Licht & Schatten
Vorsorge ist wichtig. Aber nicht jeder Test zur Früherkennung von Krankheiten hält, was er verspricht
By ANKE NOLTE
Marlene Dettmers aus Berlin geht regelmäßig zur Krebsvorsorge. Ihre Gynäkologin macht einen sogenannten Pap-Abstrich, mit dessen Hilfe sich Zellveränderungen am Gebärmutterhals erkennen lassen, noch bevor sie zu Krebs werden. Dettmers’ Dermatologin begutachtet aufmerksam ihre Haut und kontrolliert vor allem die Muttermale genau. Dabei hat die Ärztin schon einmal ein Basaliom – eine zum Glück selten lebensgefährliche Hautkrebsart – entdeckt und sofort entfernt. Damit war der Fall erledigt. „Die Vorsorgeuntersuchungen geben mir ein gutes Gefühl, denn danach weiß ich: Mit mir ist so weit alles in Ordnung“, sagt Dettmers. Besonders wichtig ist der 56-jährigen Übersetzerin auch die Mammografie, also die Röntgenuntersuchung der Brust, die alle zwei Jahre stattfindet.
„Die Krebsfrüherkennung soll Tumoren aufspüren, noch bevor sie Beschwerden machen“, erklärt Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft in Berlin. „Denn bis der Patient etwas von der Krankheit merkt, ist sie oft schon weit fortgeschritten und dann schwerer oder im schlimmsten Fall gar nicht mehr zu heilen.“ Früherkennungsuntersuchungen bietet die Medizin aber nicht nur für Krebserkrankungen an. Experten schätzen, dass mehrere Hundert derartige Tests auf dem Markt sind und mehr oder weniger offensiv in Arztpraxen beworben werden.
Früherkennung: Wo Licht ist, ist auch Schatten
Allzu oft wird dabei nur der mögliche Nutzen der Früherkennung ins rechte Licht gerückt. Die Schattenseiten werden gerne ausgeblendet: Immer wieder bescheinigen Tests Untersuchten, es sei alles in Ordnung, obwohl sie bereits erkrankt sind. Entweder weil das eingesetzte Verfahren nicht zuverlässig genug ist oder weil ein auffälliger Befund übersehen wird. Ärzte sprechen dann von falsch negativem Befund. Wer sich in einem solchen Fall in Sicherheit wiegt und womöglich erste Symptome ignoriert, dessen Gesundheit kann großen Schaden nehmen.
Der umgekehrte Fall ist vermutlich noch häufiger: Der Test findet etwas Auffälliges, das sich später als Fehlalarm herausstellt. Solche falsch positiven Befunde bescheren den Betroffenen im besten Fall Tage der Ungewissheit und Angst, bis sie nach weiteren Untersuchungen aufatmen können. Im schlimmeren Fall ziehen sie unnötige Behandlungen nach sich. „Damit eine Früherkennungsuntersuchung empfehlenswert ist, muss sie besonders gut sein, um die körperliche und seelische Gesundheit der Menschen nicht unnötig zu belasten“, erläutert Dr. Bruns. „Nur bei einigen wenigen stimmt das Gleichgewicht von Risiken auf der einen und Sicherheit der Aussage auf der anderen Seite.“ Dazu gehören in erster Linie die Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung.
Diese Untersuchungen sollten Sie sich nicht entgehen lassen
Als Paradebeispiel der Krebsfrüherkennung gilt die Darmspiegelung, auch Koloskopie genannt. Darmkrebs entwickelt sich in der Regel aus einer gutartigen Vorstufe, die für die Ärzte relativ leicht erkennbar ist: den Adenomen, besser bekannt als Polypen. Diese Polypen lassen sich während einer Koloskopie meist problemlos entfernen. „Wenn wir alle Adenome entfernen, ist der Krebsentstehung die Basis entzogen“, erläutert Dr. Rolf Drossel, Magen-Darm-Spezialist in Berlin und Sprecher der Initiative „Berlin gegen Darmkrebs“. Bei der Darmspiegelung handelt es sich also um eine echte Vorsorgeuntersuchung, weil mit ihr Krebs nicht nur früh erkannt, sondern sogar verhindert werden kann. „Wer sich regelmäßig einer Koloskopie unterzieht, verringert sein Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, um bis zu 90 Prozent“, sagt Dr. Drossel.
Für Boris Kaufmann* ist die regelmäßige Koloskopie wahrscheinlich lebensrettend: Sein Vater ist an Dickdarmkrebs gestorben, ebenso sein Bruder – mit 63 Jahren. Für den Lehrer aus Berlin bedeutet das: Er hat ein sechsfach höheres Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, als der Durchschnitt der Bevölkerung. „Diese Zeitbombe im Körper behagt mir natürlich nicht“, sagt der 55-Jährige. Dafür, dass sie immer wieder entschärft wird, sorgt sein Arzt, der Kaufmann schon mehrfach Polypen während einer Darmspiegelung entfernt hat.
Auch durch den Pap-Abstrich, welcher der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs dient, können die Ärzte sehr früh Auffälligkeiten entdecken. Das Besondere bei diesem Test: „In zwei Dritteln der Fälle bilden sich Zellveränderungen innerhalb von fünf Jahren wieder zurück“, berichtet Dr. Barbara Ehret, Gynäkologin in Bad Salzuflen und Buchautorin. „Ein auffälliger Befund ist also kein Grund zur Panik. Die veränderten Zellen werden in der Regel nicht gleich wegoperiert, sondern durch einen halbjährlichen Abstrich erst einmal beobachtet.“ Weil auch beim Pap-Abstrich Krebsvorstufen gut erkennbar sind und entfernt werden können, ist der Gebärmutterhalskrebs in Deutschland um etwa 80 Prozent zurückgegangen.
Nicht ganz so beeindruckend sind die Zahlen bei der Mammografie, die in Deutschland seit April 2008 flächendeckend als Massen-Screening angeboten wird. Nun wird jede Frau zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre zu einer Untersuchung in einem zertifizierten Zentrum eingeladen. Zwar profitieren der Statistik nach nur zwei von 1000 Frauen innerhalb von zehn Jahren von der Reihenuntersuchung – die zudem keine absolute Sicherheit bietet. Bis zu einem Viertel der Tumoren wird nämlich bei der Mammografie übersehen. Außerdem haben nach fünf Untersuchungen etwa ein Fünftel der Frauen mindestens einen verdächtigen Befund erhalten, der sich anschließend als harmlos herausstellt. Trotzdem: Viele Studien zur Mammografie zeigen, dass die Bilanz unterm Strich positiv ausfällt.
Bei der Entscheidung, ob Sie eine vom Arzt angebotene Früherkennungsuntersuchung in Anspruch nehmen wollen, können Sie sich daran orientieren, was die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen (siehe Kasten auf der nächsten Seite). Welche in den Krankenkassenkatalog aufgenommen werden und welche nicht, darüber wacht der sogenannte Gemeinsame Bundesausschuss, der mit Vertretern der Krankenkassen, der Krankenhäuser und der Ärzteschaft besetzt ist. Dieses Gremium entscheidet auf der Grundlage wissenschaftlicher Daten darüber, für welche medizinischen Leistungen der Nutzen ausreichend belegt ist, sodass sie es wert sind, von den Kassen übernommen zu werden.
Diese Bewertungen werden immer wieder aktualisiert. So ist die Kostenübernahme durch die Kassen bei der Früherkennung von Hautkrebs erst 2007 beschlossen worden. „Bei der Kontrolle der Haut können Krebs-erkrankungen schon in einem frühen Stadium erkannt werden, in dem noch keine aufwendigen operativen Eingriffe notwendig sind“, sagt Dr. Bruns.
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