Nomen est omen. Bei manchem Esoteriker weckt mein indischer Nachname eine strahlende Hoffnung, dass das Mystische und Geheimnisvolle siegen mag in unserer desillusionierten Welt. Man unterstellt mir gerne, dass ich in asketischer Konzentration wahre Yoga-Wunder vollbringen kann und mit den geheimnisvollen Heilmethoden eines vergessenen alten Indiens vertraut bin. Richtig ist: „Yogeshwar“ stammt aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „Meister des Yoga“. Doch ich bitte um Nachsicht. Ein Herr Müller ist auch nicht zwingend Experte in Sachen Mehlproduktion!

Vor Kurzem begegnete ich meinem Namen auf der Seite eines deutschen Internetportals für Ayurvedaprodukte, und zwar in Form eines Gelenköls. Die Versprechungen des Anbieters sind vollmundig: „Für Menschen im reiferen Alter ist YOGESHWAR geradezu unabdingbar, um deren Gesundheit zu erhalten ... Schließlich verleiht YOGESHWAR dem Körper jugendliche Frische und Energie ...“ Immer wieder stoße ich auf Geschäfte, die alte indische Weisheiten anpreisen, und wenn ich eintrete, erfahre ich zum Klang heller Glöckchen von magischen Kristallen und heilenden Düften, alles angeblich Bräuche des Orients. Obwohl ich einige Jahre in Indien gelebt habe, sind mir derartige Wunderrequisiten nie begegnet, doch wer weiß, vielleicht habe ich sie auf dem schillernden Subkontinent übersehen ...

Vor einigen Jahren wurde ich auf etwas ausgesprochen Skurriles aufmerksam: Hopi-Ohrkerzen. Diese gehen angeblich auf die nordamerikanischen Hopi-Indianer zurück, so jedenfalls wird damit geworben. Deren Kultur sei ein Füllhorn heilender Rituale und zeitloser Weisheiten. Bei den Kerzen hatte ich jedoch meine Probleme: Es handelt sich um etwa 20 Zentimeter lange Kerzen aus Bienenwachs, Johanniskraut, Kamille und weiteren Ingredienzien, die man seitlich liegend ins Ohr steckt und anzündet! Dadurch entsteht angeblich ein Kamineffekt, der das Ohr entlastet und gegen Kopfschmerzen und Durchblutungsstörungen helfen soll.

Sich brennende Kerzen in die Ohren zu stecken erschien mir so absurd, dass ich dem Stamm der Hopi-Indianer einen Brief schrieb und mich nach diesem Brauch erkundigte. Ein paar Tage später erhielt ich eine ausführliche Antwort vom „Vice-President“ der Hopi-Indianer. Er klärte mich darüber auf, dass es zu keiner Zeit eine Ohrkerzen-Tradition in seiner Kultur gegeben habe. Die Wunderkerze sei eine Erfindung westlicher Geschäftemacher und habe nicht das Geringste mit der Tradition des Stammes zu tun. Hopi-Kerzen sind also Humbug, doch warum geistern solche Konstruktionen durch unseren aufgeklärten Alltag? Die Namen alter Kulturen haben sich zu Projektionsflächen unserer Hoffnungen entwickelt. Hopi, Ayurveda, Zen ... Ein ganzes Arsenal Diäten, Körperübungen und Entspannungstherapien bedient sich schamlos angeblich uralter Traditionen. Essenzen, Salben und Öle werden unter exotischen Namen für exorbitante Preise angeboten.

Verkaufte jemand 200 Gramm Butterschmalz für 24 Euro, würden wir ihn als Abzocker verschmähen, doch bei „Ashwagandha Ghee“ – nichts anderes als geklärte Butter mit Kräutern – versagen unsere kritischen Sinne. Vielleicht verbirgt sich ja dahinter ein kollektives Schuldgefühl. Wir wollen anders sein als unsere ignoranten Ahnen, die vor Jahrhunderten andere Kulturen ausbeuteten. Statt die Tempel zu achten und den Gesängen der Eingeborenen zu lauschen, pflanzten sie hemmungslos Bananen und Tee an und durchpflügten die heiligen Böden nach Rohstoffen. Womöglich steht der Hang zu exotischen Heilslehren für eine unbewusste Wiedergutmachung historischer Fehler. 

 

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1 Kommentare

Karen Herzberg on 24 Juni 2010 ,16:41

Ich bin immer wieder begeistert, mit was für Themen Herr Yogeshwar sich beschäftigt und kann ihm eigentlich nur beiflichten. Ebenso seine Sendung Quarks

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