Sänger, Literat, Zeichner, TV-Moderator – der mexikanische Weltstar Rolando Villazón hat genauso viele Gesichter wie Jobs. Doch seine Familie, daran lässt der 38-Jährige keine Zweifel, kommt immer an erster Stelle – egal, wie ambitioniert seine jeweiligen Projekte auch sind. Reader’s Digest traf den Alleskönner im ehrwürdigen St. James’s Club in London.
 
Reader’s Digest: Señor Villazón, Ihr neues Album ¡Mexico! enthält einige der bekanntesten Stücke aus dem Kulturschatz des Landes. Ihr Beitrag zur 200-Jahr-Feier und zum 100. Jahres­tag der Revolution?
Rolando Villazón: Absolut. Die Festlichkeiten zur Unabhängigkeit sind die verrücktesten, die Mexiko zu bieten hat. Das gesamte Land macht mit – mit lautem Geschrei, mit Feuerwerken, mit Mariachi-Musik, mit Essen und mit Tequila. Für mich war es der perfekte Moment, um eine CD zu veröffentlichen, die ich aufnehmen wollte, seit ich angefangen habe, Musik zu machen. Und einige Stücke habe ich auch schon gebracht, als ich Serenaden für meine Frau gesungen habe – damals, als sie noch meine Freundin war. Ich bin vor ihr Fenster, habe ange-fangen zu singen und gehofft, dass sie mir kein Wasser über den Kopf kippt.
 
RD: Das haben Sie wirklich getan?
Villazón: Aber natürlich! Bei uns macht man das so. Nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder. Zum Beispiel um zwei Uhr morgens, nachdem man ein paar Drinks mit seinen Freunden intus hat und sich spontan entscheidet: „Hey, lasst uns unseren Freundinnen ein Ständchen bringen.“ Also ziehst du los und engagierst eine Mariachi-Band, um dich zu beglei­ten. Dann ziehst du von Haus zu Haus, singst, und es ist einfach wunderbar. Das ist sehr wichtig in unserer Kultur.
 
RD: Das heißt: Mexikaner sind sehr emotionale Menschen?
Villazón: Und wie! Zu singen ist nun mal die Art, wie wir unsere Gefühle ausdrücken. Ganz allgemein würde ich sagen, dass wir unsere Gefühle einfach gerne rauslassen. Und zu singen ist eine wichtige Art, das zu tun.
 
RD: Sie selbst singen vorzugsweise in roten Boxershorts mit kleinen Robotern als Motiv …
Villazón: (verwundert) Woher wissen Sie das? Ich meine, woher kennen Sie meine Unterwäsche? Die zeige ich doch nicht in aller Öffentlichkeit …
 
RD: Doch! Zumindest einmal – als Ihre Hose bei einer Aufführung von Hoffmanns Erzählungen zerriss.
Villazón: Und da konnte man die Unterhose sehen?
 
RD: In der Tat!
Villazón: Aaaaahh! Wie peinlich. Ich muss sagen, ich war wirklich überrascht von Ihrer Frage.
 
RD: Als hätte ich Ihre Frau gefragt?
Villazón: Ganz genau. Und das Lustige ist, ich trage diese Unterhose wirklich oft. Sie bringt mir Glück – meistens jedenfalls.
 
RD: Es gibt ein Zitat von Ihnen, das besagt: „Meine Seele ist meine Stimme.“ Wie meinen Sie das?
Villazón: (lacht) Das klingt ziemlich aufgesetzt. Also, lassen Sie mich diesen jungen Tenor, der das gesagt hat, korrigieren: Heute glaube ich eher, dass meine Stimme nur ein kleiner Teil meiner Seele ist. Denn zu sagen, meine Stimme wäre meine Seele, bedeutet ja so viel, wie zu sagen, dass meine Stimme gleichsam alles ist, was ich bin. Und damit würde ich mich extrem einschränken. Ich denke, meine Stimme ist ein wunderbares Werkzeug, um Gefühle und viele verschiedene Ausdrucksformen in der Musik zu vermitteln. Also vergessen wir „Meine Stimme ist meine Seele“ oder „Meine Seele ist meine Stimme“. Es ist einfach so: Meine Stimme ist meine Stimme ist meine Stimme.
 
RD: Gehen Sie heute vorsichtiger mit Ihrer Stimme um?
Villazón: Ja, und nach der Operation im letzten Jahr war die eine Sache, die ich unbedingt tun wollte, möglichst schnell wieder zu singen. (Der Star wurde an den Stimmbändern operiert.) Noch nicht einmal auf der Bühne zu singen oder eine CD aufzunehmen – ich wollte einfach nur singen. Ich singe in der Dusche, wenn ich spazieren gehe, wenn ich den Abwasch erledige. Ich singe für meine Kinder und für meine Frau. Wir sprachen ja über mexikanische Musik und wie Emotionen durch Gesang ausgedrückt werden. Ich möchte nicht mit weniger Einsatz singen. Wenn ich tatsächlich in Zukunft weniger auftrete, dann in erster Linie, weil ich mir mehr Zeit für viele andere Dinge nehmen will. Wie etwa eine Regiearbeit vorzubereiten, zu schreiben, bei meiner Familie zu sein oder einfach mal nur so die Straße runterzuschlendern.
 
RD: Also hat dieses Erlebnis doch ein Umdenken in Ihnen bewirkt?
Villazón: Ganz ehrlich? Ich habe schon immer viele andere Dinge im Leben als wichtig empfunden – nicht nur das Singen. Es ist nur so, dass in diesem bestimmten Moment meiner Karriere eine völlige Hingabe notwendig war – weil ich bestimmte Dinge erreichen wollte. Also habe ich mich entsprechend verhalten.
 
RD: Sie hatten dann viel Zeit, „Commandante Odnalor“ (Rolando rückwärts geschrieben) für Ihre Kinder zu spielen.
Villazón: Stimmt! Neben anderen Dingen. Aber das ist wirklich das Beste von allem: die galaktischen Abenteuer von Kapitän Odnalor und meinen zwei wunderbaren Bossen – meinen Kindern. Wir versuchen zum Beispiel den galaktischen Hund zu finden, der auf Planet X verloren gegangen ist – als wir dort gegen die Vultrans gekämpft haben. (lacht)
 
RD: Lesen Sie tatsächlich so viel, wie Ihnen nachgesagt wird?
Villazón: Oh ja, ich liebe es zu lesen! Das ist eine wunderbare Sache. Und obwohl man dabei eigentlich nicht das Ziel verfolgen sollte, so viele Bücher wie möglich zu lesen, so tue ich genau das – und es ist mir egal, wie andere darüber denken. Kann sein, dass es albern ist, aber ich will wirklich ein Buch pro Woche lesen. Manchmal funktioniert das nicht ganz, manchmal sind es aber auch anderthalb Bücher pro Woche – abhängig vom Umfang. Nur: Ich tue das nicht, weil ich den inneren Drang verspüre, es nun unbedingt beenden zu müssen, sondern es geht mir wirklich um die Lust am Lesen. Und ich finde, das ist die perfekte Nebenbeschäftigung für jemanden, der auf der Bühne arbeitet und ständig neue Charaktere darstellt. Denn es beflügelt die Vorstellungskraft. Und großartige Bücher von Dostojewski, Mann oder Hesse zu lesen ermöglicht dir auch, die Psychologie, die Gefühle und die Motive dieser Charaktere in den Büchern so zu verstehen, als wären sie deine eigenen. Genau das versuchst du ja auch, wenn du eine Oper aufführst.
 
RD: Was lesen Sie gerade?
Villazón: Drei Dinge: Die Biografie von Foucault. Dann den ersten Roman von Cees Nooteboom, diesem wunderbaren holländischen Autor. Gleichzeitig lese ich schon länger an A History Of Western Philosophy von Bertrand Russell. 
 
RD: Eine imposante Auswahl.
Villazón: Angefangen habe ich übrigens mit Reader’s Digest! (lacht)
 
RD: Im Ernst?
Villazón: Das war das Erste, was ich zu Hause gelesen habe. Mein Vater hat alle Ausgaben von Reader’s Digest gesammelt. Und ich schätze, das war auch so etwas wie meine erste Konfrontation mit dem Lesen.
 
RD: Wobei Lesen ja nicht das Einzige ist, was Sie nebenher machen. Sie sind auch dafür bekannt, dass Sie regelmäßig Karikaturen zeichnen. Haben Sie je daran gedacht, die im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren?
Villazón: Daran habe ich noch nicht gedacht. Aber da sind eine Menge Leute, die mir sagen: „Behalte die Originale, denn sie könnten mal sehr wertvoll werden.“ Dabei habe ich sie längst verloren. Na ja, die meisten habe ich verschenkt – den Rest habe ich verloren. Und ich hebe auch sonst nichts auf – keine Programme und auch keine Fotos. Wenn etwas weg ist, ist es weg. Und die Originale, die ich verschenkt habe, sind in guten Händen. Diese Zeichnung zum Beispiel ist aus Carmen. Ich habe sie für die neue Produktion angefertigt. Das Original hängt im Haus von Maestro Barenboim.
 
RD: Sie sind gebürtiger Mexikaner mit österreichischen Wurzeln. Steckt dieses europäische Vermächtnis, die Sprache, der Hang zu bestimmtem Essen, noch in Ihnen?
Villazón: Na ja, wir leben in einer Welt, wo Grenzen im Grunde nur noch politische Linien sind. Weshalb wir uns auch immer mehr als eine große menschliche Gemeinschaft verstehen. Und da bin ich fast so etwas wie ein Musterbeispiel: Ich wurde in Mexiko geboren, mein Großvater war Österreicher, aber auch wieder mit anderen kulturellen Einflüssen. Aus Ungarn, glaube ich. Und wir sind alles Menschen, wir sind eine Mischung aus so vielen unterschiedlichen Kulturen und Orten. Ich meine, ich selbst lebe jetzt in Europa, in Frankreich. Also: Wer bin ich? Was bin ich? Ich bin ein Mensch! Ich bin Teil der Weltgemeinschaft, und ich fühle mich überall als Ausländer. Ich denke, das ist eine wunderbare Sache. Denn Ausländer zu sein erlaubt dir, überrascht zu werden, aufmerksam zu sein, alles um dich herum mit offenen Augen zu verfolgen, ständig neue Dinge zu erleben und sie vor allem auch zu genießen.
 
RD: Vor ein paar Jahren wären Sie fast nach Berlin gezogen.
Villazón: Oh ja! Das ist eine Stadt, die ich sehr bewundere und von der ich mir immer noch vorstellen könnte, da mal zu wohnen. Momentan leben wir in Paris, und unsere Kinder gehen dort zur Schule. Deswegen wollen wir daran auch erst mal nichts ändern. Aber wer weiß: Irgendwann – vielleicht in ein paar Jahren – überdenken wir das Ganze noch einmal. 

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2 Kommentare

Alois J. Hochstrasser on 02 Oktober 2010 ,08:24

Im Interview mit Rolando Villazon ist vor allem die Natürlichkeit des Sängers zu bemerken, die auch in seinem Gesang zu spüren ist. Ich habe selber vor allem in Graz mit vielen bedeutenden Sängern chor-symphonische Konzerte gemacht und würde mich freuen, wenn Herr Villazon bei uns einmal als Solist mitwirken könnte mit sehr bescheidener Gage aufgrund unserer schlechten finanziellen Basis. Sollten Sie die Nachricht weiterleiten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.

ULrike Guleikoff on 30 September 2010 ,02:34

Das Interview mit Rolando Villazon hat mir sehr gut gefallen und ist hochinteressant, so wie eine Kurzbiografie. So lernt man die Künstler besser kennen und verstehen. Ich lese ja sehr gern Biagrafien und Autobiografien. Man lernt die Menschen wirklich besser kennen und verstehen und kann sich eher ein Urteil erlauben.

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