Krebs im Endstadium, keine Heilung möglich — für Kurt Peipe ist diese Diagnose der Anstoß, noch einmal etwas ganz Besonderes zu unternehmen: eine 3350 Kilometer lange Wanderung von Flensburg nach Rom entlang dem Europäischen Fernwanderweg Nummer eins. Eine unglaubliche Herausforderung für den geschwächten Körper, für Geist und Seele jedoch eine Befreiung, und am Ende steht eine beglückende Erkenntnis: Die Menschen sind viel besser als ihr Ruf.

Die Dämmerung war schon fortgeschritten, als ich an dem langen Sandstrand endlich eine Mulde in den Dünen gefunden und alle Vorbereitungen für die Nacht getroffen hatte. An diesem fünften Abend meiner Wanderung liefen meine Handgriffe fast schon routiniert ab. Mit ruhigen Atemzügen blies ich meine orangefarbene Luftmatratze auf, schlüpfte in den Schlafsack und vergrub mich tief in ihm. Obwohl der Wind immer stärker blies, machte es mir nichts aus, unter freiem Himmel zu schlafen. Ich sah eine Menge Sterne und Möwen, die wie Segelflieger auf unsichtbaren Rutschbahnen hoch- und niedersausten. Dazu das rhythmische Rauschen und Klatschen der Ostseewellen. Weiß aufschäumende Kronenwälle am Strand ...

Und da war noch etwas ... Täuschten mich meine Augen? Nein, da saß jemand. Im Schneidersitz. Nah am Wasser. Etwa vierzig Schritte entfernt von mir. Ich rutschte noch etwas tiefer in meinen Schlafsack, doch die Gestalt an den Wellen ließ mir keine Ruhe. Fast war es, als rufe sie mich. Dabei sah ich nur ihren Rücken. Ich spürte einen so starken Drang, zu ihr zu gehen, dass ich etwas tat, was ich nie zuvor im Leben gemacht hatte. So, wie der Wind die Möwen trug, wurde ich getragen von einem tiefen Gefühl der Gewissheit: Steh auf! Geh zu ihr! Du wirst sehen warum. Wochen später würde ich diese Entscheidung – mich aus dem Schlafsack zu winden und zu der jungen fremden Frau zu gehen – als eine erste wichtige Station auf meiner langen Reise begreifen. Ich war nicht nur unterwegs zu mir. Ich war auch unterwegs zu den Menschen, und mit dieser Einstellung kamen die Menschen zu mir.

Kurt Peipes Reisebericht "Dem Leben auf den Fersen" finden Sie in unserer Buchreihe "Im Spiegel der Zeit".

 

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