Der Geist von Dublin
Dublin steckt voller Geschichten. Etwa die von einem Mann, der Jura studierte und als Kostümschneider beim Film arbeitete. Oder vom Mystiker, der seinen Posten an der Uni aufgab, um Gärtner zu werden. Und von Mrs. Chairbre, die im Pub die Gäste verzauberte.
Nach ihrem Tod wurde sie in ihrer Lieblingskneipe im offenen Sarg aufgebahrt, und die Stammgäste des Pubs hielten die ganze Nacht lang Totenwache, tranken und erzählten einander Geschichten. Und immer, wenn ich Radio höre, wird zufällig gerade ein Schriftsteller interviewt.
Im Winding Stair schließlich, einem Restaurant mit Blick auf den Fluss Liffey und die filigrane Ha’penny-Brücke, lerne ich zufällig den Booker-Preisträger John Banville kennen, einen der größten irischen Schriftsteller. Er erzählt mir vom Irland der 70er-Jahre, als seine aus den USA stammende Frau Janet von Heimweh geplagt einen Hamburger bestellte und ein „dünnes graues Ding“ bekam. „Damals gab es hier kaum etwas anderes als Kartoffeln, Kraut und Pökelfleisch“, sagt Banville.
Das irische Wirtschaftswunder begann Mitte der 90erJahre und dauerte bis zum Beginn der weltweiten Finanzkrise 2008. Irland geriet in finanzielle Schieflage, musste unter den Rettungsschirm der EU schlüpfen, und die Arbeitslosigkeit stieg auf 14 Prozent. Doch die Makrele vom Holzkohlengrill, die ich mittags genieße, ist köstlich – alles andere als ein „graues Ding“. Und trotz Krise haben gute Gespräche in der irischen Hauptstadt noch immer einen hohen Wert.
Draußen droht es wieder einmal zu regnen. Den ganzen Vormittag lang hatte sich die Sonne immer nur für wenige Augenblicke zwischen den Wolken gezeigt. „Ich liebe dieses Wetter“, sagt Banville, „man kann hier an einem einzigen Tag sechs Jahreszeiten erleben.“
Am Nachmittag besuche ich eine Ausstellung des irischen Nationalmuseums. Die Eileen-Gray-Retrospektive im neoklassizistischen Gebäudekomplex aus dem Jahre 1702 zeigt die bekanntesten Stücke der weltberühmten irischen Möbeldesignerin und Architektin, darunter den obligatorischen, noch heute oft kopierten höhenverstellbaren Tisch aus verchromtem Stahlrohr mit runder Glasplatte.
Nicht weit von meinem Hotel, bei Buswell’s am St. Stephen’s Green, der grünen Oase in der Mitte der Stadt, steuere ich auf die üppig mit rotem Brokatplüsch und Mahagoni ausgestattete Georgian Bar zu. Wie werde ich als Antialkoholikerin in der Stadt notorischer Trinker zurechtkommen? Ich frage die Kellnerin: „Was kann jemand bestellen, der keinen Alkohol trinkt?“ Nachdenklich legt sie den Kopf schief und sagt dann: „Sie könnten einfach Wein trinken.“
Im schmalen Cobblestone Pub im Stadtteil Smithfield stellen die Musiker abwechselnd Runden von Halblitergläsern Guinness vor ihre Bandkollegen. Ich finde, ein Guinness – mit dem dicken kaffeefarbenen Schaum – ist eine Art Cappuccino mit Alkohol. Der Harmoniumspieler neben mir stampft mit dem Fuß den Takt auf den Boden. Es ist, als säße ich neben einem laufenden Dieselmotor; meine Füße fallen in den unwiderstehlichen Rhythmus ein.
Ein Mann, der aussieht wie der Sänger Joe Cocker, stimmt plötzlich eine Ballade über einen Seemann an, der in einen spanischen Hafen kommt, wo „Frauen mit dunklen Augen und schwarzem Haar“ dir „immer noch mehr geben“, auch wenn „dein ganzes Geld alle ist“. Ich beobachte die beiden Geiger. Ganz still sitzen sie da – bis auf ihre Arme und Hände.
Früh am nächsten Morgen bewundere ich die Fassade des Clarence- Hotels, die 1992 in ihren minimalistischen Art-déco-Originalzustand zurückversetzt wurde. Plötzlich steht ein Mann mit Gehrock und Zylinder neben mir: mein Freund David McDermott, mit dem ich verabredet bin. Dieser Künstler ist eine Art Gesamtkunstwerk, dessen Haupttätigkeit darin besteht, so zu tun, als lebe er im vorindustriellen Zeitalter – sein elegantes viktorianisches Outfit gehört dazu. Und er fotografiert und malt.
McDermott, ein Amerikaner mit irischen Wurzeln, ist vor über zehn Jahren nach Dublin gezogen, angelockt von der Vorstellung, Dublin sei eine Stadt, „wo man aufstehen, Tee trinken, durch Nebel oder Regen spazieren und schließlich nach Hause kommen und ein gutes Buch lesen kann.“ Er hatte angeboten, mich auf einen Rundgang durch Temple Bar zu führen, ein Viertel mit engen kopfsteingepflasterten Gassen und alten Klinkerhäusern. Es ist Dublins „Kulturkiez“ mit mehr als 20 Galerien, zahlreichen Kneipen, aber auch der irischen Zentralbank.
Das Stag’s Head am Dame Court, eines der besterhaltenen viktorianischen Pubs, verfügt über Buntglasfenster, einen gewaltigen Mahagonitresen und einen Snug, einen gemütlichen, diskreten Salon, wo Frauen im 19. Jahrhundert einen Drink nehmen konnten, ohne von den Männern am Tresen gesehen zu werden. Dublin ist eine Stadt der hart arbeitenden Menschen, und vielleicht liegt es daran, dass samstagabends Nachtschwärmer die Straßen füllen und der Alkohol reichlich fließt.
Wieder allein, wage ich mich in eine schmale Gasse hinein und entdecke Bewley’s Grafton Street Café. Die Buntglasfenster an der Rückseite mit Papageien in leuchtenden Farben und feingefiedertem Blattwerk stammen vom Kunsthandwerker Henry Clarke (Anfang 20. Jh.). Er ließ sich von der Pracht der Fenster der Kathedrale von Chartres inspirieren. Sein früher Tod mit 40 Jahren ist vermutlich die Folge einer Vergiftung durch die Stoffe, die bei der Produktion des Glases verwendet wurden.
An der South Anne Street stoße ich auf eine der modernen Sehenswürdigkeiten Dublins, die dunkelgrüne Fassade von Sheridans Cheesemongers. Drinnen im Käse- und Delikatessenladen ist es kalt, die Verkäuferinnen tragen dicke Pullover. Die Temperatur von zehn Grad, so werde ich aufgeklärt, diene der Bewahrung des „Charakters der Käsesorten“, die auf langen Holztischen präsentiert werden. Ich kaufe ein Stück St. Tola, eines von Siobhan Ni Ghairbhith (ich weiß noch immer nicht, wie der Name ausgesprochen wird) in Inagh aus roher Ziegenmilch hergestellten Bio-Käses. Als ich mit klappernden Zähnen aus dem Laden trete, kommt mir die laue Luft draußen beinahe tropisch vor.
Ich gehe um St. Stephen’s Green herum und gelange in die Hume Street, wo die eleganten georgianischen Häuser schlichte weiß gestrichene Ziegelsteinfassaden haben. Henrietta Street, nördlich des Liffey River, ist das besterhaltene georgianische Viertel Dublins. Dennoch hat die Straße durch die Wechselfälle des Schicksals an Vornehmheit eingebüßt.
Im Cake Café von Michelle Darmody, einem Lokal im Viertel Portobello, nehme ich, trotz Nieselregens, draußen Platz – inzwischen bin ich fast süchtig nach diesem Wetter. Eine junge Frau mit Baby gibt beim Kellner eine Bestellung auf –, und der kommt kurz darauf mit einer Wärmflasche wieder – ein alltägliches Bild in Dublin. Wärmflaschen mit kuscheligen Hüllen aus weißem Aran-Strick werden sogar im Shop der St.-Patricks-Kathedrale verkauft.
Meine Weiße-Rüben-Suppe mit feiner Estragonnote ist die perfekte Stärkung nach dem langen Gang durch den Regen. Dann kommt ein Teller mit köstlichen „Schneeflocken“-Plätzchen – klein, saftig, dunkel und voll Ingwer. In den folgenden Tagen werde ich noch manches Beispiel dafür entdecken, wie man in Dublin die einheimischen Spezialitäten pflegt. Im Mermaid Café etwa oder im intimen Gruel.
Am nächsten Morgen starte ich in Regenmantel und Baskenmütze mit dem Rad zur 20-Minuten-Fahrt zum Irish Museum of Modern Art (IMMA)in einem eleganten klassischen Park. Das IMMA kauft Werke moderner Künstler aus aller Welt und vergibt auch Aufträge. Die Objekte werden im ehemaligen Königlichen Hospital Kilmainham ausgestellt, einem weitläufigen Gebäudekomplex, der auf das Jahr 1684 zurückgeht. In den ehemaligen Stallungen gibt es jetzt eine Reihe von Künstlerateliers.
Das in der Hugh Lane Gallery mit den Originalwänden, -decken, -türen, -regalen und -fußböden aus London aufgebaute Atelier des in Dublin geborenen Malers Francis Bacon ist eine penible Rekonstruktion des Zustandes, in dem es nach seinem Tod vorgefunden wurde – einschließlich 100 zerfetzten Leinwänden, 1500 Fotos und vielen, vielen mit Farbe bekleckerten Pinseln. Die Besichtigung ist das Zweitbeste nach dem Besuch eines lebenden Künstlers in seinem Atelier. Die Installation selbst ist ein Kunstwerk, eine makabre Momentaufnahme künstlerischer Raserei.
Ich besuche die Long Room Library des Trinity College, wo ein Mann mit ausladender Handbewegung auf die bis zur Decke reichenden Regale voller Bücher deutet und den Wärter fragt: „Werden die alle gelesen?“ Worauf der nur bedeutungsschwer nickt. Nahe der St.-Patricks-Kathedrale entdecke ich Marsh’s Library, die erste Bibliothek in Irland, die für jedermann geöffnet wurde.
Die Bibliothekarin Dr. Muriel McCarthy erzählt mir die Geschichte des Bibliotheksgründers, des Erzbischofs Narcissus Marsh, dessen Überzeugung es war, dass alle Menschen Zugang zu den neuesten Erkenntnissen und Büchern über Medizin, Recht, Naturwissenschaften, Reiseberichte, klassische Literatur und natürlich Theologie haben sollten. Die 19-jährige Nichte des Erzbischofs wohnte bei ihm. Eines Nachts jedoch schlich sie sich aus ihrem Zimmer, um den Vikar von Castleknock zu heiraten und „mit ihm das Bett zu teilen – der Herr allein kann meinen Kummer ermessen“, schrieb Marsh.
Später bedauerte die junge Frau die Eskapade und schrieb ihrem Onkel einen Brief. Der legte ihn in ein Buch, das er aber daraufhin nie mehr wiederfinden konnte. Und seither, sagt Dr. McCarthy, „sucht der Geist des geistlichen Herrn allnächtlich die Bibliothek heim, auf der Suche nach jenem Brief“.
Ehe ich an meinem letzten Abend hier einschlafe, denke ich: Nichts zählt in Dublin mehr als der Geist – und die Geister, die diesen Geist am Leben halten.
AUS TRAVEL & LEISURE (FEBRUAR 2011), © 2011 GINI ALHADEFF, NEW YORK
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1 Kommentare |
| wer201 on 12 Juni 2012 ,18:00 Genau so oder ähnlich habe ich vor 5 Wochen bei einer 10-tägigen Rundreise von trendtours Irland erlebt. Spannend und interessant, immer für eine Überraschung gut. |
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