"Ich gehe mal eben Zigaretten holen.“ Für viele Angehörige war das der letzte Satz, den sie von einem geliebten Menschen hörten, bevor er sang- und klanglos aus ihrem Leben verschwand.

Man mag es kaum glauben, aber überall auf der Welt werden täglich Menschen vermisst. In manchen Ländern hat das System, dort handelt es sich bei den Verschleppten meist um Regimegegner, doch auch in ganz normalen Familien kommt so etwas vor. Tragisches und bekanntes Beispiel ist das Schicksal von Ylenia, der Tochter des ehemaligen italienischen Schlagerduos Al Bano und Romina Power. Bis heute haben die Eltern keine Ahnung, was mit ihrer Tochter passiert ist. Allein in Deutschland werden jährlich fast 100.000 Menschen als vermisst gemeldet. Für die Angehörigen ist das eine Katastrophe. Besonders belastend dabei ist die quälende Ungewissheit. Hat sich da ein geliebter Mensch einfach so aus dem Staub gemacht? Und wenn ja, warum? Oder ist er am Ende einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen?

In dieser Situation kann leider auch die Polizei nicht immer helfen. Eine Großfahndung ist nur dann möglich, wenn ein begründeter Verdacht auf ein Verbrechen vorliegt. Schließlich hat jeder Erwachsene das Recht auf Bewegungsfreiheit, und erfahrungsgemäß tauchen die meisten Menschen freiwillig unter.

Zum Glück für die Angehörigen lässt sich ein Großteil der Vermisstenfälle relativ schnell aufklären: Nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes erledigen sich 50 Prozent innerhalb einer Woche, 80 Prozent in Monatsfrist, nach einem Jahr bleibt lediglich ein Rest von 3 Prozent ungeklärt. Ein Kapitalverbrechen liegt lediglich in einem Prozent der Fälle vor.

Bleibt die Frage, warum Menschen einfach so verschwinden? 15 Prozent der Betroffenen sind geistig verwirrt. Bei dem großen Rest handelt es sich häufig um Menschen, die sich gerade in einer Konfliktsituation befinden, z. B. Kinder, die sich mit einem schlechten Zeugnis nicht nach Hause trauen, pubertierende Teenager, die sich mit ihren Eltern überworfen haben, aber auch ausgebrannte Manager oder Studenten im Prüfungsstress.

Linwood Barclay hat das Verschwinden einer ganzen Familie zum Thema eines Krimis gemacht. In seinem Thriller "Ohne ein Wort" hat die 14-jährige Cynthia ein traumatisches Erlebnis: Nach einem Streit mit ihrem Vater knallt sie wütend die Tür hinter sich zu und schreit: "Ich wünschte, ihr wärt alle tot!" Am nächsten Morgen sind die restlichen Famillienmitglieder wie vom Erdboden verschluckt. Erst 25 Jahre später tauchen geheimnisvolle Zeichen aus der Vergangenheit auf und Cynthia macht sich auf die Suche nach ihrer Familie …
 

Der Autor im Interview
 

Reader's Digest: Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Buches?
LB: Einer der Gründe für den Erfolg des Buches ist, dass die Geschichte uns berührt. Es spricht eine Urangst von uns an, nämlich die Angst, allein gelassen zu werden. Ein Kind zu sein, das seine Familie verliert.

RD: Ihre Romane kann man auch als Psychothriller bezeichnen. Gefällt es Ihnen, mit den Ängsten der Leser zu spielen?
LB: Ja, ich mag es wirklich, mit den Ängsten der Leser zu spielen! Ich selbst bin jemand, der sich ständig Sorgen macht. Ich weiß natürlich, dass viele Dinge, über die ich mir Sorgen mache, es nicht wirklich wert sind. Aber ich bin ein Typ, der immer die Parallelen zwischen Unheil oder Risiko zu sehr gewöhnlichen Ereignissen sieht.

RD: Die Idee Ihres Buches beruht also darauf, was alles im Alltag passieren kann?
LB: Ja, das kann man so sagen. Jeder, der Kinder im Teenageralter hat, weiß, dass, wenn du dein Zuhause verlässt und sie nicht mitkommen, wirklich alles passieren kann.


Linwood Barclays "Ohne ein Wort" ist in unserer Buchreihe "Reader's Digest Auswahlbücher" erschienen.

 

Zum Shop

1
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?Dann erhöhen Sie hier seine Punktzahl!

Am Beliebtesten in Autoren...

  1. Wie es nicht im Buche steht
  2. Meine Frau will einen Garten
  3. Sophie Kinsella – Kennen wir uns nicht?

Mehr Artikel & Interviews

Kommentar abgeben

Name*
Email*
Kommentar*
Mehr spannende Reportagen und Geschichten mit dem Menschen im Mittelpunkt?
Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!