Bitte auflegen!
Inmitten unseres Gesprächs hält mein Gegenüber sein Handy ans Ohr und sagt zu mir: „Verzeihung!“

Inmitten unseres Gesprächs hält mein Gegenüber sein Handy ans Ohr und sagt zu mir: „Verzeihung!“ Obwohl ich meinem Gesprächspartner physisch näher stehe, ihm in die Augen sehen kann und wir soeben einen interessanten Gedanken austauschten, siegt das Telefon! Nun höre ich Antworten auf unbekannte Fragen und mühe mich aus Höflichkeit wegzuhören.
Ich staune über die Offenheit, mit der Personalprobleme diskutiert oder Geschäftsinterna erörtert werden. Wenn ich Glück habe, geht es schnell, ansonsten erlebe ich zähe Minuten einer neuen Form von Einsamkeit: Ich befinde mich in einer Warteschleife, bei der ich nicht auflegen kann. Das stumme Danebenstehen ist mir unangenehm, und wenn mein abwesendes Gegenüber dann noch anfängt, über belanglose Dinge zu plaudern, bin ich endgültig sauer. In meinen Träumen gehe ich in dieser Situation einfach weg; täte ich dies in der Realität, ich bin mir nicht einmal sicher, ob der andere dies überhaupt bemerken würde.
Ich ertappe mich, wie ich in meiner Vorstellung den Vieltelefonierer wütend anschreie: „Hallo, hier ist die Wirklichkeit!“, und ihm sein glänzendes Kästchen entreiße. Nein, so mutig war ich bisher nicht, und so warte ich geduldig, bis es nach dem Auflegen heißt: „Verzeihung, wo waren wir stehen geblieben?“ Die Rituale unserer emsigen Industriegesellschaft besitzen mitunter religiöse Züge: Da sitzen Geschäftsleute schweigend nebeneinander und bedienen Taschencomputer, als wären dies moderne Gebetsketten. Die Sucht nach neuen E-Mails verwandelt ganze Großraumwagen in schweigende Laptopzonen.
Mich erinnern die Fahrgäste an Ordensbrüder, die wortlos ein Brevier verinnerlichen. In Businesscentern sehe ich immer mehr Menschen mit dem Headset des Handys am Ohr, in GeGespräche mit unsichtbaren Teilnehmern vertieft, ihre Augen abwesend, so als gäbe es kein Hier und Jetzt. Das Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist bedroht, denn das sofortige Reagieren auf klingelnde Telefone gleicht einer Absage an die Kraft des Realen. In solchen Momenten lautet die Botschaft: Mein Telefon ist wichtiger als du.
Einige meiner Bekannten sind so süchtig nach ihren elektronischen Verbindungen, dass sie sogar hemmungslos in Restaurants, auf Skipisten oder beim abendlichen Zusammensein auf ihre winzigen Bildschirme starren. Ihr stetes Reagieren auf das Vibrieren ihrer Handys macht sie zu Notfallärzten einer kranken Geschäftswelt, die offenbar sofort Hilfe benötigt. Doch die Patienten sind meist gelangweilte Kollegen, die Autofahrten oder Flugverspätungen mit belanglosen Gesprächen auffüllen wollen.
Die Stille der Unerreichbarkeit scheint ihnen so unerträglich zu sein, dass sie ihre Autos mit Freisprecheinrichtungen in fahrende Telefonzellen verwandeln und ohne Scheu das Gegenüber fünfmal hintereinander anrufen: „Verzeihung – die Funklöcher!“
Vielleicht wendet sich das Blatt, denn in Restaurants, Konferenzen und Flughäfen höre ich immer häufiger den Satz: „Ich kann jetzt nicht!“ Anruf unerwünscht in Zeiten der Dauererreichbarkeit.
Der konsequente zweite Schritt wäre ein Kappen der elektronischen Nabelschnur: „Der Teilnehmer ist nicht erreichbar.“ Und wer weiß, vielleicht heißt es irgendwann: „Der Teilnehmer hat sich derzeit für die Wirklichkeit entschieden!“
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3 von 18 Kommentare |
| Robert on 18 April 2011 ,18:54 Eines Tages rennen die Menschen mit der Birne an einen Baum, da nur noch Handy's an den Ohren kleben. Am besten noch Cyberbrillen aufsetzen!! Arme Welt! |
| Andreas on 17 März 2011 ,04:39 Ja, die Sucht nach der ständigen Erreichbarkeit. Sie gibt vielen Menschen offensichtlich ein Gefühl von 'Wichtigkeit'. Dabei ist jemand nach meinem Gefühl erst dann wirklich wichtig, wenn er nicht jederzeit erreichbar ist. Mich kann jedenfalls nicht jeder direkt/immer/jederzeit erreichen. :-D Handy? Hatte ich mal. Ich hatte mich vorher lange geweigert, mir dann doch eines zugelegt ... "und ewig lockt das Weib" war der Grund. *lol* Es lag aber dennoch meist zuhause oder im Büro. Nun habe ich seit etwa 3 Jahren wieder keines mehr. Und ... oh wunder ... ich lebe noch! Notfälle? Was für ein Notfall muß das sein, daß ich ein Handy brauche? Sind da so viele Leute verreckt, vor den 90ern, irgendwo einsam in der Wüste, im Wald oder im Stadt-Dschungle, weil sie kein Handy hatten? Wer mich erreichen will, kann dies: per Brief, per eMail, per Festnetz (dort steht immer ein AB bereit - daß viele nicht draufsprechen wollen/können, ist nicht mein Problem). Wenn ich ein Date oder einen Termin habe, und mein Gegenüber geht tatsächlich bei einem Anruf ans Handy und telefoniert länger als 1 Minute ... Falls nicht gerade sein/ihre Mutter im Sterben liegt, dann gehe ich! Es soll jeder leben, wie er will. Ich jedenfalls bin so wichtig, daß man mich NICHT jederzeit direkt, augenblicklich, erreichen kann. ;-) |
| franz bullinger on 16 März 2011 ,10:30 Ich bediente einen Kunden . Plötzlich "klingelte" sein Handy und er widmete sich seinem Gesprächspartner. Ich unterbrach seine Bedienung und bat den nächsten Kunden an die Theke. Ersterer fand mein Verhalten unverschämt. Ich sagte ihm er müsse sich schon entscheiden: Bedienung oder Telefongespräch. | See More Comments |
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