Eigentherapie
Dr. Eugene Alford hat schon Tausende Patienten operiert. Nach einem schweren Unfall lernt er die Heilkunst aus anderer Perspektive kennen.
By Michael HaederleWenn immer Dr. Eugene Alford nach einer besonders belastenden Arbeitsphase Entspannung brauchte, fuhr er zu seiner Ranch in Bellville hinaus, um dort bei körperlicher Arbeit abzuschalten. Das 32 Hektar große Anwesen lag rund 100 Kilometer von seiner Wohnung in Houston, Texas, entfernt. Er kam nicht so oft dort hin, wie er es sich gewünscht hätte. Als plastischer Chirurg am Methodisten-Krankenhaus von Houston hatte er im letzten Jahr an die 800 Operationen vorgenommen. Im Dezember hatte es besonders viel zu tun gegeben, und die nächsten Monaten würde es so weitergehen.
So entschied sich Alford an einem kühlen Sonntag kurz nach Weihnachten 2007, zugunsten einer Runde über sein Anwesen auf den Kirchgang zu
verzichten. Er schwang sich auf seinen leuchtend orangeroten Traktor und brauste durchs Gestrüpp, um eine Schneise für die Rotwildjagd zu walzen.
Als er bei den südlichen Koppeln durchs Unterholz fuhr, musste er vor einer abgestorbenen Weißeiche anhalten, die ihm im Weg stand. Er tippte den Zwölf-Meter-Stamm mit dem Frontlader an und erwartete, dass der Baum in die beabsichtigte Richtung fiel. Stattdessen kippte ihm die obere Hälfte der Eiche entgegen. In Sekundenschnelle krachte eine halbe Tonne Hartholz auf ihn herab und zerquetschte sein Rückgrat.
Alford wurde so stark aufs Lenkrad gedrückt, dass er kaum atmen konnte. Er versuchte auf die Bremse zu treten, aber die Beine gehorchten ihm nicht. Er bemerkte, dass er die Hände noch bewegen konnte, schaltete die Zündung aus, fingerte unter großer Anstrengung sein Mobiltelefon aus der Hemdtasche und rief über die Kurzwahl seine Frau an. „Mary“, keuchte er, „ein Baum ist auf mich gestürzt. Mein Rückgrat ist gebrochen. Ich glaube, ich sterbe.“
„Gib nicht auf!“, schrie sie. „Wir kommen dich holen!“ Alford versprach durchzuhalten. Aber ihm war klar, dass seine Chancen denkbar klein waren, wenn er einen Schock erlitt. Der Gedanke, seine Frau und drei halbwüchsige Kinder zurückzulassen, war ihm unerträglich. Eine Minute später rief er Mary nochmals an. „Falls ich es nicht schaffe“, sagte er, „muss ich dir noch sagen, dass ich dich liebe.“
Dann schloss er die Augen und betete.
Gene Alford, 49 Jahre alt, stammt aus Henderson, einer Kleinstadt im Osten von Texas. Sein Großvater John Rogers Alford war ein , dass man etwaserfolgreicher Geschäftsmann und Menschenfreund gewesen, und sein Vater hatte beide Traditionen fortgesetzt. Alford wurde dazu erzogen, tüchtig zu arbeiten und anderen zu helfen. „Man sprach nicht groß darüber getan oder geleistet hatte“, umschreibt er die Wertvorstellungen seiner Eltern. „Man tat es einfach.“
Nach Abschluss seines Medizinstudiums begann Alford eine lukrative Karriere als Hals-Nasen-Ohren-Spezialist und Gesichtschirurg am Methodisten-Krankenhaus Houston. Im Sommer flogen er und Mary, Zahnärztin und ehemalige Kinderkrankenschwester, auf einer kirchlich finanzierten Ärztemission nach Honduras in Mittelamerika, wo er in einer ländlichen Klinik Bedürftige operierte.
Zu Hause verarztete Alford viele prominente Bürger, dafür verzichtete er bei weniger Begüterten auch einmal auf sein Honorar. So kam Carolyn Thomas mit einem dicken Mullverband über einer tiefen Gesichtswunde zu ihm. Sie war von ihrem Bekannten, der zuvor ihre Mutter getötet hatte, niedergeschossen worden; die Kugel hatte ihre Nase, den Oberkiefer und das rechte Auge zerfetzt. Die Wiederherstellung ihres Gesichts hätte eine Million Dollar gekostet, aber Alford, seine Mitarbeiter und das Krankenhaus machten es umsonst.
|
| ||||||
Kommentar abgeben
| Name* | |
| Email* | |
| Kommentar* | |

Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!


Weitersagen






