Zwanzig Jahre ist es her, dass die Menschen in der DDR aufbegehrten. Aus dem Ruf nach Reformen wurde eine Protestwelle, die am Ende das Regime hinwegfegte. Als die Mauer fiel, bedeutete dies für die meisten Bürger des sozialistischen Teils Deutschlands erst einmal eines: die Freiheit zu reisen, wohin das Herz begehrte. Für manche aber bedeutete die Öffnung der Grenze mehr – viel mehr. Nämlich das Wiedersehen mit Töchtern und Söhnen, Müttern und Vätern auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, von denen sie unter Zwang getrennt worden waren. Damals kaum bekannt: Seit den 60er-Jahren hatte die DDR-Justiz immer wieder Eltern nach einer Übersiedlung in den Westen, einem Fluchtversuch oder auch nur einem Ausreiseantrag die Kinder entzogen und diese zur Adoption freigegeben.

Das Fernsehspiel Jenseits der Mauer erzählt eine dieser Geschichten. Reader’s Digest sprach mit zwei der Hauptdarsteller: Edgar Selge, vielfach preisgekrönter Schauspieler, am besten bekannt vermutlich als einarmiger Kommissar Tauber im Polizeiruf 110, und Henriette Confurius, eine Darstellerin, die trotz ihrer Jugend bereits an zahlreichen Filmproduktionen mitgewirkt hat – zuletzt war sie Anfang des Jahres im Dreiteiler Die Wölfe zu sehen. In Jenseits der Mauer, das am 30. September um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird, spielt Selge einen Vater, der nach einem Fluchtversuch aus der DDR gezwungen ist, seine kleine Tochter dort zurückzulassen, während er mit Frau und Sohn in die Bundesrepublik übersiedelt. Confurius ist seine Tochter, die bei Adoptiveltern in Leipzig aufwächst – ohne zu wissen, dass es noch eine Familie gibt, zu der sie gehört.

Reader’s Digest: Haben Sie bei der Vorbereitung Ihrer Rollen mit Menschen gesprochen, die eine Zwangsadoption durchlitten haben?

Henriette Confurius: Nein, ich kenne niemanden, der das erlebt hat. Rebecca – mein Charakter – weiß ja auch gar nicht, dass sie adoptiert ist. Der Moment, in dem sie das erfährt, ist natürlich hart für sie – aber sie hat Menschen, die sie unterstützen, dann fällt die Mauer, und alles ist gut. Das Drehbuch gibt diesen emotionalen Weg klar vor.

Edgar Selge: Es gibt Biografien, bei denen ich es sehr wichtig finde, jemanden zu treffen, der etwas Ähn-liches erlebt hat. Aber hier finde ich, dass meine Fantasie ausgereicht hat, um das zu spielen. Man muss sich, wie Henriette gesagt hat, auf die Emotionalität des Drehbuches einlassen.


RD:
Was gefällt Ihnen am fertig-gestellten Film besonders?

Confurius: Wie bewegend er ist.

Selge: Dass er so viele Menschenschicksale zusammenbringt. Er teilt die Menschen nicht in Gut und Böse auf, er erzählt ihre Lebenswege auch in Zwischentönen.


RD:
Trotzdem benennt der Film die Unmenschlichkeit, die hinter den Zwangsadoptionen steckt, sehr deutlich. Wie denken Sie über die Diskussion der letzten Zeit, ob denn die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht?

Selge: Die war absolut überflüssig. Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, steht außer Frage. Wenn man das sagt, muss man sich natürlich gleichzeitig klarmachen, dass in jedem Staat, in jeder Diktatur, die Menschen versuchen, ihr persönliches Glück zu finden. Und auch einen Alltag zu entwickeln, der ihren moralischen Ansprüchen genügt. Das geht nebeneinander her. Es liegt an unserer medialen Gegenwart, dass wir immer eine Seite überbetonen. Wenn andere dann fühlen, dass es nicht ausreichen kann, die DDR nur einen Unrechtsstaat zu nennen, haben sie völlig recht. Im Alltag war der Unterschied zwischen Westen und Osten unter Umständen nicht so groß. Aber an der Tatsache, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, wird kein Mensch zweifeln können.


RD:
Im Anschluss an den Film wird eine Dokumentation über Zwangsadoptionen in der DDR zu sehen sein. Was kann das Drama, was die Dokumentation nicht kann?

Selge: Fiktion versucht immer, unsere Angstfantasien zu bearbeiten, denke ich. Fiktion und Fantasie gehören zusammen, und hier geht es ja um etwas, was man nicht erleben möchte. Man schaut sich das trotzdem gerne an, und man schaut es sich deshalb gerne an, weil es mit eigenen Ängsten zusammenhängt. Mit Ängsten von Eingesperrtsein, von Manipuliertwerden, von extremem Machtmissbrauch. Die Fiktion geht in das Zentrum dieser Ängste hinein. Die Dokumentation ist objektiver und zeigt mehr, wie die Menschen das Geschehene im Laufe der Zeit verarbeitet haben. Also ist die emotionale Kruste dicker, die Menschen sind nicht so wund, wie wir sie in der Fiktion sehen.


RD:
Erinnern Sie sich noch, was Sie gemacht haben am Tag, als die Mauer fiel?

Selge: Natürlich, ich habe stundenlang zu Hause vor dem Fernseher gesessen und war erschüttert. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass die Mauer fällt. Das war etwas, von dem jeder noch Monate vorher gesagt hätte: Ob wir das in unserem Leben noch erleben werden? Und plötzlich war es so weit! Ich wollte sofort nach Berlin ziehen oder nach Leipzig oder Dresden.

 

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