Auf den Spuren der Kreuzritter
Die mächtigen Burgen des Vorderen Orients erzählen die Geschichte zweier kriegerischer Jahrhunderte. Es ist auch die Geschichte des Zusammenpralls zweier Kulturen
By Enrico Martino
An den seltenen Nebeltagen des syrischen Winters unterscheidet es sich kaum von einem der vielen Hügel, die den Horizont säumen. Doch beim Näherkommen gibt sich das steinerne Bollwerk zu erkennen. Einen „Knochen im Hals der Muslime“ nannte es der arabische Historiker Ibn al-Athir. Als „die am besten erhaltene und schönste Burg der Welt“ beschrieb ein junger Student aus Oxford die berühmte Kreuzfahrerburg Krak des Chevaliers. T. E. Lawrence, der später als Offizier unter dem Ehrennamen Lawrence von Arabien bekannt werden sollte, durchstreifte im Jahr 1909 für seine Doktorarbeit über die Burgen der Kreuzritter den Vorderen Orient zu Fuß. Er war nur einer von vielen Briten, die von der exotischen Schönheit des Nahen Ostens bezaubert waren. Auch heute noch fasziniert diese Region, das einstige Reich der christlichen Ritter im Heiligen Land, viele Menschen. Hier waren die ersten Bauwerke Burgen – Kirchen und Paläste entstanden erst, als die Kreuzritter sesshaft wurden. Unter allen Burgen war die legendäre Qalat al-Hosn, wie die Araber den Krak nannten, die trutzigste, erbaut auf dem einzigen Pass eines 200 Kilometer langen Gebirges, das die mediterrane Küste vom Landesinneren Syriens trennt.
Seit 1271, dem Jahr, in dem Sultan Baibars sie endgültig eroberte, breitet sich eine unnatürliche Stille über dem riesigen Felsenschiff aus. Aber immer noch ragt der Krak gen Himmel, das Urbild einer vollkommenen mittelalterlichen Burg. Hinter dem großen Tor führt eine überdachte Rampe durch dunkle Gewölbe, vorbei an steinernen Löwen, die an das eher unrühmliche Abenteuer des Kreuzritters Richard Löwenherz erinnern. Im Wind, der durch die hohen moosbedeckten Mauern pfeift, meint man das metallische Scheppern der Ritterrüstungen zu hören. In Kriegszeiten lagerten Hunderte, manchmal Tausende Ritter im Labyrinth von Mauern, Türmen und Gewölben, während aus der Kapelle gregorianische Gesänge ertönten. Der Krak, der sogar dem berühmten Sultan Saladin Respekt einflößte, war nicht nur Militäranlage, sondern auch ein Meisterwerk mittelalterlicher Baukunst. Mit seinen eleganten Sälen war er ein perfektes Beispiel jener Festungen, deren Neuerungen später in großem Umfang in Europa Einzug hielten, wo die Burgen bis dahin meist nur aus einem wuchtigen Wehrturm bestanden hatten. Im Orient hatten die Kreuzritter von den Byzantinern, ihrerseits Erben der Kriegskunst des Römischen Reiches, viel gelernt. Sie mussten aber auch neuartige Probleme lösen. So war die Zahl ihrer Kämpfer stets begrenzt, denn sowohl Krieger als auch Pilger kehrten nach einigen Jahren nach Europa zurück. Die Bauten mussten deshalb äußerst stabil und mit wenigen Männern zu verteidigen sein. Also nutzten die Kreuzritter die Geländevorteile: Die felsigen, unzugänglichen Standorte der Burgen verhinderten den Einsatz von Belagerungstürmen, die glatten Mauern das Anlegen von Leitern. Die runden Türme erweiterten das eigene Schussfeld, und getarnte Ausfallpforten ermöglichten plötzliche Gegenangriffe.
Im Inneren der Burgen jedoch lebten Lehensherren und Großmeister der Ritterorden in größerem Luxus als in einem europäischen Königspalast. Vielleicht, um den Gedanken an eine ungewisse Zukunft auszutreiben. Feinste Täfelungen, reich geschnitzte Möbel, goldenes und silbernes Besteck, seltenes Porzellan aus dem fernen China schmückten die noblen Räume – Sinnbilder orientalischer Pracht, die die Eindringlinge offenbar gern übernahmen. Die Hitze der langen Sommer mag ihren Teil beigetragen haben: So trugen die Ritter, wenn sie nicht in Rüstung waren, Seidenumhang und Turban. Auch ihre Frauen übernahmen die orientalische Mode mit Tunika und goldbestickter Jacke. Viele legten sogar den Schleier an – nicht aus religiösen Gründen, sondern um das Gesicht vor der Sonne zu schützen. Es war eine Lebensart, an der sich Pilger und neu aus Europa gekommene Ritter störten, wie wir aus einer Erzählung des Usama ibn Munqidh, Emir von Schaizar, wissen. Als dieser einmal mit Erlaubnis befreundeter Tempelritter in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem betete, wurde er von einem Ritter beleidigt. Ein anderer Templer entschuldigte dies eilends damit, dass es sich um einen der neu angekommenen Ritter ohne Manieren handle. Andererseits blickten auch die orientalischen Christen und Araber etwas herablassend auf die „Franken“, wie die Kreuzritter im Orient hießen. Ließen die doch ihren Frauen allzu große Freiheiten, ganz zu schweigen von ihrer rückständigen Heilkunst.
Abgesehen jedoch von diesem gegenseitigen Unverständnis, begannen Franken und Sarazenen, wenn schon nicht einander zu akzeptieren, so doch einander zu begreifen. Hilfreich mag dabei die gemeinsame Wertschätzung ritterlichen Muts und großherziger Taten gewesen sein. Unrühmliche Ausnahme in dieser Hinsicht war Rainald von Châtillon, ein wahrer Finsterling, der bei allen Missbilligung erregte. Im ägyptischen Kolossalfilm Saladin aus den 60er-Jahren taucht er als blonder Hysteriker auf, der Jungfrauen nachstellt und fromme moslemische Pilger abschlachtet. Von den historischen Tatsachen ist diese Charakterisierung nicht weit entfernt, denn unter anderem ließ Rainald gern Gefangene von den Mauern werfen. Zuerst aber ließ er ihnen noch eine hölzerne Kiste auf den Kopf binden, damit sie den Tod schon fühlen sollten, bevor sie auf den Felsen aufschlugen. Rainald war Herr einer eindrucksvollen Festung, dem Kerak von Moab. Von dort kontrollierte er alle Karawanenstraßen zwischen Ägypten, Syrien und dem westlichen Arabien. Seine Stellung nutzte er weidlich aus, überfiel Kaufmannszüge und versenkte zum Entsetzen der gesamten moslemischen Welt sogar Pilgerschiffe, die nach Mekka unterwegs waren. Seitdem war die Zerstörung von Kerak und der Tod ihres Herrn oberstes Ziel für Saladin. Am 20. November 1183 griff er die Burg an. Dort feierte man zu diesem Zeitpunkt gerade eine Hochzeit: Honfroi von Toron, ein 17-jähriger Adliger, ehelichte die erst elfjährige Prinzessin Isabella Comnena. Ritter, Zauberkünstler, Musiker und Taschenspieler brachten sich Hals über Kopf innerhalb der mächtigen Mauern in Sicherheit, und eilends wurde ein Bote nach Jerusalem geschickt, um bei König Balduin von Edessa Hilfe anzufordern. Indessen gingen mit der für das Kreuzritterland gewohnten Tollheit Feste und Bankette unvermindert weiter, begleitet vom dumpfen Donnern der großen Steine, die Saladins Katapulte gegen die Mauern schleuderten. Um nicht als unhöflich zu gelten, schickte die Mutter des Bräutigams dem feindlichen Herrscher einige eigenhändig zubereitete köstliche Speisen. Saladin, ganz der galante Gegner, befahl seinerseits, den Turm, in dem das junge Paar wohnte, nicht zu bombardieren. Wenig später traf das christliche Heer ein. Saladin hob rasch die Belagerung auf und zog sich nach Damaskus zurück. Indes nicht für lange Zeit. Denn drei Jahre später überfiel Rainald, ohne sich um die Waffenruhe zu scheren, eine reich beladene Karawane, welche die Wüste Moab durchquerte. Das war sein größter, aber auch sein letzter Streich. Als Saladin bei Guy de Lusignan, dem neuen König in Jerusalem, Satisfaktion verlangte und sich dieser gegenüber seinem Lehnsmann als machtlos erwies, war der Krieg unvermeidlich. Im Morgengrauen des 4. Juli 1187 wurde das christliche Heer bei den Hörnern von Hattin vernichtend geschlagen. Der König und fast alle überlebenden gefangenen Ritter wurden mit Großmut behandelt. Templer jedoch und die Männer des Hospitaliter- Ordens, die als unverbesserliche Fanatiker galten, wurden getötet. Den Bösewicht Rainald enthauptete Saladin eigenhändig.
Die Felsen entlang der Straße der Könige haben die Mächtigen aller Zeiten vorbeiziehen sehen: Mose, Römer, Kreuzritter, Türken. Alle haben ihre Spuren hinterlassen auf diesen hügeligen Hochebenen, wo Steine und Oliven ein unentwirrbares Muster in Grün und Weiß bilden, unterbrochen nur durch die melancholischen goldfarbenen Mauern einer Kreuzfahrerburg wie Schobak. Große Festungen oder kleine Burgen, die heute noch die Küsten des Libanon bewachen, von Byblos, einer der ältesten Städte der Welt, nach Saida, dem alten Sidon mit seinem gedrungenen Wehrturm. Oft haben sie Widerstand geleistet mit der Kraft der Verzweiflung, wie Kerak, die sich erst ergeben hat, nachdem ihre Verteidiger alle Pferde verspeist und im Tausch gegen Nahrung einige Kinder an die Beduinen verkauft hatten. Oder wie die Burg Krak, die am 8. April 1271 erstürmt wurde. Sie war die letzte große Festung des Reichs von Jerusalem, das knapp zwei Jahrhunderte überdauerte, seit der Eroberung der Heiligen Stadt im Jahr 1099 bis zum Fall von Akkon im Jahr 1291. Die über Hunderte von Kilometern aufgereihten Burgen sind wohl das beständigste Zeugnis des größten Zusammentreffens und zugleich Aufeinanderprallens von Orient und Okzident.
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1 Kommentare |
| Manfred Kessel on 04 August 2010 ,17:22 Ich meine, dass sie nicht nur sehr interessante Bücher liefern können, sondern auch DVDs oder CDs. |
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