Die Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz aschgrau, ... der Blick drückte die grässlichste Todesangst aus“, notiert der Weimarer Arzt Carl Vogel, nachdem er ans Bett seines 82-jährigen Patienten geeilt ist. Der Medikus rechnet mit dem Schlimmsten. In den Mittagsstunden des 22. März 1832 atmet der Kranke ein letztes Mal aus. Dann ist es vorbei. Der Naturforscher, Maler, Staatsminister, Geheimrat, Theaterintendant und Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe erliegt in Weimar dem „Stickfluß in Folge eines nervös gewordenen Katharrhalfiebers“. Er folgt den Freunden und Wohltätern, der Frau und seinem einzigen Sohn, deren Tod er in seinen letzten Jahren erleben musste. In Ruhe hat er sein Erbe ordnen können, das Ergebnis eines selten produktiven Lebens. Eine vierzigbändige „Vollständige Ausgabe letzter Hand“ ist ein Jahr vor seinem Tod erschienen. Zwanzig weitere Bände erscheinen posthum. Das Werk des wichtigsten deutschen Literaten ist riesig, denn Schreiben war ihm stets eine innere Notwendigkeit: Dutzende Dramen, Fragmente, Erzählungen, sieben Epen und Romane, Reisebeschreibungen, naturwissenschaftliche Abhandlungen, Zeichnungen, tausende Gedichte und noch mehr Briefe hat der Dichter hinterlassen, der schon zu Lebzeiten als Klassiker verehrt, beneidet und gehasst wurde.

Was wohl der Vater gedacht hat über die Karriere seines Sohnes, die so ganz anders ausgefallen ist, als er es sich gewünscht hat? Johann Caspar Goethe, Frankfurter Gastwirtsohn und promovierter Jurist, will von Anbeginn hoch hinaus mit dem Filius. Schließlich bleibt der am 28. August 1749 geborene Wolfgang sein einziger männlicher Erbe. Von sechs Geschwistern haben nur er und die jüngere Cornelia das Kindesalter überlebt. Der ehrgeizige Vater versucht schon früh, „mein Gedächtnis, meine Gabe, etwas zu fassen und zu kombinieren, auf juristische Gegenstände zu lenken“, wie der Dichter später schreibt. Doch der rege Geist des Sohnes lässt sich nicht in eine Form pressen. Als Kind bereits paukt er unter väterlicher Aufsicht mehrere Sprachen, verfolgt aufmerksam den Unterricht in den Naturwissenschaften, lernt Reiten, Fechten, Tanzen, Musizieren und Zeichnen.

Dennoch beugt sich der 16-Jährige dem Willen des Vaters und zieht nach Leipzig zum Studium der Jurisprudenz. Er ist froh, dem engen Nest Frankfurt zu entkommen. Die juristischen Seminare betritt er nur zähneknirschend, von den Poetik-Vorlesungen aber kann er nicht genug bekommen. Als Jugendlicher hat er bereits selbst Gedichte verfasst. In Leipzig nimmt er wieder Zeichenunterricht, übt sich in Kartenspiel und feineren Umgangsformen. Mit seiner Eitelkeit und Arroganz stößt er bald sogar alte Freunde vor den Kopf. So schreibt Johann Adam Horn, ein Kumpel aus Frankfurter Zeiten, dass ihm der „Umgang alle Tage unerträglicher“ wird. Und der Schriftsteller Gottlieb Konrad Pfeffel nennt Goethe „ein Genie“, allerdings eines „von unerträglicher Selbstgefälligkeit“. In Straßburg setzt Goethe sein Studium und seine Schreibversuche fort. Dort im Elsass wird er vom berühmten Schriftsteller und Philosophen Johann Gottfried Herder unter die Fittiche genommen. Dort verliebt er sich in die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion, nur um sie ohne Abschied wieder zu verlassen. An ihr „war ich zum erstenmal schuldig“, bekennt er später. Friederike hat nie geheiratet. Als „Lizentiat der Rechte“ kehrt der 22-jährige Goethe nach Frankfurt zurück. Er führt 28 Prozesse, in denen er weniger durch Verhandlungsgeschick als durch wortreiche Beiträge beeindruckt. Tags geht er seinen Pflichten nach, abends aber, wenn er die Feder in die Tinte taucht und seine Poesie auf Papier bannt, fällt alles Belastende von ihm. Schreiben wird ihm zur Therapie, ist fortan sein Rezept gegen Trübsinn.

Binnen sechs Wochen verfasst er sein erstes großes Drama Götz von Berlichingen. Das Stück über den ritterlichen Helden aus dem 16. Jahrhundert, der sich gegen die bestehende Ordnung auflehnt, wird Vorbild zahlreicher historischer Dramen. Das Werk ist auch formal revolutionär, schert es sich doch nicht um die starren dramatischen Regeln der Zeit. Nur vier Wochen braucht Goethe 1774 für den gefühlstaumeligen Sturm-und-Drang- Roman Die Leiden des jungen Werther, der bei jungen Lesern hysterische, ja tödliche Begeisterung entfacht. Eine Werther- Welle schwappt durch deutsche Lande. Die Kleidung des Romanhelden – blauer Frack, gelbe Weste – wird große Mode. Sein Ende leider auch: Etliche Liebeskranke jagen sich wie der Unglückliche eine Kugel durch den Kopf. Goethe, gerade einmal 25 Jahre alt, ist mit einem Schlag berühmt. Man reißt sich um ihn. Auch die Frankfurter Gesellschaft wird auf das Junggenie aufmerksam, vor allem die 16-jährige Bankierstochter Lili Schönemann. Man verlobt sich. Doch beide Familien sind nicht glücklich mit dieser Verbindung: Lilis Mutter erhofft sich eine bessere Partie, Wolfgangs lutherische Eltern haben Bedenken gegen die Verbindung mit einer calvinistischen Familie. Goethe selbst fühlt sich zerrissen zwischen der Liebe und dem Drang, frei zu sein für seine Kunst. Er flieht in die Alpen. Bei seiner Rückkehr wird die Verlobung gelöst, Frankfurt ist endgültig passé. Am 7. November 1775 rattert Goethes Kutsche durch die engen schmutzigen Gassen der kleinen Residenzstadt Weimar. Sein erster Eindruck ist ernüchternd: Auf den Straßen gackern Hühner, der Gestank von Jauche verpestet die Luft, und das Schloss ragt nach einem Brand ein Jahr zuvor immer noch als angekohlte Ruine in den grauen Herbsthimmel.
Goethe kommt als Gast des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar- Eisenach. Die beiden haben einen enthusiastischen Eindruck voneinander gewonnen, als sie sich wenige Monate vorher kennengelernt und in ein langes Gespräch vertieft hatten. Die Freundschaft mit dem acht Jahre jüngeren Herrscher über einen Zwergstaat mit gerade einmal 100 000 Untertanen wird ein Leben lang halten.

Goethe hat ausgesorgt: „Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogthümer Weimar und Eisenach immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesicht stünde.“ Sein Gönner schenkt ihm ein romantisches Gartenhaus, überhäuft ihn mit Titeln, adelt ihn, ernennt ihn zum Finanzminister, Leiter der Wegebaukommission und zu einer Art Verteidigungsminister. Goethe stürzt sich in die Arbeit, hat kaum noch Zeit für die Dichtkunst. Wohl aber für Beobachtungen der Natur, die zu erforschen er sich mit verbissenem Ehrgeiz bemüht. Sein Interesse gilt der Geologie, Pflanzen und – dank der Bekanntschaft mit dem Jenaer Anatom Justus Christian Loder – auch der vergleichenden Anatomie. 1784 entdeckt er beim Vergleich von Tier- und Menschenschädeln den menschlichen Zwischenkieferknochen, dessen Fehlen beim Menschen die Theologen bislang als Beleg für seine Sonderstellung in der Schöpfung gesehen hatten.

In Weimar trifft Goethe in der sieben Jahre älteren, unglücklich verheirateten Hofdame Charlotte von Stein „eine herrliche Seele“, die ihm zehn Jahre und mehr Angebetete, Beraterin, Muse und mütterliche Freundin wird. Über 1600 Briefe und „Zettelgens“ schreibt er der edlen Frau, auch wenn – oder gerade weil – sie ihn stets auf Distanz hält. Irgendwann werden die süße Qual der Unerreichbarkeit seiner Angebeteten und der Druck der Amtsgeschäfte zu viel. Goethe handelt wie gewohnt: Er macht sich aus dem Staub. Nur der Herzog ist informiert, als sein Freund am 3. September 1786 dem „Ziel meiner innigsten Sehnsucht“, Italien, entgegenfährt. Fast zwei Jahre bleibt er im „Land, wo die Zitronen blühn“, stillt dort seinen Durst nach wahrer Kunst – und nach Sinnlichkeit. Er malt wie besessen, mehr als 800 Zeichnungen entstehen hier, auch wenn er erkennt, dass er immer ein begabter Dilettant bleiben wird.

Als Goethe im Juni 1788 nach Weimar zurückkehrt, ist er kaum wiederzuerkennen. Charlotte von Stein bestraft den einstigen Freund für die heimliche Flucht nun mit eisiger Kälte. Prompt verguckt sich der Vierzigjährige in die 17 Jahre jüngere Näherin Christiane Vulpius. Der Skandal ist perfekt, als 1789 Sohn August geboren wird. 18 Jahre lebt das Paar ohne geistlichen Segen. 18 Jahre muss „die Jungfer Vulpius“, wie Frau von Stein spöttelt, die Verachtung der Weimarer Gesellschaft ertragen. Erst 1806 ist der Geheimrat bereit, seine, wie er sie nennt, „kleine Freundin“ zu ehelichen. Vier Tage zuvor hat sie ihn vor den Soldaten Napoleons gerettet. Als die in Goethes Zimmer vordringen wollten, hat Christiane die betrunkene Horde resolut hinausgedrängt. Das hat ihm imponiert.

Seit dem Italien-Intermezzo ist Goethe von den meisten politischen Aufgaben entbunden. Er verbringt viele Stunden an seinem Schreibpult. 1807 wird Torquato Tasso in Weimar uraufgeführt, der wie Egmont seine Hinwendung zum klassischen Theater verdeutlicht. Damit nicht genug: Goethe übernimmt die Intendanz des Weimarer Hoftheaters und führt die Bühne 26 Jahre lang zu internationalem Renommee. Und er setzt seine biologischen Studien fort. Ein Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären erscheint 1790. Zur selben Zeit beginnt er, gegen die Theorie Isaac Newtons zu Felde zu ziehen, dass sich das weiße Licht in Spektralfarben zerlegen lässt. Seine 1810 erscheinende Farbenlehre widerlegt weniger den großen Physiker, als dass sie die Großspurigkeit des „Universalgenies“ beweist.

Im August 1794 erreicht ihn ein Brief, der seinem Leben eine neue Richtung geben wird. Er kommt aus Jena, vom Poeten Friedrich Schiller, der schon seit Jahren vergeblich um die Gunst des Weimarer Kollegen wirbt. „Ich glaube in der Tat, er ist ein Egoist in ungewöhnlichem Grade“, klagt der Räuber-Dichter. Doch der Brief bricht das Eis. Von Weimar aus rufen die beiden die von der Französischen Revolution zerrissene Welt dazu auf, „über die ästhetische Erziehung des Menschen“ zur Einheit zurückzufinden. Durch Goethes Freundschaft findet Schiller zu dichterischer Kraft zurück.

Nach Jahren der Lehre als Geschichtsdozent schreibt er die großen Dramen Wallenstein, Maria Stuart und Wilhelm Tell. Goethe beendet in den zehn Jahren der „Weimarer Klassik“ Wilhelm Meisters Lehrjahre und Hermann und Dorothea. Er ist auf dem Gipfel seines Ruhms, selbst Napoleon bewundert und empfängt ihn.
Auf Drängen Schillers nimmt er die Arbeit am Faust wieder auf, dessen ersten Teil er 1806, ein Jahr nach dem frühen Tod des Freundes, abschließt. Den zweiten Teil dieses wohl bedeutendsten Werkes der deutschen Literatur vollendet er im Sommer 1831, in seinem letzten Lebensjahr. Sechs Jahrzehnte hat ihn der Doktor Faustus, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, nicht losgelassen. Denn eine erste Fassung schrieb er schon als junger Mann. Das Drama des ewig Suchenden ist der Stoff seines Lebens. Tausende Interpreten haben zu deuten versucht, was nicht einmal der Autor vermochte. „Da kommen sie und fragen: welche Idee ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht? – Als ob ich das selber wüßte!“ Goethe ist nun 57 Jahre alt. Krankheit und Tod, denen er sein Leben lang aus dem Weg gegangen ist, rücken näher. Noch zehn Jahre bleiben ihm, dann erkrankt Christiane tödlich. Ihre Nieren versagen, das Blut ist vergiftet. Er weigert sich, das Sterbezimmer zu betreten, weicht ihrem tagelang andauernden Todeskampf aus. Der Tod nimmt ihm nicht nur den „Bettschatz“, sondern die warmherzige Gefährtin seines Lebens. „Seit sie ihren ersten Schritt in mein Haus tat“, bekennt er, „habe ich ihr nur Freuden zu danken.“ Die letzte Liebe des greisen Dichters bleibt unerfüllt, gibt ihn der Lächerlichkeit preis: Ulrike von Levetzow ist 19 Jahre alt, Goethe 74. Er begreift: „Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nicht dem Alten.“ Wie immer betäubt er seinen Kummer in Arbeit. Auch nach dem Tod des Herzogs 1828 und, zwei Jahre später, dem Verlust seines Sohnes, der nie einen Platz im Leben gefunden hat neben seinem Vater. Diese Schicksalsschläge erinnern ihn an seine eigene Endlichkeit, der er sich bis zum Schluss nicht zu beugen bereit ist: „Der Mensch soll an Unsterblichkeit glauben, er hat dazu ein Recht, es ist seiner Natur gemäß.“

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