Drama auf dem Dach der Welt
In der höchsten Gebirgswand der Erde gerät der slowenische Kletterer Tomaz Humar bei einem Wettersturz in tödliche Gefahr. Zwei pakistanische Luftwaffenpiloten riskieren alles um ihn zu retten
Von JOHN DYSON
Klack! Im dichten Schneegestöber schlug Tomaz Humar zwei Eispickel in die gefrorene Felswand. Keuchend zog er sich einen Viertelmeter weiter nach oben. Unter seinen nagelbewehrten Stiefeln fiel eine Wand aus Eis und Felsen knapp 3000 Meter tief ab. Noch rund 2000 Meter waren es bis zum Gipfel. Der in seiner slowenischen Heimat als Held gefeierte Humar befand sich auf einer Solobesteigung der höchsten Gebirgswand der Welt. Viele Bergsteiger waren am 8125 Meter hohen Nanga Parbat im westlichen Himalaja in Pakistan schon umgekommen. Auch Reinhold Messners Bruder Günther kehrte einst von einer Tour auf den sogenannten „Todesberg“ nicht zurück. In den Mittagsstunden des 3. August 2005, dem dritten Tag von Humars Tour, donnerten Felsbrocken, Schnee und Eis über ihn hinweg. Statt des angekündigten Frostwetters zog ein warmer Monsunwind über den Berg und schmolz das Eis. Alle paar Minuten gingen Lawinen ab. Humar musste Schutz suchen. Zentimeterweise zog er sich über das Eis, bis er einen senkrechten Schneerücken erreichte. Mit dem Eispickel hackte er einen Hohlraum, knapp halb so groß wie ein Sarg, hinein. Dann befestigte er mit Eisschrauben ein Sicherungsseil im Eis an der Höhlenrückwand, hakte es an seinen Klettergurt und zog die Knie unters Kinn. Der 36-Jährige rechnete sich aus, dass er mit nur einer Mahlzeit pro Tag – ein Energieriegel, eine Scheibe Schinken und eine kleine Tasse Suppe jeden zweiten Tag – bis zu zehn Tage durchhalten könnte. Aber auch unter verbesserten Bedingungen wäre er zu schwach für den Abstieg. Für den Moment war er jedoch in Sicherheit. Über das Satellitentelefon in seinem Basislager schickte Humar Funknotrufe an Freunde in aller Welt und bat sie um Hilfe. Die Aussichten des Bergsteigers waren äußerst düster. Nazir Sabir des Pakistan Alpine Club erklärte ihm unverblümt: „Sie sind zu hoch für einen Hubschrauber. Kommen Sie herunter – oder Sie sterben.“
In der Nacht des 8. August erreichte Oberstleutnant Rashid Ullah Baig ein Anruf von seinem Gruppenkommandeur. Er war gerade zu Hause bei seiner Frau und seinen vier Kindern auf dem Luftwaffenstützpunkt in Rawalpindi. Es war Humars fünfte Nacht in der Höhle und die achte auf dem Berg. Inzwischen hatte sich Pakistans Präsident Pervez Musharraf persönlich eingeschaltet. „Holen Sie den Mann da runter“, wies der Gruppenkommandeur seinen Oberstleutnant an. „Das ist jetzt eine militärische Operation.“ Als Vorgesetzter einer Hubschrauberstaffel, die Einsätze in großer Höhe während der Grenzkonflikte mit Indien geflogen war, gab sich der 40-jährige Rashid keinen Illusionen hin. In solcher Höhe war noch nie eine Rettungsaktion mit einer Schlinge oder einem Seil unter dem Hubschrauber durchgeführt worden. Doch Befehl war Befehl: Der optimistisch eingestellte Pilot würde sein Bestes geben.
Am nächsten Tag landete Rashid seinen kleinen Hochleistungshelikopter des Typs Lama auf dem Felsplateau, auf dem Humars Expedition ihr Basislager errichtet hatte. Drohend erhob sich die steile Wand des Nanga Parbat vor Rashid. Als Kopiloten hatte Rashid einen alten Freund und Offizier seiner Einheit, Major Khalid Amir Rana, 39, gewählt. Die Piloten wussten, dass ihre Mission fast chancenlos war. In einer Höhe von 6300 Metern war die Luft so dünn, dass die Rotorblätter des Lamas nur wenig Widerstand finden würden. Allein um ihre Position in der Luft zu halten, müssten sie maximale Leistung aufbringen; für den Abtransport des Bergsteigers blieben dann keine Reserven mehr übrig. Auf Bildern, die ein ziviler Hubschrauber von Humars Position gemacht hatte, erkannten Rashid und Khalid weitere Schwierigkeiten. Die Eiswand fiel fast senkrecht ab. Wie sollten sie bei einem Rotorradius von 5,5 Metern nahe genug herankommen, um Humar ein Seil zuwerfen zu können? Zudem hing über der Höhle eine Schneewächte, die sich lösen konnte. Rotorvibrationen oder der bloße Motorlärm gaben womöglich den Ausschlag – und selbst ein wenig Schnee auf den Rotorblättern könnte den Hubschrauber zum Absturz bringen. „Wie stehen die Chancen?“, fragte der Expeditionsarzt Anda Perdan. „Etwa 10 Prozent“, erwiderte Rashid. Insgeheim ging er jedoch von weniger als 1 Prozent aus. Die Piloten entfernten Rücksitze, Funkgeräte, Packtaschen und Ski aus dem Helikopter. Nach dem Start des Motors würde auch die Batterie entbehrlich sein. Ein 12,5 Meter langes Seil wurde an einen Haken unter dem Lama gehängt und an das untere Ende ein Sack mit Steinen gebunden, um es gestreckt und stabil zu halten.
Expeditionsmitglied Ales Kozelj gab Humar per Funk die Instruktionen der Piloten durch. Humar hatte nur eine Chance: Er musste sich weit vorbeugen, die Schlinge greifen, sich daran mit dem kurzen Seil, das an seinem Klettergurt befestigt war, festhaken. Am Schluss musste er das Sicherungsseil durchtrennen, das ihn an der Eiswand verankerte. „Dann signalisierst du dem Piloten, dass du bereit bist, und der Helikopter bringt dich raus“, fügte Kozelj hinzu, bemüht, es einfacher klingen zu lassen, als es war.
Als es gegen 16 Uhr aufklarte, hob der Lama ab, die Schlinge und den mit Steinen gefüllten Sack im Schlepptau. Doch kurz darauf zog Nebel auf und vereitelte den Rettungseinsatz. Rashid nutzte die Gelegenheit, um seine Maschine zu testen. Ein Verharren in der Luft auf Humars Höhe verschlang rund 99 Prozent der Motorleistung. Für den Transport des Bergsteigers wären nochmals rund 5 Prozent nötig. Wie konnten sie die zusätzliche Leistung herausholen? Rashid hatte eine Idee. Er war in den Bergen von Hunza aufgewachsen und wusste, dass in den frühen Morgenstunden oft Luft an den Berghängen aufstieg. Dieser „Talwind“ könnte dem Hubschrauber den zusätzlich nötigen Auftrieb geben. „Wenn wir früh starten und die Bedingungen gut sind, könnte es klappen“, meinte er. Im Basislager wurde den Piloten bewusst, wie viel von ihnen abhing. Sie bemerkten den tiefen Respekt und die Verbundenheit, die Humars Begleiter für ihren gestrandeten Expeditionsleiter empfanden, und sie sahen, wie Muslime aus der Umgebung gemeinsam für seine Rettung beteten. Als gläubige Muslime waren die Piloten überzeugt, dass die Rettung eines Lebens gleichbedeutend mit der Rettung der ganzen Menschheit war. Die Operation war nun zu einer sehr persönlichen, beinahe heiligen Mission geworden. Als sie für die Nacht zum Luftwaffenstützpunkt zurückflogen, seufzte Rashid: „Mir ist, als ob ich einen Freund zurückließe.“ Einer plötzlichen Eingebung folgend, berührte Rashid den Knopf, der im Notfall die Schlinge und ihre Last ausklinken sollte. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er zu Khalid hinüber. Der nickte. Rashid deaktivierte den Mechanismus. Falls es jetzt ein Problem mit der Schlinge gab, wäre es auch ihr Ende. „Bete zu Allah, dass wir erfolgreich sind“, sagte Khalid.
In jener Nacht fielen die Temperaturen am Berg auf 25 Grad unter null. Humars feuchte Kleidung war steif gefroren. Über ihm donnerten Lawinen wie Güterzüge herab. In der Nacht traf er eine Entscheidung. Sollte der Rettungsversuch am nächsten Tag scheitern, würde er versuchen abzusteigen – auch wenn er dabei vermutlich umkommen würde. Kurz vor der Dämmerung schlief er ein und träumte, er hörte Hubschrauberlärm. Er schreckte hoch – es war tatsächlich ein Hubschrauber!
Am frühen Morgen waren die Piloten bei perfekten Bedingungen erwacht. Der Himmel war klar und hell. Um 5.43 Uhr hoben sie ab und flogen auf Humar zu, der als kleiner Punkt in der Eiswand zu erkennen war. Rashid schaltete die Heizung aus, um Energie zu sparen. In der Kälte ließ der Sauerstoff aus ihren Masken ihre Schutzbrillen vereisen. „Wir teilen uns eine Maske“, meinte Rashid. „Du fliegst, während ich Sauerstoff atme; dann tauschen wir.“
Rashid drehte nun bei und schwebte rund zwölf Meter über dem Kletterer. In einem Spiegel, der von der Hubschraubernase bis vors Cockpit reichte, sah er, wie sich der rot gekleidete Bergsteiger mit einem Eispickel in der Hand vorlehnte. Doch die Schlinge war weit von ihm entfernt. Als Rashid die Maschine vorsichtig näher an die Wand manövrierte, spürte er, wie der Talwind dem Hubschrauber Auftrieb gab. Er hatte recht gehabt: Jetzt konnte er die Höhe mit weniger Leistung halten. Aufmerksam maß Khalid die Entfernung zwischen Rotor und Eiswand. Als er aufgewirbelte Schneeflocken bemerkte, rief er: „Genug!“ Der Hubschrauber ruckte unruhig, doch Rashid hielt den Lama Zentimeter vom eisbedeckten Felsen entfernt. Trotz der Kälte lief ihm der Schweiß über das Gesicht. Angestrengt in den Spiegel blickend, verfolgte er Humars verzweifelte Versuche, die Schlinge mit seinem Eispickel zu erreichen. Auch wenn er sich weit hinauslehnte, gelangte er nicht an das Seil.
Allmählich außer Atem rief Rashid: „Wechseln!“ Khalid übernahm das Steuer, während Rashid die Sauerstoffmaske aufsetzte. Tief einatmend blickte Rashid auf die Uhr. Bei normalen Einsätzen verharrte man selten mehr als zwei Minuten auf der Stelle; jetzt waren es schon acht. Die Scheiben der Kanzel beschlugen, die Sicht wurde schlechter. „Wir sollten zurücksetzen und das Seil schwingen lassen“, schlug Rashid vor. Er übernahm wieder das Steuer und bewegte den Hubschrauber seitlich von der Wand weg. Nach 20 Metern stoppte er. Rashid steuerte wieder auf die Wand zu. „Genug!“, schrie Khalid. Rashid stoppte kurz vor dem Fels. Der Sack mit den Steinen pendelte weiter.
An der wand sorgte der vom Rotor erzeugte Luftstrom für eine gefühlte Temperatur von 60 Grad minus. Humar zitterte vor Kälte, konnte kaum noch die gefrorenen Finger bewegen. Verzweifelt sah er, wie der Hubschrauber abdrehte. „Nein, nein!“, schrie er. Dann kam der Helikopter zurück. Der pendelnde Sack schlug auf, der schneebedeckte Abhang geriet in Bewegung. Humar griff den Sack und hielt ihn in seinem Schoß. Der Karabinerhaken, der sein Seil mit dem Klettergurt verband, war eingefroren. Er nahm ihn in den Mund, um ihn aufzutauen. Beim Herausziehen riss er sich Hautfetzen von der Zunge. Doch der Verschluss öffnete sich, und er klemmte den Haken an die Schlinge des Helikopterseils. Jetzt war Humar mit dem Hubschrauber verbunden, der seinerseits durch ihn am Felseneis verankert war. Nun brauchte er nur noch das Sicherungsseil zu lösen. Humar signalisierte den Piloten, ihn ein Stück hochzuziehen, damit er sehen konnte, ob der Haken festsaß. Sobald er sicher an der Schlinge hing, wollte er den Haken des anderen Seils lösen, das mit den Eisschrauben in der Höhle verbunden war.
Im spiegel sah Rashid, wie Humar allem Anschein nach das vereinbarte Signal gab. „Ich glaube, er ist so weit.“ Khalid, der jetzt am Steuer saß, spürte das Gewicht. „Er hängt dran!“ „Zieh hoch!“ Der Motor dröhnte, als Khalid auf volle Kraft schaltete.
Humar wurde von der Wand gerissen, doch das straff gespannte Sicherungsseil hielt ihn fest. Wild rudernd hing er zwischen Hubschrauber und Felswand. Er musste das Seil, das ihn am Berg festhielt, durchtrennen, doch mit seinen steif gefrorenen Fingern konnte er sein Messer nicht festhalten – es fiel hinab. Der Hubschrauber vibrierte – ein Vorzeichen für den Strömungsabriss, der sie abstürzen lassen würde. „Er steigt nicht!“, rief Khalid. Der Lama kippte seitlich weg und begann zu sinken. „Gott steh uns bei!“, rief Rashid. Da sie den Trennmechanismus deaktiviert hatten, konnten die Piloten das Seil mit Humar nicht lösen, selbst wenn sie es gewollt hätten. Im letzten Moment übernahm Rashid das Steuer und legte den Hubschrauber leicht zur Seite, damit die Rotorblätter nicht das Eis berührten. Plötzlich riss das im Eis verankerte Seil, und Humar wurde gen Himmel geschleudert. Rashid spürte, wie sie Gewicht verloren. Khalid, der Humar nicht sehen konnte, rief panisch: „Wir haben ihn fallen lassen!“ Da bemerkte Rashid eine Bewegung vor seinem Fenster – es war Humar. „Nein, er hängt noch dran“, erwiderte er und steuerte von der Wand weg, um den umherpendelnden Mann nicht zu gefährden. Zehn Minuten später schwebte der Lama über dem Basislager und setzte den Bergsteiger vorsichtig ab. Schluchzend ließ Humar sich nach vorn fallen und vergrub das Gesicht im Gras. Seine Retter landeten rasch und eilten herbei, um ihn zu umarmen. „Gott hat Ihnen ein zweites Leben geschenkt“, sagte Rashid zu Humar. Dann lächelte er Khalid zu und sagte: „Und uns auch, glaube ich!“
Rashid und Khalid wurden von Pakistans Präsident Musharraf für ihre Leistung ausgezeichnet. Tomaz Humar sammelt derzeit Mittel für den Bau eines Krankenhauses in Tashering, einem Dorf am Nanga Parbat im Himalaja. Die Klinik soll 3500 Einwohner versorgen, die sich derzeit zur medizinischen Versorgung in das abgelegene Astor oder noch weiter nach Gilgit begeben müssen. Näheres im Internet unter www.humar.com
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