Hart am Wind
Junge Männer aus den Elendsvierteln Südafrikas greifen nach der Krone im Segelsport

Marcello Burricks, 22, steht an Bord des Bootes, das die Jacht aus dem Hafen im spanischen Valencia zieht. Der junge Mann ist mit zahlreichen Narben übersät, die er sich bei Kämpfen mit rivalisierenden Gangs in der südafrikanischen Township zugezogen hat, in der er aufwuchs. Er legt ein Band in den Kassettenspieler ein, dreht die Lautstärke hoch, und der kämpferische Zulu-Marsch „Shosholoza“ – die inoffizielle Hymne Südafrikas – schallt über das Hafengelände.
Die Jacht erscheint wie ein schwimmender afrikanischer Krieger: Der kräftige, kohlenstoffbeschichtete Rumpf ist schwarz, der dünne Mast ragt in den Himmel wie ein Speer. Am messerscharfen Blatt des Bugs prangt stolz ihr Name: Shosholoza („Vorwärts“). Allen Widerständen zum Trotz ist die 17 Mann starke Besatzung des Boots ausgezogen, das prestigereichste Rennen im internationalen Segelsport zu gewinnen: den America’s Cup, dessen Pokal erstmals im Jahr 1851 vergeben wurde. Von den zwölf Teams, die in den vergangenen drei Sommern – die letzten Rennen finden im April 2007 statt – von Spanien, Italien, Frankreich und Schweden aus um die Finalteilnahme gekämpft hatten, musste die Shosholoza am meisten beweisen. Und das hat seine Gründe: Die Segelmannschaft ist die jüngste im Teilnehmerfeld. Mark Sadler etwa gehört mit 32 Jahren zu den jüngsten Skippern, Besatzungsmitglied Reinhardt Rauscher ist gerade einmal 21. Kaum einer aus der Gruppe war zuvor jemals auf einer so großen Jacht gesegelt, wie es die 25 Meter lange Shosholoza ist. Zudem waren die Männer anfangs beileibe keine gestandenen Segelprofis, sondern vielmehr ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Amateurseglern, Rugbyspielern, Studenten und Schülern.
Menschenmengen verfolgen die Ausfahrt der konkurrierenden Jachten von der Hafenmauer Valencias aus, wo in diesem Sommer das Finale ausgetragen wird. Als sie die im Wind flatternde südafrikanische Flagge sehen, brechen die Zuschauer in Jubel aus. Die Regenbogenmannschaft der Shosholoza – weiß, schwarz, braun, Christen, Moslems, Buddhisten – ist aufgrund ihres Außenseiterstatus beim Publikum besonders beliebt. In diesem Sport der Milliardäre können Topmannschaften knapp 120 Mitglieder umfassen, darunter bis zu 40 professionelle Segler. In der Regel steht ihnen ein Budget von rund 130 Millionen Euro zur Verfügung. Die überwiegend aus Amateuren bestehende Mannschaft der Shosholoza muss mit nur 25 Millionen Euro auskommen, die allesamt aus Sponsorengeldern stammen. Reparaturarbeiten erledigt sie meist selbst. Doch der freundlichen, unbefangenen Crew geht es um mehr als den Gewinn einer begehrten Trophäe. Ihr Motto lautet „Ein Team, eine Nation, ein Traum“. Ihr Traum ist es, zu zeigen, dass auch für gewöhnliche Menschen wie sie selbst nichts unmöglich ist. An Deck hilft Solomon Dipeere beim Hissen des kunststoffbeschichteten Segels. Der Zulu mit den Rastalocken stammt aus einer Township in der Nähe von Johannesburg und gab für das Segeln seine vielversprechende Stellung als Bauzeichner auf. Golden Mgedeza, 25 Jahre alt und ebenfalls Zulu, klemmt währenddessen seinen Sicherungsgurt an einem Seil am Mast fest. Gleich wird der geschmeidige junge Mann zum Masttopp gehievt, wo er das gehisste Segel befestigen soll. Auch die riesigen Segel der anderen Schiffe leuchten im Sonnenschein, als sie sich im Wind aufbauschen. Die Shosholoza legt sich auf die Seite und schießt vorwärts. Am Heck des Bootes bedient Ian Ainslie, 41, die verstellbare Kohlenstofffaserrolle, die den Mast sichert. Bei starkem Wind entspricht die Last in seinen großen Händen etwa 15 Autos, die über einer Klippe hängen. Doch Ainslie, stark und wettergegerbt mit sanften braunen Augen, hält auch die Hoffnungen der jungen Segler zu Hause in seinen Händen, die seinen Traum vom Segeln mitträumen.
"Helfen Sie uns"
Alles begann vor zehn Jahren, als ihn zwei seiner Schüler baten, sie zu trainieren. Damals, 1996, lehrte Ian Ainslie Mathematik und Geografie an einer Schule in Simonstown in der Nähe von Kapstadt. Nebenher segelte er jeden Tag bei Sonnenaufgang mit seinem Finn- Dinghy, um für die Olympischen Spiele in Sydney zu trainieren. Bei den Schülern handelte es sich um Solomon Dipeere und Golden Mgedeza, beide 15 Jahre alt, aus der schwarzen Township Kwa Thema. Sie hatten Marine-Stipendien für die Schule gewonnen, lebten auf einem Schiff im Hafen und segelten in Clubrennen. „Können Sie uns helfen, schneller zu segeln?“, baten sie ihn. Diese Frage kam für Ainslie überraschend. An der Universität hatte er einst schwarze Studenten unterrichtet, um die politischen Veränderungen zu unterstützen. Doch er war sein Leben lang gesegelt und hatte sogar an zwei Olympischen Spielen teilgenommen, ohne jemals einen schwarzen Segler gesehen zu haben. Er versprach den beiden, ihnen zu helfen. Bei ihren ersten Rennen in False Bay in geliehenen Booten erwiesen sich die Jungen als gelehrig und talentiert. Schon bald kamen weitere Jugendliche hinzu. Die sichtbare Freude, mit der sie dem Wind und den Wellen trotzten, öffnete Ainslies Augen für eine neue Möglichkeit, jungen Leuten, denen das Leben nur wenige Chancen bot, soziale Fähigkeiten zu vermitteln. Bald fuhr er jeden Nachmittag mit bis zu zehn Kindern zusammengedrängt in seinem Auto zum Segelunterricht am Marinestützpunkt. Mit Mgedeza, Dipeere und befreundeten Seglern als Lehrer verwandelte sich das zwanglose Unterfangen schnell in eine Segelschule und Stiftung für Jugendliche mit dem Namen Izivunguvungu („Plötzliche Windböe“). Für die mittellosen Kinder war die Schule wie eine Reise zu neuen Ufern. „Vergesst die Hightech-Ausrüstungen der Reichen in ihren Booten“, sagte Ainslie. „Geht einfach nur raus da und segelt schnell – richtig schnell!“ Jachtclubs, die zu den letzten Bastionen der weißen Vorurteilsgesellschaft zählten, erwiesen sich zunächst als weitgehend feindliches Terrain für lebhafte schwarze Jugendliche in geflickten Hosen und abgenutzten Schwimmanzügen. So fuhr ein Jachtbesitzer, der Dipeere auf einer Toilette begegnete, ihn einmal aufgebracht an: „Geh wieder an die Arbeit, Boy, das hier ist nicht für die Allgemeinheit!“ All das änderte sich jedoch im Jahr 2001, als Ainslie bei den prestigereichen Lipton-Cup-Rennen mit einer überwiegend aus dunkelhäutigen Mitgliedern bestehenden Mannschaft antrat. Im letzten Rennen auf aufgepeitschter See führten sie das gesamte Teilnehmerfeld in die letzte Kurve. Inmitten hoch aufsprühender Gischt schoss ihr massiver Spinnaker am Mast empor und öffnete sich, sodass sich das Boot aus dem Wasser erhob und zu fliegen schien. Sie gewannen das Rennen, und von nun an wurden Ainslies Schüler kommentarlos in den Bars der Jachtclubs bedient. Im darauffolgenden Jahr holte Ainslies Mannschaft den Pokal, und Mgedeza wurde zum südafrikanischen Segler des Jahres gewählt. Spätestens von diesem Zeitpunkt an waren schwarze Segler endgültig zu einer Größe geworden, an der man nicht mehr vorbeikam.
Hoher Preis.
So mancher der jungen Sportler musste für seine Träume allerdings einen hohen Preis bezahlen: Marcello Burricks war 13, als er zu Izivunguvungu kam. Der drahtige Junge war dem Segeln augenblicklich verfallen. Er lebte in Ocean View, einer Township für Farbige, wo er aufgrund seiner „Weißenspiele“ den Anfeindungen der dortigen Gangs ausgesetzt war. Sein Körper war nach einiger Zeit mit Narben von Messerstichen übersät, doch er verlor keinen Kampf und verpasste niemals einen Segeltörn. Jeden Sommer fuhr nun eine Gruppe von Teenagern aus der Izivunguvungu- Schule, begleitet von Mgedeza, Dipeere, Burricks und Ainslie, zu einer Regatta in Durban. Aufgeteilt in Mannschaften für zwei Rennjachten von Salvatore Sarno, einem ehemaligen Kapitän aus Neapel, der eine riesige Schiffsflotte aufgebaut hatte, schnitten die jungen Segler regelmäßig gut ab. Sarnos Traum war die Teilnahme am America’s Cup, doch Ainslie und seine Mannschaft reagierten darauf ablehnend. Teenagern, die in armseligen Hütten lebten und ihr Brot teilen mussten, erschien die Vorstellung unmöglich, bei einer solchen Milliardärsveranstaltung mitzumachen. Im November 2003 wurden Ainslie und seine Schützlinge dann gemeinsam mit knapp 30 weiteren erfahrenen Jachtseglern in Sarnos Büro gebeten. „Erinnert ihr euch an meinen Traum?“, fragte Sarno. „Der Anfang ist gemacht: Ich habe ein Boot gekauft und es zum America’s Cup angemeldet. Jetzt bitte ich euch, den Pokal für Südafrika zu gewinnen.“
Harte Lehrzeit.
Das Training auf der 25 Meter langen Jacht mit dem 33 Meter hohen Mast war hart und gefährlich. Ainslie und einige der Mannschaftsmitglieder bezweifelten, dass sie für die Eröffnungsrennen im französischen Marseilles 2004 bereit waren. Sarno hingegen hielt Ainslie dessen eigenen Ratschlag unter die Nase: „Geht einfach nur da raus und segelt schnell – wirklich schnell!“ Doch es reichte nicht. Die Südafrikaner kamen in jedem Rennen als Letzte ins Ziel. Im darauffolgenden Jahr wurden sie von zahlreichen technischen Problemen und Unfällen geplagt – und wieder verloren sie jedes Rennen. Experten bewunderten zwar den Kampfgeist der Mannschaft, doch gleichzeitig gaben sie Sarno den Rat, die Männer durch Profis zu ersetzen. Dieser ließ sich jedoch nicht umstimmen. „Ich habe Vertrauen in meine Jungs!“, hielt er Kritikern entgegen. Und endlich, nach 40 aufeinanderfolgenden Niederlagen, drehte sich der Wind: Die Shosholoza errang einen triumphalen Sieg über die schwedische Jacht Victory Challenge in deren heimatlichen Gewässern und fuhr anschließend knapp vor der deutschen Mannschaft über die Ziellinie. Ainslie war so überwältigt, dass er nach vorn rannte, um Mgedeza zu umarmen – und über Bord fiel. 2006 gelang es der jungen Mannschaft, auf ihrem Erfolg aufzubauen. Der „afrikanische Krieger“ verwandelte sich in einen ernst zu nehmenden Gegner. Am Ende der Saison belegte die Shosholoza Platz sieben unter zwölf verbliebenen Jachten. Selbst das führende Boot, der Schweizer Titelverteidiger Alinghi, besiegte die Shosholoza in einem Kopfan- Kopf-Rennen mit nur knapp 20 Sekunden Vorsprung. „An einem guten Tag kann das Team Shosholoza alle anderen schlagen“, erklärte Brad Butterworth, Alinghis Taktiker. Diese Erfolgsgeschichte versetzte ganz Südafrika in Aufregung. „Als sie anfingen, hat niemand unseren Jungs auch nur die leiseste Chance eingeräumt“, meint der bekannte geistliche Führer Südafrikas, Erzbischof Desmond Tutu. „Jetzt machen sie sogar die Besten der Welt nervös.“
Rückkehr der Helden.
Zu Hause an der Izivunguvungu-Schule verfolgen die 120 Jungen und Mädchen jedes Rennen im Internet. Wenn sie nach Hause kommen, unterweisen Skipper Mark Sadler und die anderen Mannschaftsmitglieder der Shosholoza die Kinder darin, wie man ein Rennen gewinnt. Marcello Burricks wird an seiner Schule wie ein Held gefeiert. In den verfallenen Hütten der örtlichen Townships träumen Kinder davon, weltberühmte Segler zu werden. Izivunguvungu gibt ihnen Träume, und die Shosholoza hilft, diese Träume wahr werden zu lassen. Und selbst wenn der „afrikanische Krieger“ den America’s Cup in diesem Jahr nicht gewinnen sollte, sind die Mitglieder seiner Mannschaft, die den Geist einer sportlichen, jungen Nation verkörpert, bereits wahre Sieger.
America’s Cup 2007: Die Qualifikationsrennen finden vom 16. April bis Mitte Juni statt, die Finalrunde wird vom 23. Juni bis 4. Juli ausgetragen. Weitere Informationen erhalten Sie unter www.teamshosholoza.com.
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