Die Mitte ist beliebt. Auf Parteitagen und in Yogaseminaren sucht man nach ihr, denn sie vermittelt Sicherheit und strahlt eine magische Kraft aus. Die Macht strebt stets zum Zentrum, denn dort ruht der Schwerpunkt des Seins... Atmen Sie tief und ohne Angst! Doch bevor Sie das Heft zuschlagen und sich auf die Suche nach Ihrer eigenen Mitte machen, möchte ich Ihnen eine einfache Frage stellen: „Wo genau liegt die geografische Mitte Deutschlands?“ Unser Land ist über Satellit erfasst und wurde per Laserstrahl genau vermessen. Die Antwort sollte eindeutig sein, oder?
Wenn Sie sich jedoch in der Gegend im Grenzgebiet zwischen Hessen, Thüringen und Niedersachsen umsehen, gibt es gleich mehrere Orte, die für sich in Anspruch nehmen, die Mitte Deutschlands zu sein.
Kurz nach der Wiedervereinigung sagte die Gemeinde Niederdorla in Thüringen: „Wir sind es!“ Eine Linde wurde gepflanzt, und eine Steinplatte hielt es fest. Man berief sich auf die Berechnungen von Dr. Ing. Karl-Heinz Finger. Dieser hatte bei Verwendung der offiziellen geografischen Koordinaten für die äußersten Grenzpunkte der Länder BRD und DDR die Koordinaten 51° 10´nördliche Breite, 10° 27´östlich Greenwich ermittelt. Genau hier lag der Schnittpunkt der Nord-Süd- und Ost-West- Linien der äußersten Grenzpunkte.
Obwohl die Methode einfach erscheint, erklärte Dr. Finger, dass man den Weg auch anders gehen kann: zum Beispiel über die Ermittlung des Schwerpunkts der Fläche Deutschlands. Da es keine zuverlässigen Daten aller Grenzpunkte unseres Landes gab, wählte er einen pragmatischen Weg: Er nahm die „Deutschland-Karte“ (Maßstab 1:3 Millionen) des Großen Reader’s Digest Weltatlas, 3. revidierte Auflage 1965, schnitt „Deutschland“ aus und klebte es auf. Dann balancierte er auf einer Spitze die Fläche aus, bis sie horizontal und damit der Mittelpunkt gefunden war. Er lag nun ungefähr 4,5 Kilometer südwestlich des ersten Wertes.
Doch wenige Jahre später versuchte sich der Lehrobermeister i. R. Norbert Glöckner: Er klebte eine Landkarte der Bundesrepublik Deutschland auf eine zwei Millimeter dicke Pappe. Dann schnitt er die Bundesrepublik in ihrem komplizierten Grenzverlauf mit genauer und zeitaufwendiger Laubsägetechnik aus. Er folgte dem Gesetz, dass die Lotkoordinaten unterschiedlicher Aufhängepunkte immer einen Punkt durchqueren: den Mittelpunkt! Und der lag nun in Silberhausen im Landkreis Eichsfeld.
Ein anderer, Dr. Burkhard Happ von der Pädagogischen Hochschule in Erfurt, zerlegte die Deutschlandkarte per Computer in 90 000 Bildpunkte. Anschließend wurde ein Koordinatensystem angelegt, und die Bildpunkte wurden gegengerechnet. Der so ermittelte Mittelpunkt entsprach nun plötzlich der Ortslage von Landstreit bei Eisenach!
„Deutschland ist nicht flach, sondern uneben!“, sagte sich Dr. Rainer Kelm vom Deutschen Geodätischen Forschungsinstitut in München. Diese Tatsache berücksichtigend, fand er eine weitere Mitte: Krebeck im Landkreis Göttingen. Ein großer Gedenkstein ziert den Ort!
„Unmöglich!“, sagen wiederum andere: Man kann es gar nicht bestimmen. Je nach Definition und Verfahren gibt es Unterschiede, und die Grenzen unseres Landes sind nicht überall eindeutig festgelegt: Beim Bodensee beispielsweise gibt es unterschiedliche Ansichten über den genauen Grenzverlauf. Und dann das Problem der vielen Nordseeinseln. Wenn man die exakt berücksichtigt, verschiebt sich alles Richtung Norden, und je nach Ebbe oder Flut schwankt die Mitte ebenfalls. Und dann muss man auch noch die Erdkrümmung berücksichtigen ...
Fazit: Auf die einfache Frage, wo nun die genaue Mitte Deutschlands liegt, gibt es keine einfache und schon gar keine eindeutige Antwort. Und wenn Sie sich nun aufmachen, Ihre eigene Mitte zu suchen, sollten Sie sich dessen bewusst sein: Es gibt viele Antworten!
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