DIE CHEFETAGE von Volkswagen in Wolfsburg ist nichts für Leute mit schwachen Nerven. Entscheidungen, die Milliarden Euro teuer sind, werden hier getroffen; es wird über Hunderttausende Mitarbeiter weltweit bestimmt, die Krawatten sitzen eng.

Und dann steht da an einem Tag im Juni 2013 auf einer VW-Betriebsversammlung dieser 15-Jährige in Jeans und T-Shirt vor den Konzernleitern und 18 000 Mitarbeitern und stellt Forderungen! „Sie wissen ganz genau, dass Ihre Autos und die von anderen Herstellern zu viel Benzin verbrauchen“, sagt Felix Finkbeiner. „Macht das Sinn? Nachhaltigkeit ist keine Sonderausstattung, sondern ein Kinderrecht.“ Einige seiner Zuhörer nesteln an ihren Krawatten. „Haben Sie einen Plan, wie Sie hier wieder etwas gutmachen können? Ich schon!“

Dann erklärt der Teenager, dass er von Volkswagen eine Milliarde Bäume erwartet. Felix blickt von Gesicht zu Gesicht – keiner der Herren aus dem Vorstand widerspricht. Die Mitarbeiter applaudieren lautstark und lange.

Felix weiß, wie überzeugend er auf Erwachsene wirkt. Und wenn doch mal eine Nachfrage kommt, eine kritische Anmerkung, dann sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er kennt die wichtigsten Fakten und Zahlen zur Klimaproblematik auswendig: Bäume seien eine fantastische Maschine, die CO2 spaltet, in Sauerstoff umwandelt und Kohlenstoff speichert. Also genau das, was die Umwelt, die von den Menschen so sehr malträtiert wird, jetzt brauche.

Der Plan der Kinder und Jugendlichen von „Plant-for-the-Planet“ – der von Felix gegründeten Umweltschutzinitiative – ist, bis zum Jahr 2020 1000 Milliarden Bäume weltweit zu pflanzen, 150 für jeden Menschen. „So viele zusätzliche Bäume verträgt unsere Erde, ohne dass deswegen Wohngebiete oder landwirtschaftliche Ackerflächen wegfallen, und sie würden ein Viertel des weltweiten CO2-Ausstoßes aufnehmen“, erklärt er.

Hunderte Millionen Setzlinge wurden gepflanzt, seit Plant-for-the-Planet 2011 die Verantwortung für die Eine-Milliarde-Bäume-Kampagne der Vereinten Nationen übernommen hat. Sie treiben rund um den Globus kräftig aus, säubern die Luft, schützen den Boden. Wie gesagt: Felix Finkbeiner ist 17 Jahre alt und Schüler.

Baum Nummer eins, also der Baum, mit dem alles begann, ist inzwischen mehr als drei Meter hoch und steht am Eingang seiner Schule in Bayern. Damals, Felix war gerade neun Jahre alt, sollte er ein Referat über die Klimakrise halten. Im Internet fand er einen Artikel über Wangari Maathai, die Nobelpreisträgerin aus Kenia, die dort in 30 Jahren dafür gesorgt hat, dass 30 Millionen Bäume gepflanzt wurden.

„Mir kam die Idee, dass wir das mit unserer Klasse auch machen könnten“, erzählt Felix. „Also pflanzten wir einen Baum.“ Das Geld dafür spendeten die Eltern. Das fanden andere Schüler und Lehrer so toll, dass sie auch anfingen zu pflanzen, Zeitungen und Radio berichteten, andere Schulen kamen dazu. Die Kinder starteten eine Website und gründeten die Initiative Plant-for-the-Planet, um Altersgenossen auf der ganzen Welt zu vernetzen und in jedem Land eine Million Bäume zu pflanzen.

Es war der Beginn einer gigantischen Bepflanzungswelle – und Felix, der so überzeugend redet, dass er andere mit seiner Begeisterung ansteckt, reiste mehrmals um die Welt. Er wurde zu internationalen Klimatreffen eingeladen, hielt Vorträge und gründete zahlreiche sogenannte Akademien: Arbeitsgruppen, in denen Kinder sich in Sachen Klimaschutz fit machen.

Mit gerade einmal 13 Jahren hielt er 2011 eine selbst verfasste Rede vor den Vereinten Nationen in New York: „Wir Kinder trauen euren Worten nicht mehr. Ihr zerstört unsere Zukunft. Und ihr sollt wissen: Ein Moskito kann nichts gegen ein Nashorn ausrichten, aber 1000 Moskitos können es dazu bewegen, seine Richtung zu ändern. Hört auf zu reden, beginnt zu pflanzen!“ Felix traf Friedensnobelpreisträger wie Kofi Annan und Al Gore, Zeitungen bezeichneten ihn als „Environmental Superstar“, also „Superstar des Umweltschutzes“.

Großes Lob kommt auch von Fürst Albert von Monaco. „Felix ist ein außergewöhnlicher junger Mann. Ich bewundere ihn zutiefst“, sagt der Fürst, der den Umweltschützer bei einer Klimakonferenz im südafrikanischen Durban traf. „Seiner Initiative sind Tausende von jungen Menschen auf der ganzen Welt gefolgt, und sie hat eine regelrechte Welle der Solidarität ausgelöst. Eine neue Generation zu sehen, die für nachhaltige Entwicklung kämpft, ist eine große Hoffnung für die Zukunft.“

120 000 Kinder sind mittlerweile rund um den Globus für Plant-for-the-Planet aktiv. 30 000 davon sind ausgebildete Botschafter für Klimagerechtigkeit, die wiederum ihr Wissen an Gleichaltrige weitergeben. Seit drei Jahren hat die Organisation eine demokratische Struktur, mit einem Kinder- und Weltjugendvorstand, den die Mitglieder in aller Welt per Online-Abstimmung wählen. Nur wer 21 Jahre alt oder jünger ist, darf an der Wahl teilnehmen.

Der 14-jährige Giovanni Atzeni aus Sassari, Sardinien, gehört dem Kindervorstand an. „Ich hörte von Felix und Plant-for-the-Planet zum ersten Mal aus einem Zeitungsartikel, als Felix den millionsten Baum pflanzte“, erzählt Giovanni. „Durch ihn wurde mir klar, dass wir Kinder wirklich etwas gegen den Klimawandel tun können.“ Giovanni schloss sich Plant-for-the-Planet an und lernte Felix auf einer der Jahresversammlungen der Initiative in Possenhofen kennen. „Es war aufregend. In Diskussionen wirft Felix immer Ideen auf, die alle inspirieren“, sagt Giovanni. „Er hat alle diese wichtigen Menschen getroffen, hat all diese beeindruckenden Dinge getan und ist trotzdem ganz normal. Es macht Spaß, mit ihm zusammen zu sein.“

Heute trifft der Vorstand alle Entscheidungen für die gesamte Organisation und legt die Schwerpunkte der Initiative fest. Die 17 hauptamtlichen Mitarbeiter, die alles organisieren, werden ausschließlich durch Spenden bezahlt.

Wenn Felix heute auf die Anfänge von Plant-for-the-Planet zurückblickt, staunt er selber, dass sich aus seiner Idee eine derartige Bewegung entwickelt hat. „Aber wenn man als Kind vor Erwachsenen etwas sagt, dann hat das eine ganz andere Wirkung, als wenn ein anderer Erwachsener spricht“, erklärt er. „Die können gar nicht anders, als einem zuzuhören und das, was da gefordert wird, ernst zu nehmen.“ Davon ist er überzeugt.

„Das ist wirklich erstaunlich. Kinder haben beim Thema Klimakrise eine viel größere Durchsetzungskraft als wir Erwachsenen“, bestätigt sein Vater. Frithjof Finkbeiner, der sich seit zwei Jahrzehnten unter anderem im Club of Rome ehrenamtlich für eine gerechtere Welt einsetzt, begleitet Felix gelegentlich auf seinen Reisen. „Weil sie den Gesprächspartnern glaubhaft und anschaulich vermitteln, dass die über 50- oder 60-Jährigen vermutlich nicht mehr groß davon betroffen sein werden, die Kinder aber, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben, sehr wohl.“

So wie vor vier Jahren, als Felix in Niederbayern vor 300 Waldbauern auftrat. Einer konservativen Runde, die sich traditionell ungern belehren lässt. Aber der Teenager gewann die Aufmerksamkeit der Herren in den Lodenmänteln schon nach wenigen Sätzen. „Wir sind genauso egoistisch wie Sie, die Erwachsenen, die diese Klimaprobleme verursachen“, sagte er auf der Bühne. „Was sollen denn wir Kinder anderes tun, als Bäume zu pflanzen? Bäume sind unsere Waffe. Ihr lebt vielleicht noch 20 oder 30 Jahre, aber wir haben noch 70 oder 80 Jahre vor uns. Denkt nicht an euch, sondern an eure Enkel.“

Die Waldbauern applaudierten Felix lange. „Ein Pfundskerl!“, attestierten sie nach seinem Vortrag.

Der Pfundskerl lebt mit Eltern und zwei Schwestern im alten Bahnhof in Uffing am Staffelsee in Bayern, geht in die 12. Klasse einer internationalen Schule und denkt schon mal darüber nach, was er machen will, wenn er mit der Schule fertig ist: Vielleicht eine Art Weltbotschafter für Plant-for-the-Planet?

„Wir haben auf der Welt zwei Hauptkrisen. Eine Klimakrise und eine Gerechtigkeitskrise“, sagt Felix und klingt fast wie ein Politiker. Fast, denn welcher Politiker würde nebenher Schokolade naschen? „Eine Milliarde Menschen müssen jeden Tag mit einem Dollar auskommen, 30 000 Menschen verhungern alle 24 Stunden. Beide Krisen hängen unmittelbar zusammen, denn die Menschen in den ärmeren Ländern, die am wenigsten an der Klimaerwärmung schuld sind, werden am meisten darunter leiden.“ Schließlich habe, wer ums Überleben kämpfe, oft keine andere Wahl, als zum Beispiel noch ein Stück Wald zu roden, um Nahrungsmittel für die Familie anzubauen und Brennmaterial zu gewinnen.

Felix nimmt sich noch ein Stück Schokolade und noch eins. An den meisten Tagen verputzt er eine ganze Tafel. Natürlich der Marke „Die Gute Schokolade“, ein Produkt von Plant for the Planet. Fünf verkaufte Tafeln finanzieren einen neuen Baum. Knapp vier Millionen gingen bereits über die Ladentheken. „Man kann das Klimaproblem nicht lösen, solange das Gerechtigkeitsproblem existiert und andersherum“, fährt der Teenager fort.

Zum Studium will Felix in die USA – auch um in Amerika für „seine“ Sache zu werben. „Dort sind viel zu viele Menschen davon überzeugt, dass es schon immer in der Geschichte der Erde extreme Klima- und Wetterphänomene gegeben hat“, sagt er. Was man glauben könne, aber nicht muss. „97 Prozent der Studien und Untersuchungen von Klimawissenschaftlern kommen zu dem Schluss, dass der Klimawandel durch uns Menschen verursacht wurde und ernst genommen werden muss. 3 Prozent sagen das Gegenteil.“

Folge man den 97 Prozent und deren Ratschlägen, sei nichts verloren, wenn diese letztlich falschliegen. Vertraue man jedoch den 3 Prozent Klimaskeptikern und die hätten am Ende nicht recht, sei die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Als Jugendlichem sei ihm dieses Risiko viel zu groß. Felix ärgert sich auch über die Medien: „In Talkshows sitzen immer ein Wissenschaftler, der den Klimawandel erklärt, und einer, der sagt, dass das schon immer so war. Also 50:50. Dabei müssen auf der einen Seite 97 Experten sitzen und auf der anderen drei, um die jeweiligen Argumente fair auszutauschen.“

Felix ist keiner, der Dinge hinnimmt, wenn sie ihm nicht gut erscheinen. Deshalb fordert er neuerdings ein Wahlrecht für Kinder. Es gebe keinen Grund, an einer Altersgrenze festzuhalten, und Kinder mit elf oder zwölf Jahren hätten sowieso die besseren Ideen. Felix meint das durchaus ernst. Er hat nicht nur Wahlbeschwerde im Deutschen Bundestag eingereicht, wo sie abgelehnt wurde, sondern klagt inzwischen vor dem Bundesverfassungsgericht – zusammen mit ein paar Freunden.

Er ist eben einer, der andere mit seinen Träumen begeistert. „Ab 2050 dürfen wir in Deutschland keine Emissionen mehr in die Luft pusten“, erläutert er. „Die Technologien dafür haben wir bereits, wir müssen sie nur einsetzen und in Sachen Energiewende Vorbild sein.“ Wäre es nicht toll, wenn demnächst Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus aller Welt voller Neid auf sein Heimatland schauen und anerkennen, dass wir diese Wende geschafft haben? „Aber ich höre ständig Erwachsene auf der Straße, die sagen, dass das alles viel zu teuer sei“, klagt er. „Nun gut, vielleicht ist die Energiewende nicht gerade billig, dafür aber preiswert.“

Felix überlegt kurz, bis er die Zahlen parat hat. „Wenn wir davon ausgehen, dass die Energiewende in Deutschland 1000 Milliarden Euro kostet, wir aber jedes Jahr 100 Milliarden für Öl, Gas und Uran an andere Länder zahlen, dann ist die Rechnung doch eigentlich einfach.“

Aber jetzt ist erst einmal Zeit fürs Abendessen: Rohrnudeln mit Vanillesoße, Felix’ Lieblingsessen. Er wird sie genießen und eine Stunde abschalten von Zahlen und Statistiken und Argumenten. Was ihn dabei beruhigt, ist die Tatsache, dass in dieser Zeit irgendwo auf der Erde eine Menge Menschen Bäume pflanzen. Menschen, die er und seine Freunde durch ihren ersten Baum motiviert und verbunden haben.

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