Mitten im Leben
Was gibt Menschen die Kraft, schwierigste Situationen zu meistern? Diese vier Männer und Frauen leben die Antwort
By CHRISTINE KECK UND MICHAEL KASKE
Verwandte Artikel
Die zweite Chance
VON CHRISTINE KECK
Der rettende Anruf kommt nach Mitternacht. Peter Hellriegel hat gerade seine kleine Tochter Marie wieder in den Schlaf gewiegt, sich ins Ehebett gelegt, als es klingelt: „Guten Morgen, Herr Hellriegel.Wir haben ein Organ für Sie.“ Monatelang hat der dreifache Familienvater aus einem Dorf bei Bruchsal auf diesen Satz gewartet, jetzt trifft er ihn wie ein kalter Schwall Wasser. Hellriegel umarmt seine Kinder – ohne zu wissen, ob es das letzte Mal sein wird. Er schreibt eine E-Mail an die besten Freunde: „Wenn Ihr das lest, liege ich gerade unterm Messer. Drückt mir die Daumen.“ Dann setzt er sich mit seiner Frau Annette ins Auto Richtung Uniklinik Heidelberg. Er will unbedingt selbst fahren, die Kontrolle behalten bis zu dem Moment, an dem er sie an die Chirurgen abgeben muss.
Nur noch wenige Monate hatten ihm die Ärzte Ende 2005 in Aussicht gestellt. „Meine Leber arbeitete im Endstadium“, erinnert sich der heute 44- Jährige an den Tiefpunkt. Das Testament war aufgesetzt, die Musik für die Beerdigung schon ausgesucht. „Ich habe trotzdem immer geglaubt, dass ich es schaffen würde“, sagt Hellriegel. Auch in den Monaten, in denen er nachts nicht mehr als drei, vier Stunden schlafen konnte, weil die Haut so juckte – Folge der Gelbsucht, einer typischen Begleiterscheinung seiner Krankheit. Während der Tage auf der Intensivstation im Mai 2005, an denen die Ärzte um sein Leben kämpften. In den Monaten des Wartens auf ein Spenderorgan, als die Kräfte schwanden, als er nicht einmal seine neugeborene Tochter auf den Arm nehmen durfte,weil die Gefahr von inneren Blutungen zu groß war.
Ohne seinen eisernen Willen und die Frau an seiner Seite hätte Hellriegel wohl kaum durchgehalten. „Wir lassen uns von der Krankheit nicht das Leben diktieren“, munterte Annette Hellriegel ihren Mann immer wieder auf. Die beiden trotzten der Verzweiflung, ignorierten die düsteren Prognosen der Ärzte und entschieden sich für ein drittes Kind. Sie wollten die gemeinsame Zukunft wagen, egal, wie lange sie noch dauern sollte.
Peter Hellriegel hat den Kampf gewonnen. Sein Körper wirkt trainiert: drahtig, dünn, voller Energie. Bei der Deutschen Meisterschaft für Organtransplantierte hat er sich im Mai 2008 einen ersten Platz im Weitsprung geholt. Und die Weltspiele dieses Jahr in Australien will er sich auf keinen Fall entgehen lassen. Auch die drei Töchter und Ehefrau Annette wollen mit – zum Anfeuern.
„Meine Lebensqualität ist höher als jemals zuvor“, verrät Hellriegel, der wieder voll in einer Beratungsstelle an einer Sonderschule arbeitet und dankbar ist für jeden geschenkten Tag. Auch wenn er bis zu seinem letzten Tag eine Fülle an Medikamenten nehmen muss, damit der Körper die fremde Leber nicht abstößt. Und er die Angst nicht mehr los wird, dass der nächste Arztbesuch Schreckliches enthüllt.
Nur eines kann der Mann, der seit seinem 18. Lebensjahr einen Organspendeausweis besitzt, nicht verstehen: Warum lediglich 12 Prozent der Deutschen solch einen Ausweis haben. „Die Wahrscheinlichkeit, ein Organ zu benötigen, ist zehnmal so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, als Spender in Frage zu kommen“, sagt Hellriegel und macht als Mitglied im Verein „Lebertransplantierte Deutschland“ Öffentlichkeitsarbeit, wo immer er kann. Als er vor einiger Zeit bei einem Triathlon mitgelaufen ist, bestanden seine Töchter darauf, ein bedrucktes T-Shirt zu tragen, auf dem der Satz zu lesen war: „Mein Papa lebt dank Organspende.“
Philipp ist tot, und doch lebt er. In jedem Wort, in jedem Gedanken an ihn, den Thekla Köhler ausspricht. Philipp ist immer bei ihr – seit jenem Tag im Sommer vor elf Jahren.
Es ist der erste Urlaub, den der 18-Jährige ohne seine Eltern auf Fuerteventura verbringen darf – alleine in seinem geliebten Surferparadies. Ein Bett bei einem Freund und das Surfbrett im kleinen Fiat Punto, mehr braucht Philipp nicht, umglücklich zu sein. Wie es genau geschieht – Thekla Köhler weiß es bis heute nicht. Nur, dass ein Bus ihrem Sohn die Vorfahrt nimmt. Der Junge stirbt noch am Unfallort.
Thekla Köhler erfährt es am Telefon zu Hause in Berlin: „Eine Frau sagte, ich solle mich mit dem deutschen Konsulat in Gran Canaria in Verbindung setzen. Da wusste ich, Philipp ist etwas Schlimmes passiert.“ Zehn Tage später holen Vater, Mutter, Tochter und Freunde den toten Jungen am Flughafen ab, organisieren seine Beerdigung, setzen ihn bei.
Danach bleiben die Köhlers allein. Allein mit der Trauer, dem Schmerz, der Sprachlosigkeit über das Unfassbare. Thekla Köhler hofft auf Beistand in einer kirchlichen Trauergruppe. Doch die Mutter fühlt sich dort neben Witwen und Witwern nicht richtig aufgehoben. Sie sucht weiter und stößt auf die Adresse der „Verwaisten Eltern und Geschwister“. In fast 500 Gruppen in ganz Deutschland bietet der Verein Trauerseminare und -gruppen an, in denen Angehörige Hilfe erfahren. Köhler besucht eines der Seminare. „Bis zu diesem Tag dachte ich, ich sei allein mit meinem Schicksal“, erzählt die Berlinerin. Aber bei dieser Veranstaltung erlebt sie das erste Mal hilfreiches Mitgefühl, Anteilnahme und Verständnis.
Die Erkenntnis, dass man echten Halt nur von Gleichbetroffenen erfährt, bewegt Thekla Köhler. Gemeinsam mit sieben weiteren Müttern und Vätern gründet sie eine Regionalstelle der „Verwaisten Eltern“ in Berlin. „In der Hauptstadt fehlte eine Anlaufstelle für Eltern, die ihre Kinder verloren haben“, erzählt sie. Um diese Lücke zu schließen, lässt sich Köhler zur ehrenamtlichen Trauerbegleiterin ausbilden.
Ihr Wissen und ihre Erfahrungen stellt sie nun schon seit acht Jahren in den Dienst des Vereins. „Bei den Treffen geht es um Erfahrungsaustausch, gegenseitige Hilfestellung, um Trost und um die Angst, verrückt zu werden“, erläutert Köhler. Sie zeigt Eltern, wie wichtig Rituale für den Trauerprozess sind. Bei ihr dürfen die Trauernden ihrem Kind mit einer Kerze einen sichtbaren Platz einräumen und ihren Sohn oder ihre Tochter beim Namen nennen. „Solange wir Eltern über unser Kind reden, bleibt es Teil unseres Lebens“, erklärt sie. Oft können dieVerwaisten nur in der Trauergruppe sprechen, dennVerwandte, Freunde und Nachbarn drängen zur Normalität.
Aber es gibt auch Tage, da schafft Thekla Köhler es nicht, andere in ihrer Trauer zu begleiten. Besonders um Philipps Geburts- und Todestag, an Weihnachten oder wenn sie Freunde ihres Sohnes trifft, die selbst schon Familie haben. Auch wenn sie sich für diese Menschen freut, türmt sich gleichzeitig der Schmerz auf. Ans Aufhören hat sie dann schon gedacht. „Doch am Ende ist die Zusammenkunft mit den Verwaisten Eltern immer auch meine eigene Trauerbewältigung“, sagt sie. Und jedes dieser Gespräche hält Philipp am Leben.
Der Stehaufmann
VON MICHAEL KRASKE
Die Felder vor dem Fenster verbreiten die Gemütlichkeit des Münsterlandes. Auf dem Flachbildschirm in Alfred Lanfers Büro greifen künstliche Arme in haushohe Regale, wie von Geisterhand gesteuert. „Wir haben gerade für Air Berlin ein großes Lager auf dem Münchener Flughafen umgebaut“, kommentiert Lanfer die futuristischen Bilder. Er ist Geschäftsführer der Firma Lanfer Systemhaus in Borken. In dem kleinen Gewerbegebiet der westfälischen Stadt entstehen inmitten von Feldern Automatisierungslösungen für Hochregallager, beispielsweise Computeranlagen, die große Lager automatisch steuern. Wenn Lanfer über den „Automationsbereich“ und die „IT-Abteilung“ spricht, wechselt die Begeisterung des Technikers mit der Sprache des Unternehmers. Dann wetteifern Wörter wie „Antrieb“ und „Tablar“ mit „Umsatzvolumen“ und „Innovation“. Alfred Lanfer ist ein Überzeugungstäter, der nach den ungeschriebenen Regeln der deutschen Wirtschaft gar nicht hier sitzen dürfte. Denn Lanfer musste Insolvenz anmelden. Für viele in Deutschland das berufliche Todesurteil.
Die Katastrophe beginnt mit einer guten Idee. Ein Hamburger Unternehmen fragt im Jahr 1996, ob die Firma Lanfer Systemhaus Lastwagen für den Transport von Lebensmitteln umrüsten könne. „Wir waren immer auf der Suche nach einem eigenen Produkt“, erinnert sich Alfred Lanfer, der das Unternehmen gemeinsam mit seinem Vater aufgebaut hat. Endlich scheint es gefunden. In die Lkws bauen sie eine Anlage ein, die den Sauerstoff entzieht. So soll über Wochen verhindert werden, dass Waren faulen. „Sie können dadurch den Pfirsich ernten, wenn er reif ist“, sagt Lanfer. „Der Pfirsich wurde sozusagen in Tiefschlaf versetzt.“ Er klingt noch immer fasziniert von der Idee.
Die Firma wird mit Anfragen überschüttet. Ein Kunde will 20 umgebaute Lastwagen, ein anderer 50. Die Kapazitäten reichen nicht aus. Also entschließen sich Vater und Sohn, eine neue Produktionshalle zu bauen. Kosten: 1,3 Millionen Mark. Die Bank gewährt großzügig Kredit. In der neuen Halle werden dann Lkws umgebaut, aber ab und an verdirbt Ware beim Transport. „Uns fehlte die Zeit, Kinderkrankheiten zu heilen“, erzählt Lanfer. Die Zeit, das Systembeispielsweise für Erdbeeren zu optimieren. Statt dessen gilt es einmal Pfirsiche, dann Fisch, dann Fleisch frisch zu halten. Kunden wenden sich ab.
„Im Jahr 2001 hatten wir von heute auf morgen keine Aufträge mehr“, erinnert sich Lanfer. Die Firma entlässt Arbeiter. Am 4. Juli 2003 muss er Insolvenz anmelden. Am folgenden Wochenende will er Geld vom Automaten holen, um Brötchen zu kaufen. Der spuckt nichts aus. Alle Konten sind gesperrt. „Da wird dir klar: Es geht um die Existenz“, sagt der damals 44-jährige Familienvater. Bei einer Versammlung beugt sich der Insolvenzverwalter zu ihm und teilt ihm mit: „Ihr Häuschen, das ist weg, dass Sie das gleich wissen.“ Lanfer spricht in dieser Zeit viel mit seiner Frau, die nimmt ihm den Druck. „Sie sagte: ‚Notfalls ziehen wir eben in eine Mietwohnung. Wir sind gesund, ich glaube an deine Fähigkeiten‘“, erzählt er.
Die Liebe siegt
Es ist der letzte Versuch von Matthias Steiner im Kampf um die Goldmedaille im Superschwergewichtsheben bei den Olympischen Spielen in Peking. 258 Kilo liegen auf – ein solches Gewicht hat Steiner noch nie gestoßen. Aber er schafft es. Steiner ist der stärkste Mann der Welt. Er lässt die Gewichte fallen und seinen Gefühlen freien Lauf. Er springt, er schreit, er umarmt seinen Trainer – und ist in Gedanken bei seiner Frau Susann, die im Jahr zuvor starb.
DerWeg zum Gold in Peking war hart für Matthias Steiner. Der gebürtige Österreicher überwirft sich 2004 mit dem Verband seines Landes. Dann zieht er der Liebewegen nach Chemnitz in Sachsen, heiratet, beantragt die deutsche Staatsbürgerschaft. Doch die Einbürgerung lässt auf sich warten, und solange er den neuen Pass nicht hat, darf Steiner bei internationalen Wettkämpfen nicht antreten. Trotzdem trainiert er weiter. Und dann stirbt Susann bei einem Verkehrsunfall. Ein anderer hätte in diesem Moment vielleicht hingeworfen – nicht aber Matthias Steiner. Er bereitet sich weiter auf Olympia vor, und im Januar 2008 bekommt er endlich den deutschen Pass. Die Herzen seiner neuen Landsleute aber gewinnt er am 19. August. Nicht im Moment des sportlichen Triumphs, sondern als er das Foto seiner Frau aus dem Trikot zieht und immer wieder küsst. „Dieses Goldwidme ich Susann“, erklärt der junge Witwer. DKK
Lanfer entdeckt den Kämpfer in sich: Unmittelbar nach der Pleite wagt er den Neubeginn. Der damalige Geschäftsführer seiner Firma ist bereit, in ein neues Unternehmen zu investieren. Zwei weitere Investoren steigen ein. Lanfer Systemhaus beginnt von vorn. Alfred Lanfer ist nur noch mit 20 Prozent beteiligt, für 100 000 Euro muss er gar den alten Namen aus der Insolvenzmasse kaufen, seinen Namen. Startkapital steuern die neuen Mitinhaber bei, eine Bank ist bereit, einen neuen Kredit zu geben.
Alfred Lanfer konnte das Haus seiner Familie retten. Mit den neuen Partnern hat er auch den schweren Neustart der Firma durchgestanden. Kunden waren anfangs skeptisch, aber es gab auch den Stammkunden aus Vreden, der unmittelbar nach der Insolvenz einen Auftrag über 200 000 Euro an ihn vergab. Begründung: „Sie haben über Jahre gute Qualität geliefert, also lassen wir Sie jetzt nicht hängen.“ Lanfer Systemhaus gibt heute wieder 50 Menschen Arbeit. „Zuletzt konnten wir zwölf neue Mitarbeiter einstellen“, sagt Lanfer.
Die Insolvenz hat sein Leben ins Wanken gebracht, aber er wirft sich nichts vor: „Wir sind nicht in die Insolvenz gerutscht, weil wir Ferraris gekauft haben, sondern weil wir als Unternehmer etwas unternommen haben, was nicht zum Erfolg führte.“ Wenn die Zahlen der Firma heute nach unten gehen, hängt Alfred Lanfer sich noch mehr rein als früher, ist wachsamer gegenüber Veränderungen. Er hat die Erfahrung gemacht, dass ganz unten nicht die Endstation sein muss. In seinem Blick zurück blitzt neben viel Ärger auch so etwas wie Dankbarkeit auf: „Ich möchte das um Gottes willen nicht noch einmal durchmachen, aber diese Erfahrung missen möchte ich auch nicht.“
|
| ||||||
Kommentar abgeben
| Name* | |
| Email* | |
| Kommentar* | |

Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!


Weitersagen






