Es ist schlimm. Schlimmer, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ich halte das nicht mehr aus. Ich bin so müde, und dabei ist von meinem sechsmonatigen Ausbildungsabschnitt auf einer chirurgischen Station erst eine Woche vorbei. Aber ich bin selbst schuld – ich hatte ja als Berufswunsch "Medizin" angegeben. Hätte ich doch bloß "Medien" angekreuzt!
Nach sechs Jahren Studium, in denen ich nie eine Nacht durcharbeiten, nie eine Entscheidung treffen und nie eine Schmerztablette verordnen musste, bin ich jetzt Arzt. Und ich habe Angst.

In unserer Klinik arbeiteten zwei Chirurgen-Teams, bestehend aus jeweils zwei Consultants (in etwa die Entsprechung des Chefarztes), einem Registrar (im vorliegenden Fall eine Frau, in Deutschland die Oberärztin), einem Senior House Officer (entspricht einem Assistenzarzt) und zwei Junior House Officers, das sind wir Jungärzte (noch im Praktikum). So ein Team nennt sich „firm“, also eine Firma, auch wenn es in dieser „Firma“ offensichtlich Spannungen gab. Man sah nämlich mit einem Blick, dass der Assistenzarzt und die Oberärztin nicht miteinander auskamen. Noch deutlicher sah man, dass auch die beiden Chefärzte und die Oberärztin nicht miteinander konnten.
Meine Kollegin Supriya und ich wurden dem Team von Mr. Butterworth und Mr. Price zugeteilt. Wenigstens bekam ich nicht Mr. Grant, der in dem Ruf steht, ein wahres Ekelpaket zu sein. Den bekam Ruby, mit der ich die Wohnung teile. Diesmal hatte sie den Kürzeren gezogen. Nach dem Medizinstudium mit Ruby, die es immer irgendwie schaffte, auf die Füße zu fallen, fragte ich mich, wie sie das wohl wieder hinkriegen würde.
Und tatsächlich: Wie Manna vom Himmel erschien ihr zweiter Chefarzt, und sämtliche weiblichen Wesen auf der Station verdrehten die Hälse. Krankenschwestern sanken in Ohnmacht. Er schien der Frauentraum zu sein.
"Hallo, Sie müssen die neue Praktikantin sein", sagte er, wobei er ihr mit einem Auge zuzwinkerte und affig seinen schwarzen Haarschopf zurückwarf. Er betrachtete Ruby von oben bis unten. "Bin den ersten Tag aus dem Skiurlaub zurück. Gibt nichts Schöneres, als mit Skiern über jungfräulichen Neuschnee zu gleiten."
Ich wandte mich angewidert ab, als Ruby wimpernklimpernd murmelte: "So gut wie Sie bin ich sicher nicht", worauf ihr der Frauentraum noch einmal zuzwinkerte, bevor er entschwebte. Wie ich Chirurgen hasste!
Die beiden Chefärzte entschwanden mit Daniel, dem pausbäckigen Assistenzarzt, und überließen es Sue, der Oberärztin, uns zu erklären, was wir zu tun hätten. Die Frau war ein Eisberg. Gerüchten zufolge hatte sie einmal Tierärztin werden wollen, aber die Prüfungen nicht geschafft. Ihre Liebe zum Vieh erstreckte sich offenbar nicht auf Jungärzte. "Ich bin nicht Ihr Freund, ich bin Ihre Oberärztin. Wenn Sie mir keinen Ärger machen, mache ich Ihnen auch keinen", begann sie. Das konnte ja heiter werden.
Als wir zu unserer ersten Visite antraten, stellten wir fest, dass Sue schon halb durch war. Keine freundliche Begrüßung. Supriya taufte sie Trauerkloß, weil sie offenbar zum Lachen in den Keller ging. Den ganzen Nachmittag liefen wir wie Angehörige eines verirrten Stammes umher und stolperten ständig über andere Jungärzte. Wie meldet man eine Röntgenaufnahme an? Wie kommt man mit einem Beschäftigungstherapeuten in Kontakt? Was macht der überhaupt? Es war einfach niemand da, den man fragen konnte.
Die Pflegerinnen und Pfleger, die das wohl alles schon kannten, nahmen unsere Unwissenheit gelassen hin und sagten uns einfach, was wir tun sollten: Unterschreiben Sie das hier. Können Sie sich diesen Patienten noch mal ansehen? Dieser OP-Termin ist noch zu klären.
Es war alles zu viel. Ich ging ins Ärztezimmer und schloss die Tür. Ruby kam hinter dem Aktenschrank hervor. "Patienten, Pfleger, Ärzte – die lassen einen wohl nie zur Ruhe kommen, wie?", meinte sie. Ein paar Minuten später kam Supriya hereingestürzt. "Wenn mir jetzt noch mal einer eine Frage stellt, auf die ich seiner Meinung nach eine Antwort weiß, schreie ich."
"Ich weiß, wie dir zumute ist", antwortete Ruby, "aber hier drinnen sind wir wohl für kurze Zeit sicher." Da piepste ihr Funkrufempfänger.
Man nennt das Ding liebevoll "Piepser", weil es von frühmorgens bis spätabends – und dann noch die ganze Nacht lang – nichts anderes tut als piepsen. Damit symbolisiert es die Angst vor dem Unbekannten. Man wählt die im Display angezeigte Nummer, ohne zu ahnen, welche Antwort nun wieder von einem erwartet wird. Es ist wie in manchen Quizsendungen, nur ohne Aussicht auf Gewinne.
Am Ende eines Monats hatte ich keine Toten zu beklagen. Allerdings hatte ich auch keine Patienten im Stil heldenhafter TV-Ärzte gerettet.

Mrs. Sherridan ist mit unbestimmten Leibschmerzen zu uns gekommen, und wir können nicht sagen, was ihr fehlt. Ohne ein einleitendes Wort zieht Mr. Butterworth, der keinerlei Umgangsformen hat, das Laken von ihrem Bett und betrachtet ihren entblößten Leib, während ich verzweifelt versuche, die Vorhänge um sie herum zuzuziehen, und zugleich mit dem Aktenwagen kämpfe. Er drückt auf dem Bauch herum und brummt: "Endoskopie ohne Befund. Entlassen." Und schon ist er unterwegs zum nächsten Bett. Ich werfe Mrs. Sherridan ein abbittendes Lächeln zu und eile ihm nach.
Ein paar Stunden später bittet mich eine der Schwestern auf die Station. "Mrs. Sherridan möchte gern mit einem Arzt sprechen." Als ich hinkomme, ist sie den Tränen nah. Sie ist nicht die Einzige. "Ich weiß nicht, was los ist, Herr Doktor", sagt sie. "Was hat der Chefarzt gesagt?Was fehlt mir?" Ich antworte ihr nicht, dass ihre eigenen Mutmaßungen so viel wert sind wie meine, und verstecke mich hinter dem Freund des Arztes: Fachchinesisch. "Mrs. Sherridan, wir haben wirklich alles untersucht und nichts gefunden. Daraus schließen wir, dass Sie eine virale Gastroenteritis hatten, die Ihr Körper besiegt hat, während Sie sich hier im Krankenhaus ausruhen konnten, also dürfen Sie jetzt beruhigt nach Hause gehen", erkläre ich ihr. Ich lasse noch ein paar medizinisch klingende Ausdrücke für "viel Glück" fallen und gebe die Empfehlungen zum Obst- und Gemüseverzehr an sie weiter, die ich beim Frühstücksfernsehen aufgeschnappt habe.
"Vielen Dank, Herr Doktor." Ich gehe und lasse sie ihre Sachen packen. Wieder eine zufriedene Patientin.

"Das ist Ihre letzte Chance", warnt mich Mrs. Miles. Ich schwitze, meine Hände flattern. Es ist drei Uhr morgens, und wir würden beide gern etwas schlafen, aber vorher muss ich ihr noch eine Kanüle in den Arm setzen. Für alle Glücklichen, die so etwas noch nie erleben mussten: Es handelt sich um eine dünne Hohlnadel, die in eine Vene gestochen wird, damit Flüssigkeiten oder Medikamente direkt ins Blut gelangen können. So weit die Theorie. Die Schwierigkeit ist, das Ding überhaupt in die Vene einzuführen. Ich stochere seit 20 Minuten in Mrs. Miles’ Rollvenen herum.
"Gibt’s hier sonst niemanden, der das machen könnte?", fragt sie zum viertenMal, und weiter, flüsternd: "Einen vielleicht, der sein Handwerk versteht?" Endlich klappt es, und eigentlich bin ich recht zufrieden mit mir.
Zwei Tage später wird sie, von ihrer Pankreatitis geheilt, von Mr. Butterworth entlassen, der plötzlich losdröhnt: "Sind Sie Alkoholikerin?"
"Wie bitte?", faucht sie.
Er ignoriert sie. "Wahrscheinlich Gallensteine. Was sagt der Ultraschall?", fährt er fort, wobei er den Trauerkloß, die Oberärztin, ansieht, die den Assistenzarzt ansieht, der Supriya und mich ansieht. "Äh", antworten wir im Chor und eilen, den Befund herbeizuschaffen. Aber da ist Mr. Butterworth schon weitergegangen.
Nach der Visite winkt Mrs. Miles mich zu sich. Ich bin gerührt. Offenbar ist sie eine dankbare Seele. "Ich möchte Ihnen etwas zeigen", sagt sie. Ich nehme an, dass es ein Brief an die Königin ist, in dem sie meine Erhebung in den Adelsstand vorschlägt, und denke mir insgeheim schon eine Antwort aus: "Nicht doch. Mein schönster Dank sind die Gesichter meiner Patienten, wenn sie wieder wohlauf sind." Sie krempelt den Ärmel hoch.
"Sehen Sie her. Das ist Ihr Werk! Sie haben mir das angetan!", schreit sie, während sie auf den großen purpurroten Bluterguss deutet, der sich an ihrem Unterarm breit macht. "Sie sind mir ein schöner Arzt!"

Die Gerüchte, die ich über Ruby und den Frauentraumgehört hatte, mussten wahr sein. Eben hatte er ihr einen Klaps auf den Po gegeben. Ich stand am anderen Ende der Station und wollte nicht glauben, was ich gesehen hatte. Es war ja eigentlich weniger ein Klaps als so ein ausgedehntes Tätscheln, das nur in einem kleinen Klaps endete. Und Ruby lächelte ihn an, während sie über den Korridor tänzelte. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Ahnen konnte man es ja schon: Sie legte neuerdings Lippenstift auf, und nun hatte sie sich auch noch die Haare blond gefärbt. Sollte ich sie warnen? Ihr sagen, dass er nichts taugte? Eine seiner Sekretärinnen hatte mir erzählt, dass er es mit jeder halbwegs ansehnlichen Jungärztin so machte, bis es ihm irgendwann langweilig wurde.

Mr. Fisher kommt vor Schmerzen brüllend in die Notaufnahme. Er hat einen Klumpen in der Achselhöhle, dick, heiß und rot. "Das Ding bringt mich um, Doktor! Ich glaube, ich sterbe!"
So reagieren junge Männer, wenn sie mal was haben. Ich will ihm einen Platz in der chirurgischen Ambulanz organisieren, damit man ihm den Furunkel dort aufschneidet, aber es ist nichts frei. Während ich es dem Trauerkloß mitteile, mache ich mich bereit, in Deckung zu gehen, falls sie das mir in die Schuhe zu schieben geruht.
"Das können Sie hiermachen", sagt sie, ohne hochzublicken.
"Entschuldigung, wer soll das hier machen?", frage ich in der Annahme, mich verhört zu haben.
"Sie."
Ich schlucke. "Aber ich habe das noch nie gemacht", wende ich, von Panik ergriffen, ein. Dieses Gefühl des Grauens, das mir schon so vertraut geworden ist, packt mich wieder.
"Gut, ich assistiere Ihnen. Es wird doch Zeit, dass Sie praktische Erfahrung in der Chirurgie sammeln." Sie lächelt! Ich halte mich an einem neben mir stehenden Herzmonitor fest, um nicht vor Schreck in Ohnmacht zu fallen.
Während der nächsten Viertelstunde steht der Trauerkloß hinter mir, leitet mich an und spricht mir Mut zu, während ich den Einschnitt mache. Es ist ekelhaft, aber es gibt andererseits nichts Befriedigenderes, als einen Furunkel aufzuschneiden.
Nach Tee und Keksen steht der Mann auf, bedankt sich bei mir und geht. Es gibt Momente, da liebe ich diesen Beruf. Und es gibt Momente, da kann ich sogar den Trauerkloß leiden.

Gute Planung gehört zu den Dingen, die Leute auf ihren Bewerbungsformularen unter "Stärken" ankreuzen. Jeden Morgen plante ich meine Zeit mit militärischer Präzision, aber dann ging der ganze Plan in die Binsen, wenn im Lauf des Tages immer mehr Dringliches auftauchte, was noch zu erledigen war, bevor ich gehen konnte. Erschwert wurde dieses Problem dadurch, dass in einem Krankenhaus, obwohl Zeit dort so kostbar ist, alles doppelt so lange dauert, wie es sollte. Formulare mussten in dreifacher Ausfertigung ausgefüllt werden, Röntgenaufnahmen gingen verloren, Patienten kamen zu spät.
Ich bin den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, als eine Pflegerin mich bittet, nach Mrs. Feathers zu sehen. Sie soll entlassen werden, hat aber noch ein paar Fragen. Ich stöhne. Ich werde auch so schon Überstunden machen und muss mir jetzt in Erinnerung rufen, dass ich Arzt geworden bin, um Menschen zu helfen, nicht, um den ganzen Tag Formulare auszufüllen.
Ich trete an Mrs. Feathers’ Bett. Ihr wurde wegen Krebs die linke Brust amputiert. "Der Chefarzt schien mit der Rekonstruktion ja recht zufrieden zu sein, aber …" Ihre Stimme versagt. Ich ziehe die Vorhänge um ihr Bett zu und setze mich. "Es geht um meinen Mann", fährt sie fort. "Es tut mir leid, dass ich Ihnen mit so etwas die Zeit stehle, aber – es ist einfach so, er kann sich das nicht ansehen." Ich spüre einen Kloß im Hals. "Würden Sie einmal mit ihm reden, Doktor?"
Wenig später trifft Mr. Feathers ein, und ich schlage ihm vor, mit mir auf ein Tässchen Tee in die Cafeteria zu gehen. Wie ich ihm dort gegenübersitze, kann ich nichts tun, was die Zeit zurückdrehen würde. Und ich weiß, dass er das weiß. Was er braucht, ist jemand, der ein paar Minuten Zeit für ihn hat. Auch wenn die Operation erfolgreich gewesen war, für Mr. Feathers sind die Narben eine Erinnerung daran, dass seine Frau Krebs hatte, dass sie fast daran gestorben wäre und er nicht die Macht hatte, sie zu retten. Das bedeutet für ihn, dass nichts wieder so sein wird wie früher.
Als wir unser Gespräch beenden, sollte ich längst schon auf dem Heimweg sein. Aber mit Mr. Feathers zu reden ist viel wichtiger gewesen als das Ausfüllen von Formularen. Während er bei den Pflegern die Schmerztabletten für seine Frau abholt, verabschiede ich mich von Mrs. Feathers.
"Danke, Herr Doktor. Es hat ihm gut getan, mit Ihnen zu reden, das weiß ich. Es wird sich alles wieder einrenken, aber so etwas braucht Zeit", sagt sie. Ich nicke und gehe fort, um meine restlichen Arbeiten zu erledigen, bevor ich endlich heimgehen kann.

Anders als Ruby und Supriya hatte ich nicht die Absicht, Chirurg zu werden. Man muss ein bestimmter Typ sein, um es in der Chirurgie zu etwas zu bringen: In dieser Welt gibt es immer nur zwei Möglichkeiten – schneiden oder nicht schneiden. Dass Mr. Butterworth ein guter Chirurg war, lag genau daran, dass er sich nicht gut auf den Umgang mit Menschen verstand. Er sah Knoten und Schwellungen, keine Persönlichkeiten. Er besaß die unerschütterliche Fähigkeit, ruhig zu bleiben, alles Chaos ringsum zu ignorieren und seine volle Aufmerksamkeit seiner Aufgabe zu widmen.
Es ist mein vorletzter Tag auf der Chirurgie, bevor der nächste Halbjahresabschnitt meiner Ausbildung beginnt. Nach der Visite nimmt mich der Trauerkloß beiseite. "Sie sollten noch eine richtige Operation mitmachen. Ich habe Mr. Butterworth gesagt, dass Sie ihm heute assistieren werden."
Ich versuche zu widersprechen, aber da ist sie schon weg. Zwei Stunden später stehe ich im OP, und der Schweiß rinnt mir von der Stirn. Ich blicke auf meine ausgestreckten Arme hinab, während Mr. Butterworth irgendjemandes Innereien auf ihnen ablegt. "Stillhalten!", donnert er, während ich mich verzweifelt bemühe, nichts auf den Boden fallen zu lassen.
Ich bin in der Zwickmühle. Und außerdem vollkommen versteinert. Ich möchte in Ohnmacht fallen, aber es ist nicht nur Stolz, der das nicht zulässt – es ist die Vorstellung, dabei unter ein paar Meter Gedärm zu geraten. Meine Arme beginnen zu schmerzen. Jetzt tun mir auch die Schultern weh. Und dann geschieht, Stückchen für Stückchen, das Undenkbare.
Meine Chirurgentracht rutscht mir von den Hüften. Ich fühle, wie meine Hose sich allmählich von mir verabschiedet. Ich spreize meine Beine ein wenig, damit sie knapp unter meinen Hüften hängen bleibt. Aber schon rutscht sie wieder ein Stückchen.
"Zappeln Sie nicht so herum", knurrt Mr. Butterworth, ohne aufzusehen, die Hand tief in der Bauchhöhle des Patienten. Ich zucke zusammen. Die Innereien bewegen sich, einem Knäuel rosafarbener Riesenwürmer gleich, langsam auf meinen Armen. Ich spreize die Beine noch etwas und verharre so schwitzend eine Stunde. Ich werde nie Chirurg werden. Mr. Butterworth hätte an meiner Stelle die Hose einfach hinunterrutschen lassen. Wahrscheinlich hätte er es nicht einmal gemerkt. Das nenne ich Konzentration.

Mein nächster Ausbildungsabschnitt war aufgeteilt zwischen Kardiologie und Betreuung älterer Menschen, wie es jetzt politisch korrekt anstelle von Geriatrie heißt. Ruby war auf der Leberstation. "Nichts als Säufer", klagte sie. "Ich weiß, dass man das nicht sagen soll, aber muss man 15 Jahre lang täglich zehn Dosen Starkbier trinken?"
Als Arzt bekommt man viele Krankheiten zu sehen, die auf ungünstige Umstände oder einfach Pech zurückzuführen sind. Niemand möchte freiwillig Krebs oder Parkinson oder eine Blinddarmentzündung bekommen. Aber es gibt Krankheiten, bei denen man die Schuld leichter zuordnen kann, und alkoholbedingte Leberleiden gehören dazu. Einige von Rubys Patienten waren so abhängig, dass sie die alkoholgetränkten Desinfektionstupfer auslutschten.
Man mag von Ärzten zu Recht verlangen, bei der Behandlung von Patienten neutral zu bleiben, aber manche medizinischen Entscheidungen haben moralische Aspekte. Wer soll die Spenderleber erhalten? Die Mutter, die sich schuldlos eine Hepatitis zugezogen hat, der Ex-Drogenabhängige, der sie sich durch eine verunreinigte Nadel geholt hat, oder der Alkoholiker, der vielleicht trocken bleiben wird?
"Einer der Vorteile, die man als Jungärztin hat, ist der, dass man solche Entscheidungen nicht treffen muss", sagte Ruby, unmittelbar bevor ihr Piepser ertönte. Die Leberstation teilte ihr mit, dass ein Patient sich alle Schläuche gezogen hatte und entlassen werden wollte, um in den Pub zu gehen.
Als wir eines Mittags in der Cafeteria in der Schlange vor der Kasse standen, sah Ruby den Frauentraum mit ein paar Krankenschwestern an einem Tisch sitzen, also nahm sie ihr Tablett und ging hin. Gerade wollte sie Platz nehmen, da erhob er sich zum Gehen, warf ihr noch ein beiläufiges Lächeln zu und entfernte sich.
Ruby errötete, setzte sich dann zu mir, und wir verloren kein Wort über den Vorfall. Während wir über unsere neuen Praktika sprachen, warf Ruby plötzlich ein: "Du glaubst doch nicht, dass er sich meiner schämt, oder?"
"Nein, das glaube ich nicht", sagte ich wahrheitsgemäß. Ich vermutete, dass er sie einfach satt hatte. Schämen sollte er sich wohl – aber für sich selbst.
Im Lauf der Woche erfuhr ich, dass er verheiratet war. Ich raffte allen Mut zusammen und sagte es Ruby, die mich nur auslachte. "Damit du es weißt: Er hat mir gesagt, dass er verheiratet ist. Und er wird sich scheiden lassen. Alles klar? Dann wäre ich dir dankbar, wenn du dich um deine eigenen Angelegenheiten kümmern würdest." Das Klima zwischen uns wurde frostig.
Einmal musste es passieren. Ich hatte Bereitschaft und machte einen großen Fehler. Ich übersah eine Lungenembolie – ein Blutgerinnsel in der Lunge –, einen normalen, aber oft tödlichen medizinischen Notfall. Aufgrund meines Versagens war das Leben einer Frau bedroht. Ich ging nach Hause und setzte mich, den Tränen nah, mit bebenden Händen in die Küche. Wenn ich das nächste Mal einen Fehler machte, würde womöglich jemand sterben. Konnte ich mit solchem Wissen diesen Beruf weiter ausüben?
Wie durch ein Wunder bot sich mir ein Ausweg. Jemand hatte meinen Namen an einen Management-Berater namens Simon weitergegeben, der meinte, ich könne als Kollege von ihm Karriere machen. Ich würde dann in der gesundheitsdienstlichen Abteilung eines Unternehmens arbeiten und den Staatlichen Gesundheitsdienst (NHS) beraten, wie er Geld sparen könne.
Er bot mir ein Spesenkonto, eine Kreditkarte und einen Dienstwagen – und ein Leben am Schreibtisch. Mir kamen Zweifel an meinen Zweifeln.

Ich hatte ein Vorstellungsgespräch in dem Krankenhaus, in dem ich mich um Arbeit in der Psychiatrie beworben hatte. Man bot mir eine Stelle an. Ich akzeptierte.
Ruby hatte ihren Ausbildungsplatz in einer orthopädischen Klinik in London bekommen, und wir feierten in unserer Lieblingsbar. Plötzlich wurde Ruby ganz still und schaute starr zum Fenster hinaus. Ich folgte ihrem Blick und sah eine Frau von Ende Dreißig mit langem, zurückgekämmtem Haar. Ein Mann strich ihr mit der Hand über den Bauch und küsste sie in den Nacken. Worauf der Frauentraum seiner hochschwangeren Gattin ins Auto half und losfuhr. Ruby weinte. "Er hat mich zum Narren gehalten. Ich war nur eine neue Kerbe in seinem Bettpfosten, und alle außer mir haben es gewusst."
Obschon wir in unserem Berufsalltag schreckliche Dinge zu sehen bekommen und für unser Los dankbar sein sollten, tun unsere eigenen kleinen Tragödien doch weh.

In den letzten acht Wochen meines Jungarzt-Daseins hatte ich auch Dienst auf der Notfallstation. Dorthin kamen von der Notaufnahme alle Patienten, die weiterer Behandlung oder Beobachtung bedurften. Für unsereinen war das die Hölle. All die Dinge, die man als Student nicht so richtig kapiert hatte, holten einen spätestens hier wieder ein. Und das Arbeitstempo war zehnmal schneller als auf anderen Stationen.
Es ist zwei Uhr nachts. Mrs. Doyles Beine stellen mich vor ein Rätsel. Auf ihrem Krankenblatt steht nur: "Schmerzen und Ausschlag an den Beinen." Leider haben wir im Studium die Beine zwei Wochen vor Weihnachten durchgenommen, als ich Einkäufe machte und auf Partys ging. Beim Thema Dermatologie war es ähnlich.
Mrs. Doyle behauptet, ein Medium zu sein, und teilt mir mit: "Schon sehr bald wird Ihr Leben sich ändern."
"Schlafen inbegriffen?", frage ich.
Ich weiß nicht, was mit ihren Beinen ist, aber ich konnte alles Lebensbedrohliche ausschließen. Am nächsten Morgen betrachtet der Chefarzt Mrs. Doyles Beine und dröhnt: "Ah, ein klassischer Fall."
Jetzt wird man also meine Unwissenheit durchschauen. "Ja, äh... nicht wahr?", stammle ich.
Mrs. Doyle rettet mich. "Phlebitis", sagt sie. "So haben Sie es doch heute Nacht genannt, nicht wahr?", fährt sie mit einem Augenzwinkern in meine Richtung fort. Ich habe nichts dergleichen gesagt und werde verlegen.
"Ah, sehr gut, genau das habe ich auch gerade gedacht", behauptet der Chefarzt. Die Frau hat wirklich übersinnliche Kräfte. Ich schaudere. Aber dann flüstert Mrs. Doyle mir zu: "Meine Schwester ist Allgemeinärztin. Die habe ich heute früh angerufen, und sie hat gesagt, dass es Phlebitis ist. Unser kleines Geheimnis, ja?"
Nach der Visite will ich noch einmal zu Mrs. Doyle gehen und ihr sagen, wie dankbar ich ihr für ihre Hilfe bin, aber da ist sie schon fort. Und doch bin ich sicher, dass sie es weiß.

Ich habe die Szene in der Cafeteria nicht selbst gesehen, mir aber von zuverlässigen Personen darüber berichten lassen. Ruby kam zufällig in der Schlange gleich neben den Frauentraum zu stehen. Er fragte sie, warum sie seine Anrufe nicht erwidere, worauf ihn Ruby über unsere Entdeckung aufklärte. Er versuchte zu leugnen.
Peinlich berührt ob dieser Bloßstellung an so einem öffentlichen Ort, wandte er sich an die Kassiererin und sagte etwas über Ruby und Hormone. In dem Moment bekam Ruby eine extra große Portion Auberginenauflauf gereicht. Den Zeugen zufolge stürmte daraufhin der Frauentraum, gedemütigt und mit Auberginenauflauf verziert, laut fluchend aus der Cafeteria.

Mein Praktikantenjahr ging zu Ende. Ich hatte noch nie so schwer gearbeitet und war mit so wenig Schlaf ausgekommen. Aber es war auch wunderbar. Ich habe Menschen in ihren intimsten, persönlichsten Momenten erlebt. Ich habe Menschen die Hand gehalten, während sie starben, und manche Tragödie mit angesehen, und doch habe ich von da die glücklichsten Erinnerungen mitgenommen, die ein Mensch sich nur erhoffen kann. Ach ja, und Kanülen setzen kann ich jetzt auch.
Ich schloss noch die Übergabeberichte für die Ärzte ab, die am nächsten Morgen ihren Dienst antraten, und legte meinen Piepser auf den Schreibtisch. Ruby kam herein und fragte: "Bist du bald fertig?"
Wir verließen die Station und gingen durch die Notaufnahme. In einer der Nischen erbrach sich jemand, und es kam uns seltsam vor, dass es uns nichts mehr anging.
Bei der Bushaltestelle angekommen, sahen wir uns an und lächelten. Kaum zu glauben, aber es war schon vorbei.

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1 Kommentare

Conte on 31 August 2010 ,09:31

Es gibt sehr viele Ratgeber in den unterschiedlichsten Fachrichtungen der Berufswahl und der Karriere. Ich finde dies hervorragend, vor allem dann, wenn jemand einen Beruf erlernt und diesen mit Freude ausüben kann. Jedoch, was macht den Menschen zu schaffen, welche nicht das Glück hatten, bzw. sich für den falschen Beruf entschieden und heute unglücklich darin agieren? Hierfür sollte es auch einen Ratgeber geben. Nur wo finde ich so etwas? Wie kann ich mich da weiterentwickeln und doch mich selbst bleiben? Es gibt dafür geeignete Literatur, da bin ich mir ganz sicher.

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