Leidenschaft die nie verblasst
Eine Liebe, die dem Alltag trotzt
By KAREN VERTIDO
Ach, du hast doch keine Ahnung! Wenn es nach dir ginge, würde ich als alte Jungfer sterben! Du weißt doch nicht, was Romantik oder Leidenschaft ist!“
Mit diesen Worten stürmte meine 14-jährige Tochter Erika aus unserer Waschküche und knallte die Tür hinter sich zu. Ich hatte ihr eben gesagt, dass sie zu jung sei, um sich allein mit einem Jungen zu treffen.
Wenn ich ehrlich war, konnte ich es ihr nicht einmal verdenken. Die ganze Zeit war ich mit Kochen, Putzen,Wäschewaschen beschäftigt. Mein Sportgerät bestand aus Besen, Scheuerlappen und Staubtuch. Wenn ich „ausging“, dann bestenfalls auf den Markt, um Obst und Gemüse zu kaufen. Besonders romantisch war das nicht.
Während das Seifenwasser an der Waschmaschinen-Ladeluke hypnotisierende Kreise zog, dachte ich an die Zeit vor 20 Jahren: Ich war kaum älter als meine Tochter heute.Während ich auf meinen Auftritt im Weihnachtsstück des Schultheaters wartete, saß ich verträumt in einem Sessel und beobachtete heimlich Nono. Nono war ein Junge aus der Oberstufe, alle Mädchen himmelten ihn an.
Nono war schon seit einer Ewigkeit mit Jean befreundet. Ich seufzte betrübt – meine Liebe war aussichtslos. Ich sah mich als die tragische Heldin der Liebesromane, die ich abends heimlich im Bett las.
Ich spielte die Hauptrolle, und Nono war mein Kavalier. Es gab eine Kuss- Szene, die wir sehr überzeugend spielten. Jedes Mal setzte mein Herz für ein paar Schläge aus, wenn Nono mich zum Küssen an sich heranzog.
Der Regisseur riss mich aus meinen Träumen, als er Dam, Nonos Ersatz, an herrschte, er solle sich umziehen. Nono hatte sich erkältet und konnte an diesem Abend nicht spielen. Erst jetzt bemerkte ich Nonos entzündete Augen und die Triefnase, die gar nicht attraktiv wirkten.
Dann fiel mein Blick auf Dam, und ich überlegte, ob er dem Publikum mit seinem Kuss wohl die gleichen „Ohs“ und „Ahs“ entlocken könnte. Obwohl er beliebt war, hatte er bei Weitem nicht so viele Verehrerinnen wie Nono.
Die Aufführung verlief zuerst nach Plan: Niemand vergaß seinen Text, die Zuschauer klatschten an den richtigen Stellen. Dann sollte mir der Held durch einen Garten nachlaufen, mich einholen und zum Küssen in die Büsche ziehen.
Doch die Szene lief nicht ganz nach Drehbuch ab.
Ich lachte heiter und ausgelassen, während ich vorgab, vor meinem Geliebten davonzueilen. Doch statt mir zu folgen, hielt Dam plötzlich inne und starrte mich an.
Ich musste improvisieren, bis er mir schließlich nachlief. Wir erreichten den Felsen aus Pappmaché, und hinter dem Plastikbusch bezog ich Stellung für unseren Bühnenkuss. Dam drückte mich gemäß Drehbuchanweisung fest an sich. Ich hob mein Gesicht und lehnte mich zurück, damit er dem Publikum den Rücken zukehren und einen echten Kuss vortäuschen konnte.
Anstatt sich umzudrehen, küsste Dam mich mit der ganzen Leidenschaft, die Romeo für seine Julia empfunden haben mag. Ich stand da, und die ganze Schule sah dabei zu. Also schloss ich die Augen und gab vor, den Kuss zu erwidern. Ein paar Sekunden später war es sowieso vorbei.
Die „Ohs“ und „Ahs“ blieben nicht aus, ebenso wenig der Applaus, der so lang und heftig ausfiel, dass wir eine Weile warten mussten, bis wir weitersprechen konnten.
Beim Abschminken in der Garderobe versuchte ich, meine Gefühle zu ordnen. Dam hätte eine Ohrfeige verdient gehabt, und ich hätte böse auf ihn sein müssen, war es aber nicht. Ich drehte mich um und sah ihn an.
„Bitte entschuldige“, sagte er. „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“
Dann ging er davon. Ich war völlig durcheinander – allerdings nicht lange.
Zwei Wochen später „gingen“ wir miteinander, ein paar Jahre später feierten wir Hochzeit. Wenn das nicht romantisch ist, was ist es dann?
Bleiben Romantik und Leidenschaft bei einer Mutter, die ständig für ihre Familie sorgt, indem sie einkaufen geht, Wäsche wäscht, kocht, die Kinder zum Arzt fährt, auf der Strecke?
Plötzlich fühlte ich mit meiner Tochter. Am liebsten wollte ich alles stehen und liegen lassen, um zu Erika zu eilen und ihr zu beweisen, dass ich nicht emotionslos war.
Sie sollte wissen, dass ich mir für sie das gleiche Glück wünschte und dass ich den richtigen Zeitpunkt noch nicht für gekommen hielt. Dass der Zeitpunkt kommen würde, und wahrscheinlich dann, wenn sie am wenigsten damit rechnete, das wollte ich ihr sagen.
In dem Augenblick trat Dam ein. Er küsste mich sanft, nahm mir die Wäsche ab und sagte: „Geh ihr nach. Ich kümmere mich um das hier.“
Als ich in seine Augen sah, die mich seit über 20 Jahren jeden Morgen begrüßen und mir abends eine gute Nacht wünschen, stellte ich mir die Frage, wie ich Dam je für „durchschnittlich“ hatte halten können.
Mein Herz füllte sich mit Dankbarkeit, und ich gab ihm einen Kuss. Wenn das nicht romantisch ist …!
|
| ||||||
Kommentar abgeben
| Name* | |
| Email* | |
| Kommentar* | |

Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!


Weitersagen






