Klangkörper der Nation
Wie kein anderes Orchester stehen die Berliner Philharmoniker für harmonische Klänge aus Deutschland. Dabei ist das Ensemble selbst Ergebnis heftiger Dissonanzen
Von ANDREAS GÜNTHER
Bei allem harmonischen Schönklang – die Berliner Philharmoniker sind durch eine Dissonanz entstanden. Bei einer handfesten Meuterei gegen ihren Kapitän. Im Frühjahr 1882 stand eine Konzertreise der „Bilse- Kapelle“ nach Warschau an. Der sparsame Dirigent und Finanzier Benjamin Bilse kaufte seinen Musikern nur Karten für eine Bahnfahrt vierter Klasse. Die geknechteten Musiker heulten auf, 54 Mitglieder der Kapelle setzten sich ab und gründeten ein neues Orchester: die Berliner Philharmoniker.
Mittlerweile reist das Orchester deutlich komfortabler. Rote Teppiche, Blumen und begeisterte Zuhörer, die jeden einzelnen Philharmoniker am liebsten auf Händen tragen würden. Aktuell sind es 129 an der Zahl – alles potentielle Botschafter der Republik. Keine Musikergemeinschaft vertritt in der Welt stärker, besser, idealer das Bild der Deutschen Orchesterkultur, vielleicht sogar der Deutschen Kultur überhaupt. Was die Politiker gleich hinter der Berliner Philharmonie, im Kanzleramt und im nahen Bundestag zu schätzen wissen.
Gleich die Folgefrage: Wem gehören die Berliner Philharmoniker? Zuerst sich selbst. Das traumatische Erlebnis der Bahnfahrt vierter Klasse hat die Philharmoniker auf absolute Eigenständigkeit eingestimmt. Vor 125 Jahren ein abenteuerliches Unternehmen – die Musiker schrammten mehrfach am Bankrott vorbei. Damals sprangen reiche Berliner Mäzene dem darbenden Orchester bei – allen voran die Familien Siemens und Mendelssohn. Heute agieren die Berliner Philharmoniker als clever abgesicherte Stiftung, die 57 Prozent ihrer Ausgaben wieder einspielt – der Rest kommt vom Land Berlin und einem Sponsor, einer großen Bank. In gewisser Weise gehören die Philharmoniker damit rund zur Hälfte den Steuerzahlern der Hauptstadt. Ehe an dieser Stelle die ersten Unkenrufe ertönen: Die Philharmoniker sind in ihren künstlerischen Ansprüchen elitär, aber nicht in ihren Kartenpreisen. Bereits für 30 Euro ist ein guter Platz in der Philharmonie zu haben. Studenten können an der Abendkasse eine halbe Stunde vor Konzertbeginn auf Preisnachlässe um 50 Prozent hoffen. Bei allem Glanz und allen großen Künstlernamen suchen die Musiker die Bodenhaftung, die Berliner Luft. Die populären Open-Air-Konzerte auf der Waldbühne sind dabei nur ein Teil der aktiven Öffentlichkeitsarbeit. Unvergessen auch das Sonderkonzert für DDR-Bürger, das die Philharmoniker überraschend nach dem Mauerfall ansetzten: Am Morgen des 12. November 1989 wurden die Türen der Philharmonie für all jene geöffnet, die nie zuvor zu einem Konzert des Orchesters reisen durften. Auch eine Geste der Selbstbefreiung: Bis zu diesem Datum war die Philharmonie des Architekten Hans Scharoun ein abgelegenes Gebäude hart am Rand der Berliner Mauer, heute ist sie Teil eines lebendigen Ensembles ganz in der Nähe des Reichstags am Potsdamer Platz.
In den ersten Tagen spielten die Philharmoniker als bessere Unterhaltungskapelle – während die zahlenden Gäste nebenbei Kaffee und Bier schlürften. Ihr erstes Heim war eine umgebaute Rollschuhbahn. Doch Hans von Bülow verwandelte die hungernde Kunstgewerbler-Gemeinschaft zum besten Orchester Deutschlands. Sein Einfluss, sein Ruf als Dirigent brachte vor allem die Top-Künstler der Zeit mit dem Berliner Philharmonischen Orchester zusammen. Brahms dirigierte höchstselbst seine dritte Symphonie und saß bei seinem ersten Klavierkonzert am Flügel – mehr Prominenz war anno 1884 nicht denkbar, der Ritterschlag für das noch junge Ensemble.
Heute verhält es sich umgekehrt: Wer die 111 Herren und 18 Damen dirigieren darf, trägt den Ritterschlag davon. Die Philharmoniker sind aber wählerisch. Seit dem Geburtskonflikt mit ihrem Ex-Arbeitgeber liebt und lebt das Orchester seine Selbstbestimmung. Der Chefdirigent wird frei und demokratisch gewählt. Zugespitzt formuliert: Das aufgeklärte Musiker-Parlament sucht seinen Diktator selbst, um sich ihm dann musikalisch bedingungslos zu unterwerfen. Das einzig in etwa Vergleichbare: die Papstwahl. Drei der Chefdirigenten waren mehrere Jahrzehnte mit dem Orchester verbunden. Claudio Abbado gab seinen Abschied nach zehn Jahren bekannt. Für den amtierenden Chef, Sir Simon Rattle, gilt eine vertragliche Amtszeit von zehn Jahren. Verlängerung jedoch nicht ausgeschlossen.
Der Letzte, der papstgleich auf Lebenszeit mit dem Orchester verkettet schien, war Herbert von Karajan. 35 Jahre beherrschte er die Berliner Philharmoniker und sie ihn. Karajan: „Als ich vor dem Orchester stand, wusste ich, dass ich am Ziel meiner Wünsche war – egal, wohin mich das Leben noch führen würde. Hier würde ich mich am besten verwirklichen können.“ Für Wilhelm Furtwängler, seinen Vorgänger, waren Plattenaufnahmen noch eher zweitrangig – seinen bereits damals aufstrebenden Kollegen hatte er zu Lebzeiten nur abfällig-distanziert "Herr K." genannt. Karajan formte dagegen die Philharmoniker zum Medienorchester. Kein Dirigent, kein Orchester hat bis zum heutigen Zeitpunkt mehr Schallplatten eingespielt und vor allem: verkauft. Die kritische Seite: Der Klang der Philharmoniker wird von den vielen Menschen als Kunstprodukt wahrgenommen. Unter Furtwängler tönten die Berliner auf einem eher warmen, präsenten Bassfundament – unter Karajan bekam der Klang Flügel, eine sagenhafte Brillanz trug das Orchester davon. Wenn Fachleute so etwas wie einen offen hörbar „deutschen“ Klang bei den Philharmonikern finden wollen, dann in der Historie eher bei Furtwängler. Unter Karajan waren die Orchestermusiker zwar dank Tantiemen auf dem Höhepunkt ihres Reichtums angekommen, doch in ihrem Klang deutlich den Verlockungen der internationalen Tonträgerindustrie verfallen.
Vieles was das Orchester in diesen Jahren zum Besten gab, klang überbrillant, fast süßlich. Was den intimen Karajan-Feind und Konkurrenten Sergiu Celibidache zu einem seiner berühmten bösen Zitate anstachelte: „Ich weiß, er begeistert die Massen. Coca- Cola auch.“ Welchen weg wählt der neue Chef? Die Frage suggeriert, dass Sir Simon Rattle eine Wahl hätte. Tatsächlich ist das Geschäft mit Klassik-CDs jedoch weltweit eingebrochen. Die goldenen Karajan-Tage kommen nicht wieder. Was auch eine Chance birgt. Überraschenderweise bezieht sich Rattle in seinem Klangideal nicht auf Karajan, sondern auf Wilhelm Furtwängler – verbunden mit fast übersinnlicher Präsenz: „Manchmal spüre ich den alten Herrn hinter mir stehen.“ Rattle sieht das Orchester heute vor allem in der Pflicht gegenüber einer neuen Generation – den Hörern von morgen. Die eben nicht das bekannte Programm des Bildungsbürgertums wünschen.
Rattle liebt die Moderne und den Kontakt zu Teenagern. 2003 brachte er die Philharmoniker mit 250 Kids aus verschiedenen Stadtteilen Berlins, darunter auch Problemregionen, zusammen. Gemeinsam interpretierte man Strawinskys „Sacre du Printemps“ – die Philharmoniker musizierend, die Jugendlichen tanzend. Natürlich nicht in der Philharmonie, sondern in der alten Omnibus-Remise im Industriehafen, der „Arena Berlin in Treptow“. Ein wundervolles Treffen, im Film „Rhythm is it!“ dokumentiert. Rattle: „Ohne Zweifel war diese Aufführung einer der denkwürdigsten und ergreifendsten Abende, die wir je erlebt haben.“ Vor allem: Die Berliner Philharmoniker haben sich dadurch neben ihrer ewigen Rolle als Gesandte über Kontinente auch zu Vermittlern zwischen Generationen gemacht.
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