Ein Interview-Termin mit Popstar Lionel Richie erinnert verdächtig an einen Arztbesuch für Kassenpatienten: Man wartet so lange im Vorzimmer, bis man aufgerufen wird. Die Betonung liegt dabei auf „lange“.

Im Nebenraum einer geräumigen Hotelsuite im kalifornischen Villenviertel Beverly Hills lässt die Abgesandte seiner Plattenfirma vier Stücke aus Richies jüngstem Album Just Go vorspielen, alle 30 Minuten verkündet Michael, Manager des Sängers, der durchtrainierte 59-Jährige sei gleich vor Ort – die Residenz des ehemaligen Commodores-Sängers liegt nur ein paar Straßen entfernt. Zwei Stunden später ist es dann so weit, allerdings muss der Star noch einige Telefonate erledigen und eine Kanne grünen Tee schlürfen. Dann gibt Michael, ein Riese mit drei Blackberrys und vier Mobiltelefonen, noch rasch die Benimmregeln für die Konversation aus: keine Fragen zum Privatleben, keine Fragen zu den Commodores und auch keine zum im Juni anstehenden 60. Geburtstag. Nur gut, dass sich Richie selbst nicht an diese Vorgaben hält.

Reader’s Digest: Für Ihr neues Album „Just Go“ haben Sie sich von einem Team junger Songwriter und Produzenten einen sehr modernen Sound auf den Leib schneidern lassen. Warum dreht sich textlich trotzdem mal wieder alles um die Liebe?

Lionel Richie: Die Liebe ist das einzige Thema, das niemals aus der Mode kommt.Wenn du das mit einer guten Melodie unterlegst, ist das einfach perfekt. Da kann man wirklich nichts falsch machen.

RD: Es gibt trotzdem einen Song, der von diesem Ansatz abweicht. „Eternity“ – eine Ode an die neuen USA unter Obama?

Richie: Ganz genau. Und ich verwende da auch seine Stimme – mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis. Ich meine, hey, wie oft im Leben passiert so etwas? Wann darfst du schon mal die Stimme des US-Präsidenten in einem deiner Songs verwenden?

RD: Kann Barack Obama die hohen Erwartungen, die an ihn geknüpft werden, überhaupt erfüllen?

Richie: Ich glaube nicht, dass wir zu viel von ihm verlangen. Und es gibt doch nichts Besseres als Jugend und Naivität – als genau diese Mischung. Als ich noch aufs College ging und ein Jahr vor dem Abschluss stand, bin ich zu meinen Eltern gegangen und habe gesagt: „Ich schmeiße die Schule, weil ich jetzt bei einer Band bin. Wir heißen The Commodores, sind die schwarzen Beatles und werden die Welt erobern.“ Und jetzt ist da ein Typ namens Obama, der sagt: „Ich gehe da rein und räume mit diesem ganzen Mist auf. Denn ich glaube, ich weiß, wohin sich die Welt und Amerika bewegen müssen. “Wissen Sie, wie das für Menschen wie mich klingt? Für Leute, die schon so lange darauf warten, dass endlich etwas passiert? Und Obama selbst glaubt auch daran – was ja das Allerwichtigste ist. Da ist endlich jemand, der mit einer positiven Einstellung ans Werk geht, der diese Welt von ihrer Negativität befreien will. Und der damit wirklich eine Bewegung ausgelöst hat. Es ist nicht nur ein Mann, es ist ein ganzes Land, das Veränderungen will.

RD: In vielen Teilen der Welt erfreuen sich die USA derzeit wenig Popularität. Wie erklären Sie sich vor diesem Hintergrund Ihren eigenen Erfolg in der arabischen Welt? Bei Menschen, die kaum Englisch sprechen und auch nicht sonderlich scharf auf alles Amerikanische sind?

Richie: Und die sich auch untereinander alles andere als grün sind … Ehrlich gesagt, ich habe keinen blassen Schimmer. Denn eigentlich akzeptieren diese Menschen westliche Musik meist schon wegen ihrer Religion nicht und weil sie ihre eigene Kultur schützen wollen. Aber sie kennen alle Stücke der Commodores und all meine Solo-Sachen. Das schönste Kompliment, das man mir in der arabischen Welt je gemacht hat, war übrigens: „Lionel, ich habe zu deinem Song geheiratet.“

RD: Und wie steht es mit Ihren Fans in Deutschland, wo Sie ab April gleich 14 Konzerte geben …

Richie: …und wir hätten locker 16 oder 17 Shows ansetzen können! Es ist sehr schwer, sich in Deutschland zu etablieren. Aber wenn das Publikum dort dich erst einmal liebt, gilt das bis ans Ende deiner Tage. Die Deutschen sind dann extrem leidenschaftlich.

RD: Weshalb Sie angeblich darüber nachdenken, sich einen Zweitwohnsitz im ostwestfälischen Halle zuzulegen?

Richie: Das stimmt. Bei der Tour werde ich mich ein wenig umsehen – allerdings eher in Berlin. Das mit Halle war nur ein Witz, weil das Publikum dort bei den Konzerten immer derart ausrastet, dass ich kaum zum Singen komme. Deshalb habe ich im Scherz gesagt: „Ich muss mir hier unbedingt ein Haus zulegen – weil das der perfekte Ort ist, um sich zur Ruhe zu setzen.“Wobei ich tatsächlich etwas in Berlin suche. Und zwar mitten in der Stadt. Etwa ein hübsches Penthouse in einem dieser tollen alten Gebäude.

RD: Im Vergleich zu Immobilien in anderen europäischen Metropolen immer noch ein Schnäppchen …

Richie: Oh ja! Und es ist unglaublich viel Platz in diesen alten Gebäuden. Darauf stehe ich – alte Häuser sind das Größte!

RD: Da wir gerade vom Alter reden: Was ist so schlimm daran, dass Sie im Juni 60 werden?

Richie: Daran ist gar nichts Schlimmes. Auch wenn das für mich lange Zeit eine schreckliche Vorstellung war: Ich werde alt. A-L-T. Und das will ich nicht sein. Einfach weil ich mich nicht so fühle. Aber mittlerweile ist mir klar: Die Alternative dazu, 60 zu werden, ist ja noch viel grausamer. Nämlich dieses Alter gar nicht zu erreichen – so wie es etlichen Freunden von mir ergangen ist. Deshalb halte ich es nun mit dem berühmten Satz: „Wenn ich schon früher gewusst hätte, was ich jetzt weiß, hätte ich mir eine Menge Ärger ersparen können.“ (lacht)

RD: Die geballte Weisheit von Großvater Richie?

Richie: Genau die! (lacht)

RD: Anfang letzen Jahres hat Ihre Tochter Nicole ein Kind geboren. Was ist das für ein Gefühl, Großvater zu werden?

Richie: Es ist toll. Eine neue Herausforderung: Meine Enkelin Harlow Madden ist auf dem Planeten, und sie stellt auch mein Leben komplett auf den Kopf. Ich habe drei Kinder, aber keines von ihnen hatte bislang selbst Kinder auf die Welt gebracht. Und das nun zu beobachten ist eine wunderbare Sache. Ich habe erlebt, wie glücklich meine Tochter Nicole ist, wie sehr sich ihr Leben verändert hat und was für ein schönes Mädchen sie auf dieWelt gebracht hat. All das macht mich stolz. Verdammt stolz sogar. Stellen Sie sich vor: Ich habe immer befürchtet, dass es etwas ganz Schlimmes sein könnte. Eben dass ich automatisch alt bin, wenn ich mal Enkelkinder bekomme. Aber es macht mich keinen Deut älter, als ich bin. Und das genieße ich sehr.

RD: Was unternehmen Opa und Enkelin in ihrer gemeinsamen Freizeit?

Richie: (lacht) Bislang nicht wirklich viel.Wir haben zusammen Weihnachten bei den Maddens gefeiert. Und ich bekomme Harlow alle paar Tage zu Gesicht, halte sie auf dem Arm, schmuse oder rede mit ihr. Mehr nicht. Aber wenn sie ein bisschen größer ist, werde ich hoffentlich ganz normale Sachen mit ihr machen: im Pool planschen, in den Zoo, ins Kino oder ins Einkaufszentrum fahren. Dinge, die man halt so macht und die ich nicht missen möchte. Einfach weil sie unglaublich wichtig sind.

RD: Das sagt jemand, der kaum Zeit für seine eigenen Kinder hatte?

Richie: Für Nicole noch nicht, das stimmt. Aber für meine Kinder aus zweiter Ehe habe ich sie mir dann genommen.Weil ich erkannt habe, wie wichtig das ist – viel wichtiger als die eigene Karriere. Die sollte immer an zweiter Stelle stehen, nach der Familie. Das ist etwas, was ich gelernt habe.
 

 

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