Es war ein lieblicher, warmer Novembertag, wie es ihn nur in Florida gibt. Wölkchen wie Perlen, klare Sicht. Die Stadtsilhouette hob sich hinter dem tiefblauen Wasser der Tampa-Bucht ab, während Amira Jakupovic mit ihrer Familie über die Howard-Frankland-Brücke nordwärts fuhr.

Die Familie war vor sechs Jahren aus Europa nach St. Petersburg in Florida übergesiedelt und hatte inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft. Jetzt ging es nach Tampa zum Mittagessen bei Verwandten. Schlank und sportlich, wirkte Amira fast wie ein Teenager. Ihr Mann Mujo, ein Amateurfußballer, saß auf dem Beifahrersitz des grünen Geländewagens. Ihre beiden Jungen, Amar, sieben, und Emrah, 13, saßen hinten. Amar war eingeschlafen.

Es herrschte wenig Verkehr. Als sie sich dem Ende der Brücke näherten, platzte der linke Hinterreifen mit einem heftigen Knall. Mit Tempo 90 geriet der Wagen auf dem Stahlbeton heftig ins Schleudern. Er kollidierte mit der linken Betonbarriere und schoss, sich mehrfach drehend und überschlagend, quer über die vier Fahrstreifen auf den rechten Fahrbahnrand zu. Dort prallte er gegen die Brüstung, überschlug sich und stürzte in die tiefblaue Bucht hinab.

Kerry reardon kannte die Gewässer um Tampa und St. Petersburg so gut wie den gefleckten Umberfisch und den räuberischen Snook. Der Ingenieur und begeisterte Sportfischer hatte beim Krabbenfangen mit Frau und Kindern schon mal einen Schwarzspitzenhai aus dem Wasser gezogen – „nur 1,20 Meter lang, aber groß genug, um einem Kind die Hand abzubeißen“. Reardon hatte an diesem Samstag eigentlich ein Sportfischer- Turnier bestreiten wollen, war aber mit seinen Teamkollegen wegen zu geringer Fangquote vorzeitig ausgeschieden. Jetzt nutzte er den Nachmittag zu einer Fahrstunde mit seiner 15-jährigen Tochter Kara.

Kara sollte eigentlich nach rechts in Richtung der spektakulären Sunshine- Skyway-Brücke von St. Petersburg abbiegen. Stattdessen fuhr sie spontan nach links auf die fünf Kilometer lange Frankland-Brücke nach Tampa. Am Ende der Brücke kam der Verkehr ins Stocken und schließlich fast zum Erliegen.
„Ein Stau, Paps.“
„Daran musst du dich gewöhnen“, scherzte Reardon. Ihm fiel ein halbes Dutzend Leute auf, die an der Brüstung in die Tiefe starrten. Glassplitter glitzerten überall auf der Fahrbahn. Über drei Fahrstreifen zogen sich Reifenspuren hin. Reardon wurde klar: Das war keiner der üblichen Staus auf dieser Brücke. Ein Wagen musste hinabgestürzt sein.

Amira hatte kurz das Bewusstsein verloren. Ihr langes Haar wirbelte im Wasser. Sie kam wieder zu sich und blickte sich verzweifelt um. In mattem Blau und Weiß leuchteten die Buchstaben auf dem Hemd ihres älteren Sohnes Emrah. Amira griff danach und tastete mit der anderen Hand nach Türen oder Fenstern. Beim Überschlagen auf der Brücke waren alle Scheiben zerborsten. Amira zog Emrah zu sich und schwamm durch eine Fensteröffnung hinaus. Die beiden kämpften sich nach oben. Aber ihr Mann und ihr jüngerer Sohn waren noch unten.

Beim Luftholen sah Amira den blauen Bug eines Bootes, das auf sie zuhielt und langsamer wurde. Ein Mann beugte sich über die Reling und nahm aus ihren Armen ihren Sohn entgegen. Amira tauchte sofort wieder hinab und suchte nach dem Wrack ihres Wagens. Als sie es entdeckte, gelangte sie jedoch nicht mehr bis ins Innere und musste zum Luftholen wieder nach oben. Abermals tauchte sie, doch jetzt hatte sie den Wagen im aufgewühlten trüben Wasser verloren. Als sie erneut auftauchte, entdeckte sie ihren Mann. Es hatte es aus dem Wrack herausgeschafft. Zusammen tauchten sie erneut und suchten verzweifelt nach dem jüngeren Sohn. Aber die Bucht schien Kind und Auto verschlungen zu haben.

Fahr rechts ’ran “, sagte Reardon seiner Tochter. Kara hielt am Straßenrand, ihr Vater sprang aus dem Wagen und blickte über die Brüstung: Vor der Brücke dümpelte ein Charterboot für Sportangler. Der Kapitän hatte offenbar drei Leute aus dem Wasser gefischt, einen Mann, eine Frau und einen Jungen. Die völlig durchnässte Frau schrie und weinte verzweifelt. Reardon rief hinunter: „Ist noch jemand im Wagen?“

Die Antwort war wie ein Schock: ein Kind. Er rannte zu seinem Auto, warf Schlüssel, Brieftasche und Schuhe auf den Beifahrersitz. Nur mit seinen abgeschnittenen Jeans und einem TShirt bekleidet, lief er wieder los. „Verriegel die Türen“, sagte er seiner Tochter. „Ich bin gleich zurück.“

Reardon wusste: An Brückenpfeilern sind Strömungen stark und tückisch. Der aufgewirbelte Schlick erlaubt nur Sichtweiten von kaum einem Meter. Selbst mit Tauchermaske und Schwimmflossen verlieren die meisten sekundenschnell die Orientierung. Beim Absuchen der Wasseroberfläche entdeckte Reardon aufsteigende Luftblasen. Dort lag der Wagen! Er kletterte auf die Betonbrüstung und stürzte sich kopfüber in die Fluten.

Kelli earle fuhr gern mit herabgekurbelten Fenstern. Die leichte Meeresbrise spielte mit ihrem Haar. Die 25-jährige Krankenschwester war zu einer Kinderparty unterwegs. Sie wollte belegte Brötchen fürs Mittagessen abholen. Jetzt leuchteten Bremslichter vor ihr auf, die Autos wichen nach links aus. Earle hielt rechts an, stieg aus und ging zum Brückengeländer, vor dem sich eine Gruppe versammelt hatte. Sie blickte über die Brüstung. Unten wurden nacheinander ein Kind, eine Frau und ein Mann aus dem Wasser in ein Boot gezogen. Die Frau starrte ins Wasser und schrie: „Mein Sohn, mein Sohn!“
Eine Minute später beobachtete Earle, wie ein Mann in abgeschnittenen Jeans auf die Betonbrüstung stieg, sich in die Bucht stürzte und sechs Meter tiefer ins Wasser eintauchte. Ein einsamer Fußballschuh stieg an die Oberfläche und trieb davon.

Kaum unter Wasser, spürte Reardon die starke Strömung. Sie trieb ihn auf die Brückenfundamente zu. Er wusste, dass sie in größerer Tiefe nachlassen würde, und tauchte weiter hinab. Erst knapp über dem verbeulten Dach erkannte er die Umrisse des Wagens. Er wollte den Jungen unbedingt finden, bevor er wieder auftauchte. Aber seine Lungen schienen zu platzen, er musste wieder nach oben. Um sein Ziel nicht zu verfehlen, schwamm er ein Stück gegen die Strömung an. Er hoffte, dass er beim nächsten Tauchgang zum Fahrzeug zurückgetrieben würde. Er holte tief Luft und verschwand erneut in den Fluten. Mit weit ausgestreckter Hand tastete sich Reardon über die Karosserie. Auf der Suche nach der Tür stieß er auf die Fensteröffnung an der Fahrerseite. Er glitt hinein, konnte den Jungen nicht entdecken, schwamm nach hinten – und blickte in zwei dunkle, starre Augen.

Der Junge war noch angeschnallt. Reardon ertastete das Gurtschloss, ließ es aufspringen, griff den Jungen am Hemd und zog ihn zu sich her. Fast schwerelos ließ sich die schmächtige Gestalt durchs Fenster manövrieren, und Reardon stieß sich nach oben ab. Holte er einen Leichnam heraus?

Kelli earle sah den Mann in den abgeschnittenen Jeans wieder auftauchen. Er trug eine kleine Gestalt auf dem Arm. Sofort streifte sie ihre Badesandalen ab, sprang ins Wasser und schwamm zu dem Fischerboot. „Ich bin Krankenschwester“, sagte sie. „Lassen Sie mich helfen.“ Einer der Männer zog sie aufs Boot.

Sie ging zu dem kleinen Amar und neigte seinen Kopf nach hinten, um die Atemwege freizumachen. Sie gab ihm zwei Atemspenden und prüfte dann den Puls. Sein Herz schlug nicht mehr. Seine Pupillen waren erweitert, die Haut totenblass, die Lippen blau. Das kühle Wasser der Bucht war wohl nicht kalt genug gewesen, um seine Hirnfunktionen aufrechtzuerhalten, wie es bei Eiswasser manchmal geschieht. Der Junge brauchte sofort Sauerstoff. Earle begann mit der Wiederbelebung. Jedes Mal, wenn sie Druck auf die Brust des Jungen ausübte, quoll Flüssigkeit aus Lunge und Magen. Das Schaukeln des Bootes erschwerte die Prozedur. Entsetzt klammerte sich die Mutter an Earle fest: „Helfen Sie ihm, bitte.“ Earle versuchte konzentriert fortzufahren. „Wir müssen an Land“, rief sie dem Kapitän zu.

Ein Polizist traf beim Boot ein und half bei der Wiederbelebung. Während Earle Amar beatmete, massierte er das Herz des leblosen Jungen. Schließlich traf der Notarztwagen ein. Die Rettungssanitäter schlossen Amar an die Systeme an. Earle überprüfte seine Lebensfunktionen und wandte sich den verzweifelten Eltern zu. „Beten Sie?“, fragte sie. Die Mutter nickte. „Dann ist jetzt die Zeit dafür“, sagte die Krankenschwester.

Officer Luis Vasquez, der zweite Polizist vor Ort, stieg mit Amar in den Rettungswagen. Als Polizeitaucher in Tampa hatte er in 17 Dienstjahren eine ganze Reihe von Kindern aus dem Wasser geholt. Überlebt hatte keines. Und auch dieses Kind hatte offenbar keine Chance. Vasquez spürte keinen Puls. Der Gedanke, wieder nicht helfen zu können, trieb den Vater von zwei Kindern fast zur Verzweiflung. Er setzte die Herzmassage fort, während die Rettungssanitäter dem Jungen Luft in die Lungen pumpten. Keine Reaktion. Plötzlich spürte er an den Händen einen sanften Gegendruck. „Hat er eben Luft geholt?“, fragte Vasquez.

„Ich glaube nicht“, antwortete der Sanitäter. Aber dann sog der Junge zur Verblüffung beider ein zweites Mal Luft in seine Lungen. „Er atmet selbstständig“, rief der Sanitäter. „Haben Sie einen Puls gespürt?“ „Nein“, antwortete Vasquez und machte weiter. Doch dann spürte er unter der Handfläche ein Pulsieren. Vasquez wusste: Amar war noch längst nicht über den Berg. Er war fünf Minuten unter Wasser gewesen, sein Herz hatte stillgestanden, der Organismus war nicht mit Sauerstoff versorgt worden. Falls er überlebte, dann womöglich mit einem geschädigten Gehirn.

Im Krankenhaus hielten die Ärzte Amar für zehn Tage bei Beatmung im künstlichen Koma. Reardon, Earle und Vasquez besuchten ihn regelmäßig auf der Intensivstation und erkundigten sich nach Fortschritten. Würde er überleben? Und wenn ja, mit allen geistigen und körperlichen Fähigkeiten? Amira blieb Tag und Nacht bei ihrem Kind. Die Ärzte verringerten die Sauerstoffzufuhr, damit er selbstständig atmete. Am zehnten Tag entfernten sie den Beatmungsschlauch und holten den Jungen aus dem Koma. Man hoffte, er würde dank seiner Jugend durchkommen.

Tatsächlich: Zwei Tage später saß Amar im Bett und war in seine Elektronikspiele vertieft. Die Schrecken des Ertrinkens schienen vergessen. Bei Amar blieb eine etwas raue Stimme zurück. Sein Vater wurde wegen einer Verletzung bei dem Unfall am Bein operiert. Amira ist wohlauf. Nur Emrah leidet unter hartnäckigen Bein- und Rückenschmerzen. Die Jakupovics sind zutiefst dankbar, dass die richtigen Leute zum rechten Zeitpunkt zur Stelle waren, um ihren Sohn zu retten: der Bootskapitän, der Taucher, die Krankenschwester, der Polizist und die Rettungssanitäter.

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