Ungefähr ab ihrem zehnten Geburtstag war meiner Tochter meine Meinung relativ egal. Zumindest in Bezug auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben wie Mode, Musik oder die Rangordnung in der Clique. Doch als sie schließlich in der weierführenden Schule einen Kurs in Kindererziehung belegte, kam sie eines Tages plötzlich zu mir und sagte folgende Worte: „Mutti, ich brauche deinen Rat als Expertin.“

Expertin? Mir wurde heiß. War ich dieser Herausforderung gewachsen? „Welche Kenntnisse müssen gute Eltern haben?“, fragte sie sogleich und zückte ihren Bleistift. Kenntnisse? Ich hatte immer gedacht, Kindererziehung erfordere Geduld, Tatkraft und Ausdauer. Aber das waren doch sicher Eigenschaften und keine Kenntnisse?! „Augenblick, das weiß ich“, sagte ich, während meine Gedanken rasten. „Auf jeden Fall Organisationstalent“, meinte ich schließlich. „Außerdem ist ein Führerschein von Vorteil, ebenso wie die Fähigkeit, an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig zu sein.“ „Hab ich“, sagte sie, während sie eifrig mitschrieb. „Was noch?“ Ich dachte ans kommende Schuljahr: Schulgeld, Turnschuhe und Winterstiefel. Dann Weihnachtseinkäufe und Kuchenbasare, von der wöchentlichen Rechnung für Lebensmittel ganz zu schweigen.
„Gutes Wirtschaften“, fuhr ich fort. „Du musst richtig haushalten, vor allem dann, wenn zwei Geburtstage in denselben Gehaltsmonat fallen. Und Kopfrechnen solltest du beherrschen, zum Beispiel, wie man sieben Kekse unter vier Kindern aufteilt.“ „Geld und Mathe. Das macht Sinn“, warf sie ein. „Noch mehr?“

„Chemie und Biologie“, fuhr ich fort. „Du solltest einschätzen können, ob es sich um eine lebensbedrohliche Krankheit handelt oder nur um einen harmlosen Pickel, wenn deine zweijährige Tochter ein Wehwehchen hat.“ Dann machte ich ihr noch klar, dass sie sich mit Waschmitteln ebenso auskennen müsse wie mit Kopfläusen.

„Und du brauchst ein gutes Gedächtnis“, fügte ich hinzu. „Denn es kann passieren, dass du nach Kuscheltiernamen gefragt wirst oder danach, wann welches Kind die Windpocken hatte oder welches keinen Traubensaft mag.“ Ich war in Fahrt. Der Bleistift meiner Tochter flog nur so übers Papier. „Vergiss Kreativität nicht“, setzte ich meine Aufzählung fort.

„Du meinst Kunst und so?“, hakte sie ein, doch ich redete schon weiter: „Kunst, Basteln, Geschichtenerzählen, Musik. Für ihren Nachwuchs müssen Eltern bunte Buchstaben malen und aus einem Nachthemd und einer Rolle Silberfolie ein Feenkostüm für Fasching machen können. Stundenlanges Singen von Schlafliedern und das Erzählen von Märchen beim Anstehen in einer langen Schlange fallen ebenfalls in diese Kategorie.“

Nachdem sie ihre Hausaufgaben abgegeben hatte, erzählte meine Tochter mir von einem neuen Erziehungsprojekt. „Wir kriegen mechanische Babys, die manchmal weinen. Wir müssen sie überallhin mitnehmen und uns um sie kümmern. Dadurch sollen wir lernen, wie schwer es ist, Mutter oder Vater zu sein.“

Irgendwie habe ich meine Zweifel, ob diese mechanischen Babys wohl auch mal die Couch voll spucken oder sich am Tag vor der Aufnahme des Klassenfotos die Haare selbst schneiden. Mit einer Puppe, die Wutanfälle bekommt, mit den Türen knallt und in maximaler Lautstärke „Das ist gemein!“ plärrt, bekämen die Schüler nämlich bestimmt eher eine Vorstellung von der Geduld sowie der Tatkraft und der Ausdauer, die man braucht, um Kinder großzuziehen.

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