Wer nur zuschaut, wird es nie begreifen. Wie kann man als gesitteter Europäer so die Fassung verlieren? Sich in einem Gewühl von angeheiterten Pappnasen verirren, Männern in Frauenkleidern zujubeln und womöglich noch an symbolischen Folter- und Verbrennungsorgien teilnehmen? Es fällt einfacher, als man denkt. Vor allem: Es bereitet wirklich Spaß. Wer nur zuschaut, wird es nie begreifen. Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll lebte genau in diesem Zwischenreich – als kritisierender Zuschauer und doch als Humorist von Herzen: „Karneval ist vulgär, mit aller Größe und allem Schrecken des Vulgären, aber nie frivol. Fasching ist eine Erfindung der Bohème, der Karneval stammt aus dem Volk, er ist klassenlos, so wie eine ansteckende Krankheit keine Klassenunterschiede kennt. Den Fasching bemerkt man nicht im Leben einer Stadt; in Köln den Karneval ignorieren zu wollen wäre zwecklos; man kann sich nur aus der Ansteckungszone entfernen.“

Die geheime Lektion in Bölls Worten: Der gemeine „Fasching“ ist ein ungefährlicher Tummelplatz von Gelegenheitsnarren, vornehmlich weiter östlich des Rheins daheim – ein besserer Schnupfen. Der „echte“ Karneval wird dagegen nur in Köln und um Köln herum gelebt – ekstatisch und hochinfektiös. Wer das Pech hat, Kölner zu sein und dazu noch Karnevalshasser, dem bleibt nur die Flucht. So outete sich Wolfgang Niedecken mit seiner Gruppe BAP schon 1982 in einem Song: „Oh, nit für Kooche, Lück, bliev ich Karneval he. (...) Die Vereinsmeier hann dann ihr Hochkonjunktur, Uniform-Fetischiste ald jraad.“ In der sanften Übersetzung: „Oh, nicht für Kuchen, Leute, bleibe ich Karneval hier. (...) Die Vereinsmeier haben dann ihre Hochkonjunktur, Uniform-Fetischisten schon gerade.“

Wie ist es zu dieser „ansteckenden Krankheit“ gekommen? Im Kern trägt die katholische Kirche die Schuld. Sie verlangte von den Gläubigen ein Ritual, das an die Katharsis des Heilsbringers erinnern sollte. 40 Tage vor Ostern ist dem Genuss von Alkohol, dem Verzehr von Fleisch und auch allen weiteren fleischlichen Freuden zu entsagen. So bestimmt und mit klaren Spielregeln versehen von Papst Gregor I. um das Jahr 600. Vor dem großen Verzicht war es den Gläubigen jedoch gestattet, sich noch einmal an allen Genüssen zu weiden. Oder salopp formuliert: die Sau herauszulassen. Nur sperrt heute kaum einer, der zwischen Rosenmontag und Aschermittwoch den großen Rausch lebt, die eigene Sau wieder ein. Das beliebte Totschlag-Argument aller Karnevalsmuffel: Darf jemand das große „Fleisch-adé“-Fest feiern, der sich anschließend nicht den Regeln des religiösen Verzichts unterwirft? Natürlich darf er. Schließlich mahnt auch niemand einen Maßkrugschwenker auf dem Oktoberfest, dass er kein Recht dazu habe, weil eigentlich September sei und hier schließlich keine bayerische Kronprinzenhochzeit gefeiert werde – wie anno 1810.

Die tiefere Botschaft: Die katholische Kirche ist zwar Begründerin, aber nicht mehr Herrin ihrer eigenen Regeln und schon gar nicht über den Karneval – der sich mächtig über eine der wichtigsten mittelalterlichen Transportstraßen, den Rhein, in alle anliegenden katholischen Hochburgen ausbreitete. Bereits 500 Jahre nach dem Dekret von Papst Gregor wurde die Botschaft an die Gläubigen modifiziert: Das Konzil von Benevent befreite die sechs Sonntage vor Ostern vom Fastenzwang. Was die heutige Berechnung des Aschermittwochs bestimmt, der jetzt 46 Tage vor Ostern liegt, und zugleich alle Wirrnisse um alternative Termine.

Ein komplexes Thema, nur so viel: Ostern liegt im Kalender auf keinem festen Termin, das Datum wird jedes Jahr neu bestimmt – Ostersonntag fällt demnach auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn. Muss man sich nicht merken. Aber: Wer von hier aus die vierzigtägige Fastenzeit inklusive der Fasten-Sonntage zurückrechnet, wird notgedrungen an einem späteren Karnevalstermin ankommen.

Wie manche Narren im Badischen und in der Schweiz. Die berühmte Basler Fasnacht beginnt beispielsweise genau an einem Tag, an dem die Narren weiter oben am Rhein längst ihren Kater ausgeschlafen haben, am Montag nach Aschermittwoch, um 4 Uhr in der Nacht beim rituellen „Morgenstraich“ – einem Musik- und Laternenzug, zu dem die Stadtwerke eigens die komplette Straßenbeleuchtung in der Innenstadt von Basel bis zum Morgengrauen abschalten.

Also ein Fest für Dunkelmänner? Fast – die Narren lieben das Spiel mit dem Verstecken, sie entwerfen einen Gegenstaat zum bestehenden Machtsystem. Wie Till Eulenspiegel selig, auf den sich alle tiefere Narrenkultur in Deutschland beruft. Je trunkener die Gemeinschaft, desto leichter geht sonst verbotene Kritik über die Lippen. Mit getrennten Themenfeldern. Die Narren am unteren und oberen Rhein reden zwar miteinander, werden aber von komplett verschiedenen Karnevalstraditionen getrieben. Die schwäbisch-alemannische Fasnacht huldigt der großen Verkleidung des Körpers plus Holzmaske. Nur die Eingeweihten wissen, wer hinter dem „Ribblinghieler“, dem „Mooswaldwiibli“ oder dem „Bächleputzer“ steckt. In Köln, Düsseldorf und Mainz dagegen erkennen die meisten Menschen ihren Nachbarn, Metzger, Oberstudienrat hinter noch durchdringbaren Schichten von gefärbter Gesichtskosmetik. Maske ist hier nicht gleich Maske. Die Unterschiede haben tiefe historische Wurzeln, von hunderten Wissenschaftlern ausgegraben, begutachtet und gepflegt. Die volkskundlich korrekte „Fastnacht“ ist hier eine ernste Sache. Till Eulenspiegel hätte seine Freude daran, wie erwachsene Menschen eine oft kirchen-kritische Maskerade zur geheimen Religion erhoben haben.

Dabei sind die Spielregeln einfach, zum Greifen einfach: Die Narren im südlichen Westen und die Narren im mittleren Westen griffen zu Beginn ihrer Tradition in unterschiedliche Kostümkörbe. Im Alemannischen plünderte man die Garderoben des österlichen Passionsspiels. Der „Hänsele“ in Überlingen geht nachweislich auf das Teufelskostüm des dortigen Passionsspiels zurück.

In Köln und um Köln herum dominieren dagegen die Uniformen – als parodistische Antwort auf Kriegswirren und die Besatzungsmächte der Zeit, die Franzosen und die Preußen.
Das Paradebeispiel geben die „Roten Funken“, das älteste Kölner Traditionscorps: Als karikiertes „Vorbild“ dienten die Stadtsoldaten von Köln, eine marode Söldnergemeinschaft, die angeblich ohne Gegenwehr und ohne Courage 1794 den Franzosen die Einnahme der Stadt erleichterte. Passend dazu war der inflationäre Gebrauch von Karnevalsorden: eine kaum verhohlene Parodie der deutschen Kleinstaaterei und ihrer Lust an Auszeichnungen und Heldenverehrung. Die Kritik wurde von den Machthabern entweder übersehen oder nicht selten gar nicht erkannt – zur Freude der Jecken. Bis auf eine Ausnahme. Die Nationalsozialisten hatten ein sehr feines Gespür für die Grenze zwischen Humor und Systemkritik. 1938 und 1939 musste sich die Kölner „Jungfrau“ einer Geschlechtsanpassung unterziehen, und es marschierte statt des wie sonst üblichen Mannes im Frauenkostüm ein echtes Mädel ein.

Ein zu forscher Kölner Büttenredner wurde wegen „Verächtlichmachung des Deutschen Grußes“ zu lebenslangem Redeverbot verurteilt. Seinem Kollegen in Mainz kappte die Regie 1938 die Leitung, als er bei der Radio-Liveübertragung das Wort „Dachau“ in den Mund nahm. Der Großdeutsche Rundfunk entschuldigte sich bei seinen Hörern für eine technische Panne. Zu der keine weitere mehr kam: 1940 setzten die Faschisten Prinz Karneval endgültig ab. Der erste Rosenmontagszug nach Kriegsende rollte erst 1949 durch das noch immer von Bomben gezeichnete Köln – das Motto: „Mer sin widder do un dun wat mer künne!“

Nur einmal sollte der Rosenmontagszug danach noch ausgebremst werden – 1991, als der Golfkrieg die Feierlaune verdrängte. Einige Kölner wollten die vom Festkomitee verordnete Ruhe nicht hinnehmen und zogen eigenständig durch die Stadt – unter dem Motto „Kamelle statt Bomben“.

Der aktuelle Slogan für den Rosenmontagszug 2007 erscheint dagegen frei von aller politischen Gefahr: „Mir all sin Kölle!“ Die große Vereinnahmung im Imperativ. Wir erinnern uns an Heinrich Böll: entweder sich aus der Ansteckungszone entfernen oder die vollständige Inkubation ausleben.

Wer sich in diesem Sinn besonders heftig angesteckt hat, ist Prinz Jacky I., die Hoheit aller Kölner Jecken für das Jahr 2007. Jenseits der tollen Tage heißt Jacky eigentlich Josef Beumling, ein gelernter Trickfilmzeichner und Restaurator, der schon an ein anderes Heiligtum der Stadt, den Dom, die Hand anlegen durfte.

Seine Botschaft an alle Karneval-ignoranten: „Der Kölner Karneval ist ein ganz besonderes Gefühl, das von Jung und Alt, Arm und Reich, Kölner und Imi (kurz für: imitierter Kölner / Auswärtiger) gleichermaßen gefeiert wird. Dieses Gleiche und diese Gemeinschaft ist es, was diese unbeschreibliche Begeisterung und Vielseitigkeit ausmacht.“ Darauf ein dreimal donnerndes „Alaaf“ – und der Tipp aus dem offiziellen „Karnevals-Knigge“: „die rechte Hand dazu locker seitlich in die Luft gestreckt (Locker! Seitlich!)“.

 

 

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