Das Model im Rollstuhl
Trotz Lähmung verwirklicht Ines Kiefer ihren Traum von Kind und Karriere
By VON GABRIEL BRECHTMANNGinge es nach Sita, der achtjährigen Briard-Hündin, dann wäre jetzt die ideale Zeit für einen Spaziergang. Draußen, auf der Hauptstraße des Örtchens Kirkel, wo die Menschen am Samstag den Staub in die Rinnsteine kehren, wo die grünen Hügel des östlichen Saarlandes locken, wo sich im Wald ein Bach nach Lautzkirchen schlängelt. Aber Ines, ihr Frauchen, hat keine Zeit, denn Tim soll Mittagsschlaf halten. Wobei der Vierjährige natürlich auch hinaus will, am liebsten sofort. „Ich schäle dir eine Kiwi“, sagt Ines zu ihrem Sohn, „die macht groß und stark, damit du später rennen und toben kannst.“
Rennen und toben.
Hüpfen und springen.
Tanzen und stehen.
„Meine Mama kann nicht stehen“, erklärt Tim. „Die hat da was am Rücken, aber ist nicht so schlimm.“ Ines Kiefer rollt mit ihrem Rollstuhl in die Küche und holt ein Messer für die Kiwi. Während sie um die Ecke biegt, quietschen die Gummireifen auf dem Parkett.
„Da hinten hat sie was.“ Tim versucht zwischen sich und die Stuhllehne zu greifen, aber sein Arm ist ein bisschen zu kurz. „Ist nicht schlimm.“
Im Sommer vor zehn Jahren war im Leben von Ines Kiefer auch so ein Tag, an dem sie am liebsten mit ihrem Hund und ihrem damaligen Freund durch den Wald gehüpft wäre. Sie war 19 und hatte in Bayreuth eine Stelle als Hotelkauffrau gefunden. Die Arbeit machte ihr Spaß, vor allem der Kontakt mit den Menschen, auch wenn sie manchmal davon träumte, Model zu werden. „Wenn Sie Kontakt mit Menschen haben“, sagte ihr Chef, „dann brauchen Sie ein Attest, dass Sie gesund sind.“ Am Spätnachmittag dieses Sommertages hatte sie dazu einen Termin in der Praxis. „Alles Routine“, sagte der Arzt zunächst. Dann, später, deutete er auf eine dunkle Stelle auf dem Röntgenbild. „Da ist irgendwas an den Rippen“, sagte er, „lassen Sie das mal in der Klinik untersuchen.“
Im Krankenhaus diskutierten die Mediziner zunächst, ob sie die Stelle punktieren oder ob sie operieren sollten. Schließlich operierten sie sofort, denn die Gefahr, dass dort ein bösartiger Tumor wuchs, schien ihnen zu groß. Ines Kiefer bekam eine Narkose, die letzten Worte, die sie hörte, waren: „Sie werden jetzt ganz müde ...“
An die nächsten Tage hat sie nur eine sehr bruchstückhafte Erinnerung, weil sie nie richtig aus der Betäubung aufgewacht ist. Jedenfalls erzählte man ihr hinterher, dass sie auf der Intensivstation noch im Halbschlaf gejammert haben soll, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen könne. Daraufhin flog man sie mit dem Hubschrauber in ein großes Klinikum, wo eine Kernspintomographie gemacht wurde, eine dreidimensionale Darstellung des Brustraums. Und als die Ärzte die Bilder sahen, begann von einer Sekunde zur nächsten ein Wettlauf gegen die Zeit. Beim ersten Eingriff war offenbar nicht alles nach Plan verlaufen, und wenn sie es mit einer Notoperation nicht in kürzester Zeit schafften, die inneren Blutungen zu stoppen, würde Ines Kiefer sterben.
Ines Kiefer, die noch vor drei Tagen mit ihrem Hund über die Wiesen gejagt war und daran gedacht hatte, mal wieder im Meer zu schwimmen.
Aber es würde nie wieder sein wie früher, denn das Blut hatte auf das Rückenmark zwischen dem fünften und siebten Brustwirbel gedrückt. So sehr, dass Ines Kiefer gelähmt bleiben würde.
Die Notoperation fand an einem Mittwoch statt, und in der Nacht zum Donnerstag wurde die Patientin auf der Intensivstation wach. Das Licht war gedimmt, nur ein paar Monitore leuchteten. Mit ihrer rechten Hand griff sie nach der Klingel, mit der man eine Schwester rufen kann. „Alles in Ordnung, Frau Kiefer?“, fragte der herbeigeeilte Pfleger. „Nein, nichts ist in Ordnung“, sagte sie, „mir ist langweilig.“
Indenfrühen Morgenstunden, endlich, kamen ihre Eltern. Ihre Mutter hatte offensichtlich viele Beruhigungsmittel genommen, ihr Vater weinte.
Das machte auch Inestraurig,tief traurig,dennsie hatte ihn noch nie zuvor weinen sehen.Sieredeten kaum. Was sollten sie ihr auch sagen? Ihrerhübschen Tochter, der die Jungs auf der Straße stets sehnsüchtige Blicke zugeworfen hatten und die jetzt in diesem Krankenbett lag.
„Wie geht es weiter?“, fragte Ines.
„Wir verlegen Sie auf eine normale Station“, antwortete der Arzt. Was bedeutete, dass sie außer Lebensgefahr war. Trotzdem hatte Papa geweint.
„Natürlich fragen mich die Leute ständig“, erzählt sie heute, „wie das war, als ich aufgewacht bin und registrierte, dass ich gelähmt war.“ Das müsse doch ein Schock gewesen sein, sagen sie. Und ob sie überhaupt noch leben wollte. Ob sie verzweifelt war. Wütend. Ängstlich. Deprimiert.
„Eigentlich gar nichts, nichts von alldem“, sagt sie dann, „ich habe am Anfang gar nicht an die Lähmung gedacht. Das klingt komisch, aber es vergingen drei oder vier Tage, ehe ich meinen ersten hysterischen Anfall bekam und hemmungslos in die Kissen heulte. Danach ging es mir wieder besser.“
Das lag vielleicht auch an Jasmin, ihrer Zimmernachbarin auf der Reha Station. Die war erst 16 und konnte seit einem Sprung in ein Schwimmbad, in dem das Wasser zu niedrig war, nicht mal mehr die Finger bewegen.
„Hey, ich bin Jasmin“, rief sie, als Ines auf die Station geschoben wurde.
„Ich bin Ines.“
„Ab wo geht nichts mehr bei dir?“
Ines deutete auf eine Stelle unterhalb der Brust. „Ab hier abwärts. Und bei dir?“
„Ab dem Hals“, sagte Jasmin, „auch abwärts.“
Die Ärzte kamen, machten ein betroffenes Gesicht und hatten immerhin drei gute Nachrichten. Die Lähmung habe ihr das Leben gerettet, denn ohne sie wäre die Blutung gar nicht entdeckt worden. Und: Ja, sie könne irgendwann Kinder bekommen. Und: Nein, die Lähmung müsse nicht so bleiben, vielleicht komme das Gefühl so weit wieder zurück, dass sie sogar stehen könne. Dies zeige sich in den ersten drei Monaten.
Der schönste Augenblick in diesen drei Monaten, in denen sie sich oft verzweifelt fühlte, war für Ines Kiefer jener, als sie zum ersten Mal das Bett verlassen und in einem Rollstuhl sitzen durfte. „In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass es zumindest weitergeht“, erzählt sie. Sie übte Kurven zu fahren und bergab zu bremsen, durch eine enge Wohnung zu rollen und in ein Auto zu steigen.
Mehr Gefühl in den Beinen bekam sie aber nicht. „Ich spürte, dass sich nichts verändert, und wusste, dass mein Zustand endgültig ist.“
Ihr damaliger Freund, der sie so oft wie möglich im Krankenhaus besucht hatte, verschwand von heute auf morgen. „Er konnte nicht mehr“, erklärt sie, „und ich war ihm auch gar nicht böse. In unserer Beziehung stimmte schon vor dem Unglück nicht mehr alles, und die Vorstellung, dass er nur deshalb bei mir bleibt, weil er Mitleid hat, wäre für mich unerträglich.“
Einige Wochen später schrieb er ihr, dass es ihm leid tue.
Das sagte auch der Assistenzarzt, der damals bei der Unglücks-Operation dabei war, als er sie während der Reha besuchte. Der verantwortliche Chirurg hat sich nie gemeldet. „Wie konnte das passieren?“, fragte Ines Kiefer. „Wir wissen es nicht“, antwortete der Arzt. War es ein Kunstfehler? War es einfach nur Pech? Fragen, auf die es nie eine Antwort geben wird, zumindest nicht juristisch, denn das Krankenhaus bot einen Vergleich an, den Ines Kiefer annahm.
Ein halbes Jahr nach dem Unglück arbeitete die damals 19-Jährige wieder im Hotel, nicht mehr an der Rezeption, sondern im Büro. Nachts und an freien Tagen chattete sie im Internet auf einem Portal für Behinderte und teilte ihre Sorgen mit anderen.
Im Chat lernte sie schließlich einen Mann kennen, der keine Behinderung hatte. Sie nannte ihn den „Fußgänger“.
Als der Fußgänger an einem Wochenende aus dem Saarland nach Bayreuth kam, verliebten sich die beiden, und bald darauf zog sie zu ihm in das kleine Dorf, an dessen Rand sich im Wald ein Bach nach Lautzkirchen schlängelt und die Menschen den Staub in die Rinnsteine kehren. Mit dem Geld aus dem Vergleich mit dem Krankenhaus baute das Paar ein barrierefreies Haus, Ines setzte die Pille ab und war zwei Monate später schwanger. „Ich war so glücklich“, erzählt sie. „Dass ich im Rollstuhl sitzen musste, war ärgerlich, aber das ließ sich alles organisieren.“ Sie spürte das Kind hin und wieder in ihrem Bauch, denn ihre Lähmungslinie läuft nicht exakt waagerecht durch den Rumpf, sondern fühlt sich mal ein bisschen höher, mal ein bisschen niedriger an.
Tim kam per Kaiserschnitt zur Welt und war sofort der Mittelpunkt der Familie. Endlich nicht mehr sie und ihre Geschichte. Ihr Schicksal kannten ja alle schon, alle Verwandten, alle im Dorf, und deren anfängliches Mitleid wich Bewunderung. „Toll, wie sie das schafft“, sagten die Leute.
Aber als Tim eineinhalb Jahre alt war und laufen konnte, verließ der Fußgänger die Familie. „Meine Behinderung hat dabei kaum eine Rolle gespielt“, sagt Ines Kiefer. „Unsere Interessen waren einfach total verschieden. Außerdem schaffte ich das auch alleine.“
Sie fand einen Ganztagsjob im Ministerium für Wirtschaft und Wissenschaft in Saarbrücken, in dem sie bis heute beschäftigt ist. Und eines Tages las sie zufällig im Internet von „Beauties in Motion“, einem Modelwettbewerb für Frauen im Rollstuhl. „Nach der Trennung hatte ich darauf richtig Lust, um mein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen“, sagt sie, „also bewarb ich mich.“ Und Ines Kiefer gewann tatsächlich unter 218 Kandidatinnen den Sonderpreis: ein Foto shooting für ein Kosmetikunternehmen! „Ich war wahnsinnig stolz. Und gleichzeitig hatte ich jetzt ein Hobby, mit dem ich in Zukunft ein bisschen Geld dazuverdienen konnte.“
Das war 2007, und der Kalender, der bei dem Modelwettbewerb entstanden ist, hängt im Wohnzimmer neben der Küche. Ines ist das April-Mädchen. Sie ist wunderschön.
Sita, die Hündin, möchte nach draußen, und Tim zögert den Mittagsschlaf hinaus, indem er seine Kiwi möglichst langsam isst.
Seine Mutter rollt um die Ecke, die Reifen quietschen, er setzt sich auf ihren Schoß. „Da hinten hat sie was“, sagt er. „Es geht mir gut“, sagt sie.
Wenn eine Fee ihr drei Wünsche erüllen könnte, würde sie zwei dafür verwenden, dass ihr Sohn gesund bleibt. Und einen dafür, wieder gehen zu können. Nicht wegen ihr, sondern wegen Tim, der so gern im Garten herumtollt und Quatsch macht. Da würde sie gern mitmachen.
„Aber im Bett kuscheln wir“, sagt er. „Ja, im Bett kuscheln wir ganz wild“, antwortet sie.
Seit einem Jahr gehört auch Thomas zu der kleinen Familie. Ein Fußgänger aus jenem beschaulichen Dorf, an dessen Rand sich die grünen Hügel erheben. „Ja klar, ich möchte noch ein Kind“, sagt Ines. Dann legt Sita ihr die Schnauze auf den Schoß, und Tim schmiegt sich zärtlich an ihre Schulter. Sie fährt vorsichtig Richtung Kinderzimmer, so, dass sie mit ihrem Rollstuhl nirgendwo anstößt. Tim, der eingenickt ist, soll sich nicht erschrecken. Er soll nicht weinen. Nicht wegen ihr.
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