Ein Retter in der Not
Aidskranke in Afrika: Ein Schweizer Arzt behandelt sie kostenlos
By BRIAN EADS
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Trish (Der Name wurde geändert) war ständig müde, sie hatte Fieber und hustete viel. In einem Krankenhaus in Simbabwes Hauptstadt Harare diagnostizierte man Tuberkulose. Doch es kam noch schlimmer. Die junge Lehrerin hatte das Kaposi- Sarkom, einen bösartigen Hauttumor. Im Januar 2005 wurde sie auf Aids getestet. Ergebnis: positiv. Trish, verwitwet mit einem Kind, konnte sich die 100 USDollar im Monat für Aidsmedikamente und eine Behandlung nicht leisten. Ihr Immunsystem versagte, sie litt unter Atemnot und wurde bettlägerig. Trish gab ihren Job auf – und jede Hoffnung aufs Überleben. Im Juni 2006 schickten Krankenschwestern des Dominikanerordens Trish zur Connaught-Klinik des Schweizer Arztes Professor Dr. Ruedi Lüthy, wo Aidskranke kostenlos behandelt werden. Vier Monate später ist Trish kaum wiederzuerkennen – eine hochgewachsene, gut angezogene Frau, die aussieht wie das blühende Leben. Mit schnellen, elastischen Schritten betritt sie die Klinik. „Wie geht’s Ihnen heute?“, fragt Professor Lüthy. „Gut“, antwortet Trish. „Ich huste nicht mehr, ich fühle mich nicht mehr schwach.“ Die Tuberkulose ist geheilt, der Hauttumor hat sich zurückgebildet, ihr Immunsystem funktioniert. Und: Trish arbeitet wieder. Ohne Professor Lüthy und sein Team, das weiß sie, wäre sie jetzt tot. „Danke!“, sagt sie.
Seit der Eröffnung der Klinik in Harare im Jahr 2004 hat Ruedi Lüthy mehr als 1300 Aidskranke behandelt und mit lebensrettenden Medikamenten versorgt. Heute ist er für viele Simbabwer, die wie Trish an Aids erkrankt sind, die einzige Hoffnung. Deshalb hat Ruedi Lüthy mit 62 Jahren seine Position als Professor für Innere Medizin und Infektionskrankheiten an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich und als Präsident der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen aufgegeben – um im südlichen Afrika Menschen in Not zu helfen. Die Triebkräfte für sein Engagement in Simbabwe „sind ein starkes Pflichtgefühl und die Hingabe an eine Aufgabe“, sagt Lüthy. Beides hat er in einer streng protestantischen Kinderstube in Luzern gelernt. Zur Finanzierung seines Medizinstudiums in Zürich arbeitete er nachts als Krankenpfleger. 1968 ging er ein Jahr in die USA an die Universität von Washington in Seattle, wo er sich auf Infektionskrankheiten und das Immunsystem spezialisierte. Zurück in Zürich, baute er an der Universitätsklinik einen neuen Fachbereich auf. 1982 tauchten in Zürich die ersten HIV-Fälle auf. Die Ärzte erkannten das todbringende Virus nicht und konnten für die Infizierten wenig tun. Lüthy erlebte, wie Menschen, die jünger waren als er selbst, dahinsiechten und innerhalb kurzer Zeit starben. „Was erwarten Sie von uns Ärzten?“, fragte er einen Patienten, bei dem der Krebs von der Haut auf die Lunge übergegriffen hatte und Atembeschwerden verursachte. „Ich möchte in Würde sterben“, antwortete der Mann. Doch der Krankenhausbetrieb machte das unmöglich.
Für viele Simbabwer, die wie Trish an Aids erkrankt sind, ist Lüthy die einzige Hoffnung
In der Schweiz existierten damals nur zwei Sterbekliniken. Lüthy sammelte Spenden in Höhe von 50 000 Schweizer Franken (rund 30 000 Euro) und eröffnete in Zürich eine Sterbeklinik mit 21 Betten. „Zürcher Lighthouse“ (= Leuchtturm), der Name der Klinik, spiegelt wider, wie Lüthy die Rolle des Arztes sieht: Der Doktor leitet als Lotse ein Schiff heim in den Hafen. Kapitän ist jedoch der Patient. Mitte der 90er-Jahre kam es in den industrialisierten Ländern zu einer Wende in der Behandlung von Aids, das bis dahin fast immer zu Siechtum und Tod geführt hatte. Man entdeckte, dass sich das HI-Virus, das zur Familie der Retroviren gehört, besser bekämpfen lässt, wenn man mindestens drei antiretrovirale Medikamente (ARV) gleichzeitig gibt. Diese neue Kombinationstherapie erschwerte es dem HI-Virus, Resistenzen zu entwickeln, und sie stärkte das Immunsystem gegen sogenannte Sekundärinfektionen wie Tuberkulose, Tumoren und Pilzerkrankungen, sodass die Kranken nun ein weitgehend normales Leben führen konnten. Einen jungen Patienten im „Lighthouse“, der von der Hüfte abwärts gelähmt war, weil das HI-Virus sein Rückenmark befallen hatte, behandelte Lüthy mit der neuen Therapie. Nach zwei Wochen konnte der Mann seine Beine fühlen, nach drei Monten stieg er ohne fremde Hilfe eine Treppe hinunter. „Es war unglaublich“, sagt Lüthy.
Auf einer Aidskonferenz in Durban, Südafrika, im Jahr 2000 hörte Lüthy die Rede eines weißen südafrikanischen Richters namens Edwin Cameron, der bekannte, schwul zu sein und Aids zu haben. Dass er noch am Leben sei, so Cameron, verdanke er dem medizinischen Fortschritt, der jedoch für 25 Millionen HIV-infizierte Afrikaner nicht verfügbar sei. Die Delegierten sollten nicht heimkehren und behaupten, sie wüssten das nicht. Lüthy war wie vom Donner gerührt, als er das hörte. Zum ersten Mal kam ihm die Idee, etwas für Afrika zu tun. Seine Frau Rosy, eine Krankenschwester, sagte, sie würde ihn unterstützen. Zwei Jahre später, auf einer Aidskonferenz in Barcelona, erfuhr Lüthy von einer simbabwischen Ärztin, dass sie Aidskranke mit Schmerzmitteln und Vitaminen behandelte. „Das können Sie doch nicht machen!“, entfuhr es Lüthy. „Etwas anderes haben wir nicht“, antwortete sie. Lüthy beschloss, nach Simbabwe zu reisen und sich dort selbst zu informieren. Was er vorfand, war schlimmer als erwartet. Die Weltgesundheitsorganisation schätzte, dass 1,7 bis 2,2 Millionen Menschen, ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung, das HIVirus in sich trugen. Damit gehörte Simbabwe zu den von Aids am schlimmsten betroffenen Ländern. Mehr als eine Million Kinder hatte die Krankheit bereits zu Waisen gemacht.
Aber nur 10 Prozent der etwa 300 000 Menschen, bei denen die Krankheit ausgebrochen war, waren in medizinischer Behandlung. In einer Sprechstunde beobachtete Lüthy, wie ein Arzt Antibiotikarezepte verteilte, obwohl er genauso wie Lüthy wusste, dass die Kranken sich die Mittel nicht leisten konnten. Daraufhin fasste Lüthy den Plan, in Simbabwe eine Klinik aufzubauen. Er solle sich, rieten Freunde, mit Patricia Walsh besprechen, einer irischen Dominikanerin. Die ausgebildete Krankenschwester und Vorsitzende der Hilfsorganisation International Christian Aids Network hatte 30 Jahre in Simbabwe Aidskranke und verwaiste Kinder betreut. Lüthy traf sie in Zürich, erläuterte ihr seine Idee und bat sie um ihre Meinung. „Das funktioniert nicht“, sagte sie.
Doch Lüthy liess sich nicht entmutigen. Er gründete die Stiftung Swiss Aids Care International (SACI), trieb 300 000 Schweizer Franken (rund 190 000 Euro) auf, erbettelte sich die notwendigste Ausrüstung von Krankenhäusern und der Schweizer Armee und füllte damit einen Zwölfmetercontainer. Im August 2003 traf er mit seinem Sohn Philipp, einem Computerfachmann, der beim Aufbau einer Patientendatei helfen wollte, in Harare ein. Schnell merkten sie, dass das Leben in Afrika anders war: An manchen Tagen fiel der Strom stundenlang aus. Mal gab es keine Medikamente, mal kein Benzin. Sechs Wochen brauchte Lüthys Container für die 500 Kilometer von der simbabwischen Grenze bis nach Harare. Der Schweizer Perfektionist Lüthy verzweifelte fast. Schwester Patricia, die ihm trotz Bedenken doch zur Seite stand, tröstete ihn: „Das ist Afrika. Morgen wird es besser.“ Lüthy mietete zwei Bungalows und ließ sie in eine Klinik und ein Labor umbauen. Dann stellte er Laboranten und sechs Krankenschwestern ein und verkündete seine Regeln: Wird eine Person zur Behandlung angenommen, werden auch die engsten Familienangehörigen mitbehandelt. Die Patienten müssen ihrem Sexualpartner gegenüber absolut ehrlich sein und mit ihm ein „Team“ bilden, was am ehesten gewährleistet, dass jeder regelmäßig seine Medikamente nimmt. Und: Einem Menschen das Leben zu retten soll anderen nützen. „Wenn wir eine Mutter behandeln“, so Lüthy, „kann sie ihre Kinder großziehen.“ Bald kamen die ersten Kranken. Die meisten litten an Tuberkulose, Pilzerkrankungen oder Tumoren. Lüthy musste zuerst diese Sekundärinfektionen in den Griff bekommen, bevor er mit der Kombinationstherapie beginnen konnte. Es erschien auch eine junge Frau, die von ihrem Lehrer vergewaltigt worden war. Sie hatte eine Lungenentzündung und wog nur noch 29 Kilogramm. Davon genesen, nahm sie im ersten Monat der Kombinationstherapie fünf Kilogramm zu. Dann erlitt sie einen Schlaganfall und konnte monatelang weder laufen noch sprechen. Lüthys Team behandelte sie weiter. Nach und nach konnte die Frau wieder sprechen, gehen und ihre Hände gebrauchen. Bei ihrem bislang letzten monatlichen Besuch in der Connaught-Klinik wog sie 55 Kilogramm. „Trotz der Komplikationen“, so Lüthy, „hält sie sich prima.“ 2005 beschloss die simbabwische Regierung unter Robert Mugabe die Operation Murambatsvina (Weg mit dem Müll!). Bulldozer fuhren in Squattersiedlungen, wo die Ärmsten der Armen hausten, walzten alles nieder und vertrieben Hunderttausende. Eine dieser zerstörten Siedlungen war Hatcliffe Extension, zehn Kilometer nördlich von Harare. Dort hatten 40 000 Menschen gelebt, darunter 100 Patientinnen und Patienten, die zur Behandlung regelmäßig in die Connaught-Klinik kamen. Sie waren geflohen. Lüthy ging nach Hatcliffe und sah sich die Verwüstungen an.
Wütend und frustriert reiste er zurück in die Schweiz in sein Apartment am Murtensee. Sechs Wochen blieb er, dann hatten sich Wut und Schmerz gelegt. Lüthy kehrte nach Simbabwe zurück und erfuhr, dass bis auf vier alle Kranken aus Hatcliffe wieder da waren. Viele von ihnen hatten nichts zu essen; Lüthys Team verteilte eimerweise getrockneten Mais.
Die Zahl der behandelten Patienten – auch die der Kinder – nimmt zu. Im Mai 2006 betreute das Team um Lüthy 270 Kinder im Alter zwischen zehn Monaten und 17 Jahren – die meisten waren von der Mutter im Mutterleib infiziert. Da das Körpergewicht von Kindern unterschiedlich ist, brauchen sie individuell bemessene Medikamentenmengen. Oft ist es Rosy Lüthy, die sie zubereitet: Sie zerstößt Pillen in einem Mörser zu Pulver, wiegt es sorgfältig ab und füllt es in Kapseln. Kinderkrankenschwester Rita Phillip benutzt Soldatenfiguren, um den Kindern spielerisch klarzumachen, wie ihr Körper gegen die Aidsviren kämpft. „Ich sage ihnen: Wenn ihr die Medizin nehmt, macht ihr eure Soldaten stark, und dann werdet ihr selbst auch stark sein“, so Phillip. Und genau das ist es, was Lüthy allen Patienten vermitteln will: Auch mit Aids ist ein normales Leben möglich.
Ein Massstab für das Erreichte ist die Überlebensquote. Von 20 Patienten stirbt bei Lüthy nur einer – anderswo im südlichen Afrika sind es zwei. „Der Professor hat hier ein sehr effektives Behandlungszentrum aufgebaut“, sagt Dr.Margaret Pascoe. Sie und ihre Kollegin Dr. Nicky Ngorima sind die beiden einheimischen Ärztinnen in Lüthys Team.
Trotz seiner 65 Jahre macht Ruedi Lüthy keine Anstalten, die Hände in den Schoß zu legen. Er hat bei europäischen Regierungen und internationalen Organisationen um Spenden gebettelt und davon ein größeres Grundstück in Harare gekauft. 2007 will er die Zahl der Patienten auf 2000 erhöhen und rund um Harare weitere Kliniken einrichten. „Ich freue mich, wenn schwache, gebrechliche Menschen nach zwei oder drei Monaten Behandlung ganz anders aussehen, wenn sie in die Klinik kommen“, sagt er. „Das entschädigt für vieles.“
Dr. Peter Piot, geschäftsführender Direktor von UNAIDS, dem Aids-Bekämpfungsprogramm der Vereinten Nationen, erklärt: „Ich habe schon Professor Lüthys Aidsarbeit in der Schweiz bewundert. Dass er sein Leben in den Dienst von HIV-Kranken in Simbabwe stellt, beweist seine Menschlichkeit und macht ihn zu einem großen Vorbild.“ Professor Dr. Ruedi Lüthy ist Reader’s Digest-Europäer des Jahres 2007. Weitere Informationen über seine Arbeit finden Sie im Internet unter www.swissaidscare.ch
Seit 1996 vergibt Reader’s Digest die Auszeichnung „Europäer des Jahres“. Preisträger waren unter anderen die französische Richterin Eva Joly (2002) und der deutsche Kämpfer gegen Korruption Peter Eigen, der Gründer von Transparency International (2004).
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