Die Retter der Bibliothek
Auf dem Schild mit den Öffnungszeiten sind einige Zahlen überklebt. Früher hatte die Kurt-Tucholsky-Bibliothek länger geöffnet. Früher, das war vor der Besetzung, vor dem Aufstand der Nachbarn im Kiez und vor dem Beschluss der Stadt Berlin, wegen Geldmangels eine der Bibliotheken im Bezirk Pankow zu schließen. Doch die Politiker hatten die Rechnung ohne die Bürger gemacht. Ohne Menschen wie Matthias Schulz und all die verärgerten Anwohner. Sie rollten ihre Schlafsäcke in dem Backsteingebäude aus. Beim Wachehalten wechselten sie sich ab, um nicht von der Polizei überrascht zu werden. Dann gründeten die Besetzer den Verein „Pro Kiez“ und verhandelten mit dem Bezirk über die Zukunft des Hauses „Wenn man die Bibliothek damals geschlossen hätte, wäre sie nie wieder aufgemacht worden“, ist sich Matthias Schulz sicher.
Der Student gehört zum Team der knapp 30 Helfer, die seit Ende Juni den Betrieb aufrecht erhalten und die kommunale Einrichtung vorerst gerettet haben. „Wir ersetzen keine Bibliothekare“, sagt der 30-Jährige bestimmt und legt ein paar zurückgegebene Bücher ins Regal. „Wir wollen anderen nicht die Arbeit wegnehmen.“ Ein Dilemma, das viele Ehrenamtliche umtreibt. Auch Schulz hofft, dass eines Tages die Festangestellten zurückkehren. In Zeiten knapper Kassen bleibt es vermutlich bei der Hoffnung.
Tages die Festangestellten zurückkehren. In Zeiten knapper Kassen bleibt es vermutlich bei der Hoffnung.
Wieder geht die Tür auf, eine mit Taschen bepackte Endvierzigerin stürmt herein. „Wenn man bedenkt, wohin die öffentlichen Gelder fließen, ist es eine Schande, dass bei der Kultur gekürzt wird“, schimpft die Frau, die gleich um die Ecke wohnt. Es mache sie wütend, dass sich der Staat immer mehr aus seiner sozialen Verantwortung zurückziehe und die Bürger in die Bresche springen sollen. „Machen Sie das wirklich in Ihrer Freizeit?“, will sie von Matthias Schulz wissen und sieht plötzlich so aus, als wolle sie ihr Gegenüber aus Dank gleich fest umarmen. Stattdessen greift sie nach ihren Taschen und eilt weiter.
Schulz hat es zum Ehrenamt gedrängt, da kam ihm die Bibliothek gerade gelegen. An der Ausleihe könne er seine beiden Leidenschaften verbinden – die Literatur und die Leseförderung von Kindern, verrät der Berliner. Schulz hat noch einweiteres Projekt im Kopf, das er starten möchte, sobald sich die Situation ein bisschen normalisiert hat: Grundschülern vorlesen und sie spielerisch an Texte heranführen. Dafür würde er sogar noch ein drittes Mal in der Woche in die Bibliothek fahren.
Die Brückenbauer
Sie wollten es nicht länger mit ansehen in Bibersfeld. Nicht darauf warten, dass das Furchtbare irgendwann passiert. Auf der alten Steinbrücke über den Dorfbach, die sich zwei Parteien teilten, wie sie gegensätzlicher kaum sein konnten: die Schulkinder und der Schwerlastverkehr. Von den Aussiedlerhöfen kamen die Kinder zu Fuß und marschierten jeden Morgen durch das Nadelöhr Brücke zur Bushaltestelle. Von der Autobahn kamen die Laster und steuerten zum Sägewerk: fünfzig, hundert am Tag. Pkw mussten zurücksetzen, wenn sich eines der holzbeladenen Schwergewichte näherte, die Brücke war zu schmal.
„Wir mussten die Situation entschärfen“, erzählt Martin Gsell, der frühere Ortsvorsteher des kleinen Dorfes im Norden von Baden-Württemberg, das zur Gemeinde Schwäbisch Hall gehört. „Nur gab es kein Geld dafür.“ Die Stadt verwies auf die Finanzkrise, auf die Rückgänge bei der Gewerbesteuer, ein großzügiger Sponsor war nicht in Sicht. „Dann bauen wir die Brücke selbst“, schlug eine Ortschaftsrätin halb im Spaß vor.
Erst wurde geschmunzelt, dann gegrübelt und schließlich angepackt. „Was anfangs keiner ernst genommen hat, entwickelte sich zum Selbstläufer“, beschreibt Gsell das Projekt. Bei ihm liefen die Fäden zusammen, der halbe Ortschaftsrat, Bekannte, interessierte Bürger – sie alle wollten dabei sein, gut zwei Dutzend Helfer.
Die Idee nahm Form an. Eine eigene Fußgängerbrücke parallel zur alten sollte gezimmert werden, geschätzte Kosten: 25 000 Euro. Für eine größere Kommune ein Klacks, für Bibersfeld ein Kraftakt, an dem sich das 1800- Seelen-Dorf nicht überheben wollte. Gebaut werden sollte, sobald die Hälfte des Geldes beisammen war.
An den Spendenmarathon erinnert sich Gsell genau. Die Sammelbüchse wurde seine Dauerbegleiterin. Beim Altennachmittag kramten die Senioren ihre Groschen zusammen, die Landfrauen steckten den Erlös der Erntedankfeier ins Kässchen. Selbst die Überschüsse aus dem Verkauf der Heimatbücher flossen in die Brücke. Für den Ortschaftsrat war es Ehrensache, einen Teil der Sitzungsgelder zu spenden. Es dauerte kein halbes Jahr, dann hatten die Bibersfelder ihr Ziel erreicht, sie konnten loslegen.
Das Räderwerk lief an. Den Beton zum Sonderpreis goss einer der Ortschaftsräte, der in der Baubranche arbeitet. Der benachbarte Montagematerialunternehmer gab die Schrauben gratis, das Holz spendierte die Forstverwaltung. Und ein Statiker aus Schwäbisch Hall schenkte dem Dorf die Pläne. So fügte sich eins ans andere. „Nur den Stahl haben wir gekauft“, erzählt Gsell lachend, „da gab es niemanden vor Ort.“
Am Wochenende oder nach Feierabend wuchs die Brücke. Dann hatten die Bibersfelder Zeit, um Hand anzulegen. Mittendrin der Ortsvorsteher. Statt zu Akten griff Martin Gsell zur Schaufel oder zum Pinsel, tauschte die Anzughose gegen die Jeans. „Ich war Minibauleiter“, erzählt der Diplomverwaltungswirt. Der heute 60-Jährige koordinierte die Einsätze, trieb seine Mitstreiter an,wenn etwas fehlte. Mindestens so wichtig wie das Holz war die Verpflegung. Der Dorfbäcker servierte Brötchen, der Biernachschub stellte sich von allein ein.
Die Einweihung wurde zum außerplanmäßigen Dorffest. Ein Ständchen vom Männergesangsverein, Ansprachen, ein rekordverdächtiges Backwerk: Der gespendete Kuchen war mit seinen 16 Metern länger als die Brücke. „Es musste ordentlich gefeiert werden“, erzählt Gsell, „wir hatten die Bürokratie ausgehebelt und unser dringlichstes Projekt selbst gestemmt.“ Das steht sogar in Sandstein gemeißelt. „Erbaut 2004 von den Bürgern“, lautet die Inschrift des Quaders, der die Brücke gleichsam bewacht und den – wie könnte es anders sein – ein Künstler der Gemeinde geschenkt hat.
Die Neckarpiraten
Silke Kreiser-Seibert ist eine Frau, die nicht locker lässt, wenn sie sich etwas vorgenommen hat. „Als meine Tochter ein Jahr alt war, wollte ich unbedingt wieder arbeiten“, erzählt die junge Mutter aus Stuttgart. Also schaute sie sich in der ganzen Stadt nach einem Betreuungsplatz um. „Alles voll“, vertrösteten die Kindertagesstätten, „kommen Sie in zehn Monaten wieder.“
Die damals 31-Jährige klopfte an viele Türen – immer vergeblich, immer landete sie auf der Warteliste. „Ich hätte mein Kind vor der Geburt anmelden müssen“, ärgert sich die Familienhelferin über die verlängerte Arbeitspause. Ihre Unzufriedenheit wuchs, bis sie es irgendwann nicht mehr aushielt: „Lass uns eine Kita gründen“, schlug Kreiser-Seibert im Sommer 2004 einer Freundin vor.
Ganz unbeschwert ging sie ans Werk, als würde sie einen Kindergeburtstag planen. Weil sie wusste, dass es für alles Profis gibt, schaute sie beim Dachverband der Stuttgarter Eltern- Kind-Gruppen vorbei. „Dort erhielt ich Tipps, wie man einen Verein gründet oder eine Satzung schreibt.“ Und sie erfuhr, dass die Zeit drängte, dass es Fristen gab für Zuschüsse.
Ihr blieben drei Wochen, um geeignete Räume zu finden. Andere hätten sich davon abschrecken lassen, Kreiser- Seibert sah es als Herausforderung – wie so manches im darauffolgenden Jahr. Ein Bekannter erzählte ihr von einer leer stehenden Etage in einem alten Industriegebäude am Neckar. Es dauerte nicht lange, dann war sie sich mit dem Vermieter einig.
Draußen schippern Frachtkähne vorbei, drinnen schubst Kreiser-Seiberts fünfjährige Tochter kleine Fische von einem Brett – ein Geschicklichkeitsspiel. Das Mädchen gehört zu den schwäbischen Neckarpiraten, so haben die Eltern ihre Kita mit Blick aufs Wasser getauft. Das Zuhause der Mannschaft kann sich sehen lassen. Wo früher staubiger Industriefilz lag, leuchtet orangefarbenes Linoleum. Ein paar Wände fehlen, das macht alles großzügig und hell. „Wir haben gepinselt und gespachtelt, Tapeten abgerissen und Waschbecken eingebaut“, erzählt Silke Kreiser-Seibert. Die sechs anderen Gründungsfamilien fanden sich ganz schnell im erweiterten Bekanntenkreis. Besonders engagiert zeigte sich dabei auch Anja Fuhrmann, die heute als zweite Vorsitzende die Kindertagesstätte leitet.
Längst nicht alles lief so reibungslos wie die Raumsuche. „Erst hieß es beim Baurechtsamt, eine Kita im ersten Stock sei unmöglich wegen der Fluchtwege, dann ging es irgendwann doch“, erinnert sich die Vorstandsfrau. Etliche Auflagen – von der Behindertentoilette für Erwachsene bis zur angebauten Feuertreppe – hätten das Projekt zu einer Wackelpartie gemacht.
Über Monate verzögerte sich der Baubeginn, mussten sich die Eltern in Geduld üben. Deren Hoffnung, dass bei kleineren Einrichtungen etwas behördliche Kulanz gewährt würde, wurde enttäuscht. „Das ist schade,mit weniger Bürokratie würden es mehr wagen“, ist sich die Kita-Mitgründerin sicher.
Ins Schwärmen kommt sie dagegen, wenn sie vom Zusammenhalt der Eltern erzählt. Vom Grillen im Hinterhof, nachdem die Bohrmaschinen verstaut waren. Davon, wie sich jeder einbrachte. Der Informatiker, der gerade sein eigenes Haus umgebaut hatte und sich bestens auf Baustellen auskannte. Ihr Mann, ein Architekt, der die Pläne für die Kita entwarf. Und die Mütter, die Zeit hatten, alles Nötige einzukaufen. „Die Stimmung war wunderbar“, sagt Kreiser-Seibert, „wir wussten, egal was kommt,wir schaffen es.“ Auch die Finanzierung klappte, die Stadt versprach Zuschüsse: 70 Prozent der Investitionssumme von 93 000 Euro und 75 Prozent der laufenden Kosten. Den Rest müssen die Eltern stemmen.
Die Neckarpiraten haben längst ihre Bleibe vergrößert. Auch das Erdgeschoss ist erobert, die Eltern richteten dort einen Kindergarten ein. Mittlerweile spielt Kreiser-Seiberts Tochter im Unterdeck mit etwa 20 anderen Kindern, ihr kleiner Bruder rennt mit seinen rund 15 Kameraden einen Stock höher um die Wette.
Und Silke Kreiser-Seibert geht wieder arbeiten. Über das nächste Projekt denkt sie schon nach, denn bald kommt ihre Tochter in die Schule, und die Nachmittagsbetreuung ist ein Problem. „Jetzt müssten wir eigentlich noch einen Hort aufmachen“, sagt sie.