Touristenhorden auf Urwald-Safari
Es verspricht ein aufregender Tag zu werden. Auf Safari durch den Urwald. Der Nationalpark von Nagarhole birgt einen von Indiens letzten Urwäldern: eine phänomenale Kulisse am Kabini Fluss, ein
By Andreas Scharf;VON RANGA YOGESHWAREs verspricht ein aufregender Tag zu werden. Auf Safari durch den Urwald. Der Nationalpark von Nagarhole birgt einen von Indiens letzten Urwäldern: eine phänomenale Kulisse am Kabini Fluss, ein letzter Rest unberührter Natur, wie aus der Welt des Dschungelbuchs. Der Wildhüter hat uns von Elefanten und Tigern vorgeschwärmt. Noch gestern habe man eine Elefantenkuh mit Baby gesichtet.
Bereits um fünf Uhr in der Frühe soll es losgehen. Gerade die ersten Morgenstunden sind günstig, denn in der Trockenzeit kommen viele Wildtiere zum nahen Fluss ...
Meine Kinder sind aufgeregt, doch wir sind nicht allein. Etwa ein Dutzend weiterer Touristen hat dieselbe Tour gebucht, und ihr Anblick verunsichert uns: Männer und Frauen in modischer Bekleidung, mit Chipstüten und Limonadenflaschen. Andere tragen schwere Kameraausrüstungen mit sich und prahlen mit immensen Teleobjektiven. Kleine Kinder quengeln und werden mit rasselndem Spielzeug beruhigt. Die bunte Gruppe besteigt einen offenen Geländebus, und nach einer kurzen Ansprache des Führers fahren wir in Richtung Urwald.
Die Straße wird schlechter, am Wegesrand liegen Mülltüten und Abfall. Nach einer halben Stunde Schüttelei erreichen wir die Einfahrt in den Park. Wenige Minuten später bleibt der Bus stehen.
Im Gebüsch entdecken wir eine Herde Rotwild. Kameras summen, die Stille der Natur wird mit allerlei Kommentaren zerstört. Die Herde äst weiter und nimmt kaum Notiz davon. Weiter geht’s. Erneut Rotwild, doch der Bus setzt seine Fahrt fort. Tüten knistern, Frauen plappern, ein Jugendlicher spielt mit seinem Handy. Vom feinen Zirpen der Insekten und den fernen Lockrufen exotischer Tiere bekommen wir nichts mit.
Andere Safaribusse überholen uns, die Insassen winken, und auch dort: Chipstüten und Kameras. An diesem Morgen fahren wir an Affenherden und indischen Bisons vorbei, und aus den Baumkronen werden wir von bunten exotischen Vögeln beobachtet. Kurzes Anhalten, knipsen und weiter. Am Flussufer dann eine Elefantenkuh mit ihrem Nachwuchs. Davor parken ein halbes Dutzend Busse. Von „Wildnis“ zu sprechen scheint beim Anblick der kichernden Zuschauerschaft absurd. Nach fünf Minuten schwindet das Interesse der Touristen. Die Fotos sind gemacht. „Hat noch jemand Durst?“
Wir fahren weiter, passieren einen balzenden Pfau und etliche Rotwildherden, die kaum jemanden zu interessieren scheinen. Der Guide blickt auf die Uhr. Der Bus fährt an Termitenhaufen und blühenden Sträuchern vorbei. Den Tiger bekommen wir an diesem Vormittag nicht zu sehen. Manche Touristen sind enttäuscht: „Wir haben doch mit Tiger gebucht!“
Der Urwald ist übersät mit tiefen Fahrspuren, an manchen Stellen riecht es nach Autoabgasen. Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, bis man eine Straße hindurchbaut. Vielleicht gibt es dann sogar kleine Restaurants mit Souvenirshops, Eisdielen und Luftballons. Und für ein paar Euro kann man bunt bedruckte T-Shirts kaufen mit der Aufschrift: „Rettet die Natur!“
Ranga Yogeshwar ist Physiker und Wissenschaftsjournalist. Er moderiert TV-Sendungen wie zum Beispiel Wissen vor 8 und Die große Show der Naturwunder (ARD). Gerade ist sein Buch Sonst noch Fragen? (KiWi) erschienen.
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