Nützlicher Schädling
Ein winziges, seit Jahrhunderten von Seeleuten gefürchtetes Krebstier könnte unsere Brennstoffprobleme lösen...
By TOM BROWNE
Auf den ersten Blick wirkt die Holzbohrassel Limnoria lignorum nicht gerade verheißungsvoll. Und wer jemals am Meer gelebt hat, der zählt die blassweißen Lebewesen von einem bis vier Millimeter Länge vermutlich zu den Schädlingen, denn diese marinen Krebstiere ernähren sich vorzugsweise von Holz. Im vergangenen Jahr wurde ihre zerstörerische Kraft besonders deutlich, als die prächtige Yarmouth Pier auf der britischen Isle of Wight für 350 000 Pfund (rund 385 000 Euro) repariert werden musste.
Der 1876 errichteten längsten hölzernen Seebrücke des Landes waren schlicht die Stützpfeiler weggefressen worden. Fischer in aller Welt verbringen Stunden damit, die lästigen Tierchen von ihren Bootsrümpfen zu entfernen; Hinweise darauf, dass die Asseln auch eine positive Seite haben, dürfte bei ihnen barsche Widerworte hervorrufen. Einen ehemaligen Fischer gibt es allerdings, der das anders sieht. Seine Forschungsergebnisse legen sogar nahe, dass Holzbohrasseln eines Tages die viel geschmähte Biokraftstoff-industrie revolutionieren könnten, indem sie uns eine nachhaltige Quelle für flüssigen Kraftstoff erschließen – und das zu einer Zeit, in der Brennstoffe auf Ölbasis rar werden. Zugleich könnten sie uns dabei auch noch im Kampf gegen den Klimawandel helfen. Das sind ganz neue Perspektiven. Simon McQueen-Mason lernte die Holzbohrassel erstmals vor 20 Jahren kennen; damals arbeitete er als Fischer auf der Isle of Wight. „Ich habe eine Menge Instandhaltungsarbeiten an Booten durchgeführt. Die Asseln galten damals als Staatsfeind Nummer eins. Erst während meiner anschließenden wissenschaftlichen Tätigkeit wurde mir ihr Potenzial bewusst.“ Simon ist inzwischen Professor für Werkstoffbiologie an der Universität York und untersucht pflanzliche Zellwände. „Bei der Produktion von Biokraftstoff liegt der Schlüssel im Auffinden von Enzymen, die pflanzliche Zellwände zersetzen können. Hat man das einmal geschafft, kann man den freigesetzten Zucker fermentieren zur Herstellung von Flüssigbrennstoff, zum Beispiel Ethanol oder Butanol.“ Genau hier kommen die Asseln ins Spiel. „Die meisten Tiere, die Holz, Stroh oder anderes pflanzliches Material zersetzen können, tun dies mithilfe von Mikroben in ihrem Verdauungstrakt“, erläutert Simon Cragg. Auch er ist Experte für Holzbohrasseln und Dozent für Biologie an der Universität Portsmouth. „Holzbohrasseln haben einen bemerkenswert sauberen Darm. Sie können ohne Mikroben Holz verdauen. Dadurch wird es leichter herauszufinden, wie der Verdauungsmechanismus funktioniert.“ Heißt das, dass wir demnächst überall Millionen von Asseln in Behältern leben lassen, wo sie riesige Mengen von Biomasse zersetzen? So erstrebenswert das klingen mag – zurzeit beabsichtigt man eher, von den Asseln zu lernen. Dann könnte man die außerordentlichen chemischen Prozesse ihrer Verdauung in einem industriellen Verfahren nachahmen. Die Idee ist immerhin vielversprechend genug, um sich eine Finanzierung seitens des staatlich unterstützten Forschungsrats für Biotechnologie und Biowissenschaften in Großbritannien zu sichern: Über einen Zeitraum von fünf Jahren werden 27 Millionen Pfund in ein neues Zentrum für Biotreibstoffe der zweiten Generation investiert. „Wir gehen davon aus, dass wir einen entscheidenden Beitrag zum Energiehaushalt Großbritanniens leisten können“, sagt Douglas Kell, Hauptgeschäftsführer des Forschungsrats. „Die Auflage für erneuerbare Treibstoffe sieht vor, dass 5 Prozent des gesamten auf den Straßen unseres Landes verbrauchten Kraftstoffs bis zum Jahr 2010 aus nachhaltigen, erneuerbaren Quellen stammten. Bei der Erreichung dieses Zieles werden Holzbohrasseln sicher eine Rolle spielen.“ Es ist auch höchste Zeit, dass das Image des Biokraftstoffs aufgebessert wird. Noch vor ein paar Jahren schien er die perfekte Lösung für unsere Klimaprobleme zu sein. Wenn man fossile Treibstoffe verbrennt, werden mit einem Schlag CO2-Mengen in die Atmosphäre abgegeben, die sonst nur in Jahrmillionen abgegeben worden sind.
Pflanzen dagegen, die speziell für Treibstoff angebaut werden, nehmen beim Wachsen auch CO2 auf, was bei ihrer Verbrennung gegengerechnet werden kann und einen Teil der Gesamtemission quasi wieder aufhebt. Ein Bericht der Weltbank aus dem Jahr 2008 wies allerdings darauf hin, dass die kommerzielle Nachfrage nach Biokraftstoff die Welternährungspreise um bis zu 75 Prozent in die Höhe getrieben habe: Boden-flächen, die normalerweise für traditionelle Kulturpflanzen zur Verfügung stehen, wurden neuerdings für den Anbau von Energiepflanzen genutzt, und den Armen dieser Welt wurde die Nahrung vor der Nase weggenommen. Dieselbe hohe Nachfrage hat auch zu einer Beschleunigung der Abforstung von Wäldern in Südostasien geführt sowie zum Einsatz riesiger Mengen an Stickstoffdünger für sogenannte Energiepflanzen. So wurde aus dem gerühmten Biokraftstoff im Handumdrehen ein Bösewicht, und es erfolgte ein drastisches Umdenken. Biotreibstoffe der zweiten Generation sind der Versuch, genau diese Probleme zu berücksichtigen. „Jetzt konzentriert man sich auf Biomasse aus Pflanzen, die dort wachsen, wo ein Nahrungsmittelanbau nicht möglich ist – Pflanzen wie Weiden, Gräser oder Pampasgras“, erklärt Douglas Kell. „Außerdem können wir auch landwirtschaftliche Abfallstoffe von traditionellen Kulturpflanzen verarbeiten. Wenn man bedenkt, dass 75 Prozent des Bodens in Großbritannien landwirtschaftlich genutzt werden, scheint es sinnvoll, auch die Nebenprodukte zu verwerten.“ Das heißt natürlich nicht, dass Biotreibstoff der zweiten Generation keine Kritiker hätte. „Biomasse soll gleich mehrfach zur Lösung all unserer Probleme herhalten, sei es Heizung, Luftfahrt, Transport oder Treibstoff“, sagt der Umweltschützer George Monbiot. „Wo soll das alles herkommen? Entweder nutzen wir das gesamte Agrarland der Welt, oder wir holzen Wälder ab und zerstören die letzten wilden Lebensräume.“ „Es besteht immer die Gefahr, dass die aufgestellten Behauptungen übertrieben sind“, räumt Simon Cragg ein. „Aber es sollte möglich sein zu zeigen, welchen Beitrag Biotreibstoff der zweiten Generation zu jeder einzelnen dieser Verwendungsmöglichkeiten leisten kann. Dass wir unseren Konsum verringern müssen, ist eine schwerwiegende politische Forderung außerhalb dieses Programms. Hier geht es darum, die Auswirkungen des existierenden Verbrauchs – egal, ob höher oder niedriger – zu verringern.“ So sieht das auch Douglas Kell: „Wir können den Treibstoff möglichst effizient liefern; dann ist es an der Regierung zu entscheiden, wie man ihn am besten nutzt. Jedenfalls gibt es keinen Grund, warum man in Zukunft nicht mit Treibstoff Auto fahren sollte, der aus Stroh hergestellt wurde. Eine interessante Perspektive.“ Und die Holzbohrassel (englisch: „Gribble“) steht im Zentrum dieser spannenden Perspektive. Warum beflügelt dieses winzige Lebewesen derart die Fantasie der Briten? „Ich glaube, das liegt an dem witzigen Namen“, schmunzelt Kell. „,Gribble‘ – das hat doch was …“
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