Wer steht auf Zuruf – und kostenlos – bereit, wenn es gilt, die Kinder zu betreuen, wenn Mama und Papa Überstunden machen, der Kindergarten Ferien hat? Wer verwöhnt den Nachwuchs mit einer Extraportion Liebe und Nudeln mit Tomatensoße? Wer schießt etwas zum Führerschein oder dem neuen Computer zu? Klar doch, die Großeltern! Mindestens 14 Millionen Großmütter und Großväter leben in Deutschland und Österreich – genaue Zahlen werden statistisch nicht erfasst. Welche Rolle spielen sie im Alltag ihrer Enkel, was bedeutet es ihnen, Großeltern zu sein, welche Rechte und Pflichten sollten sie haben? Reader’s Digest hat nachgefragt.

OHNE GROSSELTERN GEHT – FAST – GAR NICHTS

Wären Ursula und Werner Konwisorz aus Hermsdorf in Thüringen nicht, ihre Tochter könnte ihren Beruf an den Nagel hängen – oder müsste einen Teil ihres Gehalts für eine Tagesmutter ausgeben. Als Krankenschwester arbeitet sie mehrmals die Woche Spätschicht. An den Tagen endet ihr Dienst lange, nachdem der Kindergarten ihrer Tochter seine Pforten schließt. „Also holen wir die Kleine ab. Weil wir nicht im selben Ort wohnen, heißt das jeweils eine Viertelstunde mit dem Auto hin und zurück“, erzählt die 68-jährige Ursula Konwisorz. „Zu Hause spielen wir mit ihr, ab und zu gehen wir zum Ponyreiten, oder sie malt, bis ihr Vater oder ihre Mutter von der Arbeit kommen. Wir tun, was wir können, um die Kinder zu unterstützen – und wir tun es gerne.“

Mit ihrem Einsatz steht das Rentnerehepaar aus Thüringen nicht allein. Das beweist eine von Reader’s Digest beauftragte repräsentative Umfrage, bei der 1006 Personen in Deutschland, darunter rund 300 Großväter und Großmütter, befragt wurden: Knapp 60 Prozent der Großeltern betreuen demnach die Enkel regelmäßig – oder haben sie betreut, als sie noch klein waren. Mehrere Hundert Stunden im Jahr widmen deutsche und österreichische Großeltern dabei dem Nachwuchs der Kinder. Das belegt eine Studie von 2007. Gäbe es Oma und Opa nicht, Eltern und Gemeinwesen müssten Millionen Euro zusätzlich für die Kinderbetreuung aufwenden.

Was sie den Enkeln darüber hinaus an Liebe geben, lässt sich nicht in Zahlen messen. „Großeltern stehen auch deshalb so hoch im Kurs, wenn es um Kinderbetreuung geht, weil sie einfach Personen sind, die einem emotional nahestehen und denen man vertraut“, erklärt Kerstin Ruckdeschel, Soziologin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, die sich seit Jahren mit Generationenbeziehungen beschäftigt.

Kümmern Großeltern sich seltener um die Enkel, liegt das oft an der räumlichen Entfernung oder daran, dass sie selbst noch im Beruf stehen. Wie wichtig aber auch diesen Großmüttern und Großvätern die Enkel sind, unterstreicht der Deutsche Alterssurvey, eine andere Umfrage, die im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt wird: 90 Prozent aller Großeltern ist diese Rolle wichtig oder sehr wichtig!

Gerade Großväter widmen sich mit Begeisterung den Enkeln, hüten sie sogar häufiger als Großmütter – jedenfalls nach eigenem Bekunden. Expertin Ruckdeschel sieht diese Selbsteinschätzung skeptisch. „Wir wissen aus der Forschung, dass es in erster Linie die Großmütter sind, die sich bei der Kinderbetreuung engagieren“, erklärt sie. „Und zwar in erster Linie die Mütter der Mütter.“

Trotzdem: Auch die Opas sind gefragt. So wie Johannes Müller aus Altbach. „Mit meinem zehnjährigen Enkel, den ich und meine Frau wie seine sechsjährige Schwester und dreijährige Cousine regelmäßig betreuen, gehe ich öfter auf den Bolzplatz“, erzählt der 72-Jährige. „Dort treffen wir meist andere Jungs, und dann wird Fußball gespielt. Opa darf und muss natürlich mitspielen. Damit ich nicht so viel rennen muss, stehe ich im Tor.“ Solcher Einsatz verdient Anerkennung – und die bekommen Großeltern reichlich. 96 Prozent sagen: „Ja, unsere Kinder wissen zu schätzen, was wir leisten.“ So auch der Sohn von Johannes Müller: „Neben unserer täglichen Entlastung ermöglichen uns meine Eltern immer wieder mal ein Wochenende zu zweit, was wir bei aller Liebe zu unseren Kindern sehr genießen.“

GROSSELTERN SIND HEUTE HÄUFIGER IM EINSATZ

„Unsere Kinder wurden nur ganz selten von den Großeltern betreut“, erzählt Angelika Wölk aus der Uckermark, die vier Enkel im Alter zwischen zwei und neun Jahren hat. Die beiden älteren Enkeltöchter wohnen gleich nebenan und sind häufig bei den Großeltern. Am Wochenende stößt oft auch noch der zweijährige Enkelsohn dazu. „Meine Mutter war erst 39, als sie Oma wurde, und stand wie mein Vater voll im Beruf. Dann waren da noch meine jüngeren Geschwister. Meine Eltern hatten also überhaupt keine Zeit, um Enkel zu hüten. Bei den Schwiegereltern war es ähnlich.“

Die Unterstützung, die Großeltern heute den Enkeln und deren Eltern angedeihen lassen, haben viele von ihnen selbst nicht genossen. Das gilt vor allem für die über 60-Jährigen. „Hier spiegelt sich wohl wider, dass in dieser Generation – zumindest im Westen – die Geburt der Kinder den Ausstieg der Frauen aus dem Berufsleben bedeutete. Eine Betreuungsleistung durch die Großeltern war also im heutigen Maß auch gar nicht gefragt“, erklärt Expertin Ruckdeschel.

OMA UND OPA VERWÖHNEN DIE ENKEL GERN

Egal, ob sie die Enkel dreimal die Woche, zweimal im Monat oder nur in den Ferien sehen – was immer der Nachwuchs am liebsten macht, Oma und Opa machen mit: Unternehmungen nach den Wünschen der Enkel führen die Liste der Dinge an, mit denen Großeltern diese verwöhnen, dicht gefolgt vom Zubereiten des Lieblingsgerichtes. An dritter Stelle folgen Geldzuwendungen und Geschenke. Die müssen nicht immer materiell sein. „Mein Mann putzt den beiden großen Enkeln jedes Wochenende die Schuhe“, erzählt Ursula Konwisorz aus Thüringen. „Er findet es wichtig, dass sie ordentlich zur Arbeit gehen. Also bringen die zwei jeden Freitag ihre schmutzigen Arbeitsschuhe vorbei.“

Wenn nötig setzen Großeltern aber auch Grenzen: Nur 22 Prozent der Großväter und gerade einmal 12 Prozent der Großmütter erlauben Dinge, welche die Eltern verboten haben. „Selbstverständlich ist man manchmal etwas großzügiger. Aber das betrifft wirklich nur Kleinigkeiten“, sagt Edith Mach aus dem württembergischen Schorndorf, die sich regelmäßig um ihre knapp fünfjährige Enkelin kümmert. „Ansonsten halten wir uns an die Vorgaben unserer Tochter und ihres Mannes, beispielsweise was Süßigkeiten betrifft.“ Die 72-Jährige und ihr Mann übernahmen die Betreuung der Enkelin an einem Tag in der Woche, als die Tochter wieder in den Beruf einstieg – für beide kein Opfer, sondern eine Bereicherung. „Das Kind um sich zu haben, empfinde ich einfach als großes Glück. Sie gibt einem ja so viel“, erzählt Mach. Und die Enkelin genießt die Stunden bei Oma und Opa. „Unsere Tochter geht total gern zu beiden Großelternpaaren“, erzählt ihre Mutter. „Inzwischen ruft sie sogar schon allein an, wenn sie sie besuchen will.“ Bereichernd empfinden auch 88 Prozent der befragten Großeltern den Umgang mit den Enkeln, 77 Prozent sagen, er halte sie jung, 37 Prozent strengt er manchmal an.

OMA UND OPA SOLLTEN MEHR RECHTE HABEN

Wie gut, dass Oma und Opa so viel Freude an der Betreuung der Enkel haben, denn moralisch gesehen sind sie dazu verpflichtet – meinen 62 Prozent der Menschen in Deutschland. Im Osten sind sogar 71 Prozent dieser Ansicht. „Dort war die Familie sehr viel stärker Gegenpol zum Staat und Rückzugsort für den Einzelnen“, erklärt Expertin Ruckdeschel. „Sie hatte und hat immer noch eine höhere Wertigkeit als im Westen.“

Allerdings: Wer Pflichten hat, sollte auch Rechte haben, findet die große Mehrheit der Deutschen und spricht sich dafür aus, dass Großeltern einen Zuschlag zur Rente erhalten, wenn sie in größerem Umfang Enkel betreuen. „Dahinter steckt wohl der Gedanke: Wenn die Erziehungsarbeit der Eltern materiell vergolten wird, warum dann nicht auch die der Großeltern“, erläutert Ruckdeschel. Die Mehrheit wünscht zudem ein eigenständiges Besuchsrecht der Großeltern, damit etwa bei einer Scheidung die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern nicht dem elterlichen Kampf ums Sorgerecht zum Opfer fällt.

Ginge es nach Volkes Stimme, gälte außerdem Folgendes: Stehen Eltern für die Erziehung der eigenen Kinder nicht mehr zur Verfügung – sei es aufgrund von Krankheit oder Tod, sei es, weil ihnen des Sorgerecht entzogen wurde –, so sollten grundsätzlich die Großeltern das Sorgerecht erhalten. Angelika Wölk aus der Uckermark ist anderer Ansicht. „Man sollte immer schauen, was am besten für die Kinder ist“, meint die 53-Jährige. „Ich denke, da muss wirklich im Einzelfall entschieden werden. Vielleicht hat das Kind eine besonders enge Beziehung zu einer Tante und weniger zu den Großeltern, die womöglich weit weg wohnen. Wichtig ist doch, wo das Kind sich wohlfühlt.“

Zum Glück wachsen die meisten Kinder bei den eigenen Eltern auf – aber eines ist ganz klar: Millionen Großeltern setzen jeden Monat, jede Woche, jeden Tag alles daran, dass es ihren Enkeln gut geht.

 

 

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3 Kommentare

G.Goergen on 22 August 2011 ,12:56

Liebe Enkel sind ein echtes Glück für alle Großeltern!

hans Lütke on 04 August 2011 ,07:26

Ich habe keine Großeltern mehr, aber für Kinder sind das die wichtigsten Erwachsenen neben den Eltern.

Panknin on 03 August 2011 ,19:27

Ja, ja, ohne Großeltern geht nichts.- Diese Erfahrungen haben wir auch gemacht.

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