70 Jahre Neujahrskonzert

Am 31. Dezember 1939 gaben im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins die Wiener Philharmoniker ein so genanntes „Außerordentliches Konzert“. Damit beabsichtigten sie zwei Dinge: ihrem österreichischen Publikum in schweren Zeiten die Möglichkeit der Rückbesinnung zu geben und zugleich den Menschen mitten im Krieg Hoffnung auf bessere Zeiten zu machen. Mit diesem Konzert legten sie den Grundstein zu dem weltberühmten Wiener Neujahrskonzert, das auf diese Weise, wenn man so will, paradoxerweise an Silvester seinen Ursprung fand.
 
Das berühmteste Klassikkonzert der Welt
 
Doch bereits ein Jahr darauf, am 1. Januar 1941, wurde das Konzert auf den Neujahrsmorgen verlegt – und so wird 2011 dieses in der ganzen Welt berühmte kulturelle Großereignis zum 70. Mal aufgeführt, ohne dass es je ausgefallen wäre. Allerdings verzichtete man im Jahr 2004 unter dem Eindruck des verheerenden Tsunami, der wenige Tage zuvor Asien heimgesucht hatte, auf die berühmte Zugabe des Radetzkymarsches.
 
Grandioses Bildschirmereignis
 
Den endgültigen Namen „Neujahrskonzert“ erhielt die Veranstaltung im ersten Nachkriegsjahr 1946. Seit 1959 ist dieses Konzert auch für viele Menschen außerhalb Österreichs zu einer lieb gewordene Tradition geworden. Denn in diesem Jahr wurde die Veranstaltung erstmals vom Fernsehen ausgestrahlt. Heute übertragen mehr als 50 TV-Sender und fast 40 Rundfunkstationen live die beschwingten Klänge aus der Donaumetropole.
 
Vergnügen für Ohren und Augen
 
Der Erfolg hat viele Ursachen. Da ist zum einen die grandiose Musik, die hauptsächlich aus Werken der Strauß-Dynastie besteht. Doch darüber hinaus ist das Konzert nicht nur ein Ohren-, sondern auch ein Augenschmaus. So gibt es prachtvolle, zuvor aufgezeichnete Einlagen der Ballette der Wiener Staatsoper, der Volksoper und der Bayerischen Staatsoper, die an berühmten Wiener Plätzen wie dem Schloss Schönbrunn oder des Barockgarten des Schlosses Hof tanzen. Im Jahr 2008 gab es erstmals eine Live-Tanzeinlage aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Besonders die Damen erfreuen sich außerdem seit drei Jahrzehnten auch am reichhaltigen Blumenschmuck, mit denen dieser Saal verziert ist. Diese Farbenpracht ist übrigens seit 1980 ein Geschenk der italienischen Stadt San Remo. In jenem Jahr wurde das Konzert erstmals in Farbe übertragen.
 
Die Strauß-Dynastie und ein bisschen mehr
 
Aber im Mittelpunkt der Veranstaltung bleibt letztlich und gerechterweise die Musik. Und hier vor allem die Werke von Johann Strauß Vater und seinen Söhnen Johann, Eduard und Josef. Der Fundus, den dieses Quartett hinterlassen hat, ist schier unerschöpflich. Doch auch andere Komponisten wie beispielsweise Josef Lanner oder Josef Helmesberger kommen zu ihrem Recht, und selbst Berühmtheiten wie Joseph Haydn und Jacques Offenbach waren bereits zu hören.
 
Zugabe, Zugabe!
 
Längst ist das Neujahrskonzert zu einem Ritual geworden. Gewissermaßen in zwei Halbzeiten unterteilt, wechselt das Programm zwar von Jahr zu Jahr. Doch vor allem drei Zugaben sind quasi ein Muss. Ist die erste Zugabe dem jeweiligen Dirigenten quasi freigestellt, so weiß jeder, dass danach „An der schönen blauen Donau“ folgt. Und genauso selbstverständlich unterbricht das Publikum sein Orchester an dieser Stelle mit lang anhaltendem Applaus. Die Musiker bedanken sich mit einem launigen „Prosit Neujahr!“, gerichtet an die Gäste im Saal und die Fernsehzuschauer in aller Welt. Für viele Menschen beginnt das neue Jahr jedes Jahr aber erst so richtig, nachdem als Höhepunkt und Abschluss des Wiener Neujahrskonzerts der „Radetzkymarsch“ erklungen ist, dessen Rhythmus das Publikum begeistert mitklatscht.
 
Die Festspiele als Vorspiel
 
Die Geschichte dieses grandiosen Ereignisses ist auch eine Geschichte seiner Dirigenten. Eigentlicher „Erfinder“ ist Clemens Krauss. Bereits 1929 dirigierte er bei den Salzburger Festspielen ein Programm, das ausschließlich aus Werken der Strauß-Dynastie bestand. Krauss war es auch, der bis zum Kriegsende und, abgesehen von einer kurzen Unterbrechung, bis zu seinem Tod im Jahr 1954 die Konzerte leitete. Auch sein Nachfolger bleibt unvergessen: Willi Boskovsky stand 25 Jahre an der Spitze des Orchesters und war beim Publikum überaus beliebt. Fast wie Johann Strauß selig nahm auch er manchmal launig statt des Taktstockes die Geige zu Hilfe, um sein Ensemble schwungvoll zu leiten. Ihm war das Glück beschieden, das Konzert ins Fernsehzeitalter zu begleiten und es auf diese Weise so richtig berühmt zu machen. Sein gesundheitsbedingter Rückzug im Jahr 1979 bedeutete das Ende einer Ära.
 
Nur die Größten am Taktstock
 
Was nun folgte, liest sich wie eine Ahnentafel der weltberühmten Dirigenten. Allein diese Auflistung beweist, welch Ehre es ist, dieses außergewöhnliche Konzert mit dem Taktstock zu leiten. Lorin Mazeel (der elfmal am Dirigentenpult stand), Herbert von Karajan, Claudio Abbado, Carlos Kleiber, Zubin Mehta, Riccardo Muti, Nikolaus Harnoncourt, Seiji Okawa, Mariss Jansons, Georges Prêtre (mit 85 der älteste Aktive, der je ein Neujahrskonzert dirigierte) und Daniel Barenboim haben sich bei den Wiener Philharmonikern verewigt. 2011 wird ein neuer Name diese Liste erweitern: Franz Welser Möst, seit 2010 Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper.
 
Neujahrskonzert made in China
 
Wenn man von dem Neujahrskonzert spricht, ist dies genau genommen in zweierlei Hinsicht nicht richtig. Erstens: Das Konzert der Wiener Philharmoniker findet dreimal statt. Am 30. Januar gibt es ein Vorkonzert und einen Tag später ein Silvesterkonzert. Zweitens: Es hat natürlich längst weltweit jede Menge Nachahmer gefunden. 1998 trat beispielsweise erstmals auf Einladung des damaligen Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk ein chinesisches Orchester im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins auf. Und allein in Wien gibt es mit dem „Vienna Art Orchestra“, den Wiener Symphonikern und dem Wiener Hofburg Orchester mindestens drei Klangkörper, die zum Beginn eines neuen Jahres für festliche Stimmung sorgen. Von ähnlichen Veranstaltungen in aller Welt ganz zu schweigen.
 
Karten werden verlost
 
Am begehrtesten freilich bleibt das „Original“. Wer an eine der gefragten Eintrittskarten kommen möchte, braucht jede Menge Glück. Denn die werden inzwischen übers Internet verlost. In den ersten drei Wochen des neuen Jahres kann man sich online für eine solche Karte bewerben. Die Preise liegen zwischen 25 und 940 €, je nachdem, ob man sich für das Vorkonzert, das Silvesterkonzert oder das klassische Neujahrskonzert entscheidet und welche Platzkategorie man Welt. Die Qualität bei allen drei Konzerten ist übrigens gleich, sowohl von der Reihenfolge der gespielten Stücke als auch vom Dirigenten her. Na denn: Prost Neujahr!