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AUFBRUCH! Seit Wochen fiebert Hans Füllmann diesem Abenteuer entgegen. Mit Freundin Luise und einem 6,7 PS starken Goggo-Roller der Firma Glas will der Rheinländer eine Tour über den höchsten Berg Österreichs, den Großglockner, wagen. Acht Jahre nach Kriegsende ist die Vorbereitung einer Auslandsreise noch mühsam. „Wir brauchten ein Visum, das dann lediglich drei Tage galt“, erinnert sich der 84-Jährige. Zudem sind viele Verkehrswege von Kriegsschäden gezeichnet: „Vor allem an Brücken mussten wir die Autobahn immer wieder verlassen.“ Als die beiden schließlich nach zwei anstrengenden Tagen im bayerischen Grenzort Reit im Winkl eintreffen, wollen sie sich erst mal ausruhen. „Für unser Zimmer mit Frühstück bezahlten wir zwei Mark zwanzig“, lacht der Senior.

Am 24. Juli 1953 bricht das Paar um sechs Uhr zum schwierigsten Teil der Reise auf. „Im ersten und zweiten Gang ging es hinauf bis zur Edelweiß- Spitze auf 2500 Meter Höhe“, berichtet Füllmann. „Zuerst wurden wir von den Autofahrern belächelt. Aber dann sahen wir immer mehr liegen gebliebene Fahrzeuge, deren Fahrer zu den markierten Wasserstellen liefen, um Kühlwasser zu holen.“
Der Rollerfahrer braucht sich keine Sorgen zu machen: Sein Motor wird mit Luft gekühlt, genau wie beim VWKäfer. So erreichen die beiden ohne größere Probleme den Pasterzengletscher am Fuße des Großglockners: „Dieses grandiose Landschaftserlebnis haben wir nie vergessen.“ Zurück in der Pension, müssen die Deutschen den anderen Gästen ausführlich von ihrer Expedition berichten – aber keiner von ihnen hat den Mut, den Berg ebenfalls zu bezwingen. Heute rollen jedes Jahr um die 265 000 Autos, Motorräder und Busse über die Großglockner Hochalpenstraße, die längst zum Vergnügungspark mit Wasser- Wunderwelt und Tunnel-Kunst ausgebaut wurde. Abenteuerlich sind da bestenfalls noch die Preise, die mancher Gastronom für Pinzgauer Spezialitäten fordert.
Mitte der 50er-Jahre müssen sich die meisten schon aus finanziellen Gründen mit selbst geschmierten Stullen und Obst von daheim begnügen. Und bei durchschnittlich zwölf Tagen Urlaub sind auch im Hinblick auf die Entfernungen keine großen Sprünge drin. Deshalb erholt man sich im Schwarzwald oder Allgäu, in Österreich und der Schweiz.

Als Traumziel gilt freilich Italien. Die Sehnsucht nach dem Süden wird von Rudi Schurickes Schlager über die „Capri-Fischer“ („Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt ...“) und René Carols hunderttausendfach verkauftem Loblied auf den „Hafen von Adano“ verstärkt. Nach diesem romantischen Ort suchen Urlauber allerdings vergebens: Er ist frei erfunden. So langsam kommt die deutsche Wirtschaft wieder auf Touren. Die Aussicht auf Chianti und Meer lockt die Gäste aus Germania in Scharen über die Alpen. Zumal die Bundesbahn Mitte der 50er-Jahre für Gutbetuchte die ersten Autoreisezüge von Hamburg nach Chiasso einsetzt.

„Die Transportwagen besaßen ein Dach, um die chromblitzenden Automobile vor dem Ruß der Dampflokomotiven zu schützen, während die Kunden die Fahrt bequem im Schlafoder Liegewagenabteil verbringen konnten“, vermerkt die Bahn in einer Chronik über die ersten Huckepack- Züge. Vom südlichsten Bahnhof der Schweiz lässt sich dann entspannt die Weiterfahrt auf eigener Achse in Angriff nehmen – beispielsweise zum wunderschön gelegenen Gardasee.

1955 läuft bereits der millionste VW Käfer vom Band. Doch nicht jeder frisch gebackene Autobesitzer kann ungetrübte Mobilität genießen. Gleich in den ersten drei Monaten ihres Bestehens wird die ADAC-Straßenwacht zu 25 000 Panneneinsätzen gerufen. Eine Reise mit dem Flugzeug bleibt vorerst den oberen Zehntausend vorbehalten. Die Weichen werden aber schon gestellt: Ende 1955 gründen fünf Unternehmen, darunter die Deutsche Bundesbahn und die Deutsche Lufthansa, die „Deutsche Flugdienst GmbH“, aus der später die Condor hervorgeht. Heimatflughafen der Flotte, die zunächst drei zweimotorige Propellerflugzeuge des englischen Typs Vickers Viking mit je 36 Sitzplätzen umfasst, ist Frankfurt am Main.
1956 steht sogar schon Teneriffa auf dem Flugplan. Allerdings müssen die kleinen Flieger auf dem Weg zu der Kanareninsel sechsmal zwischenlanden, um Treibstoff aufzunehmen. 50 Jahre später nur noch ein Fünf-Stunden-Trip, beträgt die Reisezeit damals stolze 14 Stunden.

FREMDE KULTUREN
Mit dem eigenen Pkw, den das deutsche Wirtschaftswunder für viele erschwinglich macht, reist man noch deutlich langsamer. Trotzdem nehmen Tausende den langen Weg in den Süden unter die Räder. Auch bei Friedhelm Meier reichen Anfang der 60er- Jahre die Ersparnisse: Mit einem 4200 D-Mark teuren VW Käfer kann er sich den Traum vom Urlaub an der Costa Brava erfüllen. „Zuerst mussten wir für unseren zweijährigen Jungen ein Bett aus Sperrholz zimmern, das statt der Rückbank ins Auto kam“, lässt der 74-Jährige seine erste Urlaubsfahrt in den Süden Revue passieren.

Noch heute schwärmt der ehemalige Maschinenschlosser von „der aufregenden Begegnung mit einer fremden Kultur“. Spätestens nach der zweiten Sangria sei auch die Verständigung mit den Einheimischen kein Problem mehr gewesen: „Wir haben einfach mit Händen und Füßen geredet.“ Dass in den drei Wochen auf dem spanischen Campingplatz „kein Tropfen Regen“ fällt, ist für den Schmuddelwetter gewohnten Dortmunder eine Sensation: „Nach unserer Rückkehr war ich der Held auf der Schicht und unser Urlaub tagelang Gesprächsthema Nummer eins.“

Zu dieser Zeit lebt Ruth Kage auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Die Leipziger Diplomingenieurin und ihr Mann besitzen damals einen Skoda mit Wohnanhänger, der im Sommer regelmäßig an der Mecklenburgischen Seenplatte steht. Zwar können sie hier mit einer selbst gebastelten Antenne unbehelligt das Westfernsehen gucken, doch ansonsten geht es sparsamer zu: „Mittagessen in einer Gaststätte war aufgrund des mangelnden Angebots nicht drin. Selbst am Geburtstag meines Mannes gab’s nur Rouladen und grüne Bohnen aus der Dose.“

Nach dem Mauerfall landet die heute 75-Jährige wie viele Bewohner Ostdeutschlands zum ersten Mal auf Mallorca. Doch ihr Fazit nach der Rückkehr fällt eindeutig aus: „In Mecklenburg war es mindestens genauso schön!“

MASSENTOURISMUS
Die zu Spanien gehörende Balearen- Insel erreicht der deutsche Massentourismus erst mit Verspätung, dann aber gewaltig: Heute wird Mallorca gern als 17. deutsches Bundesland bezeichnet. In den 70er-Jahren ist aber Italien die Nummer eins. Dazu trägt neben der staatlichen Kontrolle der Hotelpreise auch die Ausgabe von Benzingutscheinen für ausländische Feriengäste bei.

Das Fernsehen und Illustrierte machen zusätzlich Appetit auf „Dolce Vita“ und „Amore“. Kein Wunder, dass 1970 rund 6,6 Millionen Bundesbürger in „Bella Italia“ Station machen – vor allem an der Adria. So erhält der kilometerlange Sandstrand von Rimini bald den wenig schmeichelhaften Beinamen „Teutonengrill“. Doch als Reiseveranstalter wie Neckermann mit immer günstigeren Flug-Pauschalreisen auf den Markt drängen, rücken auch Ziele in Spanien oder Griechenland in greifbare Nähe, zumal der Wohlstand weiter wächst. Flug, Hotel und ein Paradies unter Palmen – da lassen die Deutschen gern ihren Opel Rekord, Ford Taunus oder VW 1600 in der Garage und nehmen den Flieger.

Mit der Ölkrise erhält die Lust an der Mobilität allerdings einen herben Dämpfer: Auf den Jom-Kippur-Krieg 1973 im Nahen Osten reagiert die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) mit einer drastischen Verringerung der Rohölförderung. Plötzlich kostet ein Liter Superbenzin umgerechnet 38,9 Cent – über 30 Prozent mehr als zuvor. Die explodierenden Energiekosten schicken die Wirtschaft weltweit auf Talfahrt.

Weil der Sprit knapp zu werden droht, beschließt die Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt vier autofreie Sonntage. Als dazu noch ein Autobahn-Großversuch mit Tempo 100 angeordnet wird, ist die Unruhe groß: Während Umweltschützer ein Ende des PS-Wahns fordern, mokiert sich der ADAC über das „unrealistische Kriechtempo“. Mit der Richtgeschwindigkeit 130 km/h können alle leben, und der Auto-Boom hält an.

HERAUSFORDERUNG
Doch fortan sind nicht nur Pferdestärken und üppiges Platzangebot gefragt. Auch Umwelt- und Sicherheitsfragen rücken stärker in den Fokus. 1980 führt Mercedes den Airbag in der S-Klasse ein. Maßgeblich mitentwickelt hat ihn Béla Barényi, ein visionärer Ingenieur, der seit 1939 für Daimler- Benz tätig ist und mehr als 2500 Patente hält. Auf das Konto des 1997 verstorbenen Österreichers gehen außerdem die Sicherheitslenkung und der Seitenaufprallschutz – Erfindungen, ohne die heute kaum noch ein Fahrzeug vom Band rollt.

Weitere wichtige Innovationen sind der Allrad-Antrieb, der 1980 im Audi quattro vorgestellt wird und dem Fahren auf winterlichen Straßen den Schrecken nehmen soll, und der Drei- Wege-Katalysator zur Reinigung der Abgase. Ende 2006 gibt es in Deutschland 46,5 Millionen Autos – mehr als jemals zuvor (Quelle: Kraftfahrt-Bun- RD I MÄRZ 2008 desamt). Beliebtestes Modell ist der Käfer-Nachfolger VW-Golf, der es allein auf 4,3 Millionen Exemplare bringt. Wegen der Verkehrsdichte ist das Auto aber immer weniger mobil: Nach einer Untersuchung der Forschungsabteilung von BMW stehen deutsche Autofahrer pro Jahr durchschnittlich 70 Stunden im Stau. Daraus erwächst ein volkswirtschaftlicher Schaden von 100 Milliarden Euro.
Experten hoffen auf intelligente Leitsysteme, die sich dem Verkehrsaufkommen anpassen, und künftige Fahrzeuggenerationen, die sich per Funk über Störungen auf der Straße austauschen können, um selbstständig eine Ausweichroute zu wählen.
Für den renommierten Verkehrswissenschaftler Hermann Knoflacher ist dies bestenfalls ein „Herumdoktern an den Symptomen“. Der Professor an der Technischen Universität Wien betont: „Mit immer mehr und immer schnelleren Fahrzeugen wächst nicht unsere Mobilität, sondern nur der Verkehrsaufwand. Wir haben unsere Städte längst den Bedürfnissen des Autos unterworfen. Dabei wird unser Lebensraum immer knapper, und so ziehen wir uns mehr oder minder freiwillig in unsere Häuser mit Lärmschutzfenstern zurück.“ Knoflacher fordert ein radikales gesellschaftliches Umdenken zugunsten attraktiver öffentlicher Verkehrsmittel: „Der Weg zum eigenen Parkplatz darf nicht kürzer sein als zur nächsten Haltestelle für Bus oder Bahn.“ Auch für größere Entfernungen setzt er auf die Schiene: „Ich besitze kein Auto mehr.“

Für schnelles Reisen mit der Bahn stehen in Deutschland seit Anfang der 90er-Jahre drei Buchstaben: ICE. In den ersten 15 Jahren haben die Intercityexpresszüge mehr als 400 Millionen Kilometer zurückgelegt. Derzeit ist die Version mit der Kennziffer 3 aktuell, die Spitzengeschwindigkeiten von über 300 km/h erreicht. Trotz dieser beeindruckenden Zahlen mutet es paradox an, dass beispielsweise eine ICE-Fahrt von Hamburg nach Berlin mitunter mehr Geld kostet als ein Flug von der Hansestadt nach Barcelona. Der Grund: Am Himmel tobt ein gnadenloser Preiskampf, seit der Brite Tony Ryan 1985 mit Ryanair die erste Billigfluglinie Europas gründete. Hinund Rückflugtickets für deutlich unter 100 Euro sind keine Seltenheit. Bei diesem „Fliegen zum Taxipreis“ (Werbeslogan eines Anbieters) nehmen Schnäppchenjäger gern in Kauf, dass sie häufig keinen Anspruch auf einen bestimmten Sitzplatz haben und für Getränke oder Snacks an Bord ihr Portemonnaie zücken müssen.

Ein schlechtes Gewissen wegen des hohen Schadstoffausstoßes der Düsenjets plagt die wenigsten: Nach einer 2007 veröffentlichten Studie des Europäischen Tourismus Instituts (ETI) nehmen neun von zehn Befragten keine Rücksicht auf den Klimawandel bei der Wahl ihres Urlaubsorts. „Das Thema ist noch nicht relevant“, kommentiert Institutsleiter Professor Heinz-Dieter Quack.

Den inoffiziellen Titel des Reiseweltmeisters vor den US-Amerikanern dürfte den Deutschen also so schnell niemand streitig machen: 2006 gaben die Bürger 60,5 Milliarden Euro für Auslandsreisen aus. Aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor, aber beim Deutschen Reise-Verband rechnet man mit weiteren Steigerungen. „Im Trend liegen neue, teilweise sehr exotische Ziele wie Thailand und die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Städte- und Wellness-Reisen“, berichtet DRV-Präsident Klaus Laepple.

Und wie sieht die Mobilität von morgen aus? Die ersten umweltfreundlichen Hybrid-Autos mit Verbrennungs- und Elektromotor sind schon auf dem Markt und weitere vielversprechende Technologien in der Erprobung – beispielsweise der Brennstoffzellen- Antrieb. Die Zukunft der Züge zeigt die mehr als 400 km/h schnelle Magnetschwebebahn Transrapid, die zwar in Deutschland entwickelt wurde, vorerst aber nur im chinesischen Schanghai fährt.

Auch ein revolutionär neues Ferienziel zeichnet sich am Horizont ab: „Bald wird der erste Tourist den Mond umrunden“, frohlockt der US-Unternehmer Eric Anderson, der bereits fünf Privatreisen in den Orbit organisiert hat. Eine Zusage der russischen Raumfahrtbehörde will der Geschäftsmann bereits in der Tasche haben. Spätestens 2011 soll das erste Raumschiff vom Typ Sojus starten. 70 Millionen Euro muss einem der Nervenkitzel auf Neil Armstrongs Spuren, der 1969 als erster Mensch den Mond betrat, allerdings schon wert sein. Bis sich gewöhnliche Pauschaltouristen im All vergnügen dürfen, müssen wir wohl mit irdischen Attraktionen vorliebnehmen – glücklicherweise sind Großglockner und Gardasee noch immer eine Reise wert!

 

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