Im Jahr des Tigers
Naturschützer versuchen, die letzten in freier Wildbahn lebenden Tiger zu retten. Werden die Großkatzen überleben?
Von JEREMY HSU
In der chinesischen Mythologie ist der weiße Tiger „der Hüter des Westens“. Der Legende nach würde sich der Schwanz eines Tigers, dem es gelänge, 500 Jahre alt zu werden, weiß färben. Und weiße Tiger erscheinen nur den Kaisern, die gerecht herrschen. Sie gelten als Symbol einer friedvollen Herrschaft.
Doch obwohl Tiger in der chinesischen Tradition hoch verehrt werden, stehen die majestätischen Tiere in der realen Welt heute am Rande ihrer Existenz. Im Februar wurde in Asien das Jahr des Tigers eingeläutet, und Politiker arbeiten zusammen mit Wissenschaftlern und Naturschützern daran, die letzten in freier Wildbahn lebenden Tiger zu retten.
Seit je haben die Großkatzen die Fantasie beflügelt – die von Poeten und die von Kriegern. Heute sind sie auch symbolisch für das Schwinden der Lebensräume, was sich auf Mensch und Tier auswirkt. Ein indisches Sprichwort besagt, dass die Wälder sterben, wenn der Tiger verschwindet.
Laut der Schutzorganisation Save the Tiger Fund ist die Zahl frei lebender Tiere von 100 000 im letzten Jahrhundert auf 3200 im Jahr 2009 gesunken. Der sibirische Tiger, die größte Raubkatze der Welt, ist bereits akut vom Aussterben bedroht. Ein Bericht des Tigerüberwachungsprogramms, das von der Wildlife Conservation Society unter anderem in Zusammenarbeit mit russischen Behörden durchgeführt wird, ergab, dass sich die Zahl der Sibirischen Tiger von einem über zwölf Jahre ermittelten Durchschnittswert inzwischen um 41 Prozent reduziert hat.
„Das hat uns alle sehr schockiert“, sagt Judy Mills, Koordinatorin der International Tiger Coalition. Sie bezeichnet 2010 als „das wichtigste Jahr in der Geschichte der Tiger“ und erklärt, dass dieses Jahr für die Zukunft der Tiere entscheidend sein wird.
Schutzmaßnahmen
Ende 2009 stellte der russische Premierminister Wladimir Putin eine Milliarde Dollar (rund 722 Millionen Euro) für ein Rettungsprogramm bereit. Er beabsichtigt, im September gemeinsam mit der Weltbank einen internationalen Gipfel in Wladiwostok abzuhalten. Ziel: die Zahl der wild lebenden Tiger bis zum Jahr 2022 weltweit auf 6500 zu verdoppeln.
Naturschutzorganisationen planen im Vorfeld des Tigergipfels eine Reihe von Workshops auf nationaler Ebene. Doch eine entscheidende Rolle im Überlebenskampf der Tiger kommt China zu. Naturschützer verweisen auf das Jahr 1993, als die chinesische Regierung den Handel mit Tigerprodukten, die in der traditionellen chinesischen Medizin zum Einsatz kommen, untersagte. Durch diesen Schritt ging die Nachfrage zurück.
„China hat damit einer sehr lukrativen Branche Einhalt geboten, in der jährlich Millionen mit Medizinprodukten aus Tigerknochen verdient wurden“, erklärt Mills. „Meiner Ansicht nach haben wir heute noch diese Zahl an wilden Tigern, weil sich China damals zu diesem mutigen Schritt entschlossen hat.“
Medizin mit Tiger-Bestandteilen ist seit dem Verbot größtenteils vom Markt verschwunden, so Steven Broad, Leiter der Überwachungsorganisation für den Handel mit Tier- und Pflanzenarten TRAFFIC. Alle Staaten, in denen sich die Lebensräume wild lebender Tiger befinden, haben den Handel ebenfalls untersagt.
Doch auf dem Schwarzmarkt werden weiterhin Felle, Knochen und „Tigerwein“ aus Knochenmehl angeboten. Ironischerweise könnte die Versuchung, sich solche Produkte zu beschaffen, im chinesischen Jahr des Tigers noch steigen.
Derzeit leben in China auf 14 Farmen schätzungsweise 5000 bis 9000 Tiger in Gefangenschaft. Naturschützer warnen jedoch, dass die Besitzer Druck auf die chinesische Regierung ausüben, das Handelsverbot zurückzunehmen. Außerdem böten Farmen keinerlei Hoffnung für die Zukunft der wild lebenden Tiere, fügt Eric Dinerstein, leitender Wissenschaftler beim World Wildlife Fund (WWF), hinzu. Tiger, die in Gefangenschaft leben, wissen nichts vom Jagen und Überleben in der freien Wildbahn. Und sie könnten gefährlich werden, da Menschen eine leichte Beute darstellen.
Überlebenschance?
Doch die Bestände wild lebender Tiger können sich erholen. Weltweit existiert ein Lebensraum von 1,1 Millionen Quadratkilometern – groß genug für rund 20 000 bis 30 000 Tiger. Das klingt zunächst nach einer riesigen Fläche. Doch in den vergangenen 500 Jahren ist der Lebensraum der wild lebenden Tiger um rund 93 Prozent geschrumpft. Einzelne Tiger beherrschen große Gebiete, je nachdem, wie viele Beutetiere dort leben. Männliche Tiger durchstreifen Areale in einer Größe von 20 Quadratkilometern am Fuße des Himalaya und bis zu 600 Quadratkilometern in Sibirien.
Die meisten wilden Tiger leben heute in Indien, während es in Russland noch etwa 500 Sibirische Tiger gibt. Lebensräume erstrecken sich quer durch Asien: Bangladesch, Bhutan, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, Nepal, Thailand, Vietnam und Nordkorea.
Tiger vermehren sich wie Katzen und könnten ihre Bestandszahlen schnell erhöhen. Da der Einbruch in ihrer Population erst vor Kurzem stattfand, herrscht immer noch eine ausreichend hohe genetische Vielfalt, sodass sich die wild lebenden Tiger erholen könnten, ohne durch Inzucht geschwächt zu werden.
„Wenn wir die Beutetierarten schützen und der Wilderei Einhalt gebieten, finden die Tiger wieder zu alter Stärke zurück“, so Dinerstein. „Es kommt darauf an, lebende Tiere wertvoller zu machen als tote.“ Und dann erleben wir es vielleicht sogar, dass eines Tages der Schwanz eines Tigers weiß wird.
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3 von 5 Kommentare |
| Klutzny on 20 April 2010 ,12:03 Sehr interessant. Ich möchte gern helfen, leider mit fehlt das Geld. |
| Schnelldorfer Manfred on 20 April 2010 ,08:43 Es ist ein Skandal, dass Tiere, insbesondere auch Tiger für Werbung aller Art gut genug sind, also nur als Dekoration gut genug sind. Diese Firmen sollten zur Rettung der Tiger finanziell herangezogen werden und sich als Botschafter für das Überleben dieser großartigen Tiere präsentieren. |
| Andrea on 19 April 2010 ,23:38 wie gewohnt, bei readers digest! hohe aufklärung, sehr interessant, und vor augen haltend: was geschieht? Warum? was kann ich (als einzelner?) dagegen tun? wer kann etwas tun? dazu gibts nicht sehr viel zu sagen: NUR WENN WIR ALLE ZUSAMMEN HELFEN; WIRD DER TIGER ÜBERLEBEN!! die organisationen, die daran arbeiten, sind schon ein riesenfortschritt, doch es MÜSSEN ALLE MITMACHEN!! | See More Comments |
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