DER TÄTER DARF NICHT SIEGEN

Als es nach den Schüssen das Signal gab, man könne die Schule räumen, bin ich in die Klassenzimmer hinaufgestürmt zu den Kindern, die dort eingeschlossen waren. Ich habe die vielen Toten gesehen. Was dabei in mir vorging, kann ich nicht beschreiben, das reicht für zwanzig Albträume. Ich habe das Erlebte noch nicht verarbeitet und kann darüber auch nur schwer reden. Die Schule betrete ich wieder täglich, allerdings nur den Verwaltungsbereich, die eigentliche Tat hat sich ja im dritten Stock abgespielt. Ich habe an viele Schüler eine Erinnerung, aber an diesen Amokläufer nicht. Ich habe ihm sein Abschlusszeugnis übergeben, und ich habe ihm sicher auch die Hand geschüttelt, unterrichtet habe ich ihn nie. Ich habe im Moment kein Bild von diesem Jungen in meinem Kopf, das liegt vielleicht auch an dem traumatischen Erlebnis. Aber wir werden niemals vergessen, was er getan hat. Gerade deshalb muss jeder für sich damit anfangen, ein Stückchen die Welt zu verändern. Und zwar, indem wir auf unseren Nächsten achten, zusammenrücken und zusammenhalten. Nächstenliebe, Toleranz und Verantwortungsbewusstsein, das erwarte ich von jedem Einzelnen, auch von den Institutionen, den Medien, der Politik. Jeder muss an seiner Stelle dafür sorgen, dass diese Werte wieder eine andere Rolle spielen. Das ist auch den Angehörigen der Opfer so wichtig, denn dieser Täter darf keinen Sieg davontragen. Wir müssen siegen.
Wir blicken nun in eine Zukunft, arbeiten an einer Normalität, die wir irgendwann hoffentlich wieder erreichen. Aber die wird eine andere Normalität sein.

 ES FÄLLT SCHWER ABZUSCHALTEN

Um 9.42 Uhr wurde ich von Kollegen alarmiert. Kurz nach 10 Uhr traf ich am Tatort ein. Zu dieser Zeit waren schon die ersten lokalen Pressevertreter da. Am Nachmittag und Abend fuhren dann Dutzende von TV Übertragungswagen vor der Realschule vor. Am Nachmittag bin ich auch selbst in das Schulgebäude gegangen. Natürlich war der Anblick der vielen Toten schlimm, aber ihn zu ertragen, das ist bei solchen Delikten eine traurige, notwendige Pflicht, um objektiv berichten zu können. Vom ersten Tag an wurden wir von bis zu sechs Kolleginnen und Kollegen aus anderen Polizeidirektionen unterstützt. Sonst hätten wir den Ansturm der Weltpresse nicht bewältigt. Trotzdem war ich bis zu 18 Stunden täglich im Einsatz. Tagsüber kamen wir nicht dazu, über die Tat nachzudenken. Wenn ich aber nachts nach Hause kam, fiel es mir schwer abzuschalten. Zum Glück war da meine Familie. Vor allem mit meinem Sohn, der ebenfalls Polizist ist, tauschte ich mich häufig aus. Ich kannte keines der Opfer persönlich. Trotzdem hat mich diese furchtbare Tat so mitgenommen, dass ich Hilfe in einem Gesprächskreis gesucht habe.

DER GLAUBE GIBT KRAFT

Ich gab gerade Religionsunterricht, als der Alarmruf aus Winnenden kam. Ich schickte meine Schüler nach Hause und setzte mich ins Auto. Was ich in den ersten Tagen in Winnenden erlebt habe, werde ich niemals vergessen. Dabei bin ich das elfte Jahr in der psychosozialen Notfallversorgung tätig und war schon bei etlichen Todesfällen im Einsatz.
Wir waren in Winnenden mit bis zu 200 ehrenamtlichen Kräften gleichzeitig vor Ort. Jeder Mensch reagierte anders.Manche weinten und benötigten stillen Trost, andere wollten erzählen,was sie erlebt hatten. Auch für die betroffenen Lehrkräfte war menschliche Nähe nach dem Massaker überlebenswichtig. Schließlich wurden ihnen die Kinder von den Eltern anvertraut. Dann kam plötzlich dieser Amokläufer ins Klassenzimmer und tötete ihre Schüler. Ich selbst war in den ersten Tagen nach der Tat ständig im Einsatz. Mein starker Glaube und die große Unterstützung, die ich von meinem sozialen Umfeld erhielt, halfen mir dabei. Irgendwann werden die schrecklichen Bilder aus Winnenden in den Köpfen der Menschen hoffentlich verblassen. Ganz verschwinden werden sie wohl nie.

DER ALLTAG STAND STILL

An jenem Vormittag war ich zu Hause und habe lange gar nichts von dem Amoklauf mitbekommen. Als ich gegen 10.30 Uhr mit dem Auto aus der Stadt fahren wollte,wunderte ich mich über den Verkehr. Alle Straßen waren verstopft. Plötzlich sah ich die Mutter eines Klassenkameraden meines Sohnes am Straßenrand stehen. Sie sah so verstört aus, dass ich sofort wusste: Irgendetwas Schlimmes ist passiert. Durch sie habe ich von dem Amoklauf erfahren. Ich wollte sofort zur Schule fahren, wurde aber an einer Straßensperre gestoppt. Nun fielen mir auch die Hubschrauber auf und die vielen Polizisten. Ich wusste nicht einmal, ob der Täter noch in der Schule war und wie es meinem Kind ging. Nach der ersten Schrecksekunde und dem Gedanken „Das kann doch überhaupt nicht sein“ liefen plötzlich die Tränen. Sie liefen und liefen, und ich hatte schreckliche Angst. Die Zeit, bis ich Gewissheit hatte, erschien mir unendlich lang. Irgendwann habe ich das Auto einfach in den Acker gestellt und bin losgerannt. Im Wunnebad konnte ich dann mein Kind unversehrt in die Arme nehmen. Da wusste ich noch gar nicht, dass es Tote gegeben hatte. Mein Sohn war sehr, sehr aufgeregt, da er im Klassenzimmer nebenan die furchtbare Tat mitbekommen hat. Natürlich wollte ich ihn zuerst wie eine Glucke beschützen, aber er verarbeitete die Situation in den Tagen darauf am liebsten mit seinen Freunden. Die Jungs suchten den engen Kontakt untereinander, so konnten sie viel offener darüber reden. Die ersten Tage war ich wie gelähmt. Man fühlt sich körperlich zerschlagen. Der Alltag stand still, man will begreifen und kann es nicht. Unter alle Vorwürfe und Trauer mischte sich auch Mitgefühl für die Familie des Täters. Sie hat ebenfalls ein Kind verloren - und sie muss mit der Schuld fertig werden. Ich für mich habe beschlossen, in Zukunft genauer hinzusehen, was für Computerspiele mein Sohn spielt. Man muss ja immer bei sich selbst anfangen, bevor man über andere urteilt.

NUR DIE KINDER ZÄHLEN

Ich kenne den Vater von Tim K. nicht, nur Mutter und Schwester. Die Schwester ist mit meiner Tochter in die Grundschule gegangen. Dennoch sind die Eltern für mich fast die Hauptschuldigen. Der Vater hat eine Waffe einfach so herumliegen lassen und seine Aufsichtspflicht sowohl hinsichtlich der Waffe als auch hinsichtlich seines Sohnes verletzt.Und er hat Tim mit in den Schützenverein genommen, ihn an der Waffe üben lassen. Meine Tochter Jana ist durch einen Schuss in den Hinterkopf hingerichtet worden, ihre zwei Freundinnen auch. Mit diesen Bildern vor Augen bin ich bereit zu kämpfen. Ich hoffe, dass sich durch die wahnsinnige Qualität dieser Tat etwas verändert. Wir haben in Deutschland recht gute Gesetze, aber man muss beispielsweise die Altersbegrenzungen für Killerspiele auch einhalten. Daher will ich Eltern sensibilisieren, dass sie auf ihre Kinder aufpassen.Dass sie nachfragen: Was spielst du da auf dem PC? Mein Leben ist über den Haufen geworfen, und es wird nie wieder so sein wie früher. Deshalb bin ich auch an die Öffentlichkeit gegangen, das ist meine Art, die Trauer zu verarbeiten. Ich möchte den Eltern sagen: Die Kinder sind das Einzige, was im Leben zählt. Mein größter Wunsch ist, dass so etwas nie mehr passiert. Nie wieder.

Spenden: Mit weiteren betroffenen Eltern will Hardy Schober ein Aktionsbündnis – AmoklaufWinnenden – gründen.
Spendenkonto-Nr. 194859502, BLZ: 67240039, Commerzbank Heidelberg

EINE STADT IN SCHOCKSTARRE

Ich bin seit 35 Jahren Schulpsychologe, aber das ist der schrecklichste Vorfall inmeiner bisherigen Laufbahn. Hier ist nicht nur eine Schule betroffen, sondern eine ganze Stadt. Nach der Schockstarre, die das Massaker ausgelöst hat, sollten die Schüler wieder behutsam an den Schulalltag herangeführt werden. Zunächst haben wir einen offenen Unterricht in Gemeinde- und Sporthallen angeboten, wo die Kinder unter der Aufsicht von Lehrern und psychologischen Fachkräften in Gruppen reden, spielen oder Sport treiben konnten. Fast 90 Prozent nahmen dieses Angebot gleich am ersten Tag an. Manche Schüler der Realschule, die ja die Klassenstufen 5 bis 10 umfasst, konnten sogar schon wenige Tage nach dem Amoklauf wieder lachen. Solche Gefühlsregungen bedeuten jedoch nicht, dass das Erlebte verarbeitet ist. Ich rechne damit, dass etwa ein Viertel der betroffenen Schüler eine Betreuung über mehrere Monate benötigt. Es sind aber auch Jugendliche darunter, bei denen sicherlich eine langjährige Psychotherapie notwendig wird. Dies betrifft vor allem Schülerinnen und Schüler, die schlimmste Szenen des Massakers miterlebten. Auch für die Lehrkräfte standen von Anfang an psychologische Betreuungsangebote bereit. Das Ziel unserer Bemühungen ist, die durch die Traumatisierung veränderte Wahrnehmung der Umwelt, der Schule und der eigenen Situation wieder ins Lot zu bringen. Für die Angehörigen der betroffenen Schüler haben wir ebenfalls eine klare Botschaft: Sie sollen zuhören, ohne ihre Kinder auszuquetschen, da sein, aber auch Spielräume lassen. Natürlich war und ist die Arbeit in Winnenden eine große seelische Belastung. Ohne einen befreundeten Schulpsychologen, der kurzerhand bei mir eingezogen ist, wäre auch ich nicht über die Runden gekommen.

Protokolle: Frank Erdle, Dorothee Fauth, Michael Kallinger

 

 

 

Das Massaker von Winnenden aus der Perspektive von sechs Menschen, die mit den Folgen dieser Tat leben lernen müssen

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