studiogästen zusammengesetzte Publikumsjoker in der US-Version von Wer wird Millionär in 91 Prozent der Fälle die richtige Antwort liefert. Die Trefferquote ist höher als beim Telefonjoker, der den Kandidaten nur in 65 Prozent aller Fälle eine Runde weiterbringt. Viele Menschen liegen im Durchschnittswert erstaunlich richtig, wenn es um Abschätzungen geht; eine Erkenntnis, die schon vor mehr als 100 Jahren für Schlagzeilen sorgte: 1906 besuchte Francis Galton, ein Verwandter des berühmten Charles Darwin, eine englische Nutztiermesse in Plymouth. Unter den vielen Attraktionen fand sich dort auch ein Schätzwettbewerb: Es ging darum, das Gewicht eines Ochsen möglichst genau zu ermitteln. Die Besucher konnten dazu eine Karte ausfüllen; der Sieger mit der besten Schätzung wurde belohnt. Laien und Experten versuchten sich.
Galton wertete anschließend die 787 Einzelschätzungen aus und kam zum verblüffenden Ergebnis, dass der Durchschnittswert aller Schätzungen nur wenige Pfund vom tatsächlichen Gewicht des Ochsen abwich. Das gemittelte Votum des Volkes war ein Volltreffer! Unter dem Titel „Vox populi“ („Stimme des Volkes“) veröffentlichte der Forscher seinen Befund in der Fachzeitschrift Nature.
Ein Jahrhundert nach Galtons Veröffentlichung entwarf ich gemeinsam mit meinen Kollegen der Fernsehsendung Quarks & Co einen ähnlichen Schätzversuch. Unsere Zuschauer sollten die Anzahl bunter Liebesperlen in einem Gefäß erraten. Im Internet hatten wir eine entsprechende Seite eingerichtet. Gespannt verfolgten wir nach der Sendung die rasant wachsenden Daten: Schon nach vier Tagen hatten knapp 16 000 (!) Zuschauer ihr Votum abgegeben. Das Glasgefäß beinhaltete exakt 5780 Liebesperlen, der durchschnittliche Schätzwert der Zuschauer betrug 5714! Bei der Auswertung stellten wir fest, dass nur 0,47 Prozent genaue Treffer vorkamen. Manche Teilnehmer lagen mit ihrem Schätzwert sogar völlig daneben, und dennoch führte erst die Einbeziehung aller Werte zu diesem erstaunlich genauen Gesamtergebnis.
Unser Schätzversuch zählt inzwischen zu den größten dieser Art, und 100 Jahre nach Galton meldete Nature unser Ergebnis. Für mich zählt dieses Experiment zu den aufregendsten Versuchen meiner Fernsehkarriere, denn dahinter verbirgt sich, wie ich finde, eine wunderbare Botschaft: Es scheint, als spiele jeder Einzelne von uns eine wichtige Rolle bei der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit ...
|
Mehr Artikel & Interviews |
| | |
Kommentar abgeben