Eine Zeit langdrang aus der Wohnung über uns regelmäßig lautes Getrampel. Es hörte sich an, als würde eine Herde junger Elefanten ein Wettrennen veranstalten. Irgendwann fasste ich mir ein Herz und sprach meine Nachbarn darauf an. Das Ehepaar, das mir die Tür geöffnet hatte, reagierte geradezu empört. Zwei Bengel im Alter zwischen fünf und sechs drängten sich neben ihnen auf der Schwelle, beide hielten –welch ein Zufall – einen Ball in der Hand.
„Kann es nicht doch sein, dass Ihre Kinder in der Wohnung Fußball spielen?“, gab ich vorsichtig zu bedenken. „Auf keinen Fall, das würden wir niemals erlauben.“ So ging das einige Monate. Es kam so weit, dass ich besagtes Ehepaar nicht mehr grüßte, wenn ich ihnen auf der Treppe begegnete, sondern ihnen stattdessen hasserfüllte Blicke zuwarf. Erst als die Familie auszog, kehrte endlich Ruhe ein. Natürlich hätte ich meinen Nachbarn gegenüber toleranter sein  können.
 
Längst sind es ja nicht mehr nur die Religionen, die Geduld predigen und uns davor warnen, Ressentiments zu schüren, welche uns langfristig mit Bitterkeit und Aggressionen erfüllen. Medien und Forschungsinstitute widmen sich dem Thema längst ebenso leidenschaftlich. Manche Mediziner erklären sogar, Kompromissbereitschaft würde vor Herzinfarkt schützen, den Blutdruck senken und selbst Depressionen lindern.
 
Vielleicht stehe ich mit meiner Meinung zunehmend allein da, aber ich fühle mich besser, wenn ich jemandem seine Gemeinheiten nachtragen kann. Dabei mache ich keine Unterschiede, ganz gleich ob Lehrer, Mitschüler, Vorgesetzte, Kollegen, Familie oder Freunde. Sie alle haben meinen Ärger schon zu spüren bekommen. Mit manchen wechsle ich kein Wort mehr, ich habe sie sogar bei anderen schlechtgemacht. Darauf bin ich weder stolz noch schäme ich mich dafür.
 
Allerdings gibt es für mich mitunter nichts Befriedigenderes als ein gewisses Maß an Wut im Bauch. Ich erinnere mich an meine frühere Chefin, die mich vom ersten Tag an nicht leiden konnte, dabei hatte sie mich selbst eingestellt. Obwohl sie nichts an meiner Arbeit zu beanstanden hatte, fand ich später heraus, dass sie meinen Kollegen Lügen über mich erzählt hatte. Ohne Angabe von Gründen kündigte sie mir nach nur zehn Wochen, und ich hatte eine Familie zu versorgen. Hätte ich ihr damals verzeihen sollen? Ist ihr Verhalten aus heutiger Sicht zu rechtfertigen? Nennen Sie mir einen guten Grund. Mein Zorn brachte die Dinge gewissermaßen wieder ins Lot und wärmte mir das Herz.
 
Finden Sie es unnormal,dass ich es meinem Cousin übel nehme, uns nur zum Essen eingeladen zu haben, um dann Werbung für einen Buchclub zu machen? Oder dass ich sauer bin auf meine Bekannte, die mir erst großzügig einen Kunden vermittelt hatte, wofür sie dann hinterher 10 Prozent Provision eintreiben wollte und mich deswegen monatelang belästigte?
 
Ich bin nicht gegen das Verzeihen können an sich. Mich nervt der Affenzirkus, der darum gemacht wird. Man hat gar keine andere Wahl, sondern soll gefälligst auch die andere Wange hinhalten. Wo schlechtes Betragen legitimiert wird, verliert der Akt des Entschuldigens seine Bedeutung. Nicht immer nachzugeben bedeutet dagegen, Prinzipien treu zu bleiben und genügend Selbstachtung zu besitzen, um sich nicht alles gefallen zu lassen. Einem Menschen etwas nicht nachzusehen ist meiner Meinung nach ebenso ehrenwert und angebracht wie die Annahme einer Entschuldigung.
 
Ehrlich um Verzeihung zu bitten ist oft nicht einfach. Ein guter Freund aus Studienzeiten wollte nach der Universität nichts mehr mit mir zu tun haben. Jahrelang ging er mir aus dem Weg. Bei unserem 15-jährigen Abschlusstreffen hatte ich Gelegenheit, ihn nach dem Grund zu fragen. Er sagte, er habe sich damals von mir herabgesetzt gefühlt. Im Nachhinein musste ich ihm sogar recht geben: Ich hatte mich oft über ihn lustig gemacht.
 
Ich entschuldigte mich bei meinem ehemaligen Freund, doch der blieb unversöhnlich. Ich kenne also das Gefühl, wenn einem die Absolution verweigert wird. Und ehrlich gesagt, hatte ich nichts anderes verdient.

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