Danelle Ballengee öffnete die Tür ihres Kleinlasters, und Taz sprang schwanzwedelnd ins Freie. Sie wollten im zerklüfteten Hügelland des US-Bundesstaats Utah laufen. Während sich Danelle dehnte, schnupperte Taz ungeduldig an ihren Beinen und beobachtete sie genau – ein untrügliches Zeichen dafür, dass er lostraben wollte. In einem Tierheim hatte sie den Mischlingswelpen entdeckt. Sie nannte ihn Taz, weil er sie an den Tasmanischen Teufel, das australische Beuteltier, erinnerte. Inzwischen war er ausgewachsen, wog gut 30 Kilo und war auf ihren Trainingsläufen ihr ständiger Begleiter.
Danelle hatte wenig gefrühstückt und wollte nach einem 15-Kilometer-Lauf bis zum Mittag wieder zu Hause sein. Sie tätschelte das braune Fell von Taz und lief los. Es war Winter, Dezember 2006, und sie war allein.

Die 35-jährige, 1,63 Meter große und knapp 60 Kilo schwere Ausdauersportlerin zählte zu den Besten ihrer Klasse. Danelle hatte weltweit an mehr als 500 Langstreckenwettbewerben in Wüsten- und Gebirgsgegenden teilgenommen. Heute stand jedoch nur ein zweistündiger Trainingslauf auf ihrem Plan.
Taz verschwand aus ihrem Blickfeld, als sie über einen Felssporn und dann auf einem weiteren Pfad zu einem 20 Meter hohen tiefroten Felsgrat emporlief. In der Nähe des Gipfels trat sie auf einen Fels, der mit Glatteis überzogen war, und rutschte aus. Vergebens suchte sie nach einem Halt, stürzte ab, schlug mit den Füßen voraus auf einem schmalen Felssims auf und brach zusammen.

Benommen und voller Angst, dass sie gelähmt sein könnte, versuchte sie, ihre Zehen zu bewegen. Es funktionierte, aber als sie aufstehen wollte, durchfuhr sie ein unerträglicher Schmerz – das Echo ihrer Schreie hallte von den Wänden des Canyons wider. Sie hatte sich das Becken und mehrereWirbel gebrochen.
Danelle schaute auf ihre Uhr. Es war Mittag. Ihrer Schätzung nach musste sie knapp zehn Kilometer von ihrem Wagen entfernt sein. Da lag sie nun im Winter auf einem schmalen Felsvorsprung. Allein. Und niemand wusste, wo sie war.
Jetzt hörte sie Taz. Er lief vom Gipfel zu ihr herunter und kuschelte sich an sie. Danelle streichelte sein dichtes Fell. Wenn sie sich nicht rührte, ließ der Schmerz nach. Sie überlegte, dass sie Taz den Pfad hinab bis zum Fuß des Canyons folgen und dann zu ihrem Wagen kriechen könnte.
Sie rollte sich auf den Bauch und schrie dabei so laut, dass Taz erschrocken aufsprang. Sie hielt die Luft an. Die Talsohle lag mindestens 100 Meter unter ihr. Der Weg dorthin war steinig. „Los, Taz.“ Er lief vor Danelle her, die sich über Steine und Schneereste schleppte. Verwundert, dass sie nicht neben ihm lief, trottete Taz den Pfad hinab und wieder hoch. Danelle versuchte, den Schmerz zu verdrängen, und konzentrierte sich auf den Weg.
Nach fünf Stunden erreichte sie zerkratzt, voller blauer Flecken und mit einem zerrissenen Laufdress den Grund des Canyons. Von da waren es immer noch neun Kilometer bis zum Auto.
Um 17 Uhr wurde es dunkel, weiterzukriechen war gefährlich. Erschöpft rollte sie sich auf den Rücken. Da entdeckte sie ein kissengroßes, eisbedecktes Wasserloch. Sie schlug ein Loch in das Eis, beugte sich vor und trank in tiefen Zügen.
Sie würde Wasser brauchen, wenn sie am nächsten Tag weiter wollte, überlegte sie und schöpfte mit bloßen Händen vorsichtig Wasser in ihre Flasche. Bald konnte sie ihre Finger vor Kälte kaum noch bewegen. Die Temperatur war auf weniger als fünf Grad unter null gefallen.


Ihre mehrschichtige, aber dünne Laufbekleidung aus Kunstfaser bot kaum Schutz vor der Kälte. Sie tastete nach Taz, der sich neben ihr zusammenrollte. Um sich zu wärmen, legte sie ihre Arme um den Hund und schmiegte sich an ihn.
Die Stunden zogen sich hin, und Danelle versuchte, sich von den Schmerzen und der Kälte abzulenken. Sie redete mit Taz und zählte Sternschnuppen.
Jede Bewegung schmerzte ungeheuer, aber wenn sie sich nicht bewegte, würde sie stark auskühlen und letztlich erfrieren. Sie spannte ihre Muskeln an, drückte die Füße auf den Boden und hob den Kopf immer wieder ein paar Zentimeter an. Sie zählte diese kleinen Bauchmuskelübungen, um die Schmerzen zu verdrängen. Bei 1000 schmerzte ihr der Unterleib. Sie betastete ihren Bauch – er war angeschwollen, wohl vom Blut, das durch innere Verletzungen ausgetreten war. Deshalb machte sie nach jeder Übung fünf Sekunden Pause. Die Nacht über trank sie so wenig Wasser wie möglich, um keinen Urin ausscheiden zu müssen, der dann an ihren Beinen gefrieren würde.
Beim ersten Tageslicht sah sich Danelle prüfend um. Rote Felswände und völlige Stille. Außer einem kleinen Wacholderbaum war nichts Lebendiges zu erkennen. Hierher wagten sich nur wenigeMenschen, selbst im Sommer. Zu dieser Jahreszeit herrschte Totenstille. In ihrer Tasche fand sie noch einen Energiedrink, den sie gewöhnlich bei Dauerläufen mitnahm. Sie trank ihn und wartete, bis die Sonne aufging, um warm zu werden. Beim Versuch, sich aufzusetzen, rieben die Knochen aneinander, und sie sackte vor Schmerzen zusammen.
An in ihrem Wohnort würde jemand merken, dass sie nicht da war, überlegte sie. Ihr Nachbar würde sehen, dass das Licht in ihrem Haus die ganze Nacht gebrannt hatte. Aber auch das würde niemandem verraten, wo sie sich befand.

Gut neun Kilometer lagen noch vor ihr. Sie drehte sich wieder auf den Bauch und schleppte sich vorwärts. Obwohl sie sich Finger, Knöchel und Knie blutig schürfte, kam sie kaum voran. Sie kroch vom ersten Lichtstrahl bis vier Uhr nachmittags, aber ihr Körper trocknete aus, sodass sie zu dem Wasserloch zurückkehren musste. Sie hatte sich umsonst gequält. Als es dunkel wurde und die Temperatur weiter sank, forderten Schmerz und Hunger ihren Tribut. Danelle fing an zu fantasieren. Aus Furcht vor Raubtieren rief sie Taz heran. Als sie sein Halsband klirren hörte, flüsterte sie: „Guter Hund.“

Es wurde Morgen. Danelle hatte eine grauenhafte Nacht hinter sich. Ihre Finger waren taub, und sie konnte sich kaum noch bewegen. Eine weitere Nacht würde sie nicht überleben. Sie beschloss, sich ein letztes Mal Richtung Wagen zu schleppen. Taz lief nervös hin und her. Auch er war hungrig und müde.
„Taz, ich bin verletzt“, sagte sie zu ihm. „Lauf und hol Hilfe!“ Sie hob schwach einen Arm. Taz kam und beschnupperte ihre Hand. Einen Augenblick später sprang er in großen Sätzen davon. Hatte er verstanden?
Danelle kroch wieder los. Sie beobachtete, wie die Sonne über den Himmel wanderte. Nach drei Stunden kroch sie zurück zum Wassertümpel und trank. Die Schmerzen waren unerträglich. In der Ferne hörte sie das Hundehalsband klirren. Dann verlor sich das Geräusch. Taz hatte sie verlassen.

Trotz mehrschichtiger Kleidung fröstelte John Marshall, während er auf sein Such- und Rettungsteam wartete. 40 Quadratkilometer umfasste das Areal, das abzusuchen war. Marshall musste zunächst einen Plan erstellen.
Am Donnerstagnachmittag war einer Nachbarin von Danelle aufgefallen, dass sie die junge Frau seit zwei Tagen nicht mehr gesehen hatte. Sie rief Danelles Eltern an, die sich daraufhin an die Polizei wandten. Doch die Suche nach der Vermissten blieb ergebnislos.
An diesem Morgen hatte ein Beamter auf einer kaum befahrenen Straße den Kleinlaster entdeckt. Marshall erhielt einen Anruf, dass er einen Suchtrupp zusammenstellen sollte. Er warf einen besorgten Blick auf seine Uhr. In wenigen Stunden würde es dunkel werden.
Marshall wusste, dass Danelle Extremsportlerin war. Er hatte ihr einmal geholfen, nachdem sie bei einem Lauf zusammengebrochen war. „Wir suchen keine Touristin“, erklärte er seinen Leuten. „Die Frau ist die schwerste Strecke gelaufen, die sie finden konnte. Sie ist zäh. Falls sie sich noch in dieser Gegend befindet, muss ihr etwas Schlimmes zugestoßen sein.“
Marshall versuchte, sich in einen Langstreckenläufer hineinzuversetzen, und konzentrierte sich auf fünf mögliche Routen. Er würde Trupps in Geländewagen losschicken – ein wenig aussichtsreiches Unternehmen.
Als er sich von dem Canyon abwandte, sah er, dass sich in einem Bachbett etwa 50 Meter entfernt etwas bewegte. Vorsichtig warf er einen Blick über den Rand. Es war ein Hund. Er wusste, dass Danelle immer von ihrem Hund begleitet wurde. Möglicherweise handelte es sich um ein verwildertes Tier. Aber sollte es tatsächlich ihr Hund sein, befand sie sich in großen Schwierigkeiten. Ein Hund bleibt bei seinem Besitzer, es sei denn, er ist schwer verletzt oder stirbt.
Der Hund trabte einen Pfad hoch und blieb in zehn Meter Entfernung stehen. Marshall pfiff. Er streckte die Hand aus, um ihn anzulocken und dann zu fassen. Aber das Tier kam nicht näher, sondern wedelte mit dem Schwanz und lief im Kreis.
Der Hund rannte die Straße entlang, stoppte bei Danelles Kleinlaster, schnüffelte daran, lief zurück in das Bachbett und verschwand.
In diesem Moment kam das Suchteam, zwölf freiwillige Helfer mit zwei Geländewagen. Bevor Marshall sie losschickte, schaute er noch einmal zur Straße und entdeckte in der Ferne den Hund. Inzwischen waren auch Tierspezialisten der Polizei eingetroffen, die versuchten, das Tier mit Futter und Wasser zu ködern. Doch der Hund ließ sich nicht fangen, machte kehrt und lief in den Canyon zurück. Gibt es das tatsächlich, dachte sich Marshall. Die letzte halbe Stunde hatte der Hund alles getan, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Vielleicht gehörte er wirklich Danelle.
„Der Hund ist wieder da“, informierte Marshall seine Leute über Funk. „Fangt ihn nicht ein. Ich wiederhole: Fangt ihn nicht ein. Versucht, ihm zu folgen.“
Bego Gerhart, einer der Helfer, erkundete die Umgebung, als der Hund an ihm vorbeirannte, langsamer wurde, einen mit Felsbrocken übersäten Pfad hochkletterte und verschwand. Gerhart stieg aus dem Geländewagen und folgte dem Vierbeiner. Pfotenspuren im Sand führten zu einem Weg, den er noch nicht bemerkt hatte. Dort sah er Schuhabdrücke.

Danelle hatte Taz eine Weile nicht mehr gehört. Sie schloss die Augen und wartete – allein, halb erfroren und voller Angst.
Da hörte sie in der Ferne ein vertrautes Klirren. Einen Augenblick später stand Taz neben ihr. Er hechelte, so schnell war er gerannt, und trank aus dem Wasserloch. Danelle glaubte, einen Fahrzeugmotor gehört zu haben. Doch schon verstummte das Geräusch wieder. Auf dem schmalen Pfad hatte Gerhart den Motor abgestellt. Er horchte. Dann hörte er eine Stimme: „Hilfe!“ Er griff zu seinem Funkgerät.
„Ich habe Sprechkontakt mit der Gesuchten“, sagte er zu Marshall. „Bleib auf Empfang.“ Er raste los und entdeckte Danelle, die am Fuß des Canyons lag, den Hund neben sich. Bei der Verletzten angekommen, kniete Gerhart nieder und forderte einen Hubschrauber an, der sie ausfliegen würde. Als Danelle anfing zu weinen, beschnupperte Taz sie und leckte ihr das Gesicht.
„Guter Hund“, flüsterte sie. „Guter Hund.“

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