Helden im Trümmerfeld
Nach dem verheerenden Erdbeben in China erleben die Retter Momente zwischen Leben und Tod
By MICHAEL WANG UND JOEL POONAm 12. Mai 2008 um 14:28 Uhr wurde der Bezirk Wenchuan in der südwestchinesischen Provinz Sichuan von einem Erdbeben der Stärke 8,0 auf der Richterskala erschüttert. Die Stadt Dujiangyan liegt rund 100 Kilometer vom Epizentrum entfernt und zählt zu den am schwersten betroffenen Gebieten. Die Juyuan-Mittelschule stürzte gleich zu Beginn des Bebens ein, 272 Schüler und sechs Lehrer kamen dabei ums Leben.
In aller frühe bereitete Zhang Xiang ihrem Sohn Peng Zhiyou das Frühstück zu. Als Schüler der achten Klasse an der Juyuan-Mittelschule kam der Junge meist nur an den Wochenenden nach Hause. So genoss sie die seltene Gelegenheit und verwöhnte ihn mit gutem Essen.
Zhiyous Schule gehörte zu den besten und beliebtesten Sekundarschulen der ländlichen Region um Dujiangyan. Täglich versammelten sich rund 1800 Schüler und Lehrer zum Unterricht in den Gebäuden.
Um 13:10 Uhr betrat der Politiklehrer Zhang Lin zusammen mit seinen Kollegen den Sitzungsraum, um mit dem Rektor die Ergebnisse eines Probeexamens zu besprechen. Er fühlte sich unter Druck, denn die Zulassungsprüfung zur Oberstufe sollte schon in einem Monat stattfinden. Von dieser Prüfung hing die weitere Schullaufbahn seiner Schüler ab.
Eine Stunde später ging Herr Zhang zurück in den zweiten Stock, wo er eine neunte Klasse unterrichten sollte. Er kontrollierte die Hausaufgaben und setzte sich dann ans Pult.
Huang Yue saß in der ersten Reihe. Sie holte ihren Test hervor und wartete auf den Kommentar ihres Lehrers. Ihr Ziel war, im nächsten Jahr eine Oberschule im Stadtzentrum von Dujiangyan zu besuchen.
Liu Tingting, die Klassenlehrerin der 9b, machte gegen 14:18 Uhr einen Kontrollbesuch bei ihrer Klasse. Sie stand etwa zehn Minuten an der Tür und wandte sich dann zur Treppe. Plötzlich fing die Erde heftig und ohne Unterbrechung an zu beben. Das kam so unerwartet, dass sie einigen Schülern, die Hals über Kopf die Treppe hinabrannten, zurief: "Macht langsam! Seid vorsichtig!“ Dabei trat sie zur Seite, um sie vorbeizulassen.
Bevor sie ihr Gleichgewicht wiederfand, brach das Gebäude in sich zusammen. Mit einem Schlag verdunkelten Staub- und Rauchwolken die Sonne und den Himmel.
Das klassenzimmer der 9a erzitterte und bebte mehrere Sekunden lang. "Keine Panik!“, rief Zhang. Dann, als sei der Himmel eingestürzt und als habe die Erde sich gespalten, wurde das Zittern von vielfach stärkeren Erschütterungen und donnerndem Krachen abgelöst.
Yue hörte ihren Lehrer rufen, doch bevor sie wusste, wie ihr geschah, fühlte sie sich heftig herumgeschleudert, und ihr wurde schwarz vor Augen. Inmitten ohrenbetäubenden Lärms sank das Mädchen – genau wie das ganze Gebäude – wie ein leerer Mehlsack in sich zusammen.
Nach und nach nahm Yue um sich herum Schreie wahr. Sie hatte schreckliche Kopfschmerzen und konnte sich nicht bewegen, Staub verstopfte ihr Mund und Nase. Sie rief den Namen ihrer besten Freundin Zhang Yang, die leise antwortete. Yue streckte ihre Hand aus und berührte die von Yang. Fest umklammerten sich die beiden kleinen Hände.
Als die ersten Erdstöße das Gebäude erschütterten, war Yang aufgesprungen, um sich unter ihrem Tisch zu verstecken. Doch bevor sie dazu kam, brach der Boden unter ihr weg, und sie stürzte ins Leere. Zuerst wagte sie kaum, die Augen zu öffnen. "Meine Beine lagen unter Trümmern, ich blutete und konnte mich nicht bewegen. Ich hatte große Angst.“
Sie entdeckte Yue, die seitlich von ihr etwas tiefer lag. "Was soll ich tun? Wir werden nicht mehr lange leben“, schluchzte Yang. Yue antwortete: "Wir können nichts weiter tun, als auf den Tod zu warten.“ Diese Worte weckten eine wundersame Kraft in Yang, und sie rief zurück: "Es wird bestimmt jemand kommen, um uns zu retten. Halte durch!
Inzwischen rannte Frau Liu ins Erdgeschoss. Dort traf sie den Mathematiklehrer Yang Minying, und plötzlich wurde ihr das ganze Ausmaß der Katastrophe klar. Sie umklammerte ihn und schluchzte: "Keiner meiner Schüler hat es überlebt.“
Überall lag Staub, und die Luft war erfüllt vom Durcheinander zahlloser Stimmen. Aus allen Richtungen kamen Menschen herbeigelaufen, um zu helfen. Guo Jian, ein kräftiger Kerl, dessen Frau ein Lebensmittelgeschäft in Juyuan besaß, war mit dabei. Nach dem Beben war er schnell heimgelaufen und hatte seine Frau unverletzt vorgefunden. Aber das Haus war nur noch ein Schutthaufen. Beim Aufräumen hörte er dann, dass die Schulgebäude eingestürzt waren, und rannte sofort los.
Frau liu irrte durch das Trümmerfeld und rief: "Meine Schüler, seid ihr da? Ich bin eure Lehrerin, ich bin hier.“ Plötzlich hob ein Junge den Kopf aus dem Schutt und antwortete: "Keine Sorge, uns geht es gut.“ Er war von oben bis unten mit Staub bedeckt, hatte aber keine Verletzungen.
Kurz nachdem ihn Polizisten herausgezogen hatten, konnten noch vier weitere Schüler gerettet werden. Sie fielen einander in die Arme. Liu Tingting schöpfte neuen Mut. Sie wies die unverletzten Schüler an, Taschenlampen und Mineralwasser zu besorgen.
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