Diesen Monat wird erneut über das Schicksal unseres Planeten verhandelt. Unzählige Gesandte, Unterhändler, Medienvertreter, Lobbyisten und Aktivisten treffen sich auf der großen Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Kopenhagen. Auch bunte Gesandte exotischer Inselstaaten werden erneut mahnende Worte sprechen: „Wir steuern auf eine Katastrophe zu, die Klimamaschine gerät aus dem Takt ...“

Es wird unzählige Papiere mit Modellen und Prognosen geben, und auf den großen Pressekonferenzen, die vom medialen Blitzlichtgewitter erfasst werden, treten Experten ans Mikrofon und warnen, dass die CO2-Konzentration seit der Industriellen Revolution von 280 ppm (parts per million, Teile einer Million) auf inzwischen über 380 ppm angestiegen sei. Auf den heimischen Fernsehschirmen flimmern rauchende Kraftwerke und schmelzende Gletscher, und in Live-Sendungen buhlen Journalisten um die Gunst der bekannteren Teilnehmer des Gipfels ...

Apropos Gipfel: Vor einigen Monaten wanderte ich über die Gletscher des Pitztals. Bei sommerlichen Temperaturen erklärte mir der Bergführer, wie dramatisch der Rückgang des Taschachgletschers sei. In seiner Kindheit reichte die Gletscherzunge noch bis tief ins Tal hinab. Wo einst meterdickes Eis alles überdeckte, stößt man heute auf riesige Geröllfelder. Das Abschmelzen erfolge immer schneller, meinte der Bergführer, bald sei das Eis wohl ganz verschwunden. Gerade in den Alpen ließe sich der Effekt des Klimawandels sehr direkt beobachten.

Bei unserer Wanderung kamen wir an eingepackten Schneehängen vorbei, die an die Werke des Verpackungskünstlers Christo erinnern: Ganze Berghänge werden im Sommer vorsorglich mit weißen Decken aus Polyester und Polypropylen überzogen, um so die Schneeschmelze einzudämmen. Die weiße Frischhaltefolie reflektiert das Sonnenlicht. Vor den einsetzenden Schneefällen im Herbst werden die Folien dann aufgerollt und gelagert.

Bei allem Aufwand gibt es Zweifel am Nutzen: Am Pitztaler Gletscher wurden bereits im Jahre 2005 Teilflächen von insgesamt sieben Hektar abgedeckt. In wissenschaftlichen Vergleichen mit allen Temperatur- und Niederschlagsparametern sowie der Sonnenintensität zeigte sich, dass unter dem Vliesmaterial pro Sommer gerade mal rund 1,50 Meter Gletschersubstanz zusätzlich erhalten werden können.

Die Gletscherfrischhaltefolie ist der verzweifelte Versuch, den drohenden Niedergang des Skitourismus in den Tiroler Alpen zu retten: Ohne Schnee würde die Wirtschaft der Region zusammenbrechen.

Wie sehr man sich um diesen Punkt sorgt, sollte ich wenig später auf unserer Wanderung erfahren: „Im Pitztal wird in diesem Jahr die modernste Kunstschneeanlage der Welt in Betrieb genommen.“ Mein Bergführer zeigte auf ein dunkles Gebäude. Natürlich sah ich mir die neue Schneefabrik an. Der Mitarbeiter schwärmte: „Die Technik stammt aus Israel; das Kühlprinzip wird in den heißen Stollen von Diamant- und Goldminen eingesetzt. Der ‚All Weather Snowmaker‘ schafft in 24 Stunden 950 Kubikmeter Kunstschnee.“

Als Beleg zeigte der Mitarbeiter auf einen gigantischen Schneeberg vor der Halle; der Probelauf habe einwandfrei funktioniert.

Im Innern des dunklen Baus standen riesige Behälter aus Edelstahl, und das verzweigte Rohrsystem erinnerte mich an eine überdimensionierte Milchfabrik. Das Prinzip sei unabhängig von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Wind. Selbst bei Plus-Temperaturen könne man Schnee machen.

Für mich stellte sich an diesem Tag die ganze Absurdität unserer Klimadiskussion dar: Wir sehen die schmelzenden Gletscher, doch inmitten der sterbenden Naturkulisse bauen wir Skilifte mit beheizten Kabinen und eine Schneefabrik, deren Stromverbrauch allein mit 500 000 Watt zur Klimaerwärmung und zur Gletscherschmelze beiträgt.

In Kopenhagen wird erneut über den Klimawandel diskutiert. Und abends an der Hotelbar schwärmt vielleicht so mancher vom tollen Schnee im Pitztal ...

Ranga Yogeshwar ist Physiker und Wissenschaftsjournalist. Er moderiert TV-Sendungen wie zum Beispiel Wissen vor 8 und Die große Show der Naturwunder (ARD). Gerade ist sein Buch Sonst noch Fragen? (KiWi) erschienen.

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