Sie vermögen ein tief empfundenes Glücksgefühl auszudrücken. Daher erfreuen sich Gospels und Spirituals großer Beliebtheit. Und das, obwohl – oder vielleicht gerade weil – die traditionelle Musik der Schwarzen in den USA zu Zeiten von Elend und großen Entbehrungen entstanden ist. Trotzdem kündet sie unbeirrbar von Hoffnung und festem Glauben an eine bessere Welt.
Wie alles begann
Am 4. Juli 1776 beginnt mit dem Tag der Unabhängigkeitserklärung in Amerika ein neues Zeitalter. Der „amerikanische Traum“ soll jedem Bürger die Möglichkeit bieten, sein Glück zu finden. Das wird sogar elf Jahre später in der Verfassung des jungen Staates festgeschrieben. Die Voraussetzungen sind gut: ein endlos scheinendes, fruchtbares Land, reich an Natur- und Bodenschätzen, verbunden mit einer einzigartige Aufbruchstimmung. Die Folge: Unzählige Einwanderer, oft nur ausgestattet mit dem Nötigsten, suchen und finden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihr Glück.
Afrikaner in Amerika
Es gibt auch Kehrseiten: Die Ureinwohner bleiben oftmals von den Rechten ausgenommen. Und dann sind da noch die Sklaven. Schwarze, seit dem 15. Jahrhundert von der Westküste Afrikas verschleppt, um auf den Feldern der südlichen Staaten als billige Arbeitskräfte verheizt zu werden. Für sie ist Amerika alles andere als das gelobte Land. Technische Errungenschaften ermöglichen großflächigen Anbau von Baumwolle auch in Regionen, die vorher dafür ungeeignet schienen. Mit den Plantagen wächst der Bedarf an Arbeitskräften. Die Zahl der schwarzen Bevölkerung steigt von etwa 700 000 zum Ende des 18. Jahrhunderts auf 3,9 Millionen im Jahr 1860. Und das, obwohl 1808 die „Einfuhr“ neuer Sklaven per Gesetz untersagt wird.
Singen ja, trommeln nein
Afrikaner haben Rhythmus im Blut. Neben den Gesängen sind es vor allem das rhythmische Klatschen und der Einsatz von Perkussions-Instrumenten, die für Schwung sorgen. Ein weiteres typisches Merkmal afrikanischer Musik, das wir auch in der Gospel- und Spiritualmusik finden, ist das „Call- und Response-(Ruf- und Antwort)-Ritual“: Ein Text wird vorgesungen und die Mitsänger antworten. Für die weißen Herren klingt das alles befremdlich. Aber sie verbieten den Sklaven das Singen nicht, sondern ermutigen sie sogar dazu. Ihr Hintergedanke. Mit Musik gehen schwere Arbeiten leichter von der Hand. Übrigens: Trommeln sind verboten, denn die Weißen haben Angst, dass über größere Entfernungen geheime Botschaften übermittelt werden könnten.
Musik für eine göttliche Macht
Erlaubt ist den Schwarzen fast nur Musik mit geistlichem Gedankengut. Die frisch missionierten Sklaven lernen christliches Gedankengut kennen, aber auch europäische Kirchenlieder, die ihnen zunächst völlig fremd sind. Diese Lieder, verbunden mit der eigenen Musikalität, sind der Boden, auf dem die Spirituals wachsen. „Spiritual“ heißt im Wortsinn „geistig, geistlich, vergeistigt“. Diese Musik entwickelt sich vornehmlich in unabhängigen schwarzen Kirchen, deren erste 1794 gegründet worden ist.
Alles ändert sich
Schriftliche Überlieferungen aus dieser Zeit gibt es nicht. Zum einen, weil es Sklaven bei Strafe verboten ist, lesen oder schreiben zu lernen. Aber auch, weil es ist in Afrika sowieso unüblich ist, Musik niederzuschreiben. Und so besitzt kein Song nur eine einzige gültige Fassung. Immer stehen mehrere Interpretationen nebeneinander. Das gilt auch für die Texte und Inhalte, letztlich sogar für die Sprache. Denn die Kinder der nachfolgenden Generationen wachsen ja von Geburt an mit der englischen Sprache auf. Und so ist von den ursprünglichen Liedern bald nicht mehr viel übrig.
Parallelen zur Bibel
Dafür entdecken die Sklaven neue Inhalte. In der Bibel gibt es wunderbare Erzählungen. Besonders spannend: die lange Leidensgeschichte des Volkes Israel. Sie bietet deutliche Parallelen zur eigenen Situation. Und dann noch dieser Erlöser Jesus Christus, der von Liebe und einem besseren Leben nach dem Tode predigt! Mit diesem Glauben kann man sich anfreunden, auch wenn die weißen Herren selbst ihn anscheinend nicht ganz so ernst nehmen. Der neue Glaube gibt Kraft, schafft mit religiösen Festen einen Zusammenhalt, der über das gemeinsame Leid hinausgeht. Die Musik ist dabei ein wichtiger Bestandteil. Durch die Rhythmen, ein Relikt aus der alten Heimat, versetzen sich viele richtiggehend in Ekstase. Natürlich gibt es auch melancholische Lieder, Songs der stillen Winkel Verzweiflung, aber auch der Hoffnung.
Frei mit Einschränkungen
Das Ende der Sklaverei in den USA wird Mitte des 19. Jahrhunderts eingeläutet, als endlich das Gesetz kommt, das auch den Südstaaten die Sklavenhaltung untersagt. Die Folge: ein Bürgerkrieg, der beinahe das Ende der Nation bedeutet hätte. Aber nach diesem Sezessionskrieg ist die farbige Bevölkerung „frei“. Soll heißen, es gibt keine Sklaven mehr. Aber vor allem im Süden, und noch lange Zeit im Norden, haben die Farbigen bei weitem noch nicht die Rechte der Weißen.
Die Industrie entdeckt die schwarze Musik
Trotzdem: Die neuen Freiheiten werden – auch musikalisch – genutzt. Die religiösen Inhalte bleiben erhalten und erstmals werden auch Texte aufgeschrieben. Zu den Spirituals gesellen sich jedoch Stilelemente aus Blues und Jazz. Vielen Weißen ist diese Vermischung ein Dorn im Auge. Und so bleiben die Afroamerikaner weiter unter sich. Nach Herzenslust können sie improvisieren, was so recht nach ihrem Geschmack ist. Um 1920 entstehen in den schwarzen Straßenkirchen der Gettos amerikanischer Großstädte die Gospelsongs. Auf der neuen Erfolgswelle schwimmen auch „Guitar Evangelists“ mit, Straßenmusikanten, die rhythmisierte Blueslieder mit geistlichen Texten singen. Auf sie geht höchstwahrscheinlich der Begriff „Gospel“ zurück, der übersetzt „Evangelium“ bedeutet. Bald steigt die Schallplattenindustrie ein, die nur wenige Berührungsängste mit der neuen Musik hat. Immerhin ist eine Menge Geld damit zu verdienen.
Ein Stückchen Wiedergutmachung
Und so beginnen die ehemaligen Sklavenlieder ihren Siegeszug rund um den Globus. Niemand vermag so glaubhaft Texte und Musik vorzutragen wie die Nachfahren derer, die darin einst ihre letzte Hoffnung und Zuflucht gefunden hatten. Gleichzeitig bringt dieser Erfolg so manchen Star hervor. Wenn man so will, ist dies ein kleines Stück Wiedergutmachung der Geschichte an einigen wenigen, stellvertretend für ein ganzes ausgebeutetes Volk. Viele der großen Gospelsängerinnen und -sänger werden wie Volkshelden verehrt. Etwa Mahalia Jackson, die ihr Leben lang ausschließlich geistliche Lieder singt! Oder die Gitarre spielende Sister Rosetta Tharpe mit ihrem einzigartigen „Jazz-Feeling“. Nicht zu vergessen das Golden Gate Quartet, eines der bekanntesten Gospel-Ensembles der Geschichte. Und schließlich und endlich Harry Belafonte. Er hat sich – ähnlich wie Mahalia Jackson – schon in den 1960er-Jahren an der Seite von Martin Luther King für die gewaltlose Bürgerrechtsbewegung eingesetzt und gilt bis heute als Vorkämpfer für Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt.
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