Aale vor dem Aus
Zwei Männer in orangefarbenen wasserdichten Overalls hieven ein langes, leuchtend grünes Netz an Bord. Handgelenkdicke Aale winden sich zwischen Brassen, Hechten und Rotaugen. Die Ladeluke wird geöffnet, und einer nach dem andern verschwinden die schlangenähnlichen Fische in der Tiefe. Doch wie lange noch wird man diese Tiere fangen können?
Von ANNEMARIE SOURDie beiden Fischer werfen den Rest des Fangs zurück ins Meer. „Gar nicht so übel für den letzten Tag der Fangsaison“, murmelt Aalfischer Wilkin den Boer, 43. Seine rechte Hand, Remko Anker, 38, blickt schweigend in die Ferne, wo die Lichter des Rotterdamer Hafens leuchten.
Einst ein Arme-Leute-Essen, gilt der Aal längst als Delikatesse. Das liegt auch an den in den letzten Jahren stark verringerten Fangmengen. Man befürchtet sogar das Aussterben des Aals, der unter anderem vom deutschen Bundesamt für Naturschutz zum Fisch des Jahres 2009 gewählt wurde. Deshalb haben die Europäische Union und die Vereinten Nationen gemeinsam am 11. Juni 2007 drastische Maßnahmen zur Rettung der Aale eingeführt. Dazu zählt auch ein Exportverbot des als „Glasaal“ bezeichneten Jungfischs nach Asien, dem bislang wichtigsten Absatzmarkt.
Um sieben Uhr morgens liegt über der Maas in den südlichen Niederlanden noch Dunkelheit. Das Thermometer zeigt zwei Grad plus, doch durch den schneidenden Wind und den starken Regen fühlt es sich kälter an. Wilkin steuert sein Schiff, die Supermuis, zum nächsten Netz. Vor dem Geräteschuppen eines Bootsbauers halten wir an. Während Remko eine unter der Wasseroberfläche verborgene Reuse sucht, sagt Wilkin: „Wissenschaftler haben berechnet, dass jedes Jahr zwischen 2 und 3,5 Millionen Aale das Rhein-Maas-Delta verlassen, um zur Nordsee zu schwimmen.“ Die beiden Fischer hieven ein großes Netz aus dem Wasser, das mit langen Tauen an mehreren Ankern festgemacht ist. Wilkin zieht einen großen Aal heraus.
„Das“, sagt er, „ist ein Blankaal“, zeigt auf den goldfarbenen Streifen an der Flanke des Fisches und den hellen Bauch. „Ein erwachsenes Weibchen, etwa 15 bis 25 Jahre alt. Es wiegt gut zwei Kilo, der Bauch ist voll mit Eiern. Höchste Zeit für das Tier, in die Nordsee zu schwimmen und dann weiter durch den Atlantik in die Sargassosee, wo es ablaichen wird. Eine Reise von 6000 Kilometern.“ Ich kann es kaum glauben. So weit schwimmen, um für Nachkommen zu sorgen?
Am Institut für Biologie der Universität Leiden haben sich die Wissenschaftler Guido van den Thillart und Arjan Palstra auf die Aalforschung spezialisiert. In einem Büroraum voller Schreibtische, Computer und Bücher erforschen die Biologen das Leben von Anguilla anguilla, dem Europäischen Aal. Wir sprechen über die Laichgründe der Fische, und Guido van den Thillart, 61, streicht sich über den grauen Kinnbart. „Das Interessante am Aal ist, dass man noch so wenig über ihn weiß“, sagt er. „Wir wissen nicht genau, wo die Aale zur Welt kommen; wahrscheinlich aber in der Sargassosee zwischen den Bermudainseln und den Bahamas. Dort hat man die kleinsten Aal-Larven gefunden. Doch niemand hat bislang beobachtet, wie sich Aale fortpflanzen.“
Die Sargassosee ist vermutlich die Wiege des Europäischen Aals. Von dort lassen sich die Larven mit dem warmen Golfstrom auf den europäischen Kontinent zutreiben. Unterwegs ernähren sie sich von Plankton. Die flachen Aallarven ähneln Weidenblättern und wachsen in ein bis drei Jahren zum sogenannten Glasaal heran, einem durchscheinenden, nur wenige Zentimeter langen Fischchen. In großen Schwärmen erreichen diese Mini-Aale im Frühjahr die europäische Küste. Von hier schwimmen sie ins Süßwasser der Flüsse.
Der Deckkran des Schiffes bewegt sich auf Remko zu. Gekonnt ziehen die Fischer damit ein 16 Meter langes Netz an Bord. Außer vielen Blättern enthält es auch unzählige Krabben und einige dicke Aale. „Jetzt ernten wir, was vor 15 Jahren als Glasaal hier angekommen ist“, ruft Wilkin durch Wind und Regen herüber. „Früher kauften wir für fünf Gulden (damals etwa 2,30 Euro) ein Kilo Glasaal und setzten ihn in den Flüssen aus, damit dort genügend wilder Aal aufwachsen konnte. Inzwischen liegt der Preis für ein Kilo Glasaal bei 1000 Euro!“
Die Ausbeute ist mager. Doch das nächste Netz ist prall gefüllt. „Netze im Hauptströmungsbereich erwischen die meisten Aale; die schwimmen zumeist da, wo die Strömung am stärksten ist.“ Im Netz zappeln ein paar Prachtexemplare, doch ein 1,20 Meter langer, etwa drei Kilogramm schwerer Aal übertrifft alles. Auf dem Rotterdamer Fischmarkt habe ich nichts Derartiges gesehen.
Vor dem Fischstand von Cor Hollemans auf dem Markt in der Rotterdamer Innenstadt drängeln sich die Leute. Cor, 53, schwarzer Rollkragenpulli, rote Schürze, verkauft seit 37 Jahren Fische auf dem Markt. „Vor 30 Jahren gingen an einem Samstag 150 Kilogramm Aal weg, heute sind es nur noch 8 Kilo“, erzählt er. Er zieht einen weißen Plastikbehälter unter dem Verkaufstisch hervor, in dem sich etwa 30 lebende Aale schlängeln. Die frischen Fische sind für Schmorgerichte bestimmt. Geräucherte Aale, deren Haut golden glänzt, liegen zum sofortigen Verzehr bereit. „Wilder, daumendicker Aal schmeckt am besten“, sagt Cor. Doch die Preise schlagen mir auf den Magen: Frischer Aal kostet 18 Euro das Kilo, geräucherter sogar 35 Euro.
Die Aalforscher der Universität Leiden kennen den Grund für den enormen Preisanstieg: Aal ist rar geworden – nicht nur aufgrund der Über-fischung. Die Wissenschaftler van den Thillart und Palstra haben die Ursachen für das Verschwinden der Aale analysiert. „Es ist bislang noch nicht gelungen“, so van den Thillart, „Aale in Fischfarmen zu züchten.“ Darum stützt sich die Aufzucht ausschließlich auf gefangene Glasaale. Die jedoch werden vor der südeuropäischen Küste so stark befischt, dass sie vom Aussterben bedroht sind.
Aber der Aal hat noch mit weiteren Schwierigkeiten zu kämpfen. „Auf seiner Wanderschaft stößt der Aal zunehmend auf Hindernisse wie Pumpwerke, Staudämme, Schleusen und Wasserkraftwerke. Die kann er nicht umgehen“, so Palstra. Van den Thillart fügt hinzu: „Immer wieder werden geschlechtsreife Aale auf ihrer Wanderschaft in Turbinen und Pumpwerken regelrecht zerhackt.“
„Die Qualität der Aale hat bedenklich abgenommen“, stellt Palstra zudem fest. Die Flussbetten sind oft verseucht mit Umweltgiften wie den sogenannten PCBs (polychlorierte Biphenyle) und Dioxinen. Diese Gifte bauen sich nur langsam ab, aber sie sind fettlöslich. Der an der Spitze der Nahrungskette stehende fettreiche Aal reichert diese gefährlichen Stoffe besonders gut in seinem Gewebe an. Das kann Folgen für den haben, der den Fisch verzehrt, und es beeinträchtigt auch den Fortbestand der Art.
Ein Labor auf einem Fabrikgelände am Rand von Leiden. Ich steige mit den zwei Biologen in einen Keller hinab, man hört Wasser rauschen. Maschinen pumpen Salzwasser durch Dutzende transparente Plastikrohre. In den Rohren schwimmen Aale gegen die Strömung an. Palstra hat den Fischen Hormonspritzen verabreicht, um ihre Eier schneller reifen zu lassen. Das Experiment ist geglückt, und die mit Aalsperma befruchteten Eier haben so-gar Larven hervorgebracht. Doch oft misslingt die Befruchtung. Palstra: „Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Aalembryos und der Menge an PCBs und Dioxinen im Gewebe des Mutterfisches. Die Folge sind starke Missbildungen oder sogar lebensunfähige Embryos.“
Eine bessere Wasserqualität wäre also eine Voraussetzung für die Erholung der Aalbestände. Weitere Maßnahmen laufen: An europäischen Flüssen werden Fischtreppen und Umgehungskanäle eingerichtet, um die Aalwanderrouten Richtung Sargassosee sicherer zu machen. Und von den in den südeuropäischen Gewässern gefangenen Glasaalen muss ein Teil wieder in sauberen Flüssen, Bächen und Poldern ausgesetzt werden. Zurzeit 35 Prozent, in fünf Jahren 60 Prozent.
Obwohl die Aalzucht so problematisch ist, gibt es doch ein paar Unbeirrbare, die sie betreiben. Etwa Johan Meulendijks aus Helmond, der vom Schweinebauern zum Aalzüchter wurde. Er ist einer der 25 Niederländer, die jährlich insgesamt 4500 Tonnen Aale züchten. Johan, ein stattlicher 53-Jähriger mit freundlichem Gesicht, nimmt mich mit in einen alten Stall. Dort stehen Dutzende Betonbecken, in denen sich Tausende Aale schlängeln. Die ersten sechs weißen Rundbecken auf Stelzen fallen mir ins Auge. Es sind die „Kinderstuben“ von 250 Kilo Glasaalen – etwa 750 000 Fische, die sich in 26 Grad warmem Quellwasser tummeln.
„Anfangs haben die Glasaale nur ein Drittel einer Streichholzlänge“, erklärt Johan. Er holt einen rosafarbenen Eisblock aus dem Gefrierschrank. „Dieser Kabeljaurogen wird in den ersten zehn Tagen an die Glasaale verfüttert. Danach bekommen sie dreimal täglich regelmäßig eine Mahlzeit aus Fischöl, Fischmehl und Maisgluten.“
In der warmen und nährstoffreichen Umgebung entwickeln sich die transparenten Fischchen rasant. Wiegt ein Glasaal bei der Ankunft noch 0,3 Gramm, so wächst er binnen weniger Wochen zum fingergroßen Mini-Aal heran und wiegt zwischen 5 und 15 Gramm. Doch mir fällt auf, wie unterschiedlich die Baby-Aale aussehen. „Manche wachsen dreimal schneller als andere“, sagt Johan. „Wir müssen sie nach acht Wochen aussortieren, sonst fressen sie die Kleineren auf.“
Das Geschlecht richtet sich nach den Lebensbedingungen. „Hier in der Fischzucht entwickeln sich 85 Prozent der Aale zu Männchen, in der Natur jedoch sind 85 Prozent der Aale weiblich. Je beengter sie aufwachsen, desto mehr bilden männliche Geschlechtsmerkmale aus.“
Nach nur zwei bis drei Jahren in Johan Meulendijks’ Zuchtbecken sind die Aale fast ausgewachsen. Das ist im Vergleich zur freien Natur mit etwa 15 Jahren extrem schnell.
Nachdem Wilkin den Boer acht Stunden lang Netze eingeholt hat, bringt er die Aale an Land. Die dicken Exemplare kommen in die Fischräucherei, wo aus ihnen mithilfe von Buchenholzspänen Räucheraal entsteht. Die dünneren Tiere setzt Wilkin in den ruhigen Binnengewässern der südholländischen Polder wieder aus, damit sie in sauberer Umgebung weiter heranreifen können. „Wir beobachten, dass die Flüsse sauberer werden und die Natur sich erholt“, sagt den Boer. „Aber wenn wir die Aale retten wollen, müssen wir auch das Problem der Flussbett-Verseuchung angehen.“
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